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Über 200 Verschleppte, dutzende Tote

Kadyrows Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Der russische LGBT-Verband hat seinen Detailbericht zu den anhaltenden Verschleppungen schwuler Männer in Tschetschenien veröffentlicht – und ein bedrückendes Video.


Ausschnitt aus dem neuen Video des LGBT Network, das versucht, das Grauen in Bilder und Worte zu fassen

"Sie sagten, dass ich kein Mensch bin, dass ich ein Nichts bin. Dass ich besser ein Terrorist wäre als eine Schwuchtel" – mit dieser Aussage eines Betroffenen ist der lange erwartete Bericht überschrieben, den das russische LGBT Network am Montag zur Schwulenverfolgung in Tschetschenien vorgelegt hat.

In den letzten vier Monaten hätten sich über eine eigens eingerichtete Krisen-Hotline 130 Menschen aus Tschetschenien und angrenzenden Regionen bei dem Verband gemeldet, gab er dazu bekannt. 64 konnte man in Notunterkünften unterbringen, die meisten von ihnen Männer zwischen 18 und 45 Jahren; in der Zahl inbegriffen sind auch zehn Angehörige von Verfolgten. 40 Menschen haben inzwischen mit Hilfe des Verbands Russland verlassen, einige konnten mit einem humanitären Visum auch nach Deutschland einreisen (queer.de berichtete).

Direktlink | "Unable to breath" – das LGBT Network hat am Montag auch diesen Zeichentrick veröffentlicht, der die Verfolgungswelle in all ihrer Gewalt und ihren Auswirkungen aus Betroffenensicht schildert.

Zusammen mit der Journalistin und Tschetschenien-Expertin Elena Milaschina, die am 1. April in der Zeitung "Novaya Gazeta" den ersten Bericht zur Verfolgungswelle veröffentlichte , dokumentierte der Verband anonymisierte Aussagen von 33 Betroffenen und stellte diese nun für einen knapp 30-seitigen Bericht zusammen (engl. PDF, russisch). Er bietet auch eine sehr lesenswerte Einordnung, wie die russische Politik dem Regime des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow quasi Immunität für sein Handeln zugestand und dieses Methoden wie Verschleppungen, Folter und außergesetzliche Tötungen nach dem Kampf gegen islamistische Gruppen auch zur Durchsetzung einer eigenen Gesellschaftsordnung nutzte – im Kampf gegen Oppositionelle und Journalisten, Alkohol- und Drogensüchtige, Jugendbewegungen oder nun auch Homosexuelle.

Aus Schikane wurde eine Säuberungswelle

Während es in den letzten Jahren immer wieder Erpressungen, Erniedrigungen und Festnahmen schwuler Männer durch Sicherheitskräfte gegeben habe, sei es im letzten Dezember zu einer ersten systematischen Verfolgungswelle gekommen, die bis Februar andauerte, so das LGBT Network. Eine weitere sei zwischen März und Mai erfolgt, seit Ende Juni sei nun eine dritte zu verzeichnen. Anders als frühere Verfolgungen seien diese außergesetzlichen Verschleppungen in zentrale ehemalige Militärlager durch starke Gewalt wie Folter gekennzeichnet – und hätten nicht die Erpressung der Betroffenen zum Ziel gehabt, sondern die Durchsetzung einer traditionellen Moral: Die "Reinigung" des tschetschenischen Blutes, wie es Kadyrow kürzlich in einem TV-Interview ausdrückte (queer.de berichtete).

Zur ersten Verfolgungswelle kam es den Zeugen zufolge nach der Festnahme eines offenbar Drogensüchtigen, auf dessen Smartphone die Beamten Dating-Apps fanden. Immer wieder kamen sie so weiteren Männern auf die Spur, die sie zuhause oder auf der Arbeit festnahmen. Einige Menschen wurden auch bei Routine-Auto-Kontrollen festgenommen. In mehreren außergesetzlichen Gefängnissen (das Network spricht in dem Bericht von vier, anderweitig von sechs) erfuhren die Verschleppten dann verbale und körperliche Gewalt – sie wurden schlechter behandelt als etwa ebenfalls inhaftierte Drogennutzer.

Die von den Betroffenen geschilderte Folter habe neben Beleidigungen, Hand- und Stockschlägen und Tritten auch Stromschläge sowie den Entzug von Essen, Getränken, Schlaf, Betten und Toiletten umfasst, so das Network in dem Bericht, der etliche erschütternde Aussagen von Betroffenen dokumentiert.


Von der "Novaya Gazeta" im April veröffentlichte Bilder von Opfern der Folter an schwulen Männern. Von der Zeitung und weiteren Medien verbreitete detaillierte Augenzeugenberichten der Prozedur hatte queer.de u.a. hier und hier veröffentlicht.

Ziel der Behandlung sei es gewesen, die Männer zu "brechen" und zur Preisgabe ihrer Kontakte zu zwingen. Den Männern, die bis zu zwei oder drei Wochen festgehalten wurden, seien Videoaufnahmen von der brutalen Folter von Terrorverdächtigen gezeigt worden. Die Männer wussten nicht, wann sie wieder freikommen würden. Mindestens drei hätten Selbstmord begangen, berichtet das Netzwerk, mehrere seien an den Folgen der Folter gestorben.

