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Die "Meistersinger" als XXL-Schwulenspektakel?

Anders als die andern: Barrie Kosky in Bayreuth

In diesem Jahr inszenierte erstmals ein Künstler die Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele, der sich selbst als "schwules jüdisches Känguru" bezeichnet.


Barrie Kosky lässt "Die Meistersinger von Nürnberg" im Wohnzimmer von Villa Wahnfried aufführen (Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Natürlich ist Barrie Kosky nicht der erste homosexuelle Künstler, der bei den Bayreuther Festspielen arbeitet – das war vermutlich eher der Maler Paul Joukowsky, der 1880 die Wagners kennenlernte, mit Richard durch Italien reiste und für die Uraufführung des Bühnenweihfestspiels "Parsifal" 1882 die Dekoration entwarf, basierend auf Eindrücken aus Ravello und Siena.

Wohin ihn auch sein Lebensgefährte Peppino begleitete, der bei den Wagners gern gesehen war und mit dem sie später ihren eigenen Sohn Siegfried auch auf Reisen schickten. Ohne jegliche Berührungsängste. Das Kind wurde als Mann seinerseits schwul und engagierte als Erbe und Festspielleiter zwischen 1906 und 1930 gleichfalls viele schwul-lesbische Künstler auf den Grünen Hügel.

In den meisten Fällen wissen wir davon nur, weil es in der NS-Zeit Gerichtsverfahren wegen des Paragrafen 175 gab und weil bei den Untersuchungen diverse "Intimitäten" ans Licht kamen, zu denen vorher alle versucht hatten, sie im Dunkeln zu belassen.

Die "sexuellen Psychopathen" von Bayreuth


Sechseinhalb Stunden "schwarze Wagner Comedy" (Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Wirklich nachlesen kann man eine schwul-lesbische Geschichte der Bayreuther Festspiele nirgends. Was erstaunlich ist, weil es zu keinem Komponisten der Welt so viel Literatur gibt zu den homosexuellen Fans wie bei Wagner.

Das geht bereits 1873 los mit Dr. Th. Puschmann und "Richard Wagner: Eine psychiatrische Studie" (worin der Autor schreibt, Wagner sei "psychisch nicht mehr normal" wegen seines Interesses an "Männerliebe"). Es folgten 1895 so berüchtigte Werke wie Oskar Panizzas "Bayreuth und Homosexualität" (wo "Parsifal" als "Ersatzbefriedigung für Päderasten" bezeichnet wird) oder Bücher wie das des italienischen Kriminologen Cesare Lombroso, der 1897 Wagner in "Genio e degenrazione" einen "sexuellen Psychopathen" nannte.

Einen echten bebilderten Überblick über die "Diversität" bei den Festspielen, von den Anfängen an, gibt es aber nicht, obwohl viele historische Fakten zusammengetragen wurden von Laurence Dreyfus in "Wagner and the Erotic Impulse" (2010), allerdings nur in einem Kapitel und nicht mit Bezug auf die Aufführungsgeschichte im 20. Jahrhundert. Vermutlich, weil es viele Menschen bis in die jüngste Vergangenheit peinlich fanden, wenn ihre Idole geoutet wurden und damit – aus ihrer Sicht – "beschmutzt" mit Gerüchten und Gerichtsverfahren, die man lieber mit dem Mantel des Schweigens bedecken will. (Siehe die Diskussion um Eva Riegers Biografie der Sopranistin Frida Leider, 2017, in der Gerüchte um Leiders Lesbischsein nicht mal thematisiert werden und die lesbische Haushälterin, mit der sie 30 Jahre zusammenlebte, nicht mit einem Wort erwähnt wird.)

Sogar prominente Regisseure, Sänger und Dirigenten aus jüngerer Zeit, die in Bayreuth hoch verehrt werden und von denen jeder weiß, dass sie schwul oder lesbisch sind, haben ihre Homosexualität nie zu einem zentralen Aspekt ihres Wesens erklärt, wenn sie über sich und ihre Arbeit sprachen.

