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Kinostart

"Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden"

Kevin Clarke über Jochen Hicks neue Doku "Mein wunderbares West-Berlin", die mit eindrucksvollen Bildern und Geschichten der schwulen Emanzipationsbewegung überzeugt.


Schwuler Aufbruch in der Frontstadt: "Mein wunderbares West-Berlin" ist der zweite Teil von Jochen Hicks Berlin-Trilogie, die 2013 mit "Out in Ost-Berlin" begann (Bild: Archiv des Schwulen Museums*)

Es gibt sie, ohne Zweifel, in unser aller Köpfen: jene ikonischen Bilder des modernen Schwulenlebens, meist fotografiert in New York oder San Francisco. Es sind Momente der Gay-Liberation-Bewegung aus den Sechziger- und Siebziger Jahren oder Szenen der großen Sterbens und (!) Protestierens während der Aids-Krise.

Diese Bilder findet man wieder und wieder recycelt in Filmen und TV-Serien, die heute versuchen, genau jene Jahre und jenen wichtigen Emanzipationsprozess für eine nachwachsende Generation neu zu erzählen, egal ob das Roland Emmerich mit seinem Film "Stonewall" ist, Gus van Sant mit "When We Rise" oder Ryan Murphy mit "The Normal Heart".

Bemerkenswerterweise sind vergleichbare Kultbilder aus der jüngeren deutschen Geschichte zu den exakt gleichen Momenten der hiesigen Schwulen- und Lesbenbewegung eher selten (die Trans*Bewegung wurde erst viel später ein Thema und errang entsprechende Sichtbarkeit). Ausnahmen sind einige wenige Einzelschnappschüsse der berühmten "Homosexuellen Aktion West-Berlin" 1972/73, u.a. von Rüdiger Trautsch. Sie müssen oft – stellvertretend – für alles herhalten, was es sonst so gab. Und das war eine ganze Menge. Das meiste davon ist heute weitgehend vergessen oder wird zumindest nicht so kultisch zelebriert und aufbereitet wie es in den USA geschieht.

Das schwule Biotop vor dem Mauerfall


Poster zum Film: "Mein wunderbares West-Berlin" startet am 29. Juni 2017 im Kino, vorab gibt es zahlreiche Previews u.a. in der Queerfilmnacht

Daran will der neue Dokumentarfilm "Mein wunderbares West-Berlin" von Regisseur Jochen Hick etwas ändern. Er ist Teil 2 von Hicks Berlin-Trilogie, die 2013 mit "Out in Ost-Berlin" begann und ihren Abschluss finden soll mit einem Film über die Zeit nach dem Mauerfall, als Berlin "everyone's favorite sex party location" wurde.

In "Mein wunderbares West-Berlin" geht es stattdessen um die Zeit vor 1989 und darüber, wie sich schwules Leben in den Ruinen von West-Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg neu formierte, trotz Paragraf 175 und trotz des konservativen gesellschaftlichen Klimas der Adenauer-Ära. Lesbisches Leben wird zwischendurch ab und zu angesprochen, ist aber kein Fokus der Doku, selbst wenn am Ende als großes Finale der Dyke March zu sehen ist und Manuela Kay, die Herausgeberin der "Siegessäule", ein paar wichtige Worte in die Kamera spricht zur Allianz zwischen Schwulen und Lesben.

Man könnte sagen: Es geht Hick darum, der omnipräsenten US-amerikanischen Variante der Nachkriegs-Emanzipationsbewegung ein eigenständiges deutsches Narrativ gegenüberzustellen. Und das ist – auch in der Bildsprache – ziemlich eindrucksvoll. Hoch individuell. Und es verdient mehr Beachtung, gerade bei jüngeren Mitgliedern der deutschen LGBTI-Community.

Die vernarbte Stadt

Wie man als Zuschauer auf die drei großen Themenblöcke des Films reagiert, hängt vermutlich davon ab, wie stark sie die jeweils eigene Lebensgeschichte berühren. Ich kann da nicht für andere sprechen, sondern nur konstatieren, dass für mich (1967 in West-Berlin geboren und aufgewachsen) vor allem die Szenen eines schwulen Lebens in kaputten Häusern in den Fünfziger- und Sechzigerjahren faszinierend waren.

