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Sozial benachteiligte Jugendliche

Kann man mit "Moonlight" Homophobie bekämpfen?

Ein Gespräch mit Streetworker und DJ Olad Aden über den Oscar-prämierten Film, der jetzt fürs Heimkino erschienen ist.


Das Filmdrama "Moonlight" begleitet Chiron, der eine drogensüchtige Mutter hat, in drei Kapiteln als Jungen, Jugendlichen und Erwachsenen (Bild: A24 / DCM)

Nach über 170 gewonnen Awards, darunter drei Oscars für den besten Film, besten Nebendarsteller (Mahershala Ali) und das beste adaptiere Drehbuch, ist "Moonlight" am 25. August fürs Heimkino erschienen.

Regisseur Barry Jenkins erzählt in seinem Drama die berührende Geschichte des jungen Schwulen Chiron, der in einem Problemviertel am Stadtrand von Miami aufwächst. Der Film begleitet entscheidende Momente in Chirons Leben von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, in denen er sich selbst entdeckt, für seinen Platz in der Welt kämpft, seine große Liebe findet und wieder verliert.

Wir sprachen mit dem Streetworker und DJ Olad Aden über die zentralen Themen des Films und über seine Erfahrungen mit Jugendlichen aus Problembezirken in Deutschland und den USA. Aden hat deutsch-afrikanisch-amerikanische Wurzeln und betreut mitten in Berlin mit dem Verein Gangway Jugendliche, die auf der Straße leben, und Flüchtlinge, die durch das soziale Netz fallen.


Streetworker und DJ Olad Aden

Olad, was sind deine generellen Eindrücke vom Film?

"Moonlight" ist ein Meisterwerk, ich habe ihn mehrere Male gesehen und er hat mich sehr berührt. Er greift relativ viele Themen auf, die ich auch in meiner Vergangenheit so erlebt habe. Als ich mein erstes Apartment gemietet habe, waren noch Einschusslöcher in den Wänden. Das war das Billigste und Einzige, was ich mir leisten konnte. Im Frühling und im Sommer waren die Straßen voller Drogendealer, einer war auch direkt vor meinem Haus, sowie Prostitution, die allgegenwärtig war. Oftmals werden solche Umstände romantisiert und nicht so wiedergegeben wie sie wirklich sind. "Moonlight" hingegen gibt diese Umstände sehr authentisch wieder.

Hast du vielleicht eine Szene, die dich besonders beeindruckt hat?

Die Aussage, die Chiron am Ende trifft, dass er nie von einem anderen Mann berührt wurde, außer von Kevin am Strand, fand ich am beeindruckendsten. Er ist in dieser Welt so gefangen, dass er seinen Gefühlen gar nicht nachkommen konnte, wobei ich davon ausgehe, dass es ganz vielen Menschen so geht.

Du pendelst zwischen vielen Orten, vor allen den USA und Deutschland. In "Moonlight" werden die schwierigen Verhältnisse in einem Vorort von Miami dargestellt. Wie unterschiedlich definiert sich denn diese Gewalt zwischen den beiden Ländern?

Die Hauptunterschiede ergeben sich eigentlich aus den Sozialsystemen. Jugendliche in Deutschland besitzen immer noch das Nötigste und bekommen Sozialleistungen. In Amerika haben sie oftmals nicht einmal etwas zu essen, sind hungrig und finden nachts keine Unterkunft. Zudem sind Jugendliche in Berlin sehr laut, teilweise auch aggressiv, aber es steckt gar nicht so viel dahinter, außer vielleicht mal eine Schlägerei oder manchmal auch Messerstecherei.

In Amerika ist das eigentlich anders herum, sie sind nicht so laut, wie man auf den ersten Blick denken würde. Aber wenn es eskaliert, dann meistens richtig. Alleine schon deswegen, weil alle Zugriff auf Waffen haben, die gibt es an jeder Straßenecke zu kaufen. Deswegen funktioniert Straßensozialarbeit in Amerika auch anders als in Deutschland. Dort arbeiten die Straßensozialarbeiter oft mit der Polizei zusammen, weil wenn etwas passiert und niemand schnell etwas unternimmt, gibt es wahrscheinlich Tote. In Deutschland dagegen würden Sozialarbeiter überhaupt nicht mit der Polizei zusammen arbeiten oder gar mit ihnen reden.

Im Film fehlt dem jungen Chiron eine Vaterfigur. Man erfährt nicht, wo sein leiblicher Vater ist. Als er Juan kennen lernt, hat er einerseits Angst vor ihm, aber ist auch fasziniert. Suchen Jugendliche, die du kennen gelernt hast, häufig solche "Vaterfiguren"?

