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Postkolonialistische Selbstkritik

Eldorado andersrum

Mit der Sonderausstellung "Odarodle" beschäftigt sich das Schwule Museum* mit dem Einfluss des Kolonialismus auf die queere Geschichte – eröffnet wird sie heute mit einer Parade.


Sinnliche Form des Nachdenkens: "Odarodle" präsentiert Arbeiten von 16 Künstlern, die größtenteils extra für die Ausstellung angefertigt wurden (Bild: Michael Oswell / Schwules Museum*)

Aus einer postkolonialen Perspektive heraus nimmt die künstlerisch-forschungsbasierte Ausstellung "Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017" erstmals Archivbestände und die Geschichte des Schwulen Museums* Berlin in den Blick. Die Ausstellung lädt ein zum Nachdenken über problematische Zusammenhänge zwischen der musealen Darstellung von Homosexualitäten und den Darstellungsweisen der Ethnologie im Kontext des europäischen Kolonialismus.

"Odarodle" dreht das Wort "Eldorado" bewusst um. Der Ausgangspunkt des Projekts ist die Ausstellung "Eldorado", die 1984 im damaligen Berlin Museum in West-Berlin eröffnete. Ausgehend von rechtlichen, medizinischen und literarischen Diskursen über die "Natürlichkeit" von Sexualitäten und das gleichgeschlechtliche Begehren als "Identität", legte die Ausstellung ihren Fokus auf das kulturelle und soziopolitische Klima der Zwanziger- und Dreißigerjahre in Berlin.

Der queerste Nachtclub der Weimarer Republik

Der Titel der Ausstellung bezog sich auf das berühmte Kabarett "Eldorado", das als erstes seiner Art 1926 in der Martin-Luther-Straße in Berlin eröffnete und ein zweites Lokal 1928 an der Ecke Motzstraße-Kalckreuthstraße gründete. Bekannt war der Nachtclub für seine extravaganten Travestieshows.


Das "Eldorado" in der Motz- Ecke Kalckreuthstraße im Jahr 1932

Das "Eldorado" galt als sexuell und politisch diverser Begegnungsort, an dem Ortsansässige und Zugereiste zusammen kommen und feiern konnten. Das Lokal wurde zur symbolischen Heimat queerer Einwohner Berlins, die wenig später mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten jedoch als "entartet" – als widernatürlich – galten.

Dieser Hass auf Andersartigkeit ist nicht einfach aus dem Nirgendwo entstanden. Was die Ausstellung "Eldorado" ignorierte, nimmt "Odarodle" nun auf – die Geschichte der (Homo)sexualitäten ist tief verwoben mit Konzepten der Naturgeschichte. Hier schließlich taucht das dritte "Eldorado" – der koloniale Mythos – auf. Schon ab dem 16. Jahrhundert zeugen europäische Quellen von einer verschollenen Stadt aus Gold im Norden Amazoniens, an den Ufern des Orinoco-Flusses gelegen.

Diese Gerüchte befeuerten einen Wettlauf um Reichtum, Macht und Land. Die dort lebenden Wesen und ihre Umwelten wurden von Kolonisatoren als "Andere" wahrgenommen, exotisiert und erotisiert: Menschen und Nicht-Menschliches wurden als Proben dokumentiert und zu Forschungs – und Ausstellungszwecken, ferner zur Unterhaltung der Massen, nach Europa gebracht. Gleichzeitig wurden diese sogenannten "Naturvölker" und ihre Körper, Begehrens-, und Verwandtschaftsformen auf brutale Art und Weise als anders, abnormal, primitiv und fremdartig gekennzeichnet.

Selbstreflexion mit Hilfe der Kunst

"Odarodle" legt die Anachronismen der drei "Eldorados" in einer Serie von Inszenierungen dar, in die Werke von insgesamt 16 Künstlern eingebettet sind. Statt Kulturgeschichte didaktisch zu erzählen, wählt die Ausstellung künstlerische Forschungsarbeiten und damit eine sinnliche Form des Nachdenkens, das zugleich unterschiedliche Perspektiven und ungelöste Fragen erlaubt.