Das wichtigste Musiktheaterevent des Jahres

Das ist bei Barrie Kosky anders. Und damit ist sein Debüt bei den 106. Wagnerfestspielen dieses Jahr dann doch anders als bei den andern: denn der Australier Kosky hat schon immer von sich selbst, äußerst medienwirksam, als "schwulem jüdischen Känguru" gesprochen und damit drei zentrale intersektionale Kategorien angeführt, die ihn als Persönlichkeit prägen. Die "New York Times" hat diese Selbstcharakterisierung Koskys diese Woche sogar als Überschrift für einen Artikel verwendet und dem "flamboyanten und vielbeschäftigten" Regisseur eine "exzentrische Sensibilität" attestiert, mit der er – von Wagner bis zu Cole Porter, Paul Abraham und griechischen Tragödien von Euripides – alles inszeniere.

Und nun folgt also die Eröffnungspremiere der Bayreuther Festspiele, von der nicht wenige Menschen meinen, es sei das wichtigste Musiktheaterevent des Jahres – zumindest eins, das maximale Aufmerksamkeit bekommt, inklusive Bericht in den "Tagesthemen".

Jetzt wird also die vielfach als "reaktionär" verschriene Welt der Wagnerianer in Bayreuth mit einem offen schwulen Künstler konfrontiert, der in vielen seiner erfolgreichen Inszenierungen seinen schwulen Blick auf die Welt zelebriert: mit Cross-dressing, halbnackten Tänzerhorden, Glitzerkostümen, Federboas und sonstigem Drag-Arsenal – und mit überlebensgroßen Diven, die niemand so wunderbar darstellt wie Dagmar Manzel.


Barrie Kosky bei einer Probe zu den "Meistersingern" (Bild: Enrico Nawrath)

Im Vorfeld der Bayreuth-Premiere an diesem Dienstag hatte Kosky bereits in einem Statement fürs Schwule Museum* verkündet (im Zusammenhang mit der dortigen Siegfried-Wagner-Ausstellung): "Als schwuler Regisseur bringe ich natürlich meine queere Perspektive in die künstlerische Auseinandersetzung mit Wagners Werk ein – so auch in meiner Bayreuther Inszenierung von 'Die Meistersinger von Nürnberg', in denen im Grund kein Tropfen Queerness steckt. Insbesondere als Person halte ich Richard Wagner für queer und damit für besonders spannend: Da wäre zum einen die Beziehung zu Ludwig II., die ich wenn auch nicht als sexuell, dann doch zumindest von Ludwigs Seite aus als homoerotisch bezeichnen würde. Und zudem deutet seine in den letzten Jahrzehnten aufgedeckte Besessenheit für rosa Seidenunterwäsche und Korsette darauf hin, dass Wagner ein Cross-Dresser war. Parsifal in Dessous komponiert! Was für eine Vorstellung!!!"

Nachdem Barrie diesen Ansatz auch in einer eigenen Talk-Veranstaltung im Museum ausgeführt hatte, war die Erwartung groß: Wie würden seine queeren "Meistersinger" aussehen, die sich die gesamte Politikprominenz anschaut, mit Kanzlerin Angela Merkel in der ersten Reihe der VIP-Loge? Wie würden Zuschauer auf solche Queerness reagieren, wie Zeitungsleute darüber berichten im vielfach homophoben deutschen Feuilleton?

Homosexualität ist in Bayreuth "Privatsache"

Da fiel im Vorfeld bereits auf, dass es zwar unüberschaubar viele Porträts und Interviews mit Barrie und seinem attraktiven Schweizer Dirigenten Philippe Jordan gab, aber niemand außer der "New Yorker Times" das Wort "schwul" in den Mund nahm bzw. beide Herren nach ihrer sexuellen Orientierung und dessen Bedeutung für ihre Kunst fragte. Tut man das in Bayreuth nicht, oder leben wir in solch post-schwulen Zeiten, dass sich die Frage danach erübrigt?