Bei den Beamten habe es sich um Angehörige der Sondereinheit "Terek" und um eine Bodyguard-Truppe Kadyrows gehandelt, aber auch um dem Innenministerium unterstellte Polizeibeamte und weitere Militäreinheiten. Sie übergaben die Betroffenen nach der illegalen Haft in öffentlichen Zeremonien an ihre Angehörige, mit dem Hinweis, sie sollten für diese eine Lösung finden und man werde entsprechende Taten nicht verfolgen. In Folge kam es zu einigen Ehrenmorden (auch einigen inszenierten) und dem "erzwungenen Verschwinden" von Menschen aus der Region. Insgesamt starben "dutzende" Männer im Rahmen der Verfolgungswelle, berichtet das Netzwerk.

Mehrere Männer belasteten in ihren Augenzeugenberichten den tschetschenischen Parlamentssprecher Magomed Daudow und den Polizeichef von Argun, Ajub Kataew, an der Folter und den "Entlassungs-Zeremonien" beteiligt gewesen zu sein. Kataew hatte kürzlich bei einer Vice-Reportage aus dem inzwischen geräumten Lager in Argun die Verfolgung abgestritten (queer.de berichtete); Daudow hatte betont, dass er Schwule verachte, ihnen aber nichts tue (queer.de berichtete).


Magomed Daudow (l.) mit Ajub Kataew in Argun

Der Bericht des LGBT Network beklagt ein Desinteresse der russischen Politik an den Vorgängen in Tschetschenien, mangelnde Ermittlungen der russischen Behörden (queer.de berichtete), denen sich tschetschenische Beamte widersetzten (queer.de berichtete), und fehlenden Schutz für Betroffene, deren in Tschetschenien verbliebene Angehörige zu Rückkehrbemühungen und zu Falschaussagen über die Behörden genötigt würden (queer.de berichtete). Der Verband will mit den gesammelten Augenzeugenberichten beim Internationalen Strafgerichtshof eine Anzeige gegen Ramsan Kadyrow stellen – die Taten stellten klar ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.

Neue Verschleppungen mit anderer Methodik

Anders als das Begleitvideo, das von bisher 200 Männern spricht, die wegen vermuteter Homo- oder Bisexualität verschleppt wurden, legt sich das LGBT Network in seiner Dokumentation nicht auf eine Zahl fest. Der Bericht sagt auch wenig zur neuesten, offenbar anhaltenden Verschleppungswelle. Der Aktivist Igor Koschetkow meinte gegenüber "Radio Free Europe", man sammle dazu noch belastbare Informationen.

Offenbar würden die Menschen nun nicht mehr in außergesetzliche Gefängnisse gebracht, sondern in reguläre, so Koschetkow. Auch werfe man den Männern nun – größtenteils erfundene – Vergehen vor, etwa Waffen- oder Drogendelikte. Offenbar legten die Männer falsche Geständnisse ab, auch im Versuch, ihre Homosexualität vor Angehörigen weiter geheim zu halten und ihr Leben zu retten.

Sorge auch über die Lage von Frauen

Der Bericht von Koschetkows Verband geht ansonsten noch näher auf die Lage lesbischer und bisexueller Frauen ein, die in den letzten Jahren vereinzelt ebenfalls ins Visier von Beamten gerieten und festgenommen und erpresst wurden, aber von den Verschleppungswellen nicht direkt betroffen seien. Sie seien allerdings in Tschetschenien und angrenzenden Regionen bereits als Frauen praktisch rechtlos. Ihre Rechte und Stimmen würden aufgrund religiöser und kultureller Gepflogenheiten unterdrückt, selbst wenn die eigene Familie säkular ausgerichtet ist.

Keine einzige Person sei in der Region bislang wegen des Ehrenmordes an einer Frau bestraft worden, sagte eine Augenzeugin. Eine andere berichtete von einer Scheinheirat, die aber öffentlich wurde und zu Gewaltdrohungen durch Verwandte führte. Von Gewalt durch Brüder oder Onkel berichteten mehrere Frauen, ebenso wie von der Flucht in andere Teile Russlands. Eine lesbische Frau wurde von Verwandten in Moskau aufgespürt und in die Heimat zurückgebracht. Eine Woche später war sie tot. Die Verwandten sprachen von einer Grippe; Quellen des Netzwerks vermuten, dass sie vergiftet wurde.

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#1 SebiAnonym
  • 31.07.2017, 22:30h
  • Und immer noch wird dieser organisierte Massenmord, Folter, etc. von offiziellen Stellen geleugnet und runtergespielt.

    Und die internationale Staatengemeinschaft sieht weiterhin weg.

    Diese "Säuberungen" sind nichts anderes als "ethnische Säuberungen", nur dass es hier nicht nach der Ethnie geht.

    Die Verantwortlichen gehören vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haas gestellt...
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#2 GerechtigkeitAnonym
#3 MerkwürdigAnonym
  • 31.07.2017, 22:37h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • "Und die internationale Staatengemeinschaft sieht weiterhin weg."

