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Nach Verbot am Vortag

Istanbul: Polizei setzt Tränengas gegen friedliche CSD-Teilnehmer ein

Erneut wird in der türkischen Metropole ein Pride mit Gewalt unterdrückt, die Polizisten nehmen über 20 LGBTI-Aktivisten fest. Ihre Freunde zeigen dennoch weiter Mut und Stolz.


Auch in diesem Jahr setzte die Polizei Istanbuls wieder Tränengas gegen friedliche Demonstranten ein

Von Norbert Blech, mehrfach aktualisiert

Die Polizei hat am Sonntagnachmittag in Instanbul über 20 Menschen im Rahmen des 15. "Marsch des Stolzes" festgenommen, darunter auch einen niederländischen Fotografen, der für die Agentur AP tätig ist, und eine Abgesandte des CSD von Kopenhagen. Die Demonstration zum Abschluss des 25. Pride in der türkischen Metropole war wie in den beiden Vorjahren vorab verboten worden (queer.de berichtete).

Bereits vor Beginn hatte die Polizei die Gegend um die zentrale Einkaufsstraße Istiklal großräumig abgesperrt und auch Seitenstraßen mit Barrikaden versperrt; der Taksim-Platz wurde komplett abgesperrt. Polizisten kontrollierten mehrere Passanten; ein Bild eines BBC-Journalisten zeigte einen Pride-Besucher, wie er von der Polizei zum Ausziehen seines T-Shirts mit aufgedruckten Regenbogenmotiv gezwungen wurde.

Twitter / marklowen

Die CSD-Organisatoren hatte vorab angekündigt, in jedem Fall demonstrieren zu wollen, und hatten bis zuletzt mit der Polizei über mögliche Kundgebungen in der Innenstadt verhandelt. Teilnehmer wurden aufgerufen, sich an verschiedenen Plätzen zu sammeln, dort oder auf den Weg dorthin waren die ersten Festnahmen erfolgt.

Twitter / TerryReintke | Die grüne Europaabgeordnete Terry Reintke hatte eine der ersten Festnahmen als Video festgehalten

In einer vor dem Französischen Kulturinstitut als ursprünglichen Sammelpunkt im Trubel verlesenen Presseerklärung betonten die Aktivisten: "Wir haben keine Angst, wie sind hier und wir werden uns nicht ändern. Ihr habt Angst, ihr werdet euch ändern und ihr werdet euch daran gewöhnen." Die kämpferische Erklärung wurde auch an anderen Orten verlesen; sie ist hier auf Englisch zum nachlesen verfügbar, die Facebook-Seite des CSD zeigt zudem Videos mit den Verlesungen an etlichen Orten.

Twitter / TuncayOezdamar

Bis 16.45 Uhr deutscher Zeit waren laut Veranstaltern mindestens neun Personen festgenommen worden, mindestens drei sollen recht zügig wieder freigelassen worden sein. Letzte Gespräche mit der Polizei über eine Durchführung des CSD seien allerdings gescheitert. Später fand eine größere Demonstration mit vielleicht hundert Teilnehmern im Stadtteil Cihangir statt, bis die Polizei hier Tränengas gegen die Teilnehmer einsetzte. Laut einigen Berichten wurden auch einzelne Gummigeschosse gegen sie eingesetzt. Bereits ein Bild aus dem Einkaufsviertel zeigte den Einsatz eines Gummigeschosses, offenbar als Warnschuss gezielt auf den Boden.

Twitter / fbanaszak

Später erfolgten auch in Cihangir einige Festnahmen, zugleich konnten einige LGBTI immer wieder selbstbewusste Zeichen setzen.

Twitter / TerryReintke

Laut dem Pride waren zwischenzeitlich selbst einige Rechtsanwälte festgenommen worden, die den Festgenommenen helfen sollten; sie wurden aber wieder auf freiem Fuß gesetzt. Insgesamt sollen einige Menschen teils zufällig festgenommen worden sein, das Einschreiten der Beamten war dabei teilweise von Gewalt begleitet. Größere Verletzungen erlitt aber offenbar niemand. Am Abend meldeten die CSD-Organisatoren, insgesamt seien von der Polizei 41 Menschen festgenommen worden, darunter auch rechtsradikale Gegendemonstranten. Man wisse nähere Details zu 23 festgenommenen LGBTI-Aktivisten und rechne mit einer baldigen Freilassung, die dann später in der Nacht erfolgte.

Durch die dezentralen Proteste war die Lage zeitweise unübersichtlich. In sozialen Netzwerken tauchten teilweise Bilder und Videos aus den Vorjahren auf, die brutalere Gewalt zeigten, etwa durch in diesem Jahr nicht eingesetzte Wasserwerfer oder einem stärkeren Einsatz von Gummigeschossen. Auch Bilder mit einem Tränengas-Regenbogen über dem Taksim-Platz oder von hunderten Leuten und riesigen Regenbogenflaggen auf der Einkaufsstraße Istiklal stammen aus Vorjahren.