Stattdessen wurde wieder und wieder nach Wagner und dessen Antisemitismus gefragt, auch bei der offiziellen Pressekonferenz am Tag vor der Premiere. Und Barrie antwortete brav, was er als jüdischer Australier aus einer Familie von Emigranten vom notorischen Antisemiten Wagner und einem von völkischer Vereinnahmung gezeichneten Werk wie den "Meistersingern von Nürnberg" hält, nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935, nach Auschwitz und nach den Nürnberger Prozessen.

Queerness interessierte die fragende Medienwelt auch hier nicht – obwohl es zum queeren Wagner nun wirklich deutlich weniger Artikel gibt als zu dem gründlich diskutierten NS-Themenkomplex, auch und gerade mit Bezug auf Bayreuth.

Macht alles nichts: Mit diesem historischen Thema und entsprechenden Bildern schaffte es Kosky in die "Tagesthemen", denn wie's scheint funktioniert dieses Thema in Deutschland immer. Während man um Homosexualität lieber einen Bogen des dezenten Schweigens macht. Ist ja auch "Privatsache". Und schließlich sollen Wagner und die Wagnerfestspiele keine Minderheitenveranstaltung sein.

Auch nicht kurz nach der Eheöffnung und den vielen Kommentaren, die erklärten, wieso dieses Minderheitenthema alle angeht. Aber da ging's ja auch um Politik, nicht Kunst und Oper. Bei der warnen Kritiker lieber vor der Verschwörung der Opernschwulen, die die Weltherrschaft übernehmen wollen (wie Johannes Kram unlängst so schön titelte).

Premiere mit Königin Silvia und Claudia Roth

Und dann war's endlich soweit: Premiere im strömenden Regen, Vorfahrt der Staatsgäste inklusive Königin Silvia von Schweden samt Ehemann, dahinter irgendwo Regine Sixt und Claudia Roth. Was für eine Kombi. Es folgten sechseinhalb Stunden "schwarze Wagner-Comedy", in denen Kosky das Werk im Wohnzimmer von Villa Wahnfried im Familienkreis aufführen lässt: mit Wagner selbst als Hans Sachs (Michael Volle), einem Wagner-Double als Ritter Stolzing (Klaus Florian Vogt), Cosima als Eva und Sängerpreis (Anne Schwanewilms), Franz Liszt als Vater Pogner (Günther Groissböck) sowie dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi als Stadtschreiber Sixtus Beckmesser (Johannes Martin Kränzle).

Auf dieses "Wahnfried-Idyll" haut Kosky dann mit dem Hammer der Geschichte. Entsprechend heißt sein Beitrag im Programmheft auch "If I had a hammer". Der ganze Historismus, die Nürnbergverherrlichung, dieses endlose Besingen der deutschen Kunst und deutschen Meister, die Vereinnahmung dieses arischen Ideals durch die Faschisten und die gerade Linie von Wahnfried zu den Nürnberger Entnazifizierungsverfahren – das alles sieht man, irgendwie.

Sogar ein richtiges Pogrom kommt vor, in der notorischen Prügelfuge des zweiten Akts, wo die Bürger von Nürnberg sich auf den armen Beckmesser stürzen und zusammenschlagen. Der setzt sich dazu eine karikierende Judenmaske auf und eine gigantische Fratze à la "Jud Süß" bläst sich dahinter überdimensional auf: Kasperletheater und Maskenspiel, deutsche "Komödie" und "Tragödie", alles auf einmal. Das war ein starkes Bild, das stärkste des Abends, würde ich sagen.

