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Staatshomophobie hautnah

Mein Besuch beim verbotenen CSD in Uganda

"All Out"-Geschäftsführer Matt Beard war in der vergangenen Woche bei den Pride-Organisatoren in Entebbe zu Gast – und erlebte bewegende Tage voller Verzweiflung, Trotz und Hoffnung.


Matt Beard (re.), Geschäftsführer von "All Out", mit Mitgliedern des Pride-Uganda-Organisationskomitees (Bild: Jakob Dall / Action Aid Denmark)

Während ich am Flughafen Entebbe auf mein Taxi wartete, schwelgte ich in Hoffnung und Vorfreude auf den CSD 2017 in Uganda. In den kommenden Tagen würden LGBTI-Personen endlich zusammenkommen, um im Rahmen von verschiedenen Veranstaltungen ihre Community, ihre Vielfalt und ihren Stolz zu feiern. Solche Momente sind selten und kostbar in Uganda. Es gibt äußerst wenige Gelegenheiten für LGBTI, die Stärke ihrer Gemeinschaft zu spüren. Der CSD ist wie ein Kraftstoff für Aktivistinnen und Aktivisten, die für ihre Rechte kämpfen.

Als mein Taxi vorfuhr, fing mein Telefon an wie wild zu klingeln. Pride-Organisator Isaac Mugisha war außer sich und sagte mir, die Eröffnungsgala des Pride sei in Gefahr – nur wenige Stunden vor Beginn.

Obwohl die Absprachen über die private Veranstaltung mit der Polizei positiv verlaufen waren, hatte der ugandische Ethikminister Simon Lokodo das Sheraton Hotel am Morgen persönlich besucht und Druck auf das Hotelmanagement ausgeübt, die Gala abzusagen. Dann ließ er in einem Akt der Einschüchterung Polizisten vor dem Hotel aufmarschieren.

Eine halbe Stunde später bekam ich die niederschmetternde Nachricht von Isaac, dass das Sheraton die Veranstaltung abgesagt hatte. Das Management erklärte, es könne nicht gegen den Widerstand des Ministers ankämpfen. 300 Gästen, darunter Botschaftsvertretern der USA und der EU, musste kurzfristig abgesagt werden.

Der Ethikminister lässt auch die Parade verbieten


Isaac Mugisha, Organisator des Pride Uganda (Bild: Jakob Dall / Action Aid Denmark)

Nachdem ich in meinem Hotel angekommen war, ging ich zu einem Treffen mit ugandischen Partnerorganisationen von All Out. Die Stimmung war gedrückt. Lokodo hatte seine Drohungen inzwischen auf die weiteren Veranstaltungen rund um den CSD ausgeweitet – darunter auch die Parade selbst. Nach Monaten gründlicher Planung und so viel Vorfreude in der Community konnten es die Anwesenden einfach nicht fassen, dass Lokodo erneut den LGBTI-Bürgerinnen und -Bürgern in Uganda das Recht verwehren würde, sich zu versammeln.

Am nächsten Morgen nahm ich an einem Treffen des Organisationskomitees und der Arbeitsgruppe für die Sicherheit des CSD teil. Die Lage war angespannt, verstärkt durch die Tatsache, dass einige der Anwesenden den Verdacht äußerten, dass sie auf dem Weg zum Treffen von Agenten der Regierung verfolgt worden waren. Das Team debattierte darüber, ob es sicher sei, eine abgespeckte Version des Programms durchzuführen, oder ob alle Veranstaltungen komplett abgesagt werden sollten.

Ich konnte spüren, wie schwer sich die Anwesenden mit der Entscheidung taten. Wenn sie sich Lokodo widersetzen würden, riskierten sie die gleiche Gewalt und Verhaftungen, die ich letztes Jahr bei meinem Besuch in Uganda entsetzt miterleben musste. Doch wenn sie Lokodo mit seinen Einschüchterungen gewähren ließen, würde es sich wie eine Niederlage anfühlen. Wir wären zum Schweigen verdammt und er wäre in seiner Bigotterie und seinem Hass bestärkt.