Twitter / gazeteyolculuk

Am Samstag hatte der von der Erdogan-Regierung direkt bestimmte Gouverneur Istanbuls Vasip Sahin, der die Verantwortung über die Polizei hat, die Kundgebung in der Innenstadt verboten und sich dabei auf Sicherheitsgründe berufen (queer.de berichtete). Zuvor hatte es, wie in einigen Vorjahren, Drohungen der Jugendorganisation der rechtsextremen und islamistischen Splitterpartei "Partei der Großen Einheit" gegeben.

Polizeigewalt in den letzten beiden Jahren

Homosexualität war in der Türkei nie verboten. Die Pride-Bewegung galt zudem lange Jahre als zunehmender Erfolg: Noch 2014 nahmen über 100.000 Menschen am CSD in Istanbul teil. 2015 wurden Aktivisten dann von einem Verbot in letzter Sekunde überrascht, der CSD wurde mit einem Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschossen niedergeschlagen (queer.de berichtete). Der Gouverneur rechtfertigte das Verbot mit dem Ramadan – obwohl der CSD schon mehrfach in den Fastenmonat gefallen war.

Im letzten Jahr wiederholten sich Verbot und Polizeieinsätze beim traditionellen Trans-Pride in der Vorwoche (queer.de berichtete) und dann beim eigentlichen CSD (queer.de berichtete). Dabei ging die Polizei auch nachts noch gegen Veranstaltungen vor. In diesem Jahr endete der Ramadan vor dem CSD, der Trans-Pride findet erst am nächsten Wochenende statt.

Im letzten Jahr waren über 30 Menschen beim CSD festgenommen und teilweise über Nacht festgehalten worden, darunter der Bundestagsabgeordnete Volker Beck und die deutsche Europaabgeordnete Terry Reintke samt ihrem Büroleiter und einem Vertreter der Grünen Jugend. Reindtke war zusammen mit weiteren Europaabegordneten auch dieses Jahr angereist, auch weitere internationale Beobachter sind vor Ort. (nb)

 Update  26.6., 10h: Kundgebung in Berlin

Für Montagabend um 18 Uhr ist eine Kundgebung gegen die Polizeigewalt gegen den CSD in Istanbul in der Nähe der türkischen Botschaft in Berlin (Tiergartenstraße / Ecke Hildebrandstraße) geplant, angemeldet vom Linkenpolitiker Hakan Taş und unterstützt u.a. vom LSVD.

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#1 Simon HAnonym
  • 25.06.2017, 17:09h
  • Wer Menschen ihr Grundrecht auf freie Rede und freie Versammlung nimmt, zeigt damit nur, dass er keinerlei Argumente hat und es dann auf diese Art durchsetzen muss.

    Ein Armutszeugnis...
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#2 SchlimmAnonym
  • 25.06.2017, 17:27h
  • Die Würde der LSBTTIQ in Istanbul wird massiv angegriffen und die Freiheit auch.
    Es ist traurig und entsetzend zu sehen, wie ausgerechnet eine so aufgeschlossene Stadt, die sich immer zwischen europäisch und oriental zeigte, so vom *erd-oganischen* Virus infiziert- und immer weniger europäisch wird.
    Dabei hatte sich Türkei eine Zeit lang so weit entwickelt, dass sie fast hätte in die EU aufgenommen werden können.
    Nun sind sie leider Galaxien davon entfernt.
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#3 Stephen
#4 andreAnonym
#5 PetterAnonym
  • 25.06.2017, 18:36h
  • Und mit diesem Regime hat unsere schwarz-rote Bundesregierung gleich mehrere schmutzige Deals laufen.
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#6 Medoro LemieuxAnonym
#7 easykeyProfil
  • 25.06.2017, 20:01hLudwigsburg
  • Erdogan, der alte Nazi..... Da hilft kein Kraut und/oder schönreden. Er will sein Land isolieren und andere Werte und Maßstäbe ...kann er haben: Türkei boykottieren!
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#8 SchlimmAnonym
  • 25.06.2017, 21:34h
  • Oh Gott, die Bilder aus Istanbul werden ja immer grausamer. Ne, das geht gar nicht. So kann man nicht mit friedlichen Menschen umgehen.
    Das ist unberechtigte Gewaltanwendung.
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#9 DrakeAnonym
  • 25.06.2017, 21:57h
  • Ich flippe mit dieser Situation aus:

    LGBTI-Aktivisten organisieren das Pride, um unsere Rechte zu fordern. Die sind friedliche Leute

    Das Partei der Großen Einheit bedroht das Pride zu verhindern. Mit Gewalt, wenn es nötig wäre. Die sind gefährliche Leute.

    Wen hat die Polizei angegriffen? Natürlich die LGBTI-Aktivisten. Ganz logisch. Liebe ist viel viel gefährlicher als Hass und Intolerant, :/. LOL
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#10 Patroklos