Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?29690

Persönliches "NRZ"-Interview

Schwuler Bürgermeister über seine Angst vorm Coming-out: "Ich habe mich erschießen wollen"

Emmerichs Stadtoberhaupt Peter Hinze (SPD) rät jungen Homosexuellen von einem Versteckspiel ab. Einen Tag vor Inkrafttreten der Ehe für alle wird er sich verpartnern.


Peter Hinze wurde am 27. September 2015 in einer Stichwahl zum hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt Emmerich gewählt. Seine Amtszeit beträgt fünf Jahre (Bild: Stadt Emmerich)

Als Peter Hinze und sein langjähriger Partner Hubertus Pooth den Termin auf dem Standesamt ausmachten, war an die Ehe für alle noch nicht zu denken. So wird sich Emmerichs Bürgermeister ausgerechnet am 30. September verpartnern – dem allerletzen Tag, an dem das Sonderinstitut für lesbische und schwule Paare geschlossen werden kann.

Anlässlich der anstehenden Feier sprach der 57-jährige SPD-Politiker mit der "NRZ" erstmals ausführlich über seine Homosexualität und sein schwieriges Coming-out inklusive Selbstmordgedanken. Erst 2004 sei er sich seiner Homosexualität bewusst geworden – als Bundeswehroffizier und verheirateter Familienvater mit einem Sohn.

"Ich habe mich erschießen wollen. Ich hatte große Angst vor den Reaktionen in meinem Umfeld", erklärte Hinze gegenüber der Regionalzeitung. In dem bewegenden Artikel heißt es über ihn: "Er weiß, dass er mit dem Outing seinen Lieben auch weh tun wird. Ihn überkommen Fluchtgefühle, bei der Bundeswehr wollte er sich versetzen lassen."

Klaus Wowereits "Und das ist auch gut so" machte Mut

Kraft gegeben habe ihm damals das Coming-out von Klaus Wowereit auf dem Berliner SPD-Parteitag ("Ich bin schwul, und das ist auch gut so") sowie das Verständnis einer politischen Weggefährtin. Wenn er heute über diese schwere Zeit in seinem Leben spreche, wolle er jungen Lesben und Schwulen Mut machen, meinte Hinze gegenüber der "NRZ": "Im Doppelleben wird man Zeit seines Lebens nicht glücklich. Das Versteckspiel raubt ungeahnte Möglichkeiten. Das, was man nach seinem Coming-out gewinnt, kriegt man nicht formuliert. Es ist unglaublich, wie erleichternd das ist."

Seinen Partner, einen Gastronomen, habe er vor elf Jahren kennengelernt, sagte Peter Hinze. Seit acht Jahren sind sie ein Paar. Verpartnert werden sie allerdings nicht lange bleiben: Nach dem 1. Oktober soll die eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe umgeschrieben werden. (cw)



#1 TraumzerstörerinAnonym
  • 14.09.2017, 06:33h
  • Hallo Leute,

    Gesichten wie diese, sind ja typisch für schwule Männer, man hört sie oft. Dabei sind aber einige Aspekte, ich ich persönlich nie nachvollziehen konnte. Ich bitte, dass mit das jemand der genau so eine, oder eine ähnliche Lebensgesichte hatte das mal erklärt, aus seiner persönlichen Sicht:

    Wie habt ihr es geschafft, mit jemandem zu schlafen, sogar eine Familie aufrecht zu erhalten, obwohl das eigentlich garnicht das was was ihr wolltet, vor allem das Sexuelle.
    Bei mir ist das nämlich so, das wenn ich auf jemanden nicht stehe, ich auch wirklich nie mit der Person schlafen könnte, da passiert garnichts.