Die queere Inszenierung blieb aus

Aber war es auch queer? Irgendwo erklärte Barrie, dass die Wertschätzung der "Meisteringer" davon abhänge, mit wem man sich auf der Bühne identifiziert und zu welcher Zuschauergruppe man gehöre. Als "schwules jüdisches Känguru" identifiziert sich Barrie – wenig überraschend – nicht mit Hans Sachs oder Stolzing, sondern mit dem Außenseiter Beckmesser, der verschiedene antisemitische Züge von Wagner mitbekommen hat (als Karikatur auf den jüdischen Kritiker Eduard Hanslick).


Außenseiter Beckmesser (Bild: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Gleich im ersten Akt gibt's eine beklemmende Szene, die vermutlich jedem homosexuellen Menschen bekannt vorkommt und unter die Haut geht: Da sitzen alle Wagners zusammen und beschließen gemeinsam zu beten, auf den Knien und fortwährend Kreuze schlagend. Nur Beckmesser macht nicht mit und weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll. Er fällt aus dem Rahmen, obwohl er das nicht will.

Er ist "anders als die anderen" und man sieht förmlich, wie unangenehm ihm das ist. Er denkt nach und sucht einen Weg, nicht hervorzustechen. Schlussendlich geht er widerwillig auf die Knie und versucht sich anzupassen. Aber man merkt, dass das nicht geht. Es ist dies eine Urerfahrung fast aller homosexuellen Menschen.

Kein Happy End für Beckmesser

Es bleibt in Koskys "Meistersingern" die einzige queere Ebene: Beckmesser als zentrale Außenseiterfigur, der die volle Aufmerksamkeit des Regisseurs gilt. Das führt – besonders auch wegen der eindrücklichen Gestaltung von Johannes Martin Kränzle – zu einer ungewöhnlichen Verschiebung der Sympathien im Stück, denn eigentlich ist Beckmesser die Witz- und Nebenfigur.

Aber es endet mit Beckmesser auch bei Kosky so wie immer: am Schluss fällt dem Regisseur zu dieser Verlachung des Außenseiters nichts Neues oder Anderes ein. Es gibt kein Happy End für Beckmesser, er geht einfach ab und ist weg. Schluss.

Noch bemerkenswerter: Ich habe bislang keine Kritik gefunden, wo auf diese Gebetsszene im ersten Akt eingegangen worden wäre. Scheinbar übersehen heterosexuelle Rezensenten (und Zuschauer) sie einfach, weil sie keine Erfahrungsebene aus ihrem eigenen Erleben ist?

Wer diesen Sommer nach Bayreuth pilgern will – wo "die Deutschen den Festspielhügel wie Mekka umkreisen, auf der Suche nach Erlösung", wie Kosky in einem Queer-Wagner-Talk im Schwulen Museum* sagte -, um endlich mal eine wirklich grandiose "schwule" Wagnerproduktion mit queerer Festwiesenrevue zu sehen, die vergleichbar wäre mit Koskys durchpulsten Spektakeln an der Komischen Oper, wo Choreograph Otto Pichler die Boys und Girls tanzen lässt, der wird enttäuscht sein.

Kosky und sein Dramaturg Ulrich Lenz wollen mit ihren "Meistersingern" etwas anderes erzählen. Das fand ich persönlich enttäuschend, weil es in Bayreuth (wie anderswo) schon so viele Produktionen gab, die in Wahnfried spielten und/oder auf den Nationalsozialismus Bezug nahmen: Wir erinnern uns an Stefan Herheims grandiose "Parsifal"-Deutung, die in wirklich jeder Hinsicht queerer war als diese "Meistersinger". Und nebenbei bemerkt genauso viel deutsche Geschichte unterbrachte, wenn nicht sogar mehr, plus eine überwältigerendere Bühnenshow.

