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Trotz Widerstands der orthodoxen Kirche

Serbien bekommt lesbische Ministerpräsidentin

Der neue Staatspräsident Aleksandar Vucic hat die bisherige Ministerin für Staats- und Lokalverwaltung Ana Brnabic zur ersten Regierungschefin des Landes ernannt.


Ana Brnabic war bislang Ministerin für Staats- und Lokalverwaltung

Neben Luxemburg und Irland wird künftig ein weiteres Land der Welt von einem offenen homosexuellen Menschen regiert: Am Donnerstag wurde Ana Brnabic vom neuen serbischen Staatspräsidenten Aleksandar Vucic zur Ministerpräsidentin und damit zu dessen Nachfolgerin nominiert. Die 41-Jährige Ex-Unternehmerin war erst vor einem Jahr in die Politik eingestiegen – als erstes offen homosexuelles Regierungsmitglied übernahm sie nach der Parlamentswahl das Ministerium für öffentliche Verwaltung (queer.de berichtete).

Brnabic wuchs in Belgrad auf und studierte im englischen Hull Marketing. Bevor sie als Parteilose in die Regierung wechselte, arbeitete sie zuletzt für eine Windrad-Firma. Die Regierung, eine Koalition aus der nationalkonservativen Serbischen Fortschrittspartei mit einer sozialistischen Partei als kleineren Partner, war bis Ende Mai von Vuvic angeführt worden. Die Ernennung Brnabics muss noch vom Parlament bestätigt werden.

Die Personalie gilt im konservativen Serbien als überraschend, auch wenn Vucic im Zuge einer EU-Annäherung den Staat auf einen fortschrittlichen Kurs verpflichtete: Das Balkan-Land, dessen Bewohner zu 80 Prozent der serbisch-orthodoxen Kirche angehören, gilt bei der politischen und gesellschaftlichen Anerkennung von LGBTI noch als rückständig. Belgrader Medienberichten zufolge soll sich die Kirche wochenlang bemüht haben, die Nominierung von Brnabic zu verhindern – Patriarch Irinej hatte sich auch immer wieder für Verbote von CSDs ausgesprochen, die er als "unmoralisch" und "gewaltvoll von einer Gay Lobby und ihrer Mentoren aus Westeuropa auferzwungen" bezeichnete.

Bereits die Ernennung zur Ministerin hatte für einiges Aufsehen gesorgt. "Ich bin ausschließlich an ihren Ergebnissen in der vor uns liegenden Arbeit interessiert", wurde sie jedoch damals von Vucic verteidigt. Über ihre beruflichen Erfahrungen gebe es nichts Negatives zu berichten. Dass sich Ana Brnabic nicht verstecke, sei positiv zu bewerten. "Sie hat eine exquisite Energie, und ich freue mich darauf, mit ihr zu arbeiten."

Zwei Fortschritte in einer Woche

Brnabic wäre die erste offen lesbische Regierungschefin weltweit seit Jóhanna Sigurðardóttir, die Island zwischen 2009 bis 2013 angeführt hatte. Bei den Männern sieht es leicht besser aus: Erst am Dienstag ist im irischen Parlament der neue Vorsitzende der konservativen Partei Fine Gael, Leo Varadkar, zum neuen Premierminister des Landes gewählt worden (queer.de berichtete). Seit 2013 wird mit Xavier Bettel auch Luxemburg durch einen schwulen Politiker angeführt (queer.de berichtete); in Belgien war bereits zuvor zwischen 2011 und 2014 der offen schwule Sozialist Elio Di Rupo Premierminister.

Für Serbien ist die Ernennung Brnabics dennoch ein größerer Schritt: In dem Land waren homosexuelle Handlungen erst 1994 landesweit legalisiert worden, das Schutzalter wurde erst 2006 gleichgestellt. Im selben Jahr definierte eine neue Verfassung die Ehe als Verbindung aus Mann und Frau. Gleichgeschlechliche Paare werden bis heute in keiner Form rechtlich anerkannt.

Im Land kommt es immer wieder zur Diskriminierung von und Gewalt gegen LGBTI. CSD-Demonstrationen wurden mehrfach von Nationalisten und orthodoxen Aktivisten angegriffen oder aus Sicherheitsgründen verboten oder abgesagt. Zuletzt hatte die Polizei die größer werdenden Demonstrationen allerdings beschützt (queer.de berichtete).

 Update  16.6., 16.40h: LGBTI-Organisation fordert mehr Einsatz der Regierung

Die serbische LGBTI-Organisation Labris hat am Freitag in einer Stellungnahme die Ernennung von Brnabić begrüßt, aber die Regierung ermahnt, sich nun auch tatsächlich für die Rechte sexueller Minderheiten einzusetzen. So würden diese immer noch Opfer von Diskriminierung, Beleidigungen und Gewalt und oft blieben diese Taten ohne Bestrafung. In seinen in dieser Woche vorgestellten Landesberichten zu drei Beitrittskandidaten im Westbalkan hatte auch das Europäische Parlament mehr Engagement für LGBTI gefordert (queer.de berichtete).

Dass eine Lesbe die Regierung anführe, bedeute noch nicht, dass die Menschenrechte von LGBTI in dem Land nun respektiert würden, so Labris. Konkret forderte die Organisation von der Regierung die Einführung der rechtlichen Registrierung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften, wie man es schon seit 2010 fordere.



