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Zu wenig Umsatz

Rettet den Erlkönig!

Wir dokumentieren ein als Hilferuf gedachtes "Coming-out" von Thomas Ott, Inhaber von Stuttgarts queerem Traditions-Buchladen.


Eine Stuttgarter Institution ist in Gefahr: Die Buchhandlung Erlkönig in der Nesenbachstraße 52 wurde 1983 eröffnet (Bild: Erlkönig)

Hallo Welt!

Nenne ich dies nun "Bekanntmachung" oder "Offener Brief", "Hilferuf" oder "S.O.S."? Oder sollte ich es "Coming-out" nennen?

Ich glaube, das passt: Denn ähnlich unangenehm war mir ein "Bekennen" letztmalig im Oktober 1975. Da hatte meine Mutter beim "Aufräumen" (oder "Schnüffeln?") in meinem Zimmer die erste Ausgabe der "Du & ich" gefunden, die ich mir ein paar Tage zuvor schwer ohnmachtgefährdet in einem Kiosk am Bahnhof Feuerbach gekauft hatte. In Degerloch hätte ich mir sie nicht kaufen können, da wohnte ich ja. Am Olgaeck ebensowenig, das war in der Nähe der Waldorfschule, und x Mitschüler/innen hätten mich sehen können…

Meine Mutter fand es also, das Magazin, "entsorgte" es im Mülleimer, nicht ohne es vorher in kleine Streifen zerrissen zu haben, falls denn bei der Müllabfuhr jemand… Und bat mich mit verheulten Augen darum, ihr zu sagen, "dass das nicht stimmt!" Und ich heulte auch ein bisschen, verwarf dann aber Gedanken an Selbstmord oder Auswandern und ging hoch in die Küche und sagte zu meiner Mutter: "Doch. Es stimmt. Ich bin schwul!" Dann wurde gemeinsam geflennt. Der Anfang einer langen Geschichte, die dann besser wurde…

Wenn sich nichts ändert, müssen wir zumachen!

Jetzt, eine Woche, nachdem der Erlkoenig 34 Jahre alt geworden ist (traditionsgemäß habe ich das gar nicht gemerkt, aber ich vergesse auch meinen eigenen Geburtstag öfter mal…), gehe ich jetzt hoch in die "Gerüchte"-Küche und sage: "Doch. Es stimmt. Wenn sich nichts ändert, müssen wir zumachen!"

Eines der ersten Argumente meiner Mutter damals war: "Das kann sich ja auch noch ändern". Sie hat das wohl selbst nicht geglaubt, und ich wusste es besser. Ausgesprochen filmreife erste heterosexuelle Erfahrungen hatte ich hinter mir, und sie waren nur insofern hilfreich, als ich danach eben wusste, was ich NICHT will…

Dieses Artikelchen, das ich übrigens selbst auch anderweitig "verbreiten" werde, und das zu teilen oder sonst anderweitig zu verbreiten ich euch alle inständig bitte, macht allerdings nur Sinn, weil ich eine gewisse Hoffnung habe, dass das "wenn sich nichts ändert" weniger hoffnungslos ist als der Einwand meiner Mutter, "das" könnte sich ja auch "rauswachsen".

Die Fakten:

Neben Eisenherz in Berlin und Löwenherz in Wien ist der Erlkoenig der letzte "schwule Buchladen" im deutschsprachigen Raum. Wir/ich waren noch nie gefährdet, damit reich zu werden. In den "besseren Zeiten" kam man grade so zurecht. Die "besseren Zeiten" sind vorbei. Seit Jahren überleben wir nur, weil ich selbst Geld reinstecke, dass ich z.B. geerbt habe. Das ist jetzt aber verbraucht. Futsch! Die Ladenumsätze sinken weiter. Die Umsätze über unseren Internetshop steigen, aber nicht so, dass es zusammen reicht.

Ich habe "Fakten" gesagt und es wird diese Fakten ab jetzt regelmäßig geben. Ich werde Zahlen nennen und ich werde darüber mit euch zu diskutieren versuchen, woran es liegt.

Die ersten blanken Zahlen: Wir bräuchten, um unsere Ladenmiete zu zahlen und zwei Leute auf einem Niveau, dass "existenzsichernd" ist (und nicht mehr!) zu bezahlen, ca. 15.000 € Umsatz im Monat. Aktuell sind es ca. 10.000 €. Es fehlen also 5.000 € monatlich.


Die Buchhandlung Erlkönig von außen (Bild: Ecelan / wikipedia)

Was heißt das?

Stuttgart alleine könnte das machen, indem von den ca. 20.000 Menschen, die hier in irgendeiner Form der LSBTTIQ-Community angehören (5% von 600.000 sind 30.000, wir ziehen mal Kinder und ein paar andere ab), jede/r im Monat 0,25 € ausgibt. Also z.B. alle vier bis fünf Monate eine Postkarte kauft.

Unrealistisch? Ja klar. Aber es würde ja auch reichen, wenn 10% der "LSBTTIQ"-Menschen in Stuttgart 2,50 € im Monat bei uns lassen würden. Drei Taschenbücher im Jahr oder einen Kalender und drei Regenbogenaufkleber. Oder ein einziges teures Fachbuch (das bei uns, wie in jeder Buchhandlung, genau das Gleiche kostet wie irgendwo). Oder zwei Bilderbücher für den Neffen oder die Enkelin, ein Kochbuch für die Mama (wir besorgen JEDES lieferbare Buch, jeden lieferbaren Film, und wir besorgen, wenn es geht, auch alles, was nicht mehr regulär lieferbar ist!)

