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Umgang der Kirche mit §175

Volker Beck bezichtigt Kardinal Marx der Lüge

Der Chef der Bischofskonferenz rüstet zwar gegenüber Homosexuellen rhetorisch ab, lehnt aber weiterhin die Öffnung der Zivilehe als verfassungswidrig ab. Volker Beck bemängelt, dass es der Kardinal mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.


Kardinal Marx bedauert die Schwulenverfolung in Deutschland, mit der sich die Kirche seiner Meinung nach "eigentlich nicht befasst" habe (Bild: Erzbistum München)

Reinhard Kardinal Marx hat in einem am Freitag veröffentlichten Gespräch mit der "Augsburger Allgemeinen" nach teils aggressiven Reaktionen aus der katholischen Kirche gegen die vom Bundestag am 30. Juni beschlossene Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben versöhnlichere Töne angeschlagen. In der Sache beharrte der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz aber auf der Ablehnung der Ehe für alle und erklärte, er unterstütze eine Klage Bayerns gegen das Gesetz.

Angesprochen auf eine Äußerung der AfD-Europaabgeordneten Beatrix von Stroch, dass die Ehe für alle ein "Dammbruch" sei, der etwa zur Ehe zu dritt führen könne, erklärte Marx:" Bei dem jetzigen Gesetz geht es um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und nicht für Verwandte oder drei, vier Personen. Ich verstehe diese Sorgen, aber man sollte nicht gleich einen Dammbruch heraufbeschwören."

Zudem erklärte Marx, die Kirche müsse auch ihr Bedauern aussprechen, dass sie der Verfolgung Homosexueller in Deutschland tatenlos zugesehen habe: "Ich habe ja auch nichts dagegen getan, dass Homosexuelle strafrechtlich verfolgt wurden. Der entsprechende Paragraf wurde erst 1994 gestrichen. Wir haben uns als Kirche eigentlich damit nicht befasst."

Volker Beck: Katholische Kirche unterstützte Homo-Verfolgung

Trotz des gemäßigten Tons des Kardinals griff der grüne Bundestagabgeordnete Volker Beck den 63-jährigen Erzbischof nach der Veröffentlichung des Interviews scharf an – und bezichtigte ihn gar der Lüge: "Seine Behauptung, die Kirche habe sich mit der strafrechtlichen Verfolgung der Homosexuellen nicht befasst, ist schlicht die Unwahrheit. Die Katholische Kirche hat immer und überall, wo es um ein Ende der Kriminalisierung oder Diskriminierung von Homosexuellen ging, sich dagegen gewandt und intensivst lobbyiert."


Volker Beck, der religionspolitische Sprecher der Grünen, wirft dem Kardinal vor, die Unwahrheit zu sagen (Bild: flickr / Heinrich-Böll-Stiftung / cc by 2.0)

Als Beispiel nannte der Kölner Politiker, dass das Bundesverfassungsgericht 1957 unter Berufung auf die Lehre der Kirchen den Paragrafen 175 als verfassungskonform erklärt hatte. Zudem hätten die Kirche noch 1994 Lobbyarbeit gegen die Aufhebung des Paragrafen 175 betrieben. Danach habe sie sich weiter gegen jeden Schritt der Anerkennung von LGBTI-Rechten gewehrt, etwa gegen das Lebenspartnerschaftsgesetz oder das Gleichbehandlungsgesetz.

Auch zur Homosexuellenverfolgung in Afrika schweige die Kirche, beklagte Beck allgemein. 2015 hatte die Deutsche Bischofskonferenz unter Führung von Kardinal Marx den nigerianischen Erzbischof Ignatius Kaigama nach Berlin eingeladen, obwohl dieser offen die strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen in seinem Land unterstützt. Damals beschönigte ein Sprecher von Marx die extrem homophobe Haltung des Ehrengastes als "kulturell bedingte Unterschiede in der Beurteilung der Homosexualität" (queer.de berichtete).

Marx für Verfassungsklage gegen Ehe für alle

In dem Interview mit der "Augsburger Allgemeinen" unterstützte Marx auch die bayerische Staatsregierung in ihrem Vorhaben, möglicherweise in Karlsruhe gegen die Gleichbehandlung im Ehe-Recht zu klagen: "Ich möchte schon wissen, was das Bundesverfassungsgericht über die Ehe für alle denkt. Wie eine richterliche Prüfung des Gesetzes ausgehen könnte, weiß ich nicht. Für den Rechtsfrieden in Deutschland wäre ein Urteil gut." Der katholische Würdenträger wiederholte auch seine Einschätzung, dass die deutsche Verfassung ein verstecktes Ehe-Verbot enthalte. "Die jetzt gefundene Regelung definiert Ehe anders, als das bis jetzt auch im Grundgesetz angelegt war", so Marx. Die Kirche hatte vermeintliche verfassungsrechtliche Bedenken bereits im Herbst 2015 in einer Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestags kundgetan – die meisten Experten sahen damals keine Probleme (queer.de berichtete).