Dass Kosky aus dem Dreiklang seiner Selbstbeschreibung nicht das schwule Element in den Vordergrund gestellt hat bei seinem Bayreuth-Debüt, ist selbstredend sein gutes Recht. Es wäre aus meiner Sicht bei den Festspielen zwar der innovativere Ansatz gewesen. Aber vielleicht hat Kosky sich gedacht, mit dem jüdischen Thema – von ihm als skurrile Lubitsch-Klamotte inszeniert – verstört er mehr, erreicht er mehr Menschen, stößt er mehr zum Nachdenken an?

3sat zeigt die Inszenierung am Freitag

Am Freitagabend (28. Juli) um 20.15 Uhr kann man die "Meistersinger" im Fernsehen sehen und sich selbst ein Bild machen. Am Ende feierte das Publikum jedenfalls die Regie und das Solistenteam mit frenetischem Beifall. Buh-Rufe gab es nur für Anne Schwanewilms und den Dirigenten.

Und auch wenn diese Produktion kein Meilenstein in der schwul-lesbischen Inszenierungsgeschichte der Bayreuther Festspiele war (vergleichbar mit Siegfried Wagners "Tannhäuser" von 1930), so war doch Barrie Koskys Erscheinen auf dem Grünen Hügel ein solcher Meilenstein. Denn nach all den Künstlern, die ihre Homosexualität geheim halten mussten wegen der gesellschaftlichen Umstände, die erpresst wurden, die Selbstmord begingen, die Scheinehen eingingen zur Wahrung des bürgerlichen Scheins, die Angst davor hatten, vor zu viel schwulem Einfluss selbst schwul zu werden (wie Wieland Wagner) – nach all diesen Künstlern also und ihren Biografen, die auch nicht auf Homosexualität eingehen woll(t)en, ist Barrie Kosky durchaus eine Art Befreiungsschlag.

Und nachdem mir am Morgen nach der Premiere eine Society-Dame vom Wagner-Verband beim Frühstück im Hotel erklärte, dass Kosky ihr mit dieser Geschichtsstunde zum Antisemitismus "ihren" Wagner kaputt gemacht habe, dachte ich: "Ach, Barrie, das war dann doch sehr gut so, wie du dich entschieden hast, denn offensichtlich gibt's da in vielen Wagnerköpfen noch so viel selbst gewählte Ignoranz, dass man da 2017 zuerst mit dem Hammer drauf hauen muss. Immer noch und immer wieder."

Wer weiß, vielleicht packt Kosky und/oder Katharina Wagner als Festspielleiterin demnächst nochmal den Hammer aus und zerschlägt nach der nicht enden wollenden Verweigerung vieler Wagnerianer, sich dem Antisemitismus ihres Idols zu widmen, auch die anhaltende Homophobie der weltweiten Wagner-Gemeinde? Immerhin: Es gab einen schwulen Meister, der dauernd an Stolzing herumbaggerte; was aber nur für einige Lacher und keine eigene Interpretationsebene sorgte. Da ist also ebenfalls noch viel Luft nach oben.



#1 puschelchenProfil
  • 27.07.2017, 21:21hirgendwo in nrw
  • Man schlage mich tot, aber ich werde mit Wagner einfach nicht warm. Im Gedächtnis blieben mir Wagners Alter Egos, die aus dem Flügel gekrabbelt gekommen sind. Und die bedrückende/erdrückende Szene bei den Nürnberger Prozessen, den Tisch reich gedeckt bekommend. Über acht Stunden und drei Flaschen Rotwein später, bewundere ich besonders die Leistung aller, die hinter der Bühne rumgewuselt sind. Allein die Applausordnung hätte mich (jahrelanger Regieassistent) in den Wahnfried...öhm...Wahnsinn getrieben.