Die Sonderausstellung beginnt am Donnerstag, den 20. Juli um 16.30 Uhr mit einer Parade vom ehemaligen "Eldorado" in der Motzstraße 24 zum Schwulen Museum*, wo ab 18 Uhr die offizielle Eröffnung gefeiert wird. Bis Mitte Oktober wird sie von einem öffentlichen Programm begleitet, das u.a. Performances, Filme und Diskussionsrunden beinhaltet. Außerdem soll eine umfangreiche Forschungspublikation erscheinen. (cw/pm)

Infos zur Ausstellung

Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017. Sonderausstellung vom 21. Juli bis 16. Oktober 2017 im Schwulen Museum*, Lützowstraße 73. 10785 Berlin. Kurator: Ashkan Sepahvand. Beteiligte Künstler: George Awde, Daniel Cremer, Naomi Rincon Gallardo, Vika Kirchenbauer, Sholem Krishtalka, Renate Lorenz und Pauline Boudry, Lucas Odahara, Babyhay Onio, PPKK (Schönfeld und Scoufaras), Benny Nemerofsky Ramsay, James Richards und Steve Reinke, Emily Roysdon, Dusty Whistles. Vernissage am 20. Juli um 18 Uhr, Vor-Eröffnungsparade um 16.30 Uhr vom Supermarkt "Speisekammer im Eldorado" in der Motz- Ecke Kalckreuthstraße.


#1 goddamn liberalAnonym
  • 20.07.2017, 09:58h
  • Interessanter Ansatz.

    Wobei man auch hier die Faktenlage nicht übersehen sollte:

    Vom Herero-Völkermord und dem schon zu Kaisers Zeiten gottseidank abgesetzten 'Hänge-Peters' mal abgesehen, ist ein Großteil der 'westlichen' Kolonialgeschichte mitsamt ihren Massenmorden keine deutsche Angelegenheit.

    de.wikipedia.org/wiki/Carl_Peters

    Wir haben andere Leichen im Keller.

    Weil wir kein wirklich 'westliches' Land sind.
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#2 Gaspard Chavez PeresAnonym
  • 20.07.2017, 12:32h
  • Nett, dass sich nun künstlerische Darstellungen und historische Forschung im Schwulen Museum ergänzen.

    Ich hoffe nur, das erhöht nicht die Schwellenängste beim Zielpublikum.

    Vielleicht muss man das ganze Zeug mal nehmen und für einen Abend in eine Rammelsauna, Glitzerdisko oder Bahnhofstoilette tragen.

    Perlen vor die Säue!
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#3 goddamn liberalAnonym
#4 Gaspard Chavez PeresAnonym
#5 JamboAnonym
  • 20.07.2017, 18:01h
  • Also auch diese Ausstellung werde ich mir ansehen. Da dies ja wohl als Pendant zur Kolonialausstellung im DHM zu sehen ist.
    Diese fand ich jedoch schon ziemlich schäbig und oberflächlich. Ebenso die Begleitliteratur.
    Ich pflichte mich meinen Vorschreibern bei wenn diese sagen Perlen vor die Säue.
    Zudem mit dem "Kolionalproblem" beschäftigen sowieso nur wir uns weil wir keine anderen Sorgen u d Probleme haben.
    Wer Afrika kennt und es liebt der weiß das die Bevölkerung dort andere aber ganz andere Probleme hat sich mit Themen auseinander zu setzen die über 100 Jahre alt sind.

    Und zum Thema noch. Mein Nickname
    JAMBO ist kisuaheli die Verkehrssprache in Ostafrika (Kenia Tansania usw.) i d bedeutet dort so viel wie

    Hallo wie geht's dir.

    Lest lieber Pipi Langstrumpf im Taka Tuka Land
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#6 TheDadProfil
  • 21.07.2017, 21:49hHannover
  • Antwort auf #2 von Gaspard Chavez Peres
  • ""Perlen vor die Säue!""..

    Was dann hier einmal mehr verdeutlichen soll, Menschen Deines Schlages gehen als Kultur-Interessierte in Museen, diskutieren bei Tee&Gebäck die Klassiker, und unterhalten sich äußerst angeregt über die Kulturschaffenden, während die "Säue" sich ausschließlich in ""Rammelsauna, Glitzerdisko oder Bahnhofstoilette""
    verlustieren..

    Interessanterweise weiß man
    (und das tortz deiner hochgeistigen selbstgespräche unter verschiedenen nicks)
    aus den Viten diverser dieser Kutlur-Schaffenden :
    Sie waren nur allzugerne selbst auch "Säue"..

    Geh mal irgendwohin zum Poppen, denn Dein ständiges Derailing hier nervt wirklich ungemein !
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