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PR-Gau und Politikum im Entstehen

Russland: Tele2 will keine "Homo-Propaganda"

Das Telekommunikationsunternehmen sucht kreative Kunden für eine Werbekampagne – will aber keine Propagierung "nicht-traditioneller sexueller Beziehungen".


Tele2 Russland ist mit rund 23 Millionen Kunden das größte nationale Unternehmen unter der internationalen Marke, seit einigen Jahren aber wirtschaftlich von der schwedischen Mutter unabhängig

In Russland fällt schon wieder eine internationale Marke durch vorauseilenden Gehorsam beim Gesetz gegen "Homo-Propaganda" auf. Diesmal ist es das Telekommunikationsunternehmen Tele2, das ursprünglich zum gleichnamigen internationalen schwedischen Konzern gehörte, der auch in Deutschland tätig ist.

Nach einem Verkauf vor vier Jahren ist Tele2 Russland inzwischen im Besitz von mehreren russischen Banken und Telekommunikationsunternehmen mit teils staatlicher Beteiligung. Das Unternehmen fühlt sich aber noch der Marke und der internationalen Wertebasis "Tele2 Way" verpflichtet. Diese betont unter anderem die Bereitschaft, auf Entwicklungen schnell zu reagieren: "Sei flexibel. Liebe den Wandel."

Allzu flexibel ist der Mobilfunker nicht: In sozialen Netzwerken empören sich gerade russische LGBT, dass Tele2 bei einem Wettbewerb u.a. keine "Homo-Propaganda" zulassen will. In einer viralen Kampagne sucht der Konzern "Persönlichkeiten, die nach ihren eigenen Regeln leben". Die sechs Gewinner bekommen Preise – und dürfen mit ihren Haltungen, Slogans und Lebensgeschichten u.a. auf Billboards auftauchen.


Ein Gesicht des Wettbewerbs

Allzu revolutionär soll das aber offenbar nicht ausfallen: Im Kleingedruckten finden sich zahlreiche Einschränkungen. So darf es u.a. keine "Aufrufe zu einem Staatsstreich oder andere strafrechtliche Verstöße" geben, keine Staatsflaggen, keine Erotik oder Pornografie, keine Bewerbung von Alkohol oder Drogen – und keine "Informationen, die die Ehre, Reputation und Würde von Personen in Verruf bringen" könnten.

Queeres Leben und Lieben als Gesetzverstoß

Was die queere Szene Russlands nun erzürnt: Die Wettbewerbsregeln verbieten auch "Informationen, die Familienwerte abstreiten, nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen propagieren oder Verachtung für Eltern oder Familienmitglieder bilden", wie das ein Abschnitt des föderalen Gesetzes zum Jugendschutz verbiete – gemeint ist das 2013 beschlossene und national und international kritisierte Gesetz gegen "Homo-Propaganda" (queer.de berichtete).

Das bewusst schwammig formulierte Gesetz sieht bei Organisationen und Unternehmen gar Strafen bis zu 1 Million Rubel und eine Aussetzung der Aktivitäten für 90 Tagen vor – wobei das selten angewandte und zuletzt vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bemängelte Gesetz – in der Praxis zumeist genutzt zum Vorab-Verbot von Demonstrationen – in dieser Form nie getestet wurde: Wäre ein Foto eines jungen lesbischen Paares ernsthaft ein Rechtsverstoß. Und wäre der dann schwer genug, dass der Staat, unter zu erwartender Kritik und Spott aus dem In- und Ausland, ernsthaft gegen ein großes Unternehmen vorgeht?

Zwischen Verbot und Widerstand

Tele2 hat möglicherweise noch die Turbulenzen in Erinnerung, die Ikea im letzten Jahr mit einem Contest auslöste, mit dem ein Gesicht oder mehrere für den Titel des Katalogs gesucht wurden: Lange lag bei der Abstimmung ein – mutmaßlich – schwules Paar vorne (queer.de berichtete). Dann verschwand das Bild von der Wettbewerbsseite, tauchte nach Empörung wieder auf, bis sich der Konzern vor Wettbewerbsende mit den Männern außerhalb des Contests einigte (queer.de berichtete).


