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Erinnerung an NS-Verbrechen

Trauer und Gedenken sind nicht glamourös

Am Sonntag wurde der ermordeten Schwulen im KZ-Außenlager Klinkerwerk gedacht – doch kaum einer kam. Ein Zwischenruf von Ralf Dose.


Im Juni 1942 wurden fast alle Rosa-Winkel-Häftlinge im KZ Sachenhausen ins nahe gelegene Außenlager Klinkerwerk verlegt. Damit begann eine Mordaktion gegen Homosexuelle, der bis September etwa 200 Häftlinge zum Opfer fielen (Bild: Ralf Dose)

In den letzten Tagen gab es im Großraum Berlin zwei Veranstaltungen, die eng zusammengehört hätten – es hat nur niemand gemerkt.

Am Donnerstag konnten wir am Magnus-Hirschfeld-Ufer das Denkmal für die erste deutsche Homosexuellenbewegung der Öffentlichkeit übergeben, am gleichen Abend feierte der LSVD, der sich um dieses Denkmal verdient gemacht hat, sein 25-jähriges Bestehen im Centrum Judaicum. In den Festreden wurde immer wieder darauf hingewiesen, wie viel wir doch in diesem Jahr erreicht haben – die Ehe für alle, die Entschädigung für die nach Paragraf 175 StGB in der BRD (und nach Paragraf 151 StGB in der DDR) verfolgten Homosexuellen, und nun, nach 25 Jahren auch ein Denkmal für die Vorgängerbewegung. Die Veranstaltungen am Denkmal im Tiergarten und im Centrum Judaicum waren gut und zahlreich besucht, und der Ort des Festakts hatte ja auch seine ganz eigene Symbolkraft.

Ganz anders am Sonntag: Da wurde der während der Nazizeit im KZ-Außenlager Klinkerwerk (Sachsenhausen) ermordeten Homosexuellen gedacht – und kaum einer war da. Das ist – zumal 75 Jahre nach der berüchtigten Mordaktion im Klinkerwerk im Sommer 1942 – mehr als peinlich für eine Bewegung, die ihren Daseinszweck immer wieder mit den Schrecken der NS-Verfolgung von Homosexuellen rechtfertigt und sich selbst gern damit schmückt, das Gedenken an die Opfer der Nazis hochzuhalten. Aber es ist natürlich nicht glamourös, sich zwei Stunden lang die Leidensgeschichten und die Namen der Ermordeten anzuhören. Man kommt nicht in die Presse damit, es gibt keine schönen Bilder mit prominenten Leuten. Es gibt nur Trauer und Gedenken.

Die Opfer hatten keine Chance auf Rehabilitierung

Ich dachte immer, Erinnerung an die Nazi-Verbrechen (und an die Nazi-Verbrecher) meint genau diese Leute, die nie die Chance auf eine Rehabilitierung oder gar eine Entschädigung hatten. Sie hatten ja nicht einmal eine Chance zu leben. Aber so genau will das wohl keiner wissen.

Wo waren die vielen Berufsschwulen und ihre Organisationen, die immer so beredt die aktuelle Homophobie bekämpfen und dabei nie versäumen, auf die Verfolgungsgeschichte und die Opfer der Nazis hinzuweisen? Diesen Termin am Gedenkort Klinkerwerk nicht auf der Agenda gehabt zu haben, ist schändlich.

Ralf Dose ist Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft.



#1 Homonklin44Profil
  • 11.09.2017, 09:05hTauroa Point
  • Wer die Berufsschwulen sind, weiß ich ja nicht. Aber vielleicht liegt das an einem allgemeingesellschaftlichen Trend, und ein bisschen daran, dass die "Community" eine Art Phantom oder Phänomen ist, dessen Schwarmverhalten nur funktioniert, wenn es Gelegenheiten zur Unterhaltung gibt.
    Der allgemeingesellschaftliche Trend geht schon lange in Richtung Überpositivierung, das 'Negative' vermeiden, Geschichte unter einem Schlussstrich ruhen zu lassen und die rosabunte Brille mit Nachdruck zu tragen.
    Darunter werden dann gern die Dinge verborgen, an die man lieber nicht (mehr) denkt.

