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Wenn Wotan mit Siegfried knutscht...

Das schwule Traumpaar der Oper

Ein homosexuelles Paar, das sich auf der Bühne liebevoll ansingt, gab es bislang nicht. Daniel Philipp Witte und Tim Stolte könnten das ändern, vor allem mit Wagner-Rollen auf dem Grünen Hügel.


Der Tenor Daniel Philipp Witte und Tim Stolte (Bassbariton) sind seit über zwölf Jahren ein Paar

Der Begriff "Traumpaar der Oper" ist zwar schon reichlich abgenutzt, trotzdem übt er immer wieder eine tiefe Faszination aus: was ist Spiel, wenn ein reales Liebespaar gemeinsam Liebesduette sind, was ist echt, wenn es sich vokal verführt, was ist Bühnenfigur, was gibt Einblick ins Private?

In jeder Generation von Sängern hat es immer wieder solche Bühnenpaare gegeben, bei denen auch privat die Hochzeitsglocken läuteten: Christa Ludwig und Walter Berry, Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau, Angela Gheorghiu und Roberto Alagna und seit kurzem auch Anna Netrebko und ihr Ehemann, der Tenor Yusif Eyvazov. Ob nun Mezzosopran und Bariton oder Sopran mit Tenor – eines haben sie doch alle gemeinsam: sie sind Mann und Frau.

Dass es aber auch andere Paar-Konstellationen gibt, dürfte mittlerweile auch bei dem konservativsten Operngänger angekommen sein. Die Stars gehen heutzutage viel offener mit ihrer sexuellen Orientierung um, und so weiß man, dass die Kanadierin Adrianne Pieczonka mit ihrer Ehefrau und ihrer Tochter in Kanada lebt, der Countertenor Philippe Jaroussky hat nie verheimlicht, dass er einen männlichen Lebenspartner hat.

Aber ein gleichgeschlechtliches Traumpaar, das gemeinsam auf der Bühne steht, hat sich bisher komischerweise nicht (offiziell) gefunden. Dies könnte sich jedoch ändern: denn die beiden aufstrebenden jungen Sänger Daniel Philipp Witte (Tenor) und Tim Stolte (Bassbariton) sind bereits seit über zwölf Jahren ein Paar. Und zusammen singen sie genauso lange.

Beim Studium hat's gefunkt

Kennengelernt haben sie sich im Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, wo es gleich zu Beginn funkte: "Die Kommilitonen haben uns quasi aufeinander aufmerksam gemacht und nachdem wir uns vorgestellt wurden, hat er gleich seine Schokolade mit mir geteilt", berichtet Daniel Philipp Witte lachend. "Er war ja ein junges Erstsemester, während ich bereits im siebten war. Da habe ich natürlich den Gentleman gegeben", verrät Tim Stolte und lacht.

Der gemeinsame Humor und die Leidenschaft fürs Singen und die Oper hat beide zusammengeschweißt. "Der Beruf, die Musik und Kultur im Allgemeinen spielen natürlich eine große Rolle in unserem Leben und unseren Gesprächen. Wir können aber auch mal abschalten, was wir besonders gerne auf Reisen tun", berichten beide.

Gemeinsam auf der Bühne standen sie bereits am Beginn ihres Berufslebens: Tim Stolte war im Anschluss an sein Konzertexamen als Ensemble-Mitglied am Neustrelitzer Landestheater engagiert, und für die Händel-Oper "Agrippina" wurde noch ein Gast gesucht. Die Partie des Narciso erhielt Daniel Philipp Witte nach einem Vorsingen, obwohl er zu dieser Zeit sogar noch Student war.

"Wir haben uns gesagt: wir versuchen das jetzt. Wenn es schief geht, machen wir das nie wieder!", erzählt er. Doch es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Bereits mehrfach standen die beiden gemeinsam auf der Bühne, etwa in Kurt Weills und Bertolt Brechts Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Volkstheater Rostock in der Inszenierung der Brecht-Enkelin Johanna Schall als Holzfäller Jakob Schmidt, der sich zu Tode frisst, und als finsterer Dreieinigkeitsmoses.

