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Der erste Schritt zur Ehe für alle

So war es vor 25 Jahren bei der "Aktion Standesamt"!

Am 19. August 1992 bestellten über 200 homosexuelle Paare in ganz Deutschland das Aufgebot. Als "taz"-Reporter war Micha Schulze damals in Berlin beim Protest gegen das Eheverbot dabei.


(L)SVD-Aktivist Axel Blumenthal und sein damaliger Freund Andreas kamen am 19. August 1992 sogar mit Mutti zum Standesamt Hannover (Bild: LSVD-Blog)

Vom Rauschebart des Berliner Familiensenators Thomas Krüger rinnt der Schweiß. Es ist unerträglich heiß im Berliner Homo-Switchboard "Mann- O-Meter", so schwül wie im Tropenhaus, fast so stickig wie im Stau. In einem dreißig Quadratmeter großen Raum quetschen sich über sechzig Menschen. Neun Kamerateams und gut zwei Dutzend Fotografen blenden den SPD-Senator, der zur Feier des Tages in ein altrosanes Jackett schlüpfte. Zu den Klängen Richard Wagners und zusammen mit einem lesbischen und einem schwulen Pärchen schneidet der PR-erfahrene Politiker eine Hochzeitstorte an.

Während Krüger seine Aufmerksamkeit abwechselnd dem Sahnebiskuit und Mikrofonen widmet, atmen die Aktivisten des "Schwulenverbands in Deutschland" (SVD) und der "Schwulen Juristen" auf. Ihre "Aktion Standesamt" war ein voller Erfolg. Im gesamten Bundesgebiet folgten über zweihundert lesbische und schwule Paare in rund fünfzig Städten ihrem Aufruf, um 11 Uhr auf dem örtlichen Standesamt das Aufgebot zu bestellen. Denn nach den Vorstellungen des Schwulenverbands sollen in Deutschland dänische Verhältnisse einkehren und Hochzeitsglocken auch für Homos läuten dürfen.

Aus Liebe, aber auch aus Überzeugung


Das Plakat zur Aktion wird im Archiv des Schwulen Museums' aufbewahrt (Bild: Schwules Museum*)

Der 25-jährige Selman und der 18-jährige Mario haben den Tag kaum erwarten können. Schon um 10 Uhr machen sich beide auf den Weg zum Standesamt im Berliner Bezirk Charlottenburg. Zur ihrer Überraschung werden sie von der Standesbeamtin freundlich empfangen und können ihren Antrag und ihre beglaubigten Urkunden problemlos einreichen. Selman und Mario wollen aus Liebe, aber auch aus politischer Überzeugung heiraten. "Es geht um Gleichberechtigung", sagt Mario, und sein künftiger Gatte Selman, ein Kurde, will um mehr Rechte für binationale Partnerschaften kämpfen.

Doch die Motivationen der schwul-lesbischen Hochzeitsschar sind sehr unterschiedlich. Beileibe nicht alle betrachten ihren Gang zum Standesamt als emanzipatorischen Akt. In Charlottenburg sind einige ältere Paare darunter, die seit Jahren zusammenleben, mit der Homoszene wenig zu tun haben und endlich Steuervorteile der Heteros in Anspruch nehmen wollen. Ein schwuler HIV- Positiver will durch Heirat rechtzeitig seinen Freund als Alleinerben festsetzen, um die verhassten Eltern um ihren Pflichtanteil zu bringen. Lesbische Pärchen stellen bei der "Aktion Standesamt" die Ausnahme.

"Gibt es nach dem Aufgebot denn keine Demo?", fragt der Reporter eines Kommerzsenders enttäuscht den Aktivisten des Schwulenverbands. Die Regenbogenpresse und die privaten Funkhäuser hatten sich vom Massenaufgebot mehr versprochen. Statt Fummel und Glitter gab es geschniegelte Pärchen und politische Argumentation.