    Wie habt ihr das alles geschafft, Partnerin bekommen, Heiraten, Kinder, Ehe, ohne das dort massive Diskrepanzen entstanden sein müssen, die auch der Partnerin auffielen?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 spontiAnonym
  • 14.09.2017, 07:58h
  • Antwort auf #1 von Traumzerstörerin
  • Ich denke, das hat etwas mit dem Alter zu tun. Ich - Jahrgang 1960 - habe, als ich meine Sexualität entdeckte, nichts von Homosexualität gewusst oder erfahren können. (Deshalb ist es so wichtig, dass in Schulen darüber geredet wird).
    Ich war verwirrt, aber als ich entdeckte, dass ich mit Mädchen schlafen kann, habe ich das als jugendliche Verwirrtheit abgetan, und ja, es war zunächst in Ordnung so, weil ich mit Homosexualität nicht in Berührung kam.
    Ich hatte verinnerlicht, ich bin Hetero.
    Das ließ sich nicht halten im Laufe der Jahre und ein langer innerer Prozess begann, wie ihn der Emmericher Bürgermeister richtig beschreibt.
    Ich bin so froh, wenn ich die jungen Schwulen sehe, die diesen Weg nicht gehen müssen. Andererseits bin ich dankbar für meinen wunderbaren Sohn, der mich denken lässt, dass dieser schmerzhafte Weg einen Sinn hatte.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 FelixAnonym
  • 14.09.2017, 08:25h
  • "Im Doppelleben wird man Zeit seines Lebens nicht glücklich. Das Versteckspiel raubt ungeahnte Möglichkeiten. Das, was man nach seinem Coming-out gewinnt, kriegt man nicht formuliert. Es ist unglaublich, wie erleichternd das ist."

    Da kann ich mich nur anschließen.

    Solange man sich selbst verleugnet, weiß man gar nicht, was man verpasst und wie frei und glücklich man nach seinem Outing ist.

    Wenn die Schmierenkomödie endlich vorbei ist und man nicht mehr bei jedem Handeln und jedem Reden aufpassen muss, dass man sich nicht verrät, weiß man erst, was man sich selbst angetan hat.

    Danach bereut man jeden Tag, den man gewartet hat.

    Und ganz ehrlich: wer einen danach nicht mehr mag, nur weil man etwas sagt, was auch vorher schon der Fall war, hat einen niemals wirklich gemocht. Denn das war ja auch vorher schon Teil von einem und man bleibt derselbe Mensch - nur dass man nicht mehr sich selbst und andere belügt.

    Deswegen kann ich nur jedem raten:
    Seid offen. Seid frei.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 BlödeFrageAnonym
  • 14.09.2017, 08:45h
  • Antwort auf #1 von Traumzerstörerin
  • Steht glasklar im Artikel:
    Es ist ihm erst 2004 BEWUSST geworden, dass er schwul ist. Das bedeutet: vor 2004 war es ihm NICHT bewusst.
    Weil es ihm nicht bewusst war vor 2004, wusste er über sein Schwul sein nichts.
    Da die Mehrheit der Gesellschaft heterosexistisch geprägt ist, ist es kein Wunder, dass er damals eine Ehe mit einer Frau hatte und mit ihr ein Kind zeugte.
    Das höre ich öfters von Schwulen und Lesben, die eine Generation älter sind als ich, zum Beispiel.

    Das hat also nichts mit nicht wollen zu tun, sondern es war ihm schlicht nicht bewusst!

    Sein Versteckspiel begann ja erst, als ihm bewusst wurde, dass er schwul ist.

    Das mit dem Versteckspiel ist allerdings fremd für mich. Ich outete mich in dem Moment, als ich wusste, dass ich lesbisch bin.

    Aber dazu muss man verstehen, dass ältere Generationen in einer Zeit aufwuchsen, als es noch kein AGG gab und wo der Paragraph 175 noch präsent war. Denen blieb also gar nichts anderes übrig, als ihre Homosexualität zu unterdrücken.
    Was furchtbar war und ist!

    Ich bin ebenfalls in einer Zeit aufgewachsen, als es noch kein AGG gab und der Paragraph 175 wütete. Und ich bin unendlich dankbar dafür, dass mir erst 2008 bewusst wurde, dass ich lesbisch bin. So hab ich meine Schulzeit und meine Ausbildung unbeschadet überstanden, ohne irgendetwas verstecken zu müssen. Es war mir schlicht nicht bewusst. Ich dachte damals, ich sei hetero.
    Natürlich wusste ich, dass es Homosexuelle gab und Bisexuelle, und Transsexuelle. Aber ich erkannte meine Homosexualität bei mir damals nicht.
    Während meiner Schulzeit fand ich zwar Lehrerinnen interessant, aber ich dachte damals, das sei Sympathie. Dass ich damals aber bereits ein Verliebtheitsgefühl hatte, das erkannte ich nicht.
    Das wurde mir dann erst 2008 bewusst. Da gab es zum Glück kein Paragraph 175 mehr und es gab das AGG seit zwei Jahren.
    Das war mein Glück!
    Ich lebte also 31 Jahre meines Lebens ohne Diskriminierung. Paradiesisch.