Als Faust und Mephisto in Wernigerode

Im August 2017 wartet nun eine besondere Aufgabe auf sie: bei den 22. Wernigeröder Schlossfestpielen sind sie als Faust und Mephisto in Gounods Oper zu erleben: "Gemeinsam in so schönen Hauptrollen auf der Bühne stehen, das ist wirklich ein Traum. Und dann auch noch an so einem besonderen Ort, einem romantischen Schlosshof mit Blick auf den Brocken", schwärmt der Tenor, der als Faust sein Rollendebüt geben wird.

Man fragt sich, was wohl Gretchen dazu sagen wird, wenn Faust und Mephisto hinter der Kulisse rumturteln werden? Als zwei Männer spielen sie natürlich in der Regel keine Liebespaare auf der Bühne, vielmehr sind sie meist Gegenspieler, die um eine Frau kämpfen. Gibt es da manchmal Schwierigkeiten? "Es ist ja letztlich ein Beruf und es gibt den schönen Spruch: 'all drama must remain on the stage!' Daran versuchen wir uns zu halten", erklärt Tim Stolte. Im Standardrepertoire deutscher Opernhäuser laufen wenige der neuen Stücke aus den USA, wo zwei Männer Liebesbeziehungen miteinander haben. Einzig die Deutsche Oper Berlin zeigte dieses Jahr mit "Edward II." ein solches Opus, allerdings nicht sonderlich überzeugend. Und ohne Stolte und Witte.

Auftritt an diesem Sonntag im Schwulen Museum*

Trotzdem treten sie nun doch gemeinsam in Berlin auf. An einem eher ungewöhnlichen Ort, nämlich dem Schwulen Museum* zur Finissage der Ausstellung "Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste". Für diesen Sonntag, den 25. Juni um 18 Uhr haben sie ein Konzert geplant, in dem "queere" Musik vorgestellt werden soll und in dem offen über homoerotisches Verlangen gesungen wird – Dinge, die Siegfried Wagner in seinen Werken nur sehr ansatzweise umsetzen konnte, wegen der Kriminalisierung von Homosexualität zu seinen Lebzeiten. Man muss also schon zwischen den Zeilen lesen und genau hinhören, um den queeren Subtext zu erkennen, auch beim homophilen Richard Wagner und dessen Intimfreund Peter Cornelius (Komponist von "Der Barbier von Bagdad").

Diese Arien und Lieder mit Subtext präsentieren Witte und Stolte zusammen in der besonderen Akustik der Ausstellungsräume, wo derzeit ein edler Steingräber-Flügel aus Bayreuth steht. Aufgeführt wird auch Musik von Siegfrieds einzigem "offiziellen" Lebenspartner, dem Engländer Clement Harris. Der stellte den Wagner-Sohn einst Oscar Wilde vor und nahm seinen lange als "Herzensfreund" bezeichneten Liebhaber mit auf eine große Asienreise: Harris' Familie besaß Handelsschiffe und war schwer vermögend. Seine Kompositionen sind in Deutschland so gut wie unbekannt, obwohl Stefan George Harris ein Gedicht gewidmet hat und obwohl seine Lehrerin Clara Schumann war. Es gibt also etwas zu entdecken.

Auf der Bühne wird Daniel von Tim erwürgt

Im nächsten Jahr geht es für Witte und Stolte an die Oper nach Rennes; dort spielen sie den Tuchhändler Simone und den Prinzen Guido Bardi in Alexander Zemlinskys "Eine florentinische Tragödie", wieder eine Dreiecksgeschichte. In der Kooperation mit dem Théâtre National de Bretagne führt der neue Intendant, Schauspielregisseur Arthur Nauzyciel, Regie. Am Ende des Stückes nach einer langen Eifersuchtsszene erwürgt Simone den Prinzen.

