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Griechenland

LGBTI-Flüchtlinge entführen Documenta-Kunstwerk

Mit der Aktion wollen die Geflüchteten auf ihre miserable Lebenssituation aufmerksam machen. Der in Athen gestohlene Stein sollte im Juni in Kassel zu sehen sein.


Die Gruppe "LGBTQI+ Refugees in Greece" posiert mit dem verschwundenen Stein des spanischen Künstlers Roger Bernat (Bild: LGBTQI+ Refugees in Greece)

Seit April ist in Athen die Documenta-Ausstellung zu sehen, zum ersten Mal im Ausland. Doch das gefällt nicht allen: Die Gruppe "LGBTQI+ Refugees in Greece", in der Geflüchtete und griechische Aktivisten zusammenarbeiten, hat am Sonntag ein Ausstellungsstück der Documenta entführt.

Bei dem Kunstwerk handelt es sich um einen Monolithen des spanischen Künstlers Roger Bernat. Dieser Stein war Teil der Performance "The Place of the Thing" und sollte zunächst zu mehreren Orten in Athen wandern und dann nach Kassel reisen, um dort vom 10. Juni an als Teil der Documenta zu sehen sein. Es handelt sich um die Replik eines Steins aus der Agora, dem antiken Marktplatz in Athen, an dem der Prozess gegen den Philosophen Sokrates im Jahr 399 vor unserer Zeitrechnung stattgefunden haben soll.

"Euer Stein wurde vielleicht in die Türkei deportiert"

Doch am vergangenen Wochenende entführten die Geflüchteten das Stein-Kunstwerk, welches auf einer Veranstaltung der Athener Polytechnischen Universität ausgestellt war, und machten den Raub in einem Video auf Facebook öffentlich. "Wir haben euren Stein gestohlen und wir werden ihn nicht zurückgeben", heißt es darin. "Euer Stein wurde vielleicht in die Türkei deportiert", erklärt die Gruppe weiter. Oder: "Euer Stein sitzt womöglich in einem Flieger nach Schweden mit seinem 2.000 Euro teuren Fake-Reisepass."

Facebook / Lgbtqi+ Refugees in Greece | Facebook-Video zur Entführung des Steins

Flüchtlings-Schicksal von der Documenta ausgenutzt?

Die Gruppe, die im Video mit maskierten Gesichtern auftritt, will mit der Aktion auf die miserable Situation von queeren Flüchtlingen aufmerksam machen. Erst im vergangenen Jahr hatte sie sich gegründet, um mit Spenden den LGBTI-Flüchtlingen direkt zu helfen (queer.de berichtete). Viele von ihnen sind seit Monaten im Land gestrandet und warten auf eine Asylentscheidung.

Die deutsche Documenta-Ausstellung, die nun in Athen zu sehen ist, setze dabei nach Ansicht der Gruppe die falschen Signale. Es werde bei der Kunstausstellung eine "Fetischisierung von Flüchtlingen" betrieben, schreibt sie in einer Pressemitteilung. Man "verachte die Verwendung riesiger Ressourcen für eine prominente Kunstveranstaltung, während hunderttausende Flüchtlinge in Griechenland und ganz Europa darben".

Konkret hatte sich die Gruppe darüber empört, von den Documenta-Künstlern quasi gekauft zu werden: Die Geflüchteten sollten am Wochenende als Teil der Documenta-Inszenierung von Roger Bernat in Athen mit dem Stein interagieren. Dafür haben sie vom Künstler nach eigenen Angaben 500 Euro erhalten. Daher fühlen sich die Geflüchteten mit ihrem Schicksal von der Documenta ausgenutzt und wollen stattdessen selbst handeln: "Regierungen und Nichtregierungsorganisationen haben viel zu lange Entscheidungen für uns getroffen und die Fäden gezogen", heißt es in der Erklärung. "Jetzt schneiden wir diese Fäden durch, tanzen zu unserer eigenen Musik und sprechen lauter als irgendein Stein."