    Was wirklich klasse war, waren die Moderatoren von "sky1". Zwischendrin ein wenig wagnersche Familiengeschichte nebst aller Streitigkeiten, ein Wagner-"Memory", und mit Wigald Boning, einer ergrauten Ina Müller und Thomas Hermanns (der scheint echt ein musikalisches Allround-Talent zu sein) eine enorme Kompetenz nebst beeindruckender Interpretationen direkt danach.
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#2 Monika BeerAnonym
  • 27.07.2017, 21:47h
  • Lieber Kevin Clarke,
    anders als die andern waren in der jüngeren Festspielgeschichte zum Beispiel Pierre Boulez und Patrice Chéreau mit ihrem unvergesslichen Jahrhundert-"Ring". Und nicht wenige Wagnerianer, die 1976 noch heftige Buhrufer waren, haben mit der Zeit begriffen, dass die besondere Qualität der Inszenierung tatsächlich unter anderem auch deshalb gegeben war, weil der schwule Regisseur einen anderen Blick auf die im Stück gegebenen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse hatte und damit sowohl die männlichen als besonders auch die weiblichen Figuren so viel wahrhaftiger und berührender zeichnen konnte. Er sollte sich später, wenn ich richtig informiert bin, als der erste Festspielregisseur überhaupt, auch öffentlich outen. Aber Chéreau hat das sicher nicht getan, weil er in Bayreuth inszeniert hat und dadurch weltberühmt wurde. Jedenfalls sind in meiner inzwischen über fünfzigjährigen Erfahrung schwule Künstler am Grünen Hügel kein Thema.
    Barrie Kosky ist, wie Patrice Chéreau, ein ausnehmend guter Regisseur. Und als solcher hat er verstanden, dass sein Schwulsein in Zusammenhang mit seiner "Meistersinger"-Inszenierung in Bayreuth nur eine untergeordnete Rolle spielen konnte, weil es für ein "schwules jüdisches Känguruh" in diesem Werk Richard Wagners aus hinlänglich bekannten Gründen eine weitaus wichtigere Baustelle gibt. Und genau da hat er bedeutende Pflöcke eingerammt: Über seine eindringliche Interpretation der Beckmesser-Figur (die Johannes Martin Kränzle genial umsetzt) zeigt er für mich eindeutig auf, dass Wagners Antisemitismus selbstverständlich auch in der Musik gegeben ist - was nicht wenige Wagnerianer und unter anderem der schwule Musikdirektor der Bayreuther Festspiele immer noch vehement abstreiten wollten. Was Kosky mit seiner Doppelfigur Sachs/Wagner macht, ist ebenfalls atemberaubend (und wird ebenso atemberaubend von Michael Volle umgesetzt).
    Als jemand, der eine Zeit lang die einzige Frau in einem Führungskreis von lauter Männern war und reichlich einschlägige Erfahrungen sammeln durfte, habe ich die Gebetsszene sofort so verstanden, wie sie wohl gemeint ist: als Bild einer demütigenden Ausgrenzung und Unterwerfung. Dass Sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Kritik keine weitere Rezension gefunden haben, die das auch gespiegelt hat, könnte auch daran liegen, dass es hauptsächlich Männer (und nur eine Handvoll Frauen) sind, die in den Kulturredaktionen das Sagen haben und bei wichtigen Terminen, wie es die Bayreuther Festspiele immer noch sind, sehr machomäßig als Meinungsmacher agieren, sich gleichzeitig gegen Kollegen abgrenzen und natürlich auch noch Recht haben wollen. Ob sie nun hetero oder schwul oder lesbisch sind.
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#3 goddamn liberalAnonym
#4 UeberzwergAnonym
  • 28.07.2017, 08:37h
  • Bei aller Liebe: ich sehe bei den Meistersingern kein Anknüpfungspunkt, um das Thema Homosexualität einzubringen. Es wäre ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Im übrigen ist dem werten Rezensenten offensichtlich entgangen, dass einer der Meistersinger als offensichtlich schwul gezeichnet war. Davon kann er sich bei der heutigen TV Ausstrahlung überzeugen.
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#5 Paulus46Anonym
  • 28.07.2017, 23:53h
  • Sehr sehr gut geschrieben und informativ !!!

