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In eigener Sache

Warum wir uns gegen eine einstweilige Verfügung von Jens Riewa wehren

Der "Tagesschau"-Sprecher ging gegen einen Bericht auf queer.de vor, der sich u.a. mit seinen früheren Klagen gegen schwule Medien beschäftigte.


Darf noch gezeigt werden: Jens Riewa (li.) beim gemeinsamen Selfie mit dem schwulen Designer Guido Maria Kretschmer (Bild: Raimond Spekking / wikipedia)
  • Von Micha Schulze
    25. Juli 2017, 15:11h, noch kein Kommentar

Am 20. Mai haben wir auf queer.de wahrheitsgemäß über eine Fernsehsendung des TV-Entertainers Jan Böhmermann berichtet, in der es u.a. um Jens Riewa und die Einschätzung seiner sexuellen Orientierung durch die Öffentlichkeit ging.

Mit einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Hamburg vom 20. Juni ist der "Tagesschau"-Sprecher gegen die Überschrift des Artikels, den Teaser sowie mehrere Zitate vorgegangen, u.a. aus der "taz" und aus einem Dossier des Bundesverbands Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ). Diese dürfen wir seitdem nicht weiter verbreiten – bei Androhung eines Ordnungsgeldes bis zu 250.000 Euro oder sechs Monaten Haft.

Unser Anwalt Niko Härting hat heute Widerspruch gegen die Verfügung eingelegt. Vor deren Erlass, zu dem queer.de nicht gehört wurde, hatten wir die Abgabe einer Unterlassungserklärung abgelehnt.

In dem Bericht vom 20. Mai erinnern wir an Jens Riewas fast zwanzig Jahre währenden Kampf um seine heterosexuelle Ehre. 1998 klagte er sowohl gegen das Homomagazin "Adam", das ihn als "schwuler Moderator" bezeichnet hatte, als auch gegen den Querverlag, der den Nachrichtensprecher in seinem schwul-lesbischen Promilexikon "Out!" gelistet hatte. In Vergleichen erzielte er ein Schmerzensgeld von 15.000 bzw. 5.000 Mark. Ursprünglich hatte er vom Querverlag sogar 50.000 Mark verlangt.

Die einstweilige Verfügung erschwert uns, den Inhalt und Zweck des Artikels wiederzugeben. Um aber eines klarzustellen: Unser Thema ist nicht, ob Jens Riewa auf Frauen oder Männer steht, dazu haben wir keine Aussagen getroffen, das ist auch völlig irrelevant. Uns geht es allein um seine notorische Homopanik. Oder wie es unser Anwalt etwas sachlicher in der Widerspruchs-Begründung formuliert:

"Die Antragsgegnerin gibt kein Klatschblatt und keine Boulevardzeitung heraus. Sie betreibt vielmehr einen Online-Informationsdienst mit Berichten für ein vorwiegend homosexuelles Publikum. Die Berichterstattung über die Bemühungen des Antragstellers, gegen jedweden Zweifel an seiner Heterosexualität vorzugehen, soll nicht primär die Neugier des Publikums nach den privaten Angelegenheiten des Antragstellers befriedigen. Die Antragsgegnerin leistet vielmehr einen Beitrag zur Bildung der öffentlichen Meinung (vgl. BGH, a.a.O., Rdnr. 30), indem sie die unterschwellige Homophobie eines Prominenten zur Diskussion stellt, die in energischen Bemühungen zur Verteidigung eines heterosexuellen Selbstbilds nach Auffassung weiter Teile der Öffentlichkeit zum Ausdruck kommt."


Dass sich Jens Riewa in seiner Klage gegen queer.de auf den Schutz seiner Privatsphäre beruft, ist aus unserer Sicht unglaubwürdig und unzulässig, schließlich hat er seine Nicht-Homosexualität selbst in der Öffentlichkeit zum Thema gemacht. Bis heute ist etwa sein ausführliches "Focus"-Interview mit der reißerischen Überschrift "Ich bin nicht schwul" online, in dem er der "organisierten Schwulenbewegung" vorwirft, ihn "als Spielball ihrer Machtkämpfe [zu] instrumentalisieren".

Aus unserer Sicht offenbart Riewa mit seiner Klage gegen queer.de ein sehr fragwürdiges Verhältnis zur Pressefreiheit. Bei dem verbotenen Zitat vom BLSJ handelt es sich in den Worten unseres Anwalts um eine "zutreffende Berichterstattung über die Vorkommnisse aus dem Jahr 1998", bei dem Satz aus der "taz", den wir entfernen mussten, um eine "tatsachenfreie" Meinungsäußerung, die im Archiv der in Berlin erscheinenden Tageszeitung nach wie vor online ist. (Der BLSJ hat die beanstandete Passage nach einer Drohung Riewas leider geändert.)

In Niko Härtings Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung heißt es zusammenfassend:

"Von einer Stigmatisierung oder Benachteiligung des Antragstellers kann nicht ausgegangen werden. Der Antragsteller hat seine Heterosexualität in der Öffentlichkeit selbst zum Thema gemacht. Gerade ein in der öffentlichen Wahrnehmung regelmäßig auftretender Moderator der 'Tagesschau' sollte als Vorbild dienen und keine Homophobie erkennen lassen."

Und weil natürlich selbst der "Verdacht", dass ein Prominenter nicht heterosexuell sein könnte, weder eine Beleidigung noch eine üble Nachrede ist, haben wir uns trotz eines möglicherweise langen und teuren Verfahrens zum Widerspruch entschlossen. Homosexualität ist niemals ehrrührig!

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