Auf die Kritik reagierte der Künstler auf queer.de-Anfrage mit Unverständnis. "Das Kollektiv wurde nie 'gekauft'. Da wir ein Budget für das Projekt hatten, haben wir uns entschieden, das Geld zu teilen", sagte Bernat. Damit sollte die Gruppe die Unkosten für die Interaktion mit dem Stein bezahlen können. Auch sei das Kunstwerk nie gestohlen worden: "Wir haben den Stein persönlich angeliefert, die Gruppe hat ihn nur nie zurückgegeben." Tatsächlich hatte der Künstler mit einer Entführung des Steins gerechnet und deswegen zwei weitere Exemplare produziert, so dass in Kassel im Juni wohl mindestens ein Exemplar zu sehen sein wird.

Weitere Aktionen mit dem Stein-Kunstwerk geplant

Die Flüchtlings-Gruppe will die vom spanischen Künstler gespendeten 500 Euro nun direkt an hilfsbedürftige Geflüchtete weitergeben. Der zwei Meter lange Monolith wiederum soll für weitere Aktionen herhalten. Unter dem Namen "Rockumenta" soll der Stein zum Symbol für die gestrandeten Geflüchteten werden.

"Wir wollen die Leute daran erinnern, dass dieser Stein ebenfalls in der langen Schlange vor dem Büro für Asylentscheidungen warten könnte, oder im Gefängnis schmachten, wie manche Flüchtlinge hier, einfach weil sie keinen Ausweis haben", sagte Moira Lavelle, eine Aktivistin der Gruppe gegenüber queer.de. "Geflüchtete warten hier jahrelang auf ihre Ausweispapiere, eine Unterkunft oder einen Behördentermin. Ich denke, das ist für den Stein jetzt auch passend."

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#1 SebiAnonym
  • 24.05.2017, 08:37h
  • Ich finde es nach wie vor skandalös, dass bei Gewalt gegen LGBTI in Flüchtlingsheimen immer die Opfer in andere Einrichtungen verlegt werden, während die Täter keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben.

    Damit signalisiert man den Tätern, dass ihr Verhalten absolut akzeptabel ist. Mehr noch: dass es sogar auf Zustimmung trifft, weil ja die LGBTI danach weg müssen, sie also im Unrecht sind und was verbotenes getan haben.

    Damit züchtet man sich Homohasser heran, die dann später weiterhin meinen, LGBTI angreifen zu müssen. Das wird noch für massive Probleme sorgen...

    Stattdessen sollte man allen Flüchtlingen von vornherein klar machen, dass LGBTI, Frauen, Juden, etc. gleich viel wert sind wie jeder andere auch und dass Gewalt gegen diese Gruppen nicht akzeptiert wird. Und wenn sich dann jemand nicht daran hält, sollte derjenige auch konsequent abgeschoben werden.

    Wer unsere freiheitliche Grundordnung nicht akzeptieren kann, kann halt nicht hier leben. Punkt.
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#2 Patroklos
#3 FennekAnonym
  • 24.05.2017, 10:12h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • #############
    Und wenn sich dann jemand nicht daran hält, sollte derjenige auch konsequent abgeschoben werden.

    Wer unsere freiheitliche Grundordnung nicht akzeptieren kann, kann halt nicht hier leben. Punkt.
    #############

    Ja, manche argumentieren ja, dass es auch deutsche Homohasser gibt und dass einige von denen auch gewaltbereit seien.

    Das stimmt natürlich. Aber das heißt ja nicht, dass man das Problem noch größer machen muss. Zumal die Homohasser dann irgendwann in der Überzahl sind und dann können wir selbst irgendwo Asyl beantragen...
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#4 FennekAnonym
  • 24.05.2017, 10:15h
  • Antwort auf #2 von Patroklos
  • Die Flüchtlinge haben den Stein nicht "entführt", weil sie so gerne mit dem Stein rumlaufen wollen, sondern weil sie damit auf Missstände aufmerksam machen wollen.