Dieses Motiv aus einem Ikea-Wettbewerb erzielte 2016 nationale und internationale Aufmerksamkeit

Die Szene nahm den Kampf auf und nahm mit mehr Paaren und Regenbogenfamilien an dem noch laufenden Wettbewerb teil (queer.de berichtete). Trotz entsprechender Abbildungen auf der Konzernwebseite und tagelangem Medienspektakel samt homophober Hetze der üblichen Verdächtigen wurde übrigens kein Vorgehen des Staates nach dem Gesetz gegen "Homo-Propaganda" bekannt.

Tele2 könnte so – neben drohenden Boykottaufrufen – auch noch durch die Szene zu spüren bekommen, dass es eine Kampagne mit Hashtags in sozialen Netzwerken nur bedingt unter Kontrolle halten kann. In anderen Fällen klappte der vorauseilende Gehorsam vor dem Gesetz einfacher: 2013 entfernte Ikea etwa ein Interview mit zwei Lesben aus der russischen Version seines internationalen Kundenmagazins, später stellte er es ganz ein (queer.de berichtete).

Apple hingegen stellte sich stur, als homophobe Politiker forderten, in Russland keine Emojis zuzulassen, die Homo-Paare oder -Familien oder die Regenbogenflaggen zeigten. Als ein Familienvater wegen des angeblichen Verstoßes gegen das Gesetz Schadensersatz forderte, weil sein sechsjähriger Sohn "unfreiwillig" der "Homo-Propaganda" ausgesetzt war, blitzte er vor zwei Jahren vor einem Gericht ab (queer.de berichtete). Auch eine Anzeige eines homophoben Anwalts führte zu keinem Verfahren gegen Apple.

Bedrohlicher für den Konzern war hingegen eine Boykott-Warnung der Szene aus dem Jahr 2013, sollte Apple nicht die Zusammenarbeit mit dem Handy-Einzelhändler Euroset aussetzen. Dessen Creative Director, der Schauspieler und Ex-Priester Ivan Ochhlobystin, hatte zuvor unter tobenden Beifall auf einer Veranstaltung gesagt, dass er er persönlich "alle Schwulen lebendig in den Ofen schieben" würde, da sie "mental abnormal" seien, und "Schwuchteln" kein Wahlrecht haben sollten. Unter Druck trat Ochhlobystin letztlich von seinem Posten zurück.



#1 Carsten ACAnonym
  • 23.08.2017, 13:37h
  • Tele 2 ist ja auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern aktiv.

    Wenn die lieber einem homophoben Regime in den Hintern kriechen, können sie ja anderswo sicher auch auf schwule, lesbische, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle Kunden verzichten... Und auch auf alle Hetero-Kunden, denen unser Schicksal nicht egal ist und die Vielfalt zu schätzen wissen...

    Muss sich Tele2 entscheiden, was Ihnen wichtiger ist...
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#2 GerritAnonym
  • 23.08.2017, 15:49h
  • "Apple hingegen stellte sich stur, als homophobe Politiker forderten, in Russland keine Emojis zuzulassen, die Homo-Paare oder -Familien oder die Regenbogenflaggen zeigten."

    Da sieht man wieder mal, dass man durchaus hart bleiben kann, wenn man es nur will.

    Aber Tele2 will halt lieber Zar Putin und seinem Faschisten-Verein in den Arsch kriechen.
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#3 la_passanteAnonym
#4 GerritAnonym
  • 23.08.2017, 16:17h
  • Antwort auf #3 von la_passante
  • Ja, was bei Barilla geklappt hat, klappt bei der Klitsche Tele2 (die aufgrund ihrer dubiosen Geschäftsmethoden eh schon viele Feinde hat) erst recht.

    Es müssen nur genug Leute mitmachen - dann kann man sogar Shell in die Knie zwingen (Stichwort: Brent Spar).
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