#1 HoltzmannProfil
  • 15.06.2017, 21:52hBerlin
  • Besten Dank für den bemerkenswerten Artikel und alles Gute für Serbien. Ana Brnabic wird das Amt des Ministerpräsidenten mit Würde, Ernsthaftigkeit, Engagement und Kompetenz füllen.

    Ich habe diese Mitteilung sogleich zum Anlaß genommen, in meiner Bibliothek nach einer längst vergessenen Schrift von Peter Handke zu suchen: Noch einmal für Thukydides.

    www.suhrkamp.de/buecher/noch_einmal_fuer_thukydides-peter_ha
    ndke_24100.html


    Noch einmal für Serbien. Auf Ana Brnabic lasten von nun an die Hoffnungen Europas.
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#2 swimmniAnonym
  • 15.06.2017, 22:01h
  • sogenannte christen, links und - rechtradikale nationalisten sind schädlich für die demokratie und sollten von jeglicher politik ferngehalten werden.
    gut dass die sogenannten christen sich nicht durchsetzen konnten
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#3 Patroklos
  • 15.06.2017, 22:08h
  • Herzlichen Glückwunsch! Klar, daß die orthodoxe Kirche da wieder durchdreht, aber super ist, daß sich der Staatspräsident Aleksandar Vucic bei der Entscheidung durchgesetzt hat!
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#4 Markusbln11Anonym
  • 15.06.2017, 22:23h
  • Ich bin geplättet. Das hätte ich beim besten willen nicht erwartet.

    Glückwunsch! Allen nötigen erfolg!!

    Und ein weiteres mal zeigt sich. Die orthodoxe kirche ist von europäischen normen und grundwerten meilenweit entfernt, missachtet und bekämpft diese. Das gilt für beide patriarchate gleichermassen, das moskauer wie auch das istambuler.
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#5 GlaskugelAnonym
  • 15.06.2017, 22:48h
  • Antwort auf #1 von Holtzmann
  • "Ana Brnabic wird das Amt des Ministerpräsidenten mit Würde, Ernsthaftigkeit, Engagement und Kompetenz füllen."

    Anscheinend besitzen Sie eine Glaskugel, anders wäre nicht zu erklären warum Sie jetzt schon wissen was in der Zukunft diese Frau alles gutes vollbringen wird.
    Die pauschale Herabwürdigung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Sexualität usw. und die pauschale Glorifizierung sind zwei Seiten der gleichen Medaille!
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#6 kaetheAnonym
  • 16.06.2017, 02:50h
  • Als offen lesbisch lebende Frau, finde ich das grundsätzlich sympathisch. Spannender finde ich, wie sich Serbien politisch und ökonomisch weiter entwickelt. Ich würde mich freuen, auch hier zukünftig darüber zu lesen. Queere Menschen stehen in meiner Wahrnehmung nicht automatisch für eine queerfreumdliche Politik. In meiner Wahrnehmung ist diese Wahl auch mit einer Koalition verbunden und soweit ich weiss, gibt es in der serbischen Verfassung keinen Gleiheitsartikel. Der ist grundsätzlich für alle Minderheiten, also auch für Sinti und Roma interessant. Bitte Bericht weiter.u
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#7 RobinAnonym
  • 16.06.2017, 08:36h
  • "Trotz Widerstands der orthodoxen Kirche"

    Was interessiert die Religions-Heinis, wen eine Politikerin liebt?

    Wieso müssen sich Religioten ständig in alles einmischen? Es gibt echt nichts, wo die nicht irgendwas drüber zu maulen haben. Nur wenn sie schön viel Geld von den Leuten bekommen - dann sind sie zufrieden und still.
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#8 leERtASte_
  • 16.06.2017, 10:28h
  • Ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen im ersten Satz. Es muss neben "Luxemburg und Irland" heißen.

    Im übrigen viel Erfolg für Ana Brnabic! Hoffentlich hat es auch Auswirkung auf die Einstellung in Serbien und dass diese ein bisschen offener wird.
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  • Anm. d. Red.: Danke.
#9 Klaus EhrlichmannAnonym
  • 16.06.2017, 12:37h
  • Ich würde mich freuen wenn wir nun häufiger oder gar regelmässig etwas über Serbien lesen könnten - und zwar in der von Queer.de gewohnten, fundierten Qualität.

    Was schreiben denn die verschiedenen Zeitungen dazu, wie ausgeprägt ist das Stadt-Land-Gefälle in Serbien, wie gross sind die Einkommensunterschiede, wie hoch sind die Hürden, um an Bildung zu gelangen, oder kulturell hochwertige Veranstaltungen zu besuchen?

    Das alles interessiert mich sehr, und ich hoffe, wir werden in den kommenden Monaten noch weiteres über Serbien erfahren.
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#10 HeinekenAnonym
  • 16.06.2017, 14:10h
  • Angebliche Hürden seitens der Kirche wurden sofort dementiert, ihr wurde sogar persönlich die volle Unterstützung zugesichert noch während ihre Kandidatur nur eine Spekulation war.
    Auch äußerte Ana Brnabic, dass sie die Kirche als Institution "zutirefst respektiere".
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