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Literatur

Wenn das Hook-Up zur Vergewaltigung wird

Der französische Schriftsteller Édouard Louis hat einen zweiten Roman veröffentlicht: "Im Herzen der Gewalt" handelt von einer schwulen Begegnung, die über Nacht zum Gewaltexzess wird.


Édouard Louis, Jahrgang 1992, sorgte 2015 mit seinem autobiografischen Debütroman "Das Ende von Eddy" für großes Aufsehen (Bild: S. Fischer Verlag)
  • Von Markus Kowalski
    24. September 2017, 09:34h, 4 Kommentare

Auf dem Dorf ist für viele Schwule kein gutes Leben möglich. Also ziehen sie in die Großstadt, um dort ihr Glück zu finden. Das machte auch der französische Schriftsteller Édouard Louis. Nach seinem Coming-out zog er aus der nordfranzösischen Provinz nach Paris. In seiner Jugend machte er nur schlechte Erfahrungen mit dem Schwulsein, erlebte jeden Tag homophobe Beleidigungen, Demütigungen und Erniedrigungen. All das beschrieb er sprachgewaltig in seinem Debütroman "Das Ende von Eddy", der 2015 in deutscher Übersetzung erschien (queer.de rezensierte).

Das Dorf war kein guter Ort für ihn, also war es ein Befreiungsschlag, in die Millionenmetropole Paris zu fliehen und der unerträglichen Kindheit den Rücken zu kehren. Nur manchmal kommt er jetzt noch zu Besuchen zurück. Doch dafür hat ihn seine Familie gebeten, "nicht so tuntig zu tun und nicht so provokante Sachen anzuziehen". Er soll seine schwule Identität nicht so "raushängen" lassen.

Also bleibt er lieber in der Stadt. Lebt in Paris, studiert Soziologe, wird bekannt als Schriftsteller. Der 24-Jährige will "einen Bourgeois abgeben", um der "ärmlichen Herkunft aus der Provinz zu entfliehen". Bis die spontane Begegnung mit einem anderen jungen Mann am Weihnachtsabend sein komfortables Leben auf den Kopf stellt.

Eine lange Nacht mit einer schrecklichen Erfahrung


Der Roman "Im Herzen der Gewalt" ist im S. Fischer Verlag erschienen

Hier beginnt die autobiografische Geschichte des gerade erschienenen Romans "Im Herzen der Gewalt". Der Ich-Erzähler Édouard hat etwas Schreckliches erlebt. Er ist vergewaltigt und sogar mit dem Tode bedroht worden. Eine romantische Begegnung ist in einen gewaltvollen Überfall umgeschlagen. Wie konnte es dazu kommen?

Der Erzähler will all das nur schrittweise preisgeben. Er versucht, sich zu erinnern und die Geschichte erneut nachzuerzählen. Was war tatsächlich passiert, als er allein von der Place de la République nach Hause lief und plötzlich von diesem jungen Mann Reda angesprochen wurde?

So eine Geschichte kann heute jedem passieren. Zwar ist es nicht üblich, dass man andere Männer abends auf der Straße einsammelt, um sie dann mit "nach oben" zu nehmen. Aber es gehört zur schwulen Kultur, Unbekannte aus Dating-Apps für ein Hook-Up einfach in die eigene Wohnung zu lassen. Man teilt sofort ganz viel Intimität und Nähe. Und so entsteht eine fragile Begegnung, mit der der Autor Louis literarisch zu spielen weiß. Er lässt die Situation kippen: Aus der Nähe der zwei Liebenden wird Distanz, Intimität wird zu Fremdheit, Zärtlichkeit wird zu roher Gewalt. Plötzlich ist der vermeintlich sichere Ort – Schwule unter sich – gar nicht mehr sicher. Auch das Großstadtleben wird bedrohlich.

Die Vergewaltigung wird zum Schlüsselmoment

In dieser Situation, als sich Édouard dessen bewusst wird, kommt der Hass in ihm hoch, der Hass auf seinen Vergewaltiger Reda: "Der Hass braucht keinen bestimmten Einzelnen, um existieren zu können, sondern nur Anlässe, um sich zu inkarnieren." Doch wie kann er jemanden hassen, der ihm zuvor noch geschmeichelt hatte? Wie soll er damit umgehen, dass er von einem Ausländer missbraucht wurde, und dass das alle rassistischen Vorurteile bestätigt?