    Etliche Menschen haben ein unbalanciertes Verhältnis zu Trauer und zur unbequemen Wirklichkeit. Es wird ihnen in der heutigen Zeit so anerzogen. Alles Traurige gehört zum Psychologen, in Kliniken oder auf den Friedhof. Zu lange oder zu doll Trauer zu leben, gilt als Zeichen für Korrekturbedarf, als ungesunde Sache.

    Anderes Thema, aber sowas ist mir immer an Gayforen aufgefallen, wenn ein Thema über HIV/Aids eingestellt wurde. Da sind dann von den üblichen 20-30 Diskutant*innen vielleicht 2-5 erschienen.
    Vielleicht ist das mit geschichtlich relevanten Terminen so ähnlich. Oder aber die LGBTIQ-Schwarmlogistik funktioniert nur, wenn es auch was zu lachen gibt. Anstand ist letztlich doch eher "out".

    Trauer auf Kommando funktioniert allerdings auch nicht. Wie viele Menschen mögen nach 75 Jahren noch da sein, die eine innige, persönlich betroffene Verbindung zu den Ermordeten spüren? Ihre Verwandten, deren Nachkommen evtl... und dann lässt sich das spärliche Auftreten dort mit dem Besuch vergleichen, den betagte Menschen in Altersheimen erhalten. Nit wenige warten dort vergebens auf das Erscheinen der erwachsenen Kinder und Enkel.

    Gedanken aus dem Abseits.
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#2 ThorinAnonym
#3 Patroklos
#4 JarJarProfil
  • 11.09.2017, 11:29hKiel
  • Ist für mich dann die Frage ob hier nicht ein Versagen von beiden Seiten vorliegt. Hat man genugen PR für die Einweihung gemacht? Wurden Vereine informiert? Wo wurde dafür geworben?
    Natürlich sollten sich die angesprochenen Vereine und "Berufsschwulen" selbst damit auseinandersetzen. Ne Münze hat aber meist auch zwei Seiten.
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#5 mackiXAnonym
  • 11.09.2017, 12:41h
  • Vielleicht liegt die Ursache für mangelde Teilnahme teilweise daran, dass seit einem halben Jahrhundert Gedenkorte und Mahnmale für die Geschichte errichtet werden, und irgendwann die Geschichte auch in großen Teilen der Gesellschaft innerlich verarbeitet wurde.

    Vielleicht ist es auch in Deutschland der Zeitpunkt gekommen, sich zunächst zu fragen, was man tatsächlich möchte, und nicht wozu man sich verpflichtet fühlt. Ich persönlich finde es inzwischen wichtiger, dass man sich in der Öffentlichkeit mit unterschiedlichen Ideen und Konzepten viel mehr um die Fragen der Zukunft kümmert und neue Ideen, ja sogar Utopien entwickelt und im öffentlichen Raum präsent macht, die dann zu einer gesellschaftlichen Diskussion führen, wie unsere Realität werden soll und kann. Ja, das geht auch und für viele nur ohne immer 70 Jahre nach hinten schauen zu müssen. Ich habe übrigens keine Angst, dass die Geschichte dabei in Vergessenheit geriet, denn wenn es soweit kommt - und das ist irgendwann immer der Fall -, dann ist es viel wichtiger, dass man inzwischen neue Konzepte etabliert hat. Denn mit der Geschichte von vor hundert oder mehr Jahren, kann der Mensch im Alltag nicht mehr so viel anfangen.