Auf der Straße ersetzt ihre Gruppe die Familie, die einen wahnsinnigen Wert hat. Unser Ansatz ist es, diese Gruppe nicht zu spalten, sondern mit ihnen als Ganzes zu arbeiten. Die Jungs leben ihr Rollenverhalten, um sich dem Standing der Gruppe anzupassen. Wenn man diese harte Schale durchbrochen hat und zu ihnen durchgebrochen ist, kann man viel bewirken. Gerade da fängt es an, in die Richtung einer Vaterfigur zu gehen, weil sie eigentlich keine Ansprechpartner haben.

Hast du ebenfalls in Deutschland Menschen wie Juan im Film erlebt. Die sich uneigennützig für andere einsetzen?

Viele der Ehemaligen saßen früher in Haft und wir haben in Workshops mit ihnen gearbeitet, mitten in der Strafvollzugsanstalt. Sie wollen den Jugendlichen, die da sind, wo sie früher einmal waren, unbedingt helfen. In unseren Projekten unterstützen sie uns als Dozenten, um das, was sie gelernt haben, weiterzugeben. Das hat nochmal eine ganz andere Wirkung, sie werden viel ernster genommen.


Szenenfoto aus dem Film: Als Teenager wird Chiron (Ashton Sanders) an seiner Schule gemobbt (Bild: A24 / DCM)

"Moonlight" behandelt die Frage nach der eigenen Identität: "Wer bin ich und wer will ich sein?" Wie gehst du mit diesen Fragen in deiner Arbeit um?

Wir setzen viel über Musik um. Wir haben zwei Studios und haben ziemlich viele Ressourcen, um Jugendlichen beizubringen, wie man Musik auf professionellem Level produziert. Gerade in der Rap-Sparte ist das ein ziemlich interessantes Phänomen. Am Anfang posen die Jugendlichen oft ganz hart und schreiben Rap-Tracks über ihre "AK47" und "die Bitches", alles Märchen, die sie aus irgendwelchen Filmen haben. Unser Ansatz ist aber der, dass wir nichts zensieren und sie aufnehmen dürfen, was sie wollen. Aber die Geschichten, die sie erzählen, müssen einen echten Ansatz haben. Da entsteht dann oft der Punkt, dass sie merken, wie viel sie über sich und ihren Kiez zu erzählen haben. Aber sie merken auch, wie schwer es eigentlich ist, sowas in Zeilen zu verpacken.

Im Film baut sich der ältere Chiron einen Schutzpanzer, eine Maskerade auf. Was braucht es denn, dass diese Menschen ihre Maske auch nach außen hin fallen lassen können?

Wir arbeiten mit Jugendlichen, die auf der Straße für die Menschen unerreichbar wirken. Durch die Projekte, die Workshops und das Vertrauen, das wir zu ihnen aufbauen, entsteht ein ganz anderes Verhältnis. Jeder spielt seine Rolle, weil man ja keine Schwäche zeigen darf. In Amerika findet man das so auch wieder. Das ist so ein bisschen diese Prison Mentality, wie auch Chiron am Ende aussieht, denn er ist ja nicht wirklich hart im Inneren, sondern nur im Außen. Das ist so ein internationales Phänomen. Das Hinterfragen fängt meistens auf der Beziehungsebene an. Sie müssen immer wieder in Situationen kommen, wo sie offen mit Erwachsenen sprechen oder mit Leuten, die eine andere Meinung haben und dann sind sie auch in der Lage, Sachen zu hinterfragen, anzuzweifeln und Denkprozess wird angeregt.

Ein weiterer Aspekt des Films ist die Anfeindung, die Schwule erleben. Homophobie zieht sich zwar durch die gesamte Gesellschaft, ist aber gerade in sozialen Brennprunkten verstärkt. Sie geht oftmals über unreflektierten, jugendlichen Sprachgebrauch hinaus, sondern ist auch Ausdruck eines fest verankerten, heteronormativen Rollenbilds vom "starken Mann". Wie siehst du die Situation in Deutschland?

Das ist nach wie vor der schwierigste "Lifestyle", den ich mir vorstellen könnte. Wenn einer der Jungs einen homophoben Spruch reißt und ich ihm erzähle: "Wenn meine Tochter mit einem anderen Mädel verliebt nach Hause kommt und sie ist glücklich, dann ist doch alles gut. Aber wenn sie mit dir nach Hause kommen würde, dann würden wir aneinander geraten." – dann lachen wir zwar darüber, weil wir ein gutes Verhältnis zueinander haben. Aber er weiß auch, dass das ein Stück weit ernst gemeint ist und das regt ihn zum Nachdenken an.