    Trotzdem bin ich heute froh, dass ich weiß wie mein Liebesleben aussieht. Denn damals, vor 2008, lebte ich zwar hetero, aber so ganz vollkommen fühlte sich das nicht an. Da gab es immer ein Fragezeichen im Hintergrund.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 FelixAnonym
  • 14.09.2017, 08:57h
  • Antwort auf #1 von Traumzerstörerin
  • Ich selbst war nie in der Situation und hatte auch noch nie Sex mit einer Frau. Aber ich kann mir schon denken, dass manche Leute durch Elternhaus, Freundeskreis, Gesellschaft, Medien, etc. dermaßen auf hetero "geeicht" werden, dass sie das irgendwann selbst glauben und gar nicht mehr kritisch hinterfragen.

    Dann ist Sex ein rein mechanisch ablaufender Prozess und sie wissen gar nicht, wie toll und erfüllend echter Sex sein kann.

    Deswegen ist es auch wichtig, bereits in der Schule umfassend aufzuklären und Vielfalt zu fördern, damit sich jeder Jugendliche frei und ohne Angst entwickeln kann. Und das ist auch für Heteros wichtig.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 herve64Profil
  • 14.09.2017, 09:02hMünchen
  • Er hat vollkommen Recht. Je länger man es hinaus zögert, zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen, desto größer wird im weiteren Verlauf das Bedauern über die Zeit sein, die man mit diesem unsäglichen Versteckspiel verschwendet hat.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 BlödeFrageAnonym
  • 14.09.2017, 09:04h
  • Antwort auf #5 von Felix
  • Nein, meine Eltern sind tolerant. Die hatten damals gar nichts damit zu tun. Die Gesellschaft allerdings schon.

    Und nein, Sex war damals gar kein rein mechanischer Ablauf. Wäre das so gewesen, wäre mir damals meine Homosexualität bewusst gewesen und hätte den Sex abgelehnt, ohne ihn überhaupt auszuführen!

    Der damalige Sex war auch schön, aber was das Gefühl Liebe in umfassender Weise betrifft, das erlebte ich erst mit meiner Ex.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 LinusAnonym
  • 14.09.2017, 10:33h
  • Das ewige Versteckspiel, die andauernde Selbstverleugnung und die staendige Angst vor Enttarnung koennen langfristig nicht ohne Folgen fuer Psyche und Gesundheit bleiben.

    Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern langsam - aber stetig. Und irgendwann sieht man in den Spiegel und erkennt sich selbst nicht mehr oder erschreckt sich sogar vor dem, was man da sieht.

    Das sollte sich niemand antun.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 IgelpilzAnonym
  • 14.09.2017, 11:14h
  • Antwort auf #8 von Linus
  • Genauer gesagt: Das darf niemandem angetan werden.

    Wir brauchen dringend (!) Strukturen in den Schulen, die es Jugendlichen ermöglichen, zu sich selbst zu finden und zu sich selbst zu stehen.

    Nicht die Gemobbten müssen "aus Selbstschutz" die Schule wechseln, sondern die Mobbenden.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Eisenhower
  • 14.09.2017, 11:32h
  • Ich habe etwas schneller gemerkt das ich schwul bin und ich habe keiner Frau etwas vorgespielt und sie geheiratet. Wie hunderttausende andere Schwule auch.

    2004 hat gemand "große Angst vor den Realtionen in meinem Umfeld"? Und ist bei der SPD?

    Hoffentlich bekommt Emmerich bald einen CDU Bürgermeister, der es etwas schneller kapiert.
  • Antworten » | Direktlink »