Denn: Ich kenne von meiner Mutter (Jahrgang 1943) Geschichten über jenes Berlin, wo nur ab und zu ein intaktes Haus stand, dazwischen sorgfältig aufgestapelte Steinberge, auch in der West-Berliner Innenstadt rund um den Kürfürstendamm. Wir haben in unseren Familienfotoalben sogar diverse Aufnahmen von mir im Kinderwagen vor solchen Ruinenkulissen. Bei Hick sieht man diese vernarbte Stadt in bewegten Bildern, während Männer wie René Koch und Klaus Schumann von ihren Erlebnissen als Kellner-mit-Benefits oder Damenmodemacher berichten.

In meiner eigenen Erinnerung ist dieses Berlin von damals nur schwach erhalten, es ist überlagert von Eindrücken des Siebziger- und Achtzigerjahre-Berlins, das man in Teil 2 bei Hick sieht: das Berlin der Studentenbewegung und "Taxi zum Klo" von Frank Ripploh. Im Film zu hören und zu sehen, dass es ein ganz anderes Leben vor all dem gab, fand ich tief bewegend. Denn es macht klar, dass die gängige Mainstream-Erzählung vom schwulen Emanzipationsprozess nach Entschärfung des Paragrafen 175 im Jahr 1969 als ausschließliche Geschichte der Studentenbewegung so nicht stimmt. Und dass dieses weitgehend im Dunkel verborgene Leben "davor" – wie man es auch in Filmen wie "Anders als du und ich" (1957) sieht – lohnt neu ausgeleuchtet zu werden.

Im Gespräch mit den "Gründungsmüttern"

Die Epoche nach der "Homosexuellen Aktion West-Berlin" wird den meisten einigermaßen vertraut sein, inhaltlich und optisch, es gab dazu ja bereits mehrere Bücher, Bildbände und Dokus. Und im Schwulen Museum* sind die entsprechenden Fotos seit langem ausgestellt. Insofern überrascht es nicht, dass Hick gerade zu diesem Zeitabschnitt viel im Archiv des Museums gefilmt hat und etliche seiner Gesprächspartner die "Gründungsmütter" und "Hebammen" eben jenes Museums sind, beispielsweise Detlef Mücke (Mitgründer der Lehrergruppe in der HAW, Initiator der AG homosexueller Lehrer und Erzieher in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) oder Wolfgang Theis (Filmwissenschaftler und Kurator der aktuellen Ausstellung "Tapetenwechsel 2.1", wo die erwähnten Trautsch-Fotos der HAW hängen). Hick interviewt sie alle mit der Aktivistin Patsy l'Amour laLove, die gerade ihre Doktorarbeit über die westdeutsche Schwulenbewegung der Siebzigerjahre schreibt und dazu im Museumsarchiv recherchiert. Die Dissertation soll den klangvollen Titel bekommen: "Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden".


Jochen Hick lässt die Schwulenaktivsten von einst zu Wort kommen (Bild: Archiv des Schwulen Museums*)

Mir wurde beim Anschauen der Doku klar, wie privilegiert ich bin, mit vielen dieser Herren (inklusive Patsy) in den letzten Jahren so viel zu tun gehabt zu haben und von ihnen – quasi aus erster Hand – etliches von dem zu erfahren, was sie nun auch im Film erzählen. Besonders übers Verhältnis von "Politiktunten" zur damaligen Schwulenbewegung und zum Verhältnis der Schwulenbewegung zu linksradikalen politischen Gruppierungen.

Wolfgang Theis bezeichnet die Nähe zum Kommunismus und die Hoffnung, die Schwulen würden durch diesen befreit werden, als großen Denkfehler. Er gibt dafür einige schockierende Beispiele, u.a. aus China, wo Schwule aus Hubschraubern gestoßen wurden. Laut Theis kam die eigentliche Befreiung durch den Kapitalismus, als die westliche Welt entdeckte, dass man die konsumfreudigen Homos besser auf seine Seite ziehen sollte, um an ihnen Geld zu verdienen, statt sie zu verfolgen und zu vernichten. Aber das hat Theis erst später begriffen. Wie er das mit selbstironischem Ton rückblickend schildert, ist einer der verblüffendsten Momente des Films. Es ist wie immer bei Theis provokant gemeint, trifft aber ins Schwarze.

