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"Where Love Is Illegal"

Warum sich Heteros für LGBTI-Rechte einsetzen müssen

Sie sei für ihre Liebe zu einem Mann nie schief angeguckt worden, schreibt Carina Parke, eine heterosexuelle Frau, in diesem Gastbeitrag. Dieses Glück sei kein Grund für Ignoranz. Ein Fotoprojekt öffnete ihr die Augen.


Ein Porträt aus dem Fotoprojekt "Where Love Is Illegal": Die beiden Russinnen D. und O. wurden von Männern attackiert, weil sie auf der Straße Händchen hielten (Bild: Robin Hammond)

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REFINERY29
Gemischte Gefühle machten sich in mir breit, als ich mich 2015 auf dem Weg zur Ausstellung "Where love Is illegal" in Berlin gemacht habe: Betroffenheit, Wut, Trauer – aber auch große Sympathie für alle mutigen Beteiligten.

Es ist doch so: Ich bin eine heterosexuelle Frau. Ich musste mich nie vor meine Eltern oder Freunde stellen und ihnen beichten, dass ich auf Männer stehe. Niemand verlangte es von mir, mich zu outen. Ich kann nicht erahnen, wie es sein muss, wenn ich mich selbst nicht akzeptieren will, weil ich mich zu Männern hingezogen fühle. Ich kann nicht wissen, wie es ist, wenn ich schief angeguckt werde, weil ich einen Mann an meiner Hand halte.

Ich kenne das Gefühl nicht, wenn Leute tuscheln, weil ich einen Mann auf der Straße küsse. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man mich beleidigt, sogar angreift, weil ich einen Mann liebe. Ich kann es nicht verstehen, dass es falsch sein sollte zu lieben. Und doch werden noch heute Menschen tagtäglich dafür bestraft, weil sie genau das tun. Lieben! Weil ihre Liebe jemandem gilt, der das gleiche Geschlecht hat.

Mir wird bewusst, dass ich einfach Glück hatte

Vor kurzem habe ich mich mit einer Freundin darüber unterhalten. Sie, lesbisch, geoutet. Als sie Hand in Hand mit einem Mädchen durch die Straßen ging, wurde ihr ein "Ihhh, schwul" hinterher gerufen. Das war im Jahr 2016. In Berlin. In der Stadt, in der angeblich jeder sein kann, wie er will.

Sie erzählte mir, wie sehr es ihr Leben beeinflusst hat, dass sie früher das Gefühl hatte, nirgendwo reinzupassen. Weil sie in ihrer kleinen Heimatstadt nicht der Norm entsprach. Wie lange sie selbst gebraucht hat, um sich so zu akzeptieren, wie sie ist. Wie sehr andere Menschen Kontrolle über dein Leben haben können, wenn sie dir das Gefühl geben, dass deine Gefühle nicht richtig sind. Mir wird bewusst, dass ich einfach Glück hatte. Glück, dass ich lieben darf – ohne das Urteil anderer Leute. Aber warum darf ich und andere nicht?

"Diese Stimmen mussten gehört werden"

Auch Robin Hammond hatte dieses Glück. Er selbst bezeichnet sich als einen privilegierten Mann. Auf dieser Situation wollte sich der gebürtige Neuseeländer aber nie ausruhen. Seit Jahren setzt sich der Fotograf aktiv für Menschenrechte ein, bereiste dafür die Welt. 2014 lernte er in Nigeria fünf Männer kennen, die eingesperrt wurden und vor Gericht mussten, weil sie schwul sind.

"Im Gefängnis wurden sie gefoltert und ausgepeitscht. Als sie das Gericht verließen, warfen fremde Leute mit Steinen auf sie", erzählt Robin im Interview. "Als sie mir erzählt haben, was sie über sich ergehen lassen mussten, war ich sehr berührt. Ich dachte, das andere Leute auch davon berührt sein könnten. Diese Stimmen mussten gehört werden."