Aber auch wenn ich mit Gruppen in Chelsea bin, der Gay-Hochburg von New York, verändert das ihre Wahrnehmung. Jede Bar, jede Kneipe ist gay und da können sie auch keine homophoben Sprüche machen. Meistens bringen sie Homosexualität mit Schwäche in Verbindung. Wenn an jeder Ecke in Chelsea aber auch eine Fitnessbude ist und die Leute, die dort leben, bei weitem breiter gebaut sind als sie, finden sie sich nochmal in einer ganz anderen Situation wieder.


DVD-Cover von "Moonlight"

Gerade in dem Moment, als sich Chiron gegen seine Peiniger wehrt, kommt er ins Gefängnis. Er erlebt damit seine erste große Enttäuschung. Sind Jugendliche nicht häufig in derartigen Situationen?

Wie Chiron sich in "Moonlight" wehrt, ist relativ unüblich. Menschen, die einer Zielscheibe ähneln und misshandelt werden, wehren sich nicht in diesem Maße. Bis auf die Extremfälle, wie zum Beispiel Amokläufe in Schulen oder Einkaufszentren, die immer wieder nach Jahren des Mobbings vorkommen. Wobei natürlich nicht jeder Amokläufer gemobbt wurde. In der Regel verletzten sie sich eher selber. Viele nehmen sich auch das Leben.

Die schlimmsten Beispiele kommen dabei leider immer aus Amerika. Vor einem Jahr hat sich ein 12-Jähriger von einem Turm gestürzt. In seinem Handy hat man zahlreiche SMS gefunden, mit den Worten "Bring dich doch um" und "Du bist nichts wert". Zum Schluss hat er es gemacht und die Eltern hatten keine Ahnung. Ein Problem dafür ist heutzutage auch das Cyber-Mobbing, weil du per Handy und Internet immer erreichbar bist und dich auf dem Nachhauseweg nicht einfach absetzen kannst.

Am Ende wird Chiron selber zu einem Dealer. Erlebst du ebenfalls solche Biografien, bei denen du versucht hast zu helfen, aber die Kids doch wieder auf die schiefe Bahn kommen?

Das passiert regelmäßig. Die Rückfallrate liegt bei über 50 Prozent und ähnelt einer Art Drehtür. Schwierig wird es vor allem, wenn ich den Jugendlichen, die aus dem Knast kommen, keine Perspektiven geben kann, weil sie hier gar nicht gewünscht sind. Diverse Gangs rekrutieren Jugendliche, die an der Ecke stehen und das Bedürfnis nach Anerkennung haben, auch fürs organisierte Verbrechen. Sie werden losgeschickt, um kleine Deals oder die Drecksarbeit für die Gangs zu machen, und kommen dafür manchmal auch in den Knast.

Was denkst du, kann ein solcher Film, wie "Moonlight" bewirken? Nutzt du Filme auch für deine Arbeit?

"Moonlight" regt sehr zum Nachdenken an. Unsere Aufgabe wäre es, Jugendliche dazu zu bekommen, den Film mit offenen Augen zu schauen. Das Problem ist, den Film mit einer Gruppe, die alle eine gehärtete Meinung zu Homosexualität haben, anzusehen, weil diese Gruppendynamik ein echtes Hinsehen nicht erlaubt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Galerie:
Moonlight
17 Bilder


#1 AndyAnonym
  • 25.08.2017, 11:39h
  • Ich fand den Film richtig schwach. Natürlich habe ich mich über den Oskar-Gewinn gefreut, weil es einfach noch einmal den Schwerpunkt auf "unser Thema" gerichtet (was ja auch keine Selbstverständlichkeit ist - vor 50 Jahren gab es so etwas nicht). Dann haben wir ein Kino gesucht, wo der Film überhaupt lief (denn der Vertrieb war nicht gerade großartig). Meine Güte, was war ich enttäuscht. Ich muss ehrlich sagen, dass ich das bei Oskar prämierten Filmen meistens bin - die haben irgendwie ganz andere Schwerpunkte als ich (wenn ich dagegen ein Meisterwerk wie SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT sehe, nicht LGBT thematisch basiert - DAS nenne ich einen atemberaubenden Film).
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#2 RobinAnonym
  • 25.08.2017, 11:51h
  • Jeder GLBTI-freundliche Film - egal ob Drama, Komödie, Krimi, Romanze, oder was auch immer und egal ob das Hauptthema ist oder nur eine selbstverständliche Nebenrolle - erhöht die Sichtbarkeit und damit letztlich auch die Akzeptanz.