Kann man so etwas im Theater lassen? "Die Arbeit mit Schauspielregisseuren hat uns sehr geholfen, die darstellerische Professionalität zu lernen, die dafür nötig ist. Und wenn mein Mann zu fest zudrückt, dann räche ich mich in ein paar Jahren als Siegfried und haue ihm den Speer kaputt, wenn er Wotan singt", sagt Daniel Philipp Witte und lacht.

Eventuell wird es in einigen Jahren tatsächlich zu einem gemeinsamen Engagement in Wagner-Partien kommen: Daniel Philipp Witte gilt als Nachwuchs-Hoffnung im deutschen Heldentenor-Fach und erreichte vor zwei Jahren als einziger Tenor das Finale des 8. Internationalen Gesangswettbewerbs für Wagner-Stimmen in Karlsruhe. Außerdem arbeitete er bereits mehrfach – auch auf Einladung der Bayreuther Festspiele – mit Alt-Meistern des Wagner-Gesangs wie Waltraud Meier oder Siegfried Jerusalem. Und Tim Stolte hat vor Kurzem am Theater Lübeck als Probencover den Fliegenden Holländer gesungen.

Vielleicht gibt es also in einigen Jahren ein neues anderes Traumpaar vom Grünen Hügel, wo zu Siegfrieds Zeiten schon so viele LGBTI-Künstler tätig waren, die aber heute weitgehend vergessen sind. Dem Freigeist Richard Wagner mit seiner Forderung "Kinder, schafft Neues!" würde dies bestimmt gefallen – und Siegfried Wagner sowieso!



#1 goddamn liberalAnonym
  • 25.06.2017, 13:37h
  • Das klingt nicht nur vielversprechend.

    Die Recken sehen auch entsprechend überzeugend aus! :-)
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#2 Simon HAnonym
  • 25.06.2017, 15:08h
  • "Ein homosexuelles Paar, das sich auf der Bühne liebevoll ansingt, gab es bislang nicht."

    Sorry, aber das stimmt nicht.

    Es gibt schwule Opern wie z.B. Brokeback Mountain.

    Und auf den Musical-Bühnen ist das in zahlreichen Stücken nichts neues mehr. Von "La Cage aux folles" bis "Ich war noch niemals in New York". Von "Rocky Horror Show" bis "The Book of Mormon". Von "Victor/Victoria" bis "Mrs. Henderson Presents". Etc. etc. etc. Da sind auch schwule Küsse Alltag.
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#3 ChristineAnonym
  • 26.06.2017, 08:22h
  • 2018 findet in Kanada die Uraufführung von Rufus Wainwrights Oper Hadrian statt. Im Mittelpunkt steht die schwule Liebesbeziehung von Hadrian und Antinoos.
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#4 Patroklos
#5 stromboliProfil
  • 26.06.2017, 10:28hberlin
  • wie wärs denn hiermit:

    de.wikipedia.org/wiki/Rufus_Wainwright

    Seine zweite Oper Hadrian wird zur Eröffnung der Saison 2018 der Canadian Opera Company Premiere haben. Das Libretto schreibt der kanadische Dramatiker Daniel MacIvor.[19]

    Hadrian & Antinoos
    Es sei denn die schutzalterbrigade verhindert eine aufführung in deutschland...
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#6 stromboliProfil
#7 Patroklos
#8 stromboliProfil
  • 26.06.2017, 11:30hberlin
  • Antwort auf #7 von Patroklos
  • schatzerl,
    wann hast du dir denn jemals über etwas ernsthaft sorgen gemacht.. was immer auch (nach) denken voraussetzt.
    Hauptsache es wird ein maximal 160 Zeichen umfassendes Unikum als Statement hier eingebracht.
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#9 Patroklos