Manche Bilder der Fotografen bringen die Stimmung aber auf den Punkt. Ein Pärchen posiert auf einer alten Holzbank, deren eingeschnitzte Inschrift nicht besser passen könnte: "Fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal". Geduld nämlich müssen die heiratswilligen Lesben und Schwulen aufbringen. Der Schwulenverband erwartet, dass die meisten Anträge auf Bestellung des Aufgebots abgelehnt werden. "Das soll jedoch den Auftakt für eine Prozeßlawine bilden", kündigt Sprecher Bodo Mende an. Man werde erst bei den Amts- beziehungsweise Kreisgerichten Widerspruch einlegen, um dann vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Grundsatzentscheidung zu erzielen.

Einzelne Standesämter ernten Buhrufe

Auf der Pressekonferenz im Mann- O-Meter werden die Erfahrungen aus den einzelnen Standesämtern zusammengetragen. Es ist wie an Wahlabenden, wenn die Spitzenergebnisse der Parteien in den einzelnen Wahlkreisen bekanntgegeben werden. "In Friedrichshain wurden wir ganz freundlich empfangen", brüllt einer von vorn. "Auch in Schöneberg waren sie aufgeschlossen", schallt es von hinten. Buhrufe dagegen für die Weigerung der Neuköllner Standesbeamten, die Aufgebotsanträge entgegenzunehmen. Erstaunlich ist vor allem, dass sich die meisten Bezirke nicht an eine Anweisung des Berliner Innensenators Dieter Heckelmann (CDU) hielten, die Aufgebotsbestellungen nicht entgegenzunehmen.

"Berlin, du kannst stolz auf deine Lesben und Schwulen und deinen Familiensenator sein", jubelt SVD-Sprecher Bodo Mende vor versammelter Presse. Die Hochzeitsschar johlt, und auch dem Berliner Senator Krüger scheint das Bad in der lesbisch-schwulen Menge gut zu tun. Erst am Dienstag hatten ihn die CDU-Kollegen in der Senatssitzung wegen seines Einsatzes für die Homo-Ehe gerügt. Doch Krüger läßt sich nicht beirren. "Wenn das erste Homopaar in Deutschland heiraten darf, bin ich dabei und spendiere einen Glückspfennig", verspricht er. Und an seinem Rauschebart kleben neben Schweißtropfen auch einige Tupfer Tortensahne.



#1 Florian_1990Anonym
  • 19.08.2017, 11:25h
  • Vielen Dank für die Einblicke! Als 90er Jahrgang habe ich das damals ja noch nicht mitbekommen.
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#2 stephan
  • 19.08.2017, 12:59h
  • Heute vor 25 Jahren waren wir schon ein knappes Jahr zusammen und haben das Aufgebot bestellt. Nach einem Vierteljahrhundert hat es der Nachfolgestaat der Nazis noch immer nicht geschafft, uns endlich heiraten zu lassen. An unserem Wohnort werden noch nicht einmal Termine für das Standesamt vergeben, solange die Ausführungsbestimmungen nicht da sind! ... Über die neuerlichen Kosten sind wir noch nicht informiert, aber warum sollte dieser Staat die bisherige Diskriminierung nicht in diesem Punkt auch noch fortsetzen!?! Wirklich unglaublich!
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#3 LaurentProfil
#4 stephan
  • 20.08.2017, 05:22h
  • Antwort auf #3 von Laurent
  • Wie dumm muss man eigentlich sein, immer neue - wenn auch vermeintlich unbedeutenden - Elementen der Diskriminierung zu rechtfertigen!

    Da sind wir doch einmal gespannt, ob wir für die bisherige Diskriminierung auch noch zum zweiten Mal zur Kasse gebeten werden. Es sind zwar nur recht kleine Beträge, aber die Sache ist schon bezeichnend!
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#5 LaurentProfil
  • 20.08.2017, 09:30hMetropolregion Rhein-Neckar
  • Antwort auf #4 von stephan
  • >>Wie dumm muss man eigentlich sein<<, nicht zu erkennen, dass es mir zunächst mal um den zeitlichen Ablauf geht!?