Marx betonte aber auch, dass die katholische Kirche nicht die Gesetzgebung für alle Menschen bestimmen könne und dürfe: "Wir leben in einer offenen Gesellschaft, in der es Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Nichtgläubige gibt. Der Staat muss in einer säkularen Gesellschaft Gesetze schaffen, die für alle gelten. Eine christliche Prägung zeigt sich doch nicht und nur in den Gesetzen, sondern in den alltäglichen Werten, die in der Gesellschaft gelebt werden."

In den letzten Jahren hatte Marx seinen Ton gegenüber Homosexuellen sichtlich gemäßigt. Noch 2011 attestierte er allen Schwulen und Lesben, "gescheiterte Menschen" zu sein (queer.de berichtete). Nach scharfer Kritik ruderte er ein wenig später zurück und erklärte, dass nur die "Lebensentwürfe" von Homosexuellen gescheitert seien (queer.de berichtete). (dk)



#1 Paulus46Anonym
  • 14.07.2017, 13:32h
  • Volker Beck hat mit seiner Kritik an der Katholischen Kirchenleitung Recht und in der tat, Kardinal Marx lügt schlichtweg, was das Verhalten der Katholischen Kirche in der Vergangenheit angeht.

    Im Unterschied zur EKD, die bereits das standesamtliche Lebenspartnerschaftsinstitut 2001 aktivi unterstützt und begrüßt hatte (damaliges EKD-Grundsatzpapier "Verlässlichkeit und Verantwortung stärken"), griff 2001 gerade die Deutsche Bischofskonferenz bereits das Lebenspartnerschaftsinstitut und die damalige Öffnung der Standesämter an.

    Gleiches macht die Deutsche Bischofskonferenz auch nunmehr, wo die Eheöffnung und gemeinschaftliche Adoption nichtleiblicher Kinder erlaubt wurde, die ebenso von der EKD-Leitung durch öffentliche Stellungnahme unterstützt wurde.
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#2 MarcAnonym
  • 14.07.2017, 13:43h
  • Für die katholische Geistlichkeit gehört Bigotterie und Verlogenheit geradezu zum Berufsbild, sie ist Einstellungsvoraussetzung. Dass Marx als Wolf im Schafspelz nun die Rolle seiner Kirche und auch seine ganz persönliche Verantwortung derart herunterspielt, ist aber selbst vor diesem Hintergrund ein starkes Stück: An den letzten Sonntagen gab es zig katholische Kirchen in Deutschland, in denen von der Kanzel herab wieder gegen Schwule und Lesben gehetzpredigt wurde.

    Wie bei der Kanzlerin, die sich liberal gibt, aber dann mit ihrem "Nein!" ausdrücklich gegen die Ehe für alle votiert, zeigt sich auch hier ein Paradestück an Unredlichkeit. Pfui Teufel!
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#3 TimonAnonym
  • 14.07.2017, 14:03h
  • Ich weiß, dass die Katholen sich gerne für allwissend und allmächtig halten und meinen, sie seien " unfehlbar" .

    Aber was befähigt diese juristisch Ahnungslosen zu solchen Aussagen?

    Was bilden die sich ein?

    Das Ziel kann nur sein, durch solche Behauptungen Zweifel und Unsicherheit zu wecken und Missgunst über vorgebliche Rechtsbeugung für GLBTI zu schüren. Eine ganz perfide und perverse Strategie.
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#4 johannbAnonym
#5 263zrehtgereAnonym
  • 14.07.2017, 14:41h
  • Die Kirche hat ja auch schon behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei.

    Selbst als Wissenschaftler das Gegenteil bewiesen haben, hat die Kirche noch eine Zeit lang an ihren Lügen festgehalten.

    Kirche ist was für naive, geistig faule Leute, die sich die Welt lieber falsch von anderen erklären lassen wollen als mal selbst nachzudenken. Natürlich nutzt die Kirche das so aus, dass sie diesen Menschen die Welt dann so erklärt, dass die Menschen in der Psychosekte Kirche verbleiben, sich brav das Gehirn waschen lassen und mit der Kirchensteuer einen beachtlichen Teil des eigenen Einkommens an die Kirche abdrücken, sodass die Kirche ein Konzern mit Billionengewinn ist und die Geistlichen hinter den Kirchenmauern ein protziges Luxusleben führen können, also das Gegenteil von dem, was sie im "Gottesdienst" predigen.

    Und kleine Kinder hat die Kirche auch jahrzehntelang missbraucht und den Missbrauch immer vertuscht und dafür gesorgt, dass die Kinderschänder ungeschoren davongekommen sind!