    Deswegen sind alle solche Filme (und auch Serien) ein Gewinn und wahrhaft Gold wert.
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#3 SebiAnonym
#4 LinusAnonym
  • 25.08.2017, 12:12h
  • Antwort auf #1 von Andy
  • "Ich fand den Film richtig schwach. Natürlich habe ich mich über den Oskar-Gewinn gefreut"

    Ich fand den Film auch eher schwach und habe mich deshalb auch nicht über den Oscar gefreut. Denn so sehr auch ich mich über Filme mit schwuler Thematik freue, so finde ich, dass das kein Grund sein sollte den Oscar für einen schwachen Film zu bejubeln.

    Wenn ein Film ohne schwule Thematik halt besser ist, hat er ihn auch mehr verdient. Und der direkte Konkurrent La-La-Land war um Welten besser: inhaltlich mag ja Geschmack sein, aber alleine schon handwerklich.

    Und sind wir ehrlich: Musical-Filme wie La-La-Land sind auch ohne schwule Charaktere schwul genug. Musical als Kombination von Schauspiel, Tanz und Musik ist eine urschwule Kunstform.
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#5 AchsoAnonym
  • 25.08.2017, 12:23h
  • Klar, dass viele hier enttäuscht von diesem Film sind. Der deutsche Schwule ist weiß und reich, der will keine armen Schwarzen sehen, ob sie homo oder hetero sind.
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#6 AndyAnonym
  • 25.08.2017, 14:19h
  • Antwort auf #5 von Achso
  • Was für ein SCHWACHSINN! Zu sagen jeder, man findet den Film aus rassistischen Gründen nicht gut. Deine Aussage ist viel rassistischer: a) weil die Hautfarbe für dich ja scheinbar so wichtig ist, dass du sie erwähnen musstest und b) zu sagen Deutsche sind weiß - FALSCH, mein Lieber. Es gibt genügend schwarze Deutsche und auch schwarze, deutsche Schwule.
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#7 ThijsAnonym
#8 RobinAnonym
  • 25.08.2017, 22:30h
  • Antwort auf #5 von Achso
  • Akzeptiere doch einfach, dass manchen Leuten der Film nicht gefallen hat.

    Einen Film nur zu loben, weil der Hauptdarsteller schwarz ist, ist genauso rassistisch wie den Film deshalb abzulehnen.

    Nicht die Leute, die den Film einfach schlecht fanden (und die gar keinen Bezug auf die Hautfarbe des Darstellers genommen haben), sind Rassisten, sondern DU bist der Rassist, weil hier nur Du die Hautfarbe des Darstellers für irgendwie relevant hälst.
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#9 GüntherkeksAnonym
  • 25.08.2017, 22:40h
  • Das Budget von Moonlight wird zwischen 1,5 und 5 Millionen geschätzt. Etwa 3 Millionen ist das Minimum für eine sogenannte Oscar Campaign üblicherweise, wo Filme um einen Oscar werben. Also Moonlight ist kein Hollywood Film. Hollywood hat sich diesen Indie Film als den besten ausgesucht, um sich nach der Wahl von Trump selbst zu inszenieren. Der Film hatte mit Sicherheit auch deswegen ein kleines Budget, eben weil die Schauspieler alle schwarz sind, weil der Film eine schwarz-schwule Geschichte erzählt. Er hat keine Garantie ein großes Publikum anzusprechen.
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#10 Miguel53deProfil
  • 26.08.2017, 05:39hOttawa
  • Antwort auf #5 von Achso
  • Danke, dass Du das als Antwort auf die ersten Kommentare gibst. Genau so ist es.

    Dieser Film ist von Anfang bis zum Ende unglaublich stimmig. Was die Charaktere angeht. Was die Situationen angeht. Gerade auch an dem Punkt, an dem das Opfer von Mobbing auch das Opfer der Vorgesetzten, sprich Lehrer wird. Auf dieses Problem weisen auch viele andere US-amerikanische Filme immer wieder hin.

    Das ist vielfach Lebensrealität.

    Und der Fachmann, der zum Film interviewed wird, bestätigt das ja auch sehr detailliert.

    Ich kann nicht nachvollziehen, wie jemand diesen Film schwach finden kann. Schlimmer noch, wenn jemand "enttäuscht" ist, weil er Oscars verliehen bekommt.

    Waeren dich wenigstens diese Bemerkungen nicht gefallen...
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