Am Ende einigte man sich darauf, eine kleine Anzahl von Personen zu einem Treffen in einer öffentlichen Bar einzuladen. Keine Reservierungen, keine Ansprachen, kein politisches Programm: nur eine Gruppe von LGBTI-Bürgerinnen und -Bürgern, die sich auf einen Drink treffen. Doch keine drei Stunden nachdem der Plan gefasst wurde, hatte Lokodo davon Wind bekommen und schickte Drohbotschaften per Textnachricht an die Aktivistinnen und Aktivisten. Diejenigen, die bereits am Treffpunkt waren, verließen die Bar fluchtartig, bevor die Polizei kam. Diejenigen, die auf dem Weg waren, kehrten um.

Ein Leben unter totalitärer Kontrolle

Die Tatsache, dass Lokodo so schnell über die Pläne informiert war, ist erschreckend. So fühlt es sich an, unter totalitärer Kontrolle durch den Staat zu leben. Entweder waren unsere Telefone ausspioniert worden, oder jemand in unserer Gruppe gab Informationen weiter. Beide Szenarios waren beängstigend.

Nach der Absage der Eröffnungsgala am Abend zuvor, fühlte es sich an, als würde Lokodo nochmal nachtreten. Der Minister handelte ohne rechtliche Grundlage. Das Recht auf Versammlungsfreiheit, das in der ugandischen Verfassung verankert ist, war mit den Füßen getreten worden.


Ethikminister Simon Lokodo

Es ist nicht einfach, die Wut und Empörung an jenem Abend zu beschreiben. Lokodo verfolgte und tyrannisierte gesetzestreue Bürgerinnen und Bürger. Die Regierung behandelte LGBTI-Personen wie Staatsfeinde. Isaac fand eine treffende Beschreibung, als er in einem Interview sagte: "Das Einzige, was meine Gemeinschaft möchte, ist von unserer Regierung und unseren Mitbürgern mit Würde und Respekt behandelt zu werden. Wir werden nicht aufgeben, bis wir dieses Ziel erreicht haben."

Am Freitag sollten laut ursprünglichem Plan Pride-Aktionen in der Nachbarschaft durchgeführt werden. Geplant waren Aktionen zur HIV-Aufklärung und -Prävention sowie Spenden für ein Krankenhaus. Die Aktivistinnen und Aktivisten wollten etwas zu einer Gesellschaft beitragen, die sie verachtet. Doch Lokodo verbat ihnen selbst diese großzügige Geste.

Die LGBTI-Community erwachte am Samstagmorgen in trüber Stimmung. Dies wäre die Zeit gewesen, sich für den CSD vorzubereiten. Es wäre die Zeit gewesen für eine angespannte, aber fröhliche Vorfreude auf einen Tag voller mutiger, trotziger und ausgelassener Augenblicke, Aktionen und Feiern. Es war die Zeit, auf die alle gewartet hatten. Es war bewegend zu sehen, dass jemand auf Facebook die glitzernden blauen Stöckelschuhe postete, die er oder sie an diesem Tag tragen wollte.

Eine Geheimparty am Samstagabend

Am Samstagabend konnte zumindest eine kleine Gruppe endlich Lokodo bei seinem Katz-und-Maus-Spiel austricksen. Mitglieder der Gruppe "Rainbow Riots" hielten eine kleine, aber wunderbar trotzige Party ab. Dies war das erste und einzige Mal, dass LGBTI-Personen in dieser Woche erfolgreich zusammengekommen waren.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren hoch. Ich wurde von einem Fahrer abgeholt, aber mir wurde der Ort der Veranstaltung nicht mitgeteilt. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir ein chinesisches Restaurant. Der Fahrer rief jemanden an. Ich wurde abgeholt und durch ein Parkhaus in einen kleinen Gesellschaftsraum geführt. Mein Herz sprang vor Freude. Die Party war so gay! Jedes Mal, wenn Mitarbeiter des Hotels in den Raum kamen, taten wir so, als würden wir einen Geburtstag feiern. Aber in Wahrheit sangen wir laut und tanzten wild zu kraftvollen und energiegeladenen Songs über Befreiung und Protest.

Und dann wurde ich zu Tränen gerührt, als die Pride-Organisatoren die Party unterbrachen, um eine Auszeichnung für "All Out" und die Mitglieder der Organisation für die Unterstützung des Uganda Pride zu übergeben.