    Und Sebi hat einen dieser Missstände beispielhaft aufgeführt und daran auch Kritik geübt.

    Das richtet sich jetzt nicht an Patroklos, sondern an Leser, die vielleicht noch nicht wissen, dass Patroklos hier der Foren-Troll ist, der nur des Widersprechens wegen widerspricht.
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#5 LarsAnonym
  • 24.05.2017, 10:24h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • Entschuldige, aber das ist sehr naiv. Probleme in den Flüchtlingsunterkünften gibt es übrigens nicht nur für LGBT-Flüchtlinge, sondern auch für Frauen (und Männer), die es nicht gewohnt sind, so lange Zeit auf engem Raum ohne Privatsphäre zu leben. Es gibt Frauen, die es nicht wagen, nachts ihr Kopftuch abzunehmen, während sie in ihren Heimatländern eben eine Privatsphäre hatten und ihre Familie, die sie vielleicht unterdrückt, aber eben auch geschützt hat. Auch Freiheit muss gelernt werden. Dann kommt das Problem hinzu, dass man auch, wenn man als Deutscher auf der Flucht wäre, mit Menschen zusammenkäme, denen man im Alltag aus dem Weg gehen würde und könnte. Und viele Flüchtlinge sind ja nicht nur ein paar Tage in Heimen, sondern über Monate, ohne wirklich etwas vernünftiges tun zu können und in Unsicherheit über das, was kommt. Da sind Konflikte eh vorprogrammiert.

    Verhaltensweisen ändern sich nicht von heut auf morgen, selbst wenn die Leute das wollen. Da sind beide Seiten unvorbereitet in eine schwierige Situation geraten. Aber Krisen kann man sich nicht aussuchen.

    Insofern ist es schon wichtig, für LGBT´s erst mal Schutzräume zu schaffen. Das ist schon eine ganze Menge.

    Ich kann auch das Motiv der Aktion verstehen, allerdings ist sie etwas entrückt und für jemanden, der nicht in der Documenta- oder Kunstszene tätig ist, wenig verständlich.
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#6 SebiAnonym
  • 24.05.2017, 10:36h
  • Antwort auf #5 von Lars
  • "Verhaltensweisen ändern sich nicht von heut auf morgen, selbst wenn die Leute das wollen. Da sind beide Seiten unvorbereitet in eine schwierige Situation geraten."

    Das ist dieses typsiche "Auch die Täter sind ja nur Opfer der Umstände, ihrer Kultur, ihrer Erziehung oder was auch immer".

    Gewalt ist Gewalt. Und das ist immer (außer zur Selbstverteidigung bzw. Nothilfe) inakzeptabel.

    Ja, in Flüchtlingsheimen herrscht oft eine Sondersituation. Aber das ist kein Grund für Gewalt. Die sitzen alle im selben Boot.

    Das große Problem ist:
    wenn man die Opfer von Gewalt aus der Einrichtung rausnimmt, hat der Täter genau das erreicht, was er wollte und gleichzeitig die Bestätigung, dass LGBTI wirklich etwas perverses sind, was entfernt werden muss, damit man sie nicht sehen muss.

    Das ist kein Lerneffekt, der Verhaltensweisen ändert (wenn vielleicht auch langsam), wie Du schreibst, sondern eher ein Lerneffekt, der dieses Verhalten belohnt und bestätigt.

    Ein Lerneffekt wäre z.B. wenn nach solch einer Tat nicht das Opfer, sondern der Täter die Einrichtung verlassen müsste. Beim ersten mal würde man noch sagen "Pass mal auf, Du wirst jetzt verlegt, weil Dein Verhalten inakzeptabel war. Wenn Du das nochmal machst, wirst Du nicht nur verlegt, sondern komplett ausgewiesen."

    DAS wäre ein Lerneffekt. Aber so wie es bisher ist, bestätigt man nur homo- / transphobes Verhalten.
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#7 SchönWäreEsAnonym
  • 24.05.2017, 10:51h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • Erkläre das der CDU. Wenn die es endlich mal umsetzen oder auch festlegen und anordnen würden, könnten wir uns freuen.