    Man muss also nicht unbedingt immer wieder die alten Konzepte der Erinnerung vor Ort würdigen, man kann die eigenen Kräfte auch auf was anderes richten. Vielleicht lässt man dann dafür eine solche Gedenkfeier wie hier ausfallen, ohne dass das irgendetwas mit PR und Glamour zu tun hat.
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#6 Ralph
  • 11.09.2017, 20:28h
  • Vielleicht kommt es auch darauf an, wie man Gedenken gestaltet. Ich habe im Sommer, am Abend vor der CSD-Parade, in München an einem Gang durch Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel teilgenommen, der sehr gut besucht, fast schon überlaufen war, trotz miesestem Wetter übrigens. (Und das war eine Wiederholung, ein erster Rundgang gleichen Inhalts hatte ein paar Wochen vorher stattgefunden.) Wir erfuhren viel über die (Verfolgungs-) Geschichte von Schwulen in der Kaiserzeit und im Dritten Reich, über ihre Subkultur und über ihre Bespitzelung durch die Polizei, schließlich über die Razzien und die Verbrechen an ihnen durch die Nazis. Dabei wurden Orte aufgesucht, die damals eine Rolle gespielt hatten (Arndthof, Schwarzfischer), und die ehemaligen Wohnhäuser einzelner Verfolgter, deren persönliche Geschichte dabei näher beleuchtet wurde. So weckt Gedenken Interesse und zieht Leute an.
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#7 g_kreis_adventProfil
  • 11.09.2017, 20:52hBerlin-Prenzlauer Berg
  • Danke lieber Ralf,
    dein Kommentar spricht mir aus dem Herzen. Wo waren die schwulen Gewerkschafter, Mitglieder des Sonntags-Club, des LSVD und andere? Sie waren eingeladen!
    Warum hat die Siegessäule den Termin nicht veröffentlicht? Wo waren die eingeladenen Vertreter der Ev. Kirche Berlin Mitte und der Ev. Akademie Berlin-Brandenburg?
    Es war trotz mangelnder Beteiligung ein tief emotionales Gedenken. Wir haben erstmalig die Namen von 103 Opfern der Mordaktion verlesen, sowie ausgewählte Biografien vorgetragen. Dank an alle Beteiligten!
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#8 Uwe_89Anonym
  • 11.09.2017, 22:42h
  • Gut, das queer.de den Zwischenruf von Ralf Dose veröffentlicht hat. Wichtig auch die Debatte dazu. Es geht aus meiner Sicht nicht allein um Schuld bzw. Verantwortung. Es geht um die Schicksale der Opfer. Daher war es aus der Sicht der Mitwirkenden (Arbeitskreis der Ev. Advents-Zachäus-Kirchengemeinde Prenzlauer Berg, AG Queergrün Brandenburg-LAG Queergrün Berlin, Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren-BISS e.V., Katte e.V. -Kommunale Arbeitsgemeinschaft Tolerantes Brandenburg e.V. in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Gedenkstätte Sachsenhausen, Frau Dr. Ley und Harald Petzold, MdB, LINKE) so wichtig, besonders der Opfergruppe der schwulen Männer 75 Jahre nach der Mordaktion zu gedenken.
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#9 PeterGoldAnonym
  • 11.09.2017, 23:09h
  • Die Ermordeten vom Klinker 1942 sind meine Familie, wir sind ihre Nachkommen. Liest man ihre schmalen, elenden Lebensläufe
    raunitz.de/sh_tote_opfer/,
    dann findet sich schnell jeder von uns da wieder, vorausgesetzt man lässt es zu.

    Und unsere Verwandten liegen noch heute dort, in den Sümpfen, mit langen Stangen unter Wasser gedrückt, wenn sie nicht schnell genug die Baracken der Strafkompanie zusammenzimmerten. Der Klinker ist ein Friedhof. Und einmal alle fünf Jahre hat man gefälligst die Gräber seiner Verwandten zu besuchen, erst danach darf man wieder Party machen.

    Denken wir an unsere Verwandten in Tschetschenien, dann wissen wir, nichts ist da vorbei.
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#10 stromboliProfil
  • 12.09.2017, 01:44hberlin
  • Antwort auf #9 von PeterGold
  • fühle mich deiner empörung nahe!
    Und bin es leid, kommentare lesen zu müssen die von "zukunftsorientierung und ende der altlastendiskussion" reden.
    Zukunft gibt es nicht ohne vergangenheit!
    Leider machen sich da auch altersbedingte hindernisse bemerkbar die mich von anwesendsein abhalten..
    Aber gedanklich bin ich DA!

    Aber ich muss auch anmerken, von der veranstaltung wirklich nichts in den medien gelesen zu haben.
    Oder muss ich im verteiler der hirschfeldstiftung sein?
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