Die wilde Sex- und Drogen-Zeit

Die meisten weiteren Interviewpartner, beispielsweise Wieland Speck oder Dirk Ludigs, sind später nach Berlin gekommen und haben im anarchischen Kreuzberg jene wilde Sex-und-Drogen-Zeit auf dem Höhepunkt mitgemacht, die mit Aids ein krachendes Ende fand.

Allerdings sind ihre Beschreibungen im dritten Teil des Films bemerkenswert. Ganz nebenbei fallen da nämlich berührende Überlegungen zu Sex im Alter, etwa bei Wieland Speck. Das ist ein Thema, das man gängigerweise in Hochglanzmagazinen nicht findet, weil da oft nur von Muskelmännern in Discos und Dating-Abenteuern die Rede ist. Was danach kommt, wenn die Jugendjahre endgültig vorbei sind, wird kaum behandelt – bei Jochen Hick im Film allerdings doch. Nonchalant und unaufgeregt. Manche werden das, was Speck über seine sexuellen Präferenzen bei Männern und die Unmöglichkeit, das im Alter zu finden und auszuleben, als tragisch einstufen. Aber die lakonische Weise, wie Speck und diverse andere im Film über ihr aktuelles Sexleben sprechen, hat so viel Lebensweisheit, dass es erfrischend ist.

Historisches Filmmaterial und Vintagefotografien

Auch für den zweiten und dritten Teil des Films, also die Siebzigerjahre und die Aids-Ära, konnte Hick historisches Filmmaterial auftreiben und unzählige Vintage-Fotografien. Da sieht man die berühmte Bar von Romy Haag, man sieht die Trans*-Pionierin auch bei ihren historischen Auftritten aus jener Zeit, wo sie mit David Bowie zusammenlebte. Und auch sie erzählt wunderbar abgeklärt, wie es damals "wirklich" war – beziehungsweise warum es sich irgendwann so radikal veränderte.

Auffallend für mich war, wie großartig die Interviews gefilmt sind und wie gut die Interviewpartner, zumindest die, die ich persönlich kenne, eingefangen sind (Kamera: Alexander Gheorghiu). Außerdem ist der Einsatz von Musik spektakulär, und damit meine ich nicht nur das stets wiederkehrende "Lohengrin"-Vorspiel von Wagner, das die Begegnungen mit dem Wilmersdorfer Couturier Klaus Schumann in der Deutschen Oper Berlin untermalt. Schumann war im Oktober 1978 einer von 600 schwulen Männern, die sich in einer Titelgeschichte im "Stern" namentlich outeten; es kam zum Bruch mit seiner Familie.

Zusammenmontiert wurde alles atmosphärisch dicht (Schnitt: Thomas Keller). Ab und zu fließen auch ein paar Tränen, wenn unverhofft im Erzählfluss Erinnerungen an die nicht so rosigen Zeiten hochkommen. Und ab und zu fallen im spaßigen Schlagabtausch zwischen René Koch und Udo Walz in der "Paris Bar" die besten Geschichten des ganzen Films. Oder im Dialog zwischen Ades Zabel und Bob Schneider. Oder als Aron Neubert über Jürgen Baldiga spricht, dessen Aids-Tod er fotografisch festgehalten hat.

Ein queeres Geschichtspanorama

Insgesamt sind "Mein wunderbares West-Berlin" 95 Minuten großartiges Geschichtspanorama. Dass ganz am Ende des Films plötzlich die Lesben wieder auftauchen, von denen Wolfgang Theis zuvor berichtet hatte, dass sie sich von der Schwulenbewegung abgesondert hatten, weil sie fanden, von den Männern (auch den schwulen) zu dominiert und in den Schatten gestellt zu werden, ist im dramaturgischen Kontext des Films etwas verblüffend, aber willkommen. Denn es erinnert daran, dass eine vergleichbare Doku über die Lesbenbewegung nach 1945 genauso lohnend wäre.

