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Ab Donnerstag im Kino

Der Heilige mit der Erektion

In João Pedro Rodrigues' Film "Der Ornithologe" streift Hauptdarsteller Paul Hamy als moderner Antonius von Padua durch die portugiesische Wildnis und hat Sex mit Jesus.


Kajak-Unfall mit Folgen: Zwei lesbische Pilgerinnen aus China fesseln Vogelforscher Fernando an einen Baum und wollen ihn kastrieren (Bild: Edition Salzgeber)

Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht so recht, was ich erwarten sollte von einem Film, der "Der Ornithologe" heißt und von einem Mann handelt, der in der Wildnis von Nordportugal nach einer seltenen Vogelart sucht. Sein Kajak kentert, und er muss sich ohne Handyverbindung durchschlagen. Ein Outdoor-Survival-Film?

Das Poster mit einem gefesselten nackten Mann im Wald, ausgestreckt wie ein Heiliger Sebastian ohne Pfeile, sah zumindest interessant aus. Irgendwie. Und schließlich hatte die Edition Salzgeber angekündigt, dass João Pedro Rodrigues einer der "wichtigsten Regisseure Portugals" und "aufregendsten Auteurs des queeren Kinos" sei. Also dann!

Den fast zwei Stunden dauernden Film zu sehen, ist eine seltsame Erfahrung, man könnte fast sagen: ein Trip. Da verliert sich der schwule Titelheld auf der Vogelsuche in der Wildnis, die in schier endlosen Sequenzen eingefangen wird, mit vielen Vögeln in Nahaufnahme. Dann begegnet der Titelheld Fernando allen möglichen skurrilen Figuren, bei denen man sich zunehmend fragt, ob das Ganze real sein soll oder ein Traum.

Erst tauchen zwei lesbische Pilgerinnen aus China auf, die sich auf dem Weg nach Santiago de Compostella verlaufen haben. Dann gibt's lateinisch sprechende Amazonen mit Pferden, Pfeilen und nackten Brüsten. Auch seltsame maskierte Wesen streifen durch den Wald und vollführen noch seltsamere Rituale. Und ein stummer Hirtenjunge namens Jesus sorgt zwischendurch für eine handfeste Sexszene am Fluss, die allerdings nicht gut ausgeht.

Hauptdarsteller Paul Hamy zeigt sich fortwährend nackt

Wahrscheinlich wäre meine Aufmerksamkeit schon früh dahin gewesen, wenn der Hauptdarsteller nicht Paul Hamy hieße. Den kannte ich vorher nicht. Aber wie er in weißer Unterhose an einem Baum hängt, gefesselt von den chinesischen Pilgerinnen, die ihn am nächsten Morgen kastrieren wollen, und wie dann in der nassen Unterhose seine Erektion durchschimmert, das war: ein Hingucker. Um es mal vorsichtig auszudrücken.

Auch sonst ist Hamy eine Augenweide, wenn man auf diesen Dreitagebart-Typus steht. Und Hamy hat scheinbar keine Probleme damit, sich fortwährend nackt vor der Kamera zu zeigen, völlig selbstverständlich und entspannt. Er schafft es, nackt und angezogen, die ausufernde Traumhandlung zu fokussieren und 120 Minuten lang zu tragen.

Fernando – der wegen einer nicht weiter spezifizierten Krankheit Pillen nehmen muss, die er aber nach dem Kajakunfall nicht mehr hat – wird zunehmen geistig instabiler. Er versucht seinen Lebenspartner Sérgio per Telefon zu erreichen, aber die Leitung bricht ab und ist schließlich völlig tot. Als endgültige Trennung zwischen altem und neuem Leben.

"Blasphemische Wieder-Aneignung des Heiligen Antonius"


Poster zum Film: "Der Ornithologe" startet am 13. Juli 2017 mit deutschen Untertiteln im Kino

Modelliert ist das Ganze nach der Legende des Heiligen Antonius. Dessen Taufname ist ebenfalls Fernando. 1220 trat der Portugiese den Franziskanern bei und nahm den Namen des spätantiken Wüstenvaters Antonius Eremita an. Nach dem Vorbild des 1220 in Marrakesch hingerichteten Märtyrers zog Antonius als Missionar nach Marokko, um sein eigenes Martyrium zu finden.

Wegen einer Krankheit musste er Afrika aber wieder verlassen und wurde durch einen Sturm nach Sizilien verschlagen. Von dort kämpfte er sich mühsam bis nach Padua durch. Später zog er sich in die Nähe von Assisi zurück. Ostern 1231 unternahm er noch einmal eine Predigtreise nach Padua und verbrachte die letzten Wochen seines Lebens in der Einsiedelei Campo San Piero. Auf dem Rückweg ins nahe gelegene Padua starb er im gleichen Jahr.

In "Der Ornithologe" tauscht Regisseur Rodrigues gegen Ende – im totalen Delirium Fernandos – sich selbst als Darsteller gegen Paul Hamy aus und ist dann plötzlich in Padua. Also im heutigen Padua. Wo er wie ein queerer Aktivist die Straße entlanghüpft zwischen all den katholischen Pilgerfahrern. In einem Interview erklärte der Regisseur: "Mein Film ist eine bewusst transgressive und blasphemische Wieder-Aneignung des Heiligen Antonius – seines Lebens und Wirkens."