Der Fotograf gründete das Projekt "Where Love Is Illegal". Er porträtierte Menschen aus der LGBTI-Community aus der ganzen Welt und ließ sie ihre Geschichten erzählen. Auch online kann jeder selbst mitmachen und seine ganz persönlichen Erfahrungen teilen.

Vor zwei Jahren stellte er die Werke dieses Projektes in einer Galerie in Berlin aus. Auf der weißen Wand hingen die Bilder der Menschen, die Robin für das Projekt porträtiert hat. Sie alle wurden aufgrund ihrer Identität misshandelt, beschimpft, diskriminiert. Neben jedem Bild hing ein kleines Schild, auf dem sie ihre eigene Geschichte niedergeschrieben haben.

Geschlagen und getreten


Gad aus Syrien wurde gefoltert (Bild: Robin Hammond)

Dort ist auch die von Gad, einem homosexuellen Mann aus Syrien. "Sie haben eine schwarze Tüte über meinen Kopf gestülpt. Sie haben mich weiter geschlagen und getreten. Ich wusste nie, woher es kommen würde. Sie haben das Gleiche mit anderen gemacht. Wir konnten hören, wie die anderen gequält wurden." Mit 28 anderen wurde er für 26 Tage in einem Badehaus eingesperrt. Sie alle warteten dort auf ihren Prozess aufgrund ihrer Homosexualität. Ihnen drohten Gefängnisstrafen.

Im Raum war es trotz der vielen Besucher erdrückend still. Ich schaute zu einem anderen Bild. Eine Frau, bekleidet in einem kurzen Kleid und einem Kopftuch, kniet auf einem Bett. Ihre Augen starren in die Kamera. Ihr Name ist Jessie. Sie ist eine transsexuelle Frau aus dem Libanon. An ihrem Schild steht geschrieben: "Die Nachbarn schrien 'Bring sie um und befreie die Menschheit von ihr, wir brauchen solche Menschen nicht in unserer Nachbarschaft'. Ich versuchte zu entkommen. Ich dachte, dass mir irgendjemand helfen würde, aber jeder war gegen mich." Noch heute versucht sie ihrem Bruder und ihrem Vater zu entkommen, die sie immer noch töten wollen, wie mir Robin erzählt.

Das Versagen der Heteros

"Ich finde, dass die heterosexuelle Community etwas versagt hat, wenn es darum geht, sich für LGBTI-Rechte einzusetzen", sagt er mir. "Manchmal fragen sich Menschen, warum ich so interessiert an dieser Problematik bin. Ich verstehe es. Welches Recht habe ich schon, deren Geschichte zu erzählen? Ich selbst hatte Glück. Ich wurde in ein privilegiertes Leben geboren. Welches Recht habe ich aber, ihr Leid zu ignorieren? Ich denke, dass ich eine moralische Verpflichtung habe, wenn ich helfen kann. Ich kann ihre Stimmen auf große mediale Plattformen bringen. Ich wurde wegen meiner Identität ja nie infrage gestellt, ich wurde wegen meiner Sexualität nie beschimpft. Aber ich kann mir vorstellen, wie es sein muss. Doch sich etwas vorzustellen, ist nicht das Gleiche, wie etwas zu leben. Aber die Macht vom Geschichtenerzählen ist, dass man wenigstens nachempfinden kann, was diese Menschen erlebt haben."

Viele von ihnen leben wahrscheinlich immer noch in Angst. Einer von ihnen ist sogar tot – nachdem er jahrelang aufgrund seiner Sexualität leiden musste, erkrankte er, starb. Er hatte nicht mehr das Glück, dass sich irgendwann alles zum Guten wendet. Und dort, auf der weißen Wand, stehen nun seine Zeilen, hängt sein Bild. Er hatte das Pech, in einem dieser Länder geboren zu werden, in denen es kriminell ist, einen gleichgeschlechtlichen Partner zu haben.