Da ist es wieder, das zentrale Motiv, das Louis schon im ersten Buch meisterhaft verarbeitet hatte: Hass. Er kommt hoch, wenn man die gesellschaftliche Situation betrachtet, in der Schwule und andere Minderheiten leben. In dem Roman wird die romantische Begegnung zweier Männer zum Schlüsselmoment. Einer ist arm und dunkelhäutig, der andere wohlhabend und weiß. Durch seine eigene Vergewaltigung werden für Édouard die gesellschaftlichen Missstände sichtbar.

Lösen kann sie der Autor in seinem zweiten Buch nicht. Aber er kann all die Gedanken, die ihm nach dieser gewaltvollen Erfahrung kommen, aussprechen und aufschreiben: "Meine Lippen brannten vor dem Bedürfnis, über Weihnachten zu reden." Und das gelingt ihm ganz wunderbar und eindringlich.

Mehr Infos zum Buch

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 217 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2017. 20 €. ISBN 978-3-10-397242-9


#1 stromboliProfil
#2 Ralph
  • 24.09.2017, 11:48h
  • Ich fürchte mich vor diesem Buch. Ich habe es bereits in meiner Bibliothek, weiß aber noch nicht, ob ich mich zum Lesen werde durchringen können. Der erste Roman dieses Autors war schon ein Tiefschlag für mich. Nach dem ersten Satz "An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung" musste ich sofort aufhören zu lesen und schaffte es erst Tage später, doch mit der Lektüre anzufangen. Nie zuvor hatte jemand mit diesem einzigen treffenden Satz meine eigene Kindheit zusammengefasst. Ich habe nicht den deprimierenden Unterschicht-Hintergrund, der da beschrieben wird, sondern einen kleinstädtisch-bürgerlichen. Aber die Erlebnisse des Jungen in der Schule, die da erbarmungslos beschrieben werden, sind meine. Das ist alles großartig erzählt - und war für mich eine Qual. Jetzt berichtet er über den Wechsel in die große Stadt zum Studium und die Besuche zu Hause mit ihrer von der Familie gewünschten Verstellung. Das habe ich auch erlebt. Und er berichtet von der Gewalt, die ihm angetan wurde. Sollte man nur lesen, was man selbst nicht kennt? Sollte man gerade erst recht lesen, was man kennt? Dieser Autor und seine Bücher sind mir unheimlich und sie ziehen mich trotzdem an. Vermutlich ist es die Faszination, in Worte gefasst zu erfahren, was ich selbst nie in Worte zu fassen vermocht habe.
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#3 Andy2Anonym
  • 24.09.2017, 13:07h
  • Ich habe das erste Buch von ihm gelesen und war nicht vollends begeistert. Seine Geschichte ist tragisch und packend zugleich und er kann durchaus schreiben, mir fehlte aber ein wenig die Struktur.

    Gegen Mitte des Buches verlor er sich dann viel in "Geschwafel", das die eigentliche Handlung (wenn man bei einem halbautobiografischen Roman denn überhaupt von Handlung sprechen mag) nicht voranbrachte. Immer wieder gab es separate Episoden über irgendwelche Dorfbewohner, so dass ich insgesamt die Lust am Lesen verlor und es auch nicht beendet habe.

    Die Struktur des Buches mag so vom Autor und Lektor gewollt sein (die deutschen Tipp-
    und Rechtschreibfehler wahrscheinlich weniger!), mir hat es jedenfalls nicht besonders gefallen.
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#4 TheDadProfil
  • 24.09.2017, 22:45hHannover
  • Antwort auf #2 von Ralph
  • ""Ich fürchte mich vor diesem Buch.""..

    Das muß Ansporn sein es zu lesen, und sich dann mit der eigenen Erfahrung dazu zu befassen, und nicht dazu zu führen sie weiter zu verdrängen..

    Ich kann sehr gut verstehen was Dich abhält, denn die Beschäftigung mit der eigenen Entwicklung ist kein einfaches Unterfangen..
    Aber sie trägt dazu bei sich seiner Traumata zu stellen, und sie auch zu überwinden..

    Nicht treiben lassen, aber auch nicht davon abhalten lassen..

    Dir an dieser Stelle einfach mal Danke für die geteilten Erfahrungen..
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