    Wer für seinen Glauben Geld an die Kirche zahlt ist unglaublich dumm!

    www.kirchenaustritt.de
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#6 JogoleinProfil
  • 14.07.2017, 15:03hAalen
  • Antwort auf #5 von 263zrehtgere
  • Man kann auch bei angebrachter und harscher Kritik Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen. Die Behauptung, die Kirche habe behauptet, die Erde sei flach ist halt leider eben so Unsinn wie die Aussage des Bischof, man habe sich für den 175er nicht interessiert.
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#7 hubbiAnonym
  • 14.07.2017, 15:15h
  • Antwort auf #4 von johannb
  • "Bei den Kirchen ist alles halb so wild, da die katholische Kirche noch warnte vor:
    - Frauenstudium
    - Verhütung
    ..."

    Nicht zu vergessen:
    Beim Kulturkampf zwischen Preußen und der katholischen Kirche vor fast 150 Jahren wetterte die katholische Kirche gegen die Einführung der Zivil-Ehe vor dem Standesamt, wohlgemerkt der heterosexuellen.

    Sie glaubte damals, der Staat hätte sich da nicht einzumischen.
    Und heute glaubt sie wohl immer noch, sie hätte die Definitionshoheit auch über die staatliche Zivil-Ehe.
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#8 ursus
  • 14.07.2017, 15:22h
  • Antwort auf #5 von 263zrehtgere
  • "Die Legende, die mittelalterliche Christenheit habe an eine Erdscheibe geglaubt, wird von der Historical Association of Britain als historischer Irrtum aufgelistet. Untersuchungen seit den 1990er Jahren zeigten, dass außer sehr wenigen Ausnahmen seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. gebildete Personen in der Geschichte des Westens nicht annahmen, die Erde sei flach, und dass die Kugelgestalt der Erde die dominante Lehrmeinung blieb.
    Zur Verbreitung der im 19. Jahrhundert aufgekommenen Legende, der mittelalterliche Mensch habe an eine Scheibengestalt geglaubt, trug die Erzählung Das Leben und die Reisen des Christoph Columbus (1828) von Washington Irving bei."

    de.wikipedia.org/wiki/Flache_Erde

    zu den erwähnten "gebildeten personen" zählte auch und insbesondere der damalige klerus. ideologisch problematisch war für die katholische kirche nicht die kugelgestalt der erde, sondern das heliozentrische weltbild.

    es ist ironisch, dass ein klassiker der kirchenkritik selbst auf einer langlebigen lüge basiert.
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#9 orchidellaProfil
  • 14.07.2017, 15:27hPaderborn
  • Homophobie ist tief in der katholischen Doktrin verankert, weil offen gelebte Homosexualität - nicht anders als Masturbation, Pornographie, Prostitution, Empfängnisverhütung oder außerehelicher GV - als «Sünde» gebrandmarkt wird. Solange die KK sich von diesem Dogma nicht trennt und zur Sexualität eine unverkrampftere, lebensnähere Einstellung entwickelt, wird es einen wiirklich verständnisvollen Umgang mit LGBTIQ* nicht geben.
    Es sollte nicht vergessen werden, dass bis vor Kurzem diesem Personenkreis in kirchlichen Einrichtungen die Kündigung drohte.
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#10 finkAnonym
  • 14.07.2017, 15:40h
  • Manches ändert sich nie...

    1953:
    "Bischöfliche Stellungnahmen sahen in der Umsetzung des grundgesetzlichen Gleichheitsgrundsatzes durch die Abschaffung des männlichen Familienvorstands die abendländische Ordnung von Ehe und Familie zerstört. So schrieb der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, an Bundesjustizminister Thomas Dehler, dass der in Artikel 6 Absatz 1 des Grundgesetzes garantierte Schutz von Ehe und Familie ausgehöhlt werde, wenn in einer zu sehr am Individuum orientierten Auffassung der Gleichberechtigung Gleiches mit Ungleichem verglichen werde. Nur wenn die Gleichberechtigung der Frau darauf beschränkt werde, Gleiches gleich, aber Ungleiches verschieden zu behandeln, könne es gelingen, die Zerstörung der Familie zu verhindern."

    www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/katholischer-protest
    -gegen-reformen-des-eherechts-15100232.html


    Die Ehe in der Form, die zur Zeit der ersten Fassung unseres Grundgesetzes galt, ist seitdem schon mehrfach "zerstört" worden, immer begleitet von apokalyptischer Hysterie seitens der katholischen Kirche.

    Auch dieses Mal wird das geifernde Wüten der RKK rückblickend umso klarer als das erkennbar sein, was es jetzt schon ist: irrationale und menschenverachtende Hetze gegen demokratische Grundwerte.
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