"All Out"-Mitglieder aus über 50 Ländern hatten mit ihren Spenden die Planung des CSD möglich gemacht. Es war ein schönes Zeichen globaler Solidarität und Zusammenarbeit, das den ugandischen Aktivistinnen und Aktivisten viel Kraft gegeben hat. "All Out" wird auch weiterhin unseren Schwestern und Brüdern in Uganda beistehen, weil wir wissen, dass die internationale Solidarität ihnen helfen kann, am Ende in ihrem Kampf zu siegen.

Man kann friedliche Versammlungen verbieten, abweichende Stimmen zum Schweigen bringen und Gewalt ausüben, um andere zu drangsalieren. Aber man kann nie den Drang nach Freiheit, Respekt und Würde auslöschen, der so tief in der LGBTI-Community in Uganda verankert ist. Der Kampf geht weiter.



#1 RobinAnonym
  • 23.08.2017, 09:31h
  • Ich finde es skandalös, dass dieses Land immer noch mit Steuergeldern auch aus Deutschland gefördert wird...

    Das Geld vom "dekadenten Westen" und von den "perversen Schwulen" nehmen die gerne.

    Und dieses Geld dient nicht etwa der Ernährung notleidender Menschen oder um endlich mal mehr Bildung in dieses Land zu bringen. Sondern es dient ausschließlich dem Regime dazu, sich an der Macht zu halten.
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#2 JustusAnonym
  • 23.08.2017, 10:18h
  • --------------------------------------------------
    hatte der ugandische Ethikminister Simon Lokodo das Sheraton Hotel am Morgen persönlich besucht und Druck auf das Hotelmanagement ausgeübt, die Gala abzusagen.
    [...]
    dass das Sheraton die Veranstaltung abgesagt hatte.
    --------------------------------------------------

    Das Sheraton ist ja eine internationale Hotelkette.

    Wenn die lieber auf homophobe Faschisten hören, statt ihre Zusagen einzuhalten und Menschenrechte zu achten, sollten wir die boykottieren.

    Wir haben ja bei Barilla gesehen, dass das sehr effektiv ist, wenn nur genug Leute mitmachen.
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#3 LinusAnonym
  • 23.08.2017, 11:55h
  • Das war nicht mal eine öffentliche Demo oder sowas, sondern eine private Veranstaltung (wo übrigens auch Botschaftsvertreter der USA und der EU hinkommen wollten).

    Was hat der Staat sich da einzumischen?!
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#4 KotzAnonym
  • 23.08.2017, 12:06h
  • Antwort auf #3 von Linus
  • Das ist kein Staat, sondern ein Unrechtsregime erster Ordnung.
    Sheraton sollte die Bude dichtmachen.
    Dann müssen die Ugander demnächst vielleicht in chinesischen Hotelketten Gäste beherbergen.
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#5 MarcAnonym
  • 23.08.2017, 12:27h
  • Antwort auf #4 von Kotz
  • Sheraton ist doch viel zu geldgeil um auch mal Ethik walten zu lassen.

    Die wollen an möglichst vielen Orten möglichst viel Kohle scheffeln. Und dafür biedern sie sich jedem noch so faschistischem Regime an. Solche Konzerne hätten auch damals mit dem Dritten Reich ihre Geschäfte gemacht, solange nur die Kasse stimmt...
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#6 seb1983
  • 23.08.2017, 15:21h
  • Antwort auf #5 von Marc
  • Knallhart den Haupttäter benannt. Pöse geldgeile Konzerne.
    Vermutlich hat Sheraton sich vorher beim Minister beschwert und ihn darum gebeten hier mal außergesetzlich tätig zu werden....
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#7 GerritAnonym
  • 23.08.2017, 15:46h
  • Dieser angebliche "Ethikminister" hat rein gar nichts mit Ethik, Moral, o.ä. zu tun.

    Das ist einfach nur ein mieser, dreckiger kleiner Faschist, der seinen Hass an anderen auslassen will.
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#8 GerritAnonym
#9 sanscapote
#10 hugo1970Profil
  • 23.08.2017, 20:38hPyrbaum
  • An alle europäischen/westlichen demokratischen Parteien,

    was tut Ihr gegen die afrikanische homophobie?
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