"Geschichten können Veränderungen auslösen"


Ihre Familie will sie töten: Jessie aus dem Libanon (Bild: Robin Hammond)

Aber auch in westlichen Ländern ist das Problem Homophobie längst nicht gelöst. Robin sagt: "Wir müssen leider anerkennen, dass es in jedem Land Diskriminierung gibt. Schwule werden umgebracht, weil sie homosexuell sind. Auch in Ländern, wo 'Gay-Marriage' anerkannt ist. Das Gesetz zu ändern ist der erste kleine Schritt. Aber man muss auch die Gesellschaft ändern."

Er will genau das mit den Geschichten versuchen. Denn nur, wo die Macht des Schweigens herrscht, wird die Diskriminierung immer weiter gehen. "Geschichten können Veränderungen auslösen", ist sich Robin sicher. "Klar, ich frage mich auch immer, ob wir überhaupt etwas verändern können. Und wie kann man überhaupt wissen, dass man erfolgreich ist, oder in die richtige Richtung geht? Aber nur, weil wir es nicht wissen, heißt das nicht, dass wir es nicht versuchen sollten."

Als ich mich nochmal im Raum umschaute, die Eindrücke auf mich wirken ließ, war ich ergriffen, schon fast sprachlos. Es ist mir unbegreiflich, dass Liebe wirklich illegal sein kann. Liebe. Dieser eine Begriff, der keine Definition hat. Dieses eine Gefühl, dass unbeschreiblich ist. Das, was wir doch alle festhalten wollen, wenn wir es gefunden haben.

Liebe ist stärker als Hass

Ich frage Robin, wie er Liebe für sich persönlich definiert. Er lächelt und zeigt auf das Bild eines lesbischen Pärchens aus Russland. Die beiden wurden von Männern attackiert, weil sie auf der Straße Händchen hielten. "Was ihnen an diesem Tag passiert ist, ist ein Dokument von Gewalt", sagt er. "Aber dieses wurde zu einem Liebesbrief. D. sagte zu O., dass diese Angst, die sie gefühlt hat, die Gefühle zu ihrer Partnerin noch stärker gemacht hat. Sie sieht es nicht als selbstverständlich, wenn sie Händchen auf der Straße halten. Sie macht es aber heute mit Absicht. Wenn sie es jetzt macht, ist es ein Zeichen ihrer Liebe und ihres Mutes. Diese Menschen mussten durch so harte Zeiten gehen. Aber sie haben nie den Glauben an die Liebe aufgegeben. Und das hat mein Konzept von Liebe neu definiert.

Porträts von tunesischen LGBTI aus Robin Hammonds Projekt "Where Love Is Illegal" sind noch bis zum 14. Juli in der Volkshochschule Köln zu sehen.



#1 SanottheProfil
  • 02.07.2017, 21:18hRhüffel-Ostend
  • Herzlichen Dank für diesen Beitrag!

    Ich fände es unendlich wichtig, wenn Ähnliches auch in den richtig großen Mainstream-Medien erscheinen würde.

    Also... sehr gerne mehr in dieser Richtung!
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#2 Simon HAnonym
  • 02.07.2017, 22:18h
  • Ja, auch Heteros sollten sich für LGBTI-Rechte einsetzen. Denn LGBTI-Rechte sind Menschenrechte.

    Und solange LGBTI nicht gleich und frei sein, ist eine Gesellschaft als ganzes nicht frei.

