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Gräuel in Grosny

Tschetschenien: "Vice"-Reportage zeigt den Ort, an dem Schwule gefoltert wurden

Eine Journalistin konnte erstmals das Gefängnis in Argun besuchen. Verantwortliche vor Ort streiten weiter die Verfolgung – und Existenz – Homosexueller ab.


"Vice" besuchte für die Reportage unter anderem das Gefängnis in Argun in der Nähe der Hauptstadt Grosny

In Zusammenarbeit mit dem US-Sender HBO hat das Magazin "Vice" am Montag eine neue Video-Reportage zur Verfolgung schwuler Männer in Tschetschenien veröffentlicht. Reporterin Hind Hassan konnte darin erstmals eines der Gefängnisse besuchen, in das die Männer eigenen Angaben zufolge verschleppt worden waren.

Anfang April hatte die russische Zeitung "Novaya Gazeta" als erstes Medium über die Verschleppung von über 100 Männern wegen angeblicher Homosexualität durch tschetschenische Sicherheitskräfte berichtet. Die Männer wurden in inoffiziellen Gefängnissen festgehalten und gefoltert, einige starben durch die Prozedur oder wurden durch Verwandte getötet. Wenige Tage nach der ersten Meldung hatte die Zeitung erste Augenzeugenberichte veröffentlicht und dabei auch ein ehemaliges Militärgebäude in Argun benannt, in dem die Folter stattgefunden habe (queer.de berichtete)

Hassan konnte dieses Gebäude nun – unter Aufsicht – besuchen; schon vorab war bekannt geworden, dass es nach einer hektischen Räumung inzwischen leer steht. Sie sprach mit Ajub Kataew, dem lokalen Leiter der Landespolizei (OMVD), der vor der Kamera die Verfolgungswelle komplett abstritt und sich unschuldig gab. So fragte er ernsthaft seine Männer, ob er je eine inoffizielle Festnahme oder Folter angeordnet habe – wie erwartet antworteten alle mit "Nein". Falls es sie geben sollte, würden seine Männer Homosexuelle nicht einmal anfassen, geschweige denn foltern wollen.

Direktlink | Die neunminütige sehenswerte Vice-Reportage

Weiter brutale Dementis aus Grosny

Allerdings sprach "Vice"-Reporterin Hassan auch mit einem Opfer der Verfolgungswelle, der die Bilder des Gefängnisses als seine Folterstätte erkannte und Kataew belastete. Die "Novaya Gazeta" hatte kürzlich über den Stand der inzwischen eingesetzten Vorermittlungen der föderalen russischen Staatsanwaltschaft berichtet und zu Kataew vermerkt: "Der lokale Leiter der Landespolizei (OMVD) für Argun, Ajub Kataew, der von allen Opfern belastet wird, die in das Gefängnis von Argun kamen, meldete sich krank, als er erfuhr, dass der Untersuchung die persönlichen Daten von rund einem Dutzend Personen vorliegen, die ermordet wurden, und dass es zu Exhumierungen kommen könnte."

Einem ersten Gespräch mit den Ermittlern durch plötzliches Krankwerden hatte sich auch Heda Saratow entzogen. Die Sprecherin des tschetschenischen Menschenrechtsraates, die in der "Vice"-Doku erneut die Existenz Homosexueller in Tschetschenien abstreitet, hatte Anfang April über LGBT gesagt: "Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch in Tschetschenien, der Traditionen und sich selbst achtet, alles tun wird, damit wir keine solche Menschen haben." Die Äußerung hatte sie später teilweise zurückgenommen – die Verfolgung wurde von ihr aber ebenso abgestritten wie vom Anführer der Republik, Ramsan Kadyrow, und weiteren regionalen Verantwortlichen.


"Vice"-Reporterin Hind Hassan im Gespräch mit Heda Saratow

Von Drohungen gegenüber den Journalistinnen der "Novaya Gazeta" einmal ganz abgesehen, hatten viele Dementis aus Grosny einen bedrohenden oder diskriminierenden Unterton. So sagte der einflussreiche Parlamentssprecher Magomed Daudow, der von der Zeitung als Hauptverantwortlicher der Verschleppungen benannt wurde, er verachte Schwule, tue ihnen aber nichts (queer.de berichtete).