    Im Übrigen drängt sich mir der Eindruck auf, dass du enttäuscht wärst, kämen da nicht noch irgendwelche Gebühren und Kosten auf einen zu, sähe man sich dann doch wieder einmal "in seiner Diskriminierung durch den Nachfolgestaat der Nazis" bestätigt. Manche brauchen das und fühlen sich dann besser.
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#6 habemus_plemplem
  • 20.08.2017, 10:20h
  • Oh F**k, die 90er! Da war ich ein Teenie in einem dunklen Schrank in der Provinz und 24/7 damit beschäftigt, unglücklich in andere Jungs verliebt, aber bloß nicht schwul zu sein ... würd' mir auch nicht nochmal passieren! Aber lassen wir das.

    Jedenfalls hatte ich davon überhaupt nichts mitbekommen! Danke für die Info!

    Die Idee, sich massenhaft durch die Instanzen zu klagen, finde ich interessant und ich war gerade verblüfft, zu lesen, dass das tatsächlich schonmal versucht wurde. Wie ging diese Geschichte denn weiter? Soweit ich das zu wissen glaube, existiert ja kein einziges Urteil des BVerfG zu einem solchen Fall. Sind alle in einer niedrigeren Instanz gescheitert? Oder sind die Fälle gar nicht erst vor einem Gericht gelandet? Und in welchem Geschichtsbuch kann man das nachlesen?
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#7 habemus_plemplem
#8 Homonklin44Profil
  • 20.08.2017, 13:36hTauroa Point
  • In diesen Zeiten weilte ich in Canada, dereinst vom erzkatholisch-faschistoid vernagelten Provinznest raus abgedampft aus der Angst, was noch passieren könnte, wenn noch mehr Leute über mein ganzheitliches Sosein erfahren. In Toronto 2 Männer auf offener Straße küssen zu sehen, dort, wo das keinen kratzte, war ein Schlüsselerlebnis zu einem allmählichen, inneren Befreiungslauf.

    Schön zu sehen, dass es auch in Deutschland derzeiten so weit fortgeschrittene Maßnahmen gab. Man hätte sich das damals auf den schwäbischen Dörfern im Traum nicht vorzustellen gewagt.
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#9 stephan
  • 20.08.2017, 23:17h
  • Antwort auf #5 von Laurent
  • Außer Unterstellungen und recht dummen Sprüchen hast Du wohl leider wenig zu bieten! Das tut mir tatsächlich sehr leid!

    Nein, ich wäre nicht froh über weitere Diskriminierung, aber tatsächlich befürchte ich sie ... und hatte auf eine zeitnahe, einfache Regelung gehofft. Unserer Beziehung mehr Rechte zu geben, hätte auch einfacher sein können, denn dass wir die gegenseitige Fürsorgepflicht wollten, haben wir ja bereits beim Schließen der Lebenspartnerschaft bekundet.

    Aber akzeptiere Du ruhig, weitere zeitliche Verzögerungen, Diskriminierungen und das doppelte Abkassiertwerden und was da sonst noch kommt! Und ich werde dennoch all das laut sagen, deutlich aussprechen und betonen, wie ich mich auch nicht - trotz der für uns identischen Rechtswirkungen - mit der Lebenspartnerschaft abgefunden habe!
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#10 LaurentProfil
  • 21.08.2017, 00:01hMetropolregion Rhein-Neckar
  • Antwort auf #9 von stephan
  • Wer vom "Nachfolgestaat der Nazis" spricht, Kommentare mit Beleidigungen einleitet und "all das (Verzögerungen, Diskriminierungen, doppeltes Abkassiertwerden) laut sagen, deutlich aussprechen und betonen will", obwohl die Ausführungsbestimmungen noch gar nicht bekannt sind, was verständlicherweise eben seine Zeit braucht, sollte sich mit dem Vorwurf von Unterstellungen zurückhalten und den Ball flach halten.
    Ich bleibe bei meiner Aussage unter der #3.
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