    Aber für die Regierung ist «seit dem AGG ihre Aktivität für uns «abgeschlossen.» Sie sehen «keinen Handlungsbedarf!» Nur wenn es «irgendwo» noch Diskriminierung geben «sollte,» würden sie aktiv werden.
    «Ansonsten kann man ja Klage einreichen. Allerdings wird im Einzelfall entschieden, wo dann geprüft werden muss, inwiefern Schadensersatz zutrifft.»
    --------------------------------------------------------
    So spricht die CDU - unsere aktuelle Regierung. Das bedeutet im Klartext: pech gehabt!!
    Von seitens der Regierung ist nicht viel zu erwarten!

    Also: im September gut überlegen, wer ne Stimme erhalten soll!
    Mit den Grünen würde das viel eher umgesetzt werden, was du schreibst und auch wichtig ist.
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#8 FelixAnonym
  • 24.05.2017, 11:12h
  • Antwort auf #6 von Sebi
  • Und auch umgekehrt wird ein Schuh daraus:

    Man signalisiert nicht nur den Tätern, dass ihr Verhalten okay ist, sondern man signalisiert auch den Opfern, dass sie im Unrecht sind.

    Die kommen hier hin, um hier Schutz zu finden und das erste was sie lernen, ist dass sie sich hier genauso verstecken müssen. Und tun sie das nicht, erfahren sie Gewalt. Und danach werden sie bestraft und die Täter kommen ungeschoren davon.

    Also eigentlich alles so., wie in ihrer Heimat und wovor sie eigentlich fliehen wollten.
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#9 EulenspiegelAnonym
  • 24.05.2017, 11:28h
  • Antwort auf #6 von Sebi
  • Das liegt auch ein wenig am Handling von diesen Gewalttaten.

    Wenn es Ärger gibt, kommt die Polizei, aber nur bis Ruhe ist, und es werden nicht alle Täter ermittelt wenn es eine Gruppe ist. Höchstens der auffälligste von allen. Dafür ist gar keine Zeit, und es gibt noch die Sprachprobleme und Gedächtnislücken (keiner zeigt seine Kumpels bei der Polizei an).

    Da ist es dann für die Heimleitung einfach, den Stein des Anstoßes, spricht den LTBG-Flüchtling wegzuschicken, als die Peiniger und vor allem dutzenden von Unterstützern.

    Ist leider ein wenig so wie beim Mobbing in der Schulklasse - es gibt den Klassenbully, aber auch viele Unterstützer die gerne Klassenbully wären.

    Hier in der Erstunterkunftsstätte gibt es täglich Polizeieinsätze, mit 250 gefährlichen Körperverletzungen alleine letztes Jahr. Da ermittelt keiner über Drangsalierung von LTBG, die versuchen nur den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten bis die Registrierung abgeschlossen ist und die Leute auf die Kommunen verteilt werden können.
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#10 LarsAnonym
  • 24.05.2017, 11:37h
  • Antwort auf #6 von Sebi
  • Na ja, Gewalt oder Einschüchterung ist ja auch jetzt schon nicht geduldet, das Problem ist, doch, dass Recht in bestimmten Strukturen schwer durchsetzbar ist. Und um sein Recht einzufordern, muss man wissen, dass man Rechte hat und muss Vertrauen in die staatlichen Stellen haben, dass einen nicht in die Pfanne hauen. Da haben viele Flüchtlinge aus ihren Heimatländern nicht viel Zutrauen. Ein Flüchtlingsheim ist auch kein Kindergarten, wo immer ein Aufpasser da ist, der sagt: "So, und nun haltet Euch schön an alle Regeln, sonst werdet ihr abgeschoben. " Da gibt es Securitypersonal und ein paar Sozialarbeiter und kaum Kontakt zur normalen Bevölkerung. Viele Heime sind ja irgendwo draußen in der Pampa. Und da leben die Leute recht isoliert für Wochen oder Monate.
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