Unter internationalen Druck war allerdings der Kreml zuletzt auf spürbare Distanz zum Kadyrow-Regime gegangen, nachdem man jahrelang über die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen in der teilautonomen Republik hinweg gesehen hatte. Die internationale Empörung über die Verschleppungswelle und der Einsatz internationaler Politiker und Menschenrechtsorganisationen hat mehreren Quellen zufolge bereits vor einigen Wochen zu einer Aussetzung der Verschleppungen geführt.

Gabriel besuchte russische LGBTI-Aktivisten

Von einem entsprechenden Stopp der Verfolgung hatte etwa das russische LGBT Network berichtet, dass Betroffenen aus der Region mit einer Hotline und Fluchtangeboten half. Es warnte zugleich, dass die Verfolgten und ihre Angehörigen nun eingeschüchtert würden, nicht gegen die Verantwortlichen auszusagen (queer.de berichtete).

Bislang konnte das Network rund 50 Menschen bei der Flucht helfen, einige Männer kamen etwa in einer Notunterkunft in Moskau unter, wo Betroffene internationalen Medien auch einige Interviews geben konnten.


Das nun leer stehende Gefängnis in Argun. Die Berichte zur Verschleppung und Folter an diesem Ort von "Novaya Gazeta" und LGBT Network wurden inzwischen auch von Human Rights Watch recherchiert und in einer umfassenden Dokumentation bestätigt

Die Berichte erfolgen dabei aus Angst vor weiterer Verfolgung anonym. Das LGBT Network versucht, die Menschen ins Ausland weiterzuvermitteln und war dazu u.a. mit mehreren EU-Botschaften in Kontakt. Anfang Juni hatte Deutschland einen ersten Betroffenen aus humanitären Gründen aufgenommen (queer.de berichtete). Zuvor hatten auch andere Länder, u.a. Litauen und Frankreich, Opfer der Verfolgung die Einreise gewährt. Wie Igor Koschetkow vom LGBTI Network jetzt in einem ausführlichem Interview nebenbei erzählte, hatte er sich wenige Tage zuvor mit dem deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) bei dessen Besuch in St. Petersburg getroffen. (nb)



#1 Pascal GoskerAnonym
#2 Dave KAnonym
#3 Pascal GoskerAnonym
  • 20.06.2017, 15:47h
  • Antwort auf #2 von Dave K
  • So war die SPD doch immer schon...

    Die haben nur ihren persönlichen Vorteil im Auge. Dafür lässt man seine Politik auch gerne kaufen...

    Ich habe die Hoffnung, dass sich das doch noch ändert längst aufgegeben.
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#4 schwarzerkater
  • 21.06.2017, 07:31h
  • Wochen nachdem in der Kaserne Menschen gequält, gefoltert oder getötet wurden, werden sich mit Sicherheit vor Ort keine Beweise mehr für diese abscheuliche Taten finden lassen.
    Und dass man bei Politkern oder Soldaten auf eine Mauer aus Schweigen trifft, dürfte auch niemanden verwundern.
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#5 PierreAnonym
  • 21.06.2017, 11:44h
  • Antwort auf #2 von Dave K
  • Das ist ja echt der Hammer, dass Gerhard Schröder, der damals für entsprechende Politik mit diesem gutdotierten Posten belohnt wurde, jetzt auch wieder mitmischt. Was hat der da zu suchen?

    Wenn Sigmar Gabriel nicht in der Lage ist, solche Termine alleine zu stemmen, ist er eben der falsche Mann für dieses Amt und sollte schnellstmöglich ersetzt werden.

    Aber die SPD hat wahrscheinlich keinen anderen mehr. Das ist deren letztes Aufgebot.
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#6 JustusAnonym
#7 SebiAnonym
  • 21.06.2017, 12:16h
  • Antwort auf #6 von Justus
  • Leider wahr.

    Für die SPD sind diese Beziehungen wichtiger als die Leben der tschetschenischen LGBTI.

    Politik ist oft pervers. Aber bei manchen Parteien ist Politik ganz besonders pervers...
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