Anderer Ansatz:

Mit unserem Internetshop, von dem ich behaupte, dass er zum Besten gehört, was es in der Beziehung weltweit gibt, machen wir aktuell knapp 1.500 € Umsatz im Monat. Etwa die Hälfte davon generieren ca. 5-10 Stammkund/innen, die offensichtlich zufrieden sind. Mir ist schon klar, dass es nicht Tausende von Schwulen und Lesben gibt, die im Monat 150 Euro für Bücher oder Filme ausgeben und die dann auch noch bei uns bestellen, aber es würde uns ja schon über die "so-geht-es-nicht-mehr-weiter"-Schwelle helfen, wenn aus den 5-10 Leuten, die unser Angebot grade so intensiv nutzen, z.B. 50 oder 80 würden. Grob gesagt: Eine/r pro eine Million Einwohner in Deutschland! Habe ich vergessen zu erwähnen, dass wir auch in die Schweiz verschicken, nach Spanien, nach Island, nach Taiwan, nach Costa Rica?

Für heute ist die Tirade am Ende. Wie gesagt: Ich bitte ausdrücklich darum, diesen Beitrag zu teilen. Es ist, daran geht dann doch kein Weg vorbei, ein "Hilferuf".

Ein letztes noch: nein, wir WOLLEN nicht schliessen. Wir gehen nicht freiwillig! Deshalb dieses Coming-out, bevor es "ausgemacht" ist. Aber wir MÜSSSEN, wenn sich nichts bewegt…

Ich danke für die Aufmerksamkeit. Und ich danke auch für Kommentare, Kritik und Ideen. I declare this bazaar open!

P.S.:

Als Max & Milian in München 2011 Insolvenz anmeldet und schliessen muss, sagt ein Kommentar auf maennerschwarm.de: "So bleibt uns allen vor allem eine Option: Männerschwarm, Eisenherz und Erlkönig mit noch mehr Tatkraft und vor allem Umsatz zu unterstützen. Diese Buchläden sind in meinen Augen mehr als nur reine Buchhandlungen (und damit Wirtschaftsunternehm en): Sie sind schwules – und mittlerweile auch lesbisches – Kulturleben!!!"

Ich finde, das stimmt so. Mir ist klar, dass viele darüber anders denken, und ich kann das auch teilweise nachvollziehen. Wenn ALLE so denken, war's das dann.



#1 FelixAnonym
  • 02.10.2017, 14:54h
  • Wir können nicht immer nur über die Verödung der Innenstädte, Steuervermeidung großer Konzerne, Monokultur ohne echte Vielfalt, schlechten Service, etc. jammern und dann die kleinen, inhabergeführten Geschäfte wo diese Kritikpunkte alle nicht zutreffen im Stich lassen.

    Jeder einzelne Kunde hat es selbst in der Hand, die weitere Konzentration im Einzelhandel zu fördern oder etwas dagegen zu tun.

    Ich hoffe, dass alles gut geht.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 WillieAnonym
  • 02.10.2017, 15:20h
  • Den Männerschwarm hats ja inzwischen auch erwischt, trotz viel grösseren Publikum in Hamburg. Der Todesstoss war sicherlich auch die Öffnung eines Bruno Stores gleich um die Ecke.
    Das wäre nicht nötig gewesen, Bruno Gmünder.
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#3 g_kreis_adventProfil
  • 02.10.2017, 16:23hBerlin-Prenzlauer Berg
  • Frage an queer.de:
    Warum macht Ihr Werbung für Amazon, macht endlich Werbung für die eigene Community, für die schwulen Buchhändler!!!

    Bei allen Buch- CDs und DVD Tipps immer nur Werbung den Multikonzern.
    Beispiel: Neue DVD bei Pro-Fun - Der schwule Sohn des Pfarrers

    www.queer.de/detail.php?article_id=29794

    Es geht auch mit einem Direktlink zu den schwulen Buchhändlern:

    www.prinz-eisenherz.com/

    Bitte mehr Unterstützung von Queer.de!!!
  • Antworten » | Direktlink »
  • Anm. d. Red.: Auch queer.de braucht leider Unterstützung. Die Affiliatelinks zu amazon.de tragen mit zur Finanzierung dieses Portals bei. Die schwulen Buchläden bieten kein entsprechendes Provisionsangebot an.
#4 Ralph
  • 02.10.2017, 16:37h
  • Die schwule Infrastruktur bricht weg, und keiner will's gewesen sein. Max&Milian war immer eine der ersten Adressen, die ich bei meinen häufigen München-Aufenthalten ansteuerte. Heute steigt ein säuerliches Gefühl in mir hoch, wenn ich durch die Ickstattstraße gehe und registriere, dass inzwischen schon der dritte oder vierte Nachmieter im Laden ist, der sich auch immer nur kurz halten kann. Die Miete ist, wie Buchhändler Jan ehedem sagte, einfach zu teuer geworden. Aber da ist auch eine negative Folge unserer langsam zunehmenden Akzeptanz: Man traut sich inzwischen, in einer