    Natürlich, denn die entscheidenden Leute, sprich die Spitzen der Wirtschaft, sagen: "wir brauchen den Handel mit Putin und mit Russland. Bitte keine Störgeräusche durch unnötiges Gefasel über Menschenrechte."

    Und Recht haben sie: was sind Menschenrechte im Vergleich zu Firmengewinnen? Im Neoliberalismus genau: nichts.
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#4 FinnAnonym
  • 31.07.2017, 22:55h
  • Wieso hat Deutschland (und viele andere Staaten) immer noch kein generelles Asylrecht für verfolgte GLBTI?

    Verfolgung aufgrund der sexuellen Identität oder sexuellen Orientierung muss endlich auch als genereller Asylgrund anerkannt werden!!
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#5 orchidellaProfil
  • 31.07.2017, 23:34hPaderborn
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • «Die Verantwortlichen gehören vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haas gestellt...»

    Nicht ohne Grund hat Putin Ende 2016
    das Gründungsstatut des Internationalen Strafgerichtshof annulliert. Das Gericht beabsichtigte nämlich die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zur russischen Annexion der Krim und zu dem bewaffneten Konflikt in der Ostukraine. Beide Ereignisse deuteten nach Ansicht der IStGH-Chefanklägerin auf einen bewaffneten internationalen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hin.

    Die UN-Generalversammlung hätte allerdings die Möglichkeit, einen unabhängigen Mechanismus (IIIM «International, Impartial and Independent Mechanism») zur Untersuchung dieser gravierenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu implementieren und die Tatverdächtigen von einem UN-Sondertribinal anklagen und aburteilen zu lassen. Mit der Einleitung unabhängiger Ermittlungen sollte die Weltgemeinschaft ein Zeichen setzen, dass sie die Untätigkeit der russischen Zentralregierung angesichts der Schwulenpogrome in Tschetschenien nicht hinnimmt. Wann ergreift der UN-Menschenrechtskommissar, der hier in erster Linie gefragt ist, endlich die Initiative?

    Darüber hinaus gehören die Gruppierungen, denen Kadyrows Vollstrecker angehören, auf die Terrorlisten von UN, EU und des amerikanischen Außenministeriums.

    Auf deutsche Unterstützung darf dabei nicht gezählt werden. Das Gabriel-Ministerium belässt es bei lauwarmem moralischen Appellen. In diesen Tagen, da die Gazprom-Profite durch das vom US-Kongress verabschiedete Sanktionspaket in Gefahr geraten, nimmt der Schulterschluss mit dem Kreml besonders groteske Züge an. Was zählen da Menschenrechtsverletzungen, vor denen die SPD seit Helmut Schmidts Zeiten nur zu gern die Augen verschließt, wenn es darum geht, mit autoritären Regimen lukrative Geschäfte zu machen.
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#6 DrakeAnonym
  • 31.07.2017, 23:41h
  • Es ist einfach so krank...

    und diese Situation zeigt uns wieder, wie gefährlich heteropatriarchalische Gesellschaften sind und wie gefährlich ist, Menschen nur mit der Religion zu erzeugen. Dann sind sie unfähig nachzudenken, heterosexuelle und weiße Männer besitzen alle Vorrechte und die andere werden von ihnen unterdrückt. Ab und zu sogar mit unserer Hilfe (seht einfach AfD und seine Absurdi-LGBTI, die nur Knete im Gehirn haben)

    P.S. Danke für einen so nützlichen Ausdruck g_kreis_advent, ;)
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#7 MarcAnonym
  • 01.08.2017, 00:34h
  • Ein Artikel, den Frau Kramp-Karrenbauer lesen sollte. So sieht es nämlich aus, wenn das "Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts erodiert".
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#8 seb1983
  • 01.08.2017, 07:13h
  • Antwort auf #3 von Merkwürdig
  • Der Handel mit Russland läuft nur noch auf Sparflamme wegen der gegenseitigen Sanktionen, grade haben die USA eine weitere Runde eingeleitet.

    Ein Freund hat Anfang des Jahres seinen Studentenjob verloren weil der Betrieb vorher viel nach Russland exportiert hat. Für ihn nicht so dramatisch, inzwischen drohen aber auch anderen dort Entlassungen.
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#9 Markusbln11Anonym
  • 01.08.2017, 09:00h
  • Das Thema Tschetschenien muss öffentlich auf die Tagesordnung des Petersburger Dialogs. Unsere Werte werden mitten in Europa mit Füssen getreten, ohne unterlass.

    Es kann nicht sein, dass hier business as usual läuft.
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#10 MerkwürdigAnonym
  • 01.08.2017, 10:08h
  • Antwort auf #8 von seb1983
  • "Der Handel mit Russland läuft nur noch auf Sparflamme wegen der gegenseitigen Sanktionen, grade haben die USA eine weitere Runde eingeleitet. "

    Und Deutschland geht es gut, wir haben Rekordbeschäftigung und die Löhne steigen seit Jahren. Und der Export sichert den Wohlstand von Millionen Deutschen...
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