    Der Artikel gehört sicherlich unter die TopTen des Jahres 2017 auf der Queer.

    Ein Lob von mir an den Autor...was ich längst nicht an jeden Queerautor vergebe.
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#6 orchidellaProfil
  • 29.07.2017, 01:50hPaderborn
  • Hm, mit Hans Foltz hat Kosky ja doch eine «queere» Figur in die Inszenierung geschmuggelt, die sich gleich an Stolzing ranmacht. Dieser «Regieeinfall» kam mir allerdings etwas aufgesetzt vor, wahrscheinlich war dieser «Bedeutungsüberschuss» für Kosky nur Mittel zum Zweck, ironische Distanz zum imaginierten biedermeierlichen Mürnberg-Idyll Wagners zu schaffen.

    Anders als Kevin Clarke fühlte ich mich in der Eingangsszene überhaupt nicht an Anpassungszwänge erinnert, denen ein schwuler Mann durch die heteronormative Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt ist. Solche Assoziationen sind nicht fernliegend, aber in diesem Fall hindert die Zugehörigkeit zum Judentum den Akteur (Wagners «Hausjuden» Hermann Levi, der später in der Figur des Beckmesser aufgeht) daran, sich zum christlichen Gebet niederzuknien. (Übrigens eine beachtliche darstellerische Leistung von Johannes M. Kränzle, mit offensichtlichen Anleihen an Veit Harlans infame «Jud Süß»-Verfilmung.)

    Meine Rückfrage an Kevin Clarke wäre: warum sollte von einem schwulen Regisseur unbedingt eine «queere» Interpretation erwartet werden, auch wenn das Stück dafür wenig bis keine Anhaltspunkte liefert (anders als vielleicht «Tristan» oder «Parsifal», hier schließe ich mich Ueberzwergs Meinung an)? Barry legt Levi/Beckmesser als einen von der Gesellschaft Ausgegrenzten an, als eine Projektionsfläche, die quasi von Angehörigen einer beliebigen Minderheit ausgefüllt werden kann.
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#7 goddamn liberalAnonym
#8 schwarzerkater
  • 29.07.2017, 15:05h
  • habe gestern auf 3sat nur den ersten akt der meistersänger angesehen. war das langweilig, im hintergrund ständig sinnfrei gesten und übertriebenste reaktionen auf denjenigen, der gerade sang. viele beschrieben den ersten akt ja noch als inszenatorisch den besten und humorvoll dazu. mir wars zu altbacken und die (stummen) gestenreichen akteure im hintergrund fand ich einfach nur peinlich.
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#9 Tim JansenAnonym
  • 02.08.2017, 18:05h
  • Vielen Dank für die differenzierte Kritik aus schwuler Sicht. Ich hatte das große Glück eine Karte für die zweite Vorführung zu ergattern und möchte sagen, dass mich selten eine Oprerninszenierung so gefesselt hat.

    Wagner sorgt mitunter nicht nur durch die Länge seiner Stücke dafür, dass ich von einer Pobacke zur anderen rutsche und irgendwann nicht mehr weiß, wie ich sitzen soll und mir nur noch den Schlussvorhang herbeisehne. Aber dieses Mal war alles anders.

    Kosky hat dieses Stück leicht und spannend erzählt, mit leichtem Witz und ständig in Bewegung (ich habe noch nie einen Chor so viel laufen gesehen). Bravo dafür!

    Wer die Meistersinger im Internet sehen möchte, in der Mediathek von BR Klassik ist das möglich:

    www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-1085164.html


    PS:
    Bin ich eigentlich der einzige, der in dem schwulen Meister, der so herrlich tuntig den "Jeansboy" Stolzing anbetet, eine Homage an Hermes Phettberg zu erkennen glaubt?
    (Wer Phettbergs Leben nach den Schlaganfällen verfolgen will, kann das bei seinen "Gestionen":
    www.phettberg.at/gestion.htm
    )
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