Vor dem Kinobesuch informieren – oder kiffen

Was da genau "angeeignet" wird, hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Warum irgendwann im Wald ("Ausdruck des kollektiven Unterbewusstseins") ausgestopfte Tiere stehen, auch nicht. Warum Hamy schlussendlich zu Rodrigues mutiert? Und wieso wir auf einmal in den letzten fünf Filmminuten in Padua sind, wo alles zuvor in Portugals Wäldern spielte? Keine Ahnung. Es ist durchaus hilfreich, sich vorm Kinobesuch den längeren Erklärungstext von Rodrigues durchzulesen, der sich im Presseheft (PDF) von Salzgeber findet.

Meine erste Reaktion im Anschluss an den Kinobesuch – ohne die entsprechende Vorablektüre – war eine genervte. Weil sich die Traumsequenzen strecken und auch nicht zu einer irgendwie spannenden Geschichte verdichten. Heiligenlegende und Transgression hin oder her. Trotzdem merkte ich aber bald, dass etliche Bilder von Paul Hamy und einige der Szenen aus dem Film in ihrer irritierenden Rätselhaftigkeit mich nicht losließen. Und damit meine ich nicht nur die Unterhosenszene mit der enigmatischen Erektion. Obwohl die auch.

Vielleicht braucht man mehrere Joints, um der Schönheit des Films folgen zu können? Auf alle Fälle empfiehlt sich Paul Hamy als unbedingter Superstar des queeren Kinos. Immerhin: Beim Filmfest von Locarno gewann "Der Ornithologe" den Regiepreis.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

Der Ornithologe. Spielfilm, Portugal/Frankreich/Brasilien 2016. Regie: João Pedro Rodrigues. Darsteller: Paul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues, Han Wen, Chan Suan, Juliane Elting: Laufzeit: 118 Minuten. Sprache: Originalfassung in Portugiesich, Englisch, Mandarin, Mirandes und Latein mit deutsche Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Deutscher Kinostart: 13. Juli 2017
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Der Ornithologe
8 Bilder


#1 daVinci6667
  • 11.07.2017, 17:29h
  • Komischer Traum (Film) Würde sich lohnen den mal bei einem Therapeuten zu analysieren. Besonders den Teil warum lesbische Pilgerinnen einen Schwulen kastrieren wollen. Wirklich kein Film den ich mir ansehen würde. Da reicht mir dann das Bild mit der hindurchscheinenden Erektion völlig. Mehr muss und will ich nicht sehen.
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#2 nocheinanonymerAnonym
  • 11.07.2017, 18:16h
  • Interessant: Filmdienst (das katholische Filmmagazin) hält den Film für sehenswert.
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#3 lindener1966Profil
  • 11.07.2017, 22:07hHannover
  • Habe mir ein paar Kritiken auf "indiewire" "epd-
    film" "Variety" "critic.de" durchgelesen. Hört sich für mich sehr spannend an. Eine Art homerische Odyssee im portugiesischen Urwald, wo sich Realität und Traum völlig vermischen. Auch das Motiv der Verwandlung in etwas Neues gefällt mir gut. Definitiv wohl ein ARThouse Film, den man wohl nicht unbedingt in jedem Detail verstehen aber vielleicht erfühlen kann, wenn man sich drauf einlässt. Hilfreich sei es wohl auch, wenn man sich mit christlichen Heiligengeschichten auskennt. Werde ich mir definitiv anschauen, wenn er hier auftaucht. David Lynch ist ja z.B. auch sehr mein Fall.
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#4 Homonklin44Profil
  • 12.07.2017, 06:06hTauroa Point
  • Muss man vermutlich mit küstlerischer und mythologischer Symbolik und psychoanalytisch traumdeuterisch dran heran gehen. Aber könnte auch interessant sein, was er an Vögeln außer dem Schwarzstorch (Ciconia nigra) noch alles sichtet. Die anderen beiden Vögel im Trailer waren nicht ganz klar erkennbar.
    Mit Vögeln scheint er's sonst auch zu haben. Die fehlenden Medikamente könnten sein Abdriften in die verzerrte Wahrnehmungswelt erst auslösen, vermutlich hängt das so zusammen.

    Wer herrliche Landschaften mag und seltsame Künstlerei, für den bietet sich da bestimmt ein unterhaltsames Kino. Ich möchte mir aber nicht vorstellen, wie viele Mosquito-Bites zu der neuronalen Verschobenheit bei den Dreharbeiten beigegeben haben könnten.

    Ob man einen queeren Film auf eine Erektion in nasser Unterhose herunter brechen muss? Vielleicht dann besser Pornos gucken. Fetisch, Wetlook und Underwear.
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#5 schwuler NichtdtschrAnonym
  • 12.07.2017, 07:17h
  • Dieser Paul Hamy ist wirklich ein Hingucker, werde mir den Film ansehen. Fuer mich hoert sich die Geschichte nicht wie ein Trip an. Jeder zweite heisst Jesus auf der iberischen Halbinsel :-) Und nachts ist es echt schraeg im Wald :-)
    Gruss
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#6 StarfishAnonym
  • 15.07.2017, 14:07h
  • Zwei lesbische (christliche) Pilgerinnen aus China fesseln ihn an einen Baum und wollen ihn kastrieren -- das klingt so sehr an den Haaren herbeigezogen, dass man dem Drehbuchschreiber eigentlich nur Infantilität und latenten Rassismus unterstellen kann. Interessanterweise erscheint der Film ja auch in Mandarin, um den Chinesen diesen Unsinn direkt um die Ohren zu knallen.
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