Mal sehen, welche lesbische Regisseurin sich ans Werk machen wird, um die viel beklagte mangelnde Sichtbarkeit von Lesben zu beheben? Und selbstredend wäre eine Doku über Berlin als heutiger Hotspot für die Trans*-Community auch mehr als wünschenswert.

Jochen Hick geht hier mit gutem Beispiel voran. Der Film ist ganz sicher auch eine Einladung an andere, ihre Geschichten ebenso brillant festzuhalten und für junge bzw. künftige Queers zugänglich zu machen.

Vimeo / Salzgeber & Co. Medien GmbH | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Mein wunderbares Westberlin. Dokumentation. Deutschland 2017. Regie: Jochen Hick. Mitwirkende: Egmont Fassbinder, Romy Haag, Peter Hedenström, Gerhard Hoffmann, René Koch, Patsy l'Amour laLove, Wilfried Laule, Dirk Ludigs, Detlef Mücke, Wolfgang Müller, Aron Neubert, Rosa von Praunheim, Salomé, Bob Schneider, Klaus Schumann, Wieland Speck, Wolfgang Theis, Udo Walz, Westbam, Wolfgang Winkler, Ades Zabel. Laufzeit: 95 Minuten. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 29. Juni 2017. Previews u.a. in der Queerfilmnacht.


#1 SebiAnonym
  • 04.06.2017, 08:08h
  • Viel geändert hat sich ja nicht... Für weite Teile der Politik sind wir immer noch "schwule Säue", die man diskriminieren muss und die keine gleichen Rechte verdient haben.
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#3 Christian HerzAnonym
  • 04.06.2017, 16:15h
  • Guter Artikel! Das war eine tolle Zeit damals! Ich muß nur mal eben meine Lesebrille suchen... Wo habe ich sie denn? Habe ich sie gestern Abend beim Hörgerät oder beim Gebiß liegenlassen..?

    Rückblickend überrascht mich, wie sehr man Konsumverhalten mit Aufbruch verwechselt hat. Der Absatz über Wolfgang Theis deutet das ja bereits an.

    Wie kann es denn sein, dass man sich über Glitzerdiscos und Saunen definiert hat, und das ganz begeistert und naiv über solche Läden berrichtet wird, statt über selbstverwaltete Betriebe oder Zentren?

    In Bayern auf dem Dorf kann man nämlich auch am Samstag in eine Glitzerdisco gehen, wenn man Heti ist, und hinter der Scheune dann etwas rumfummeln.

    Besteht die "Schwule Community" nur aus Kneipenbesuchern und Konsumenten? Besteht ihr Sinn darin, anderen Wenigen den Lebensunterhalt zu sichern? Und muss man sich vielleicht deshalb täglich anhören, wie dunkel, gefährlich und feindselig die Welt da draussen ist?
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#4 Ralph
  • 05.06.2017, 13:39h
  • Der Haken an diesem Film ist, dass er in fast keinem Kino laufen wird. Hoffen wir, dass wir ihn irgendwann im Spätprogramm von ONE oder zdf_info zu sehen kriegen werden.
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#5 jochenProfil
  • 06.06.2017, 16:02hmünchen
  • West-Berlin war etwas ganz Besonderes. Es war weder BRD , noch DDR. Es war eine Art 3. Deutschland mit einer ganz speziellen Atmosphäre.

    Die schwule Szene begann sich aufzubauen, Sie wurde offener , kämpferisch und selbstbewusst. Während man schwule Kneipen in Westdeutschland damals von aussen noch uneinsehbar machte , und man nur mit Guckloch und Türsteher rein kam, hatte man in Westberlin schon offen einsehbare Lokale und (fast schon provokant) auf ein grosses Bettuch im Schaufenster gross und in Rot "homosexuell" drauf geschrieben. (die O.-Bar in Kreuzberg )

    Insgesamt war es damals eine Zeit, in der die meisten Menschen kaum oder keine Existenzängste haben brauchten, Auch spielte die heute , oft verzweifelte Jagd nach Geld, keine grosse Rolle . Dadurch konnten die Menschen sich mehr auch anderen Dingen des Lebens widmen, wer wollte. Diese Umstände machte die Menschen damals ein Stück freier, als sie es viele heute manchmal sind. Das sind meine Eindrücke rückblickend.
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#6 Salzgeber KinoAnonym