    Im übrigen sollten auch alle Heteros daran denken, dass sie vielleicht auch mal LGBTI-Kinder oder -Enkel, -Neffen, etc. haben werden.
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#3 JadugharProfil
  • 03.07.2017, 03:26hHamburg
  • Da Heterosexuelle ihre Position nie hinterfragen müssen, ignorieren sie das Leid der anderen oder sind sich dieser Leiden jener LGBTI's nicht bewußt. Aus diesen Gründen ist Aufklärung notwendig, damit sich Nichtbetroffene in die Lage der Verfolgten versetzten können. Homophobe Hetzer in einigen Gruppierungen wie Afd, Kirche & Co. beklagen, wenn Kinder aufgeklärt werden und Rollenspiele machen, um sich ein Bild dieser Situation zu machen. Der Irrglaube, das die Konfrontation mit dieser Realität die Kinder homosexuell macht, führt zur Begrenzung, zur Beschränkung und Tabuisierung dieser Tatsachen, die das Leben der LGBTI ausmachen. Da Homophobie tötet, sollte man homophobe Hetzer drakonisch bestrafen. Es würde sicherlich kaum zu einer Bestrafung kommen, da dann die Homophoben sich wohl überlegen werden, Lügen zu verbreiten. Da die geistige Haltung flexibler ist als eine sexuelle Orientierung, würde eine Aufklärung helfen, einen Irrglauben abzulegen. Falls die Hetzer nicht in der Lage sind, sich in die Situation der LGBTI's hinein zu versetzten und keine Empathie diesbezüglich kennen, dann wäre eine Therapie in einer geschlossenen Anstalt wegen Psychopathie angemessen. Neigen die Homophoben, das Leid der LGBTI's aufrecht zu erhalten oder gar zu mehren, dann sollte man sie für immer aus der Gesellschaft auschließen.
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#4 Homonklin44Profil
  • 03.07.2017, 10:11hTauroa Point
  • Das, was den meisten Heteros abgeht, ist eben diese Fertigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, und der Mangel an Interesse daran. Wenn sie das ein bisschen öfter versuchen würden, wäre die Verständnisebene bald da. Aber das Problem liegt so begründet, dass es kaum einen Anlassdafür gibt, die LGBTIQ-Probleme betreffen Heteros oder deren Lebensinhalte gerade mal indirekt. Wenn sie mal mitschneiden, aha, da ist jetzt eine Demo, die die und Jene kritisiert. Aber dann geht das Interesse schon wieder zurück zum Alltag, es werden sich wenige Gedanken drum geben, warum diese Demo oder eine Debatte gegen eine bestimmte Menschengruppe geführt wird.

    Da ist eben ein Unterricht an den Schulen und das Herausfordern der Interspektionsfertigkeit schon wichtig. Das, wogegen die Rückwärtsfronten immerzu anwettern -- dasssich Schüler in die Lage anderer hineinversetzen können. Es geht doch auch, wenn einer krank ist und Schmerzen hat. Es geht doch auch, wenn Jemand allein ist, oder in Unterrichtsmodulen übeer Mobbing und warum das nicht gut ist. Es geht beim Thema Behinderte, Leben als Farbiger, Flüchtling und Opa im Altendomizil, warum geht es nicht bei LGBTIQ-Themen?

    Verbotene Liebe gibt es noch im eigenen Land genug. Und sei es nur, dass LGBTIQ-Kinder in einer *phoben Umgebung groß werden, und die Erkenntnis gewinnen, meine Liebe ist verboten, nicht gleichwertig, nicht "normal", um dieses schwachsinnige Wort zu gebrauchen. Das Lernen, dass Liebe in gut und schlecht unterteilt werden könnte, ist vielleicht nicht annähernd so fürchterlich, wie wenn Jemand aufgrund seiner Liebe verfolgt, bestraft, ja am Leben bedroht wird. Aber innerlich ist es grade ebenso hemmemnd, die Erfahrung zu haben, alle außer einem selbst dürfen Liebe leben. Andere gönnen sie Dir nicht. Sie könnte harmloser nicht sein, aber das wird gnadenlos schlecht geredet und verdammt.
    Selbst wenn Du dann zeitlebens ohne Liebe lebst, sind die immer noch nicht zufrieden, und bekämpfen andere Eigenschaften an Dir.

    Ich glaube, diese Erfahrung können die meisten Heteros nicht im Geringsten nachvollziehen. Undsie finden keinen Grund dafür, es überhaupt zu versuchen. Warum sollte ein Fisch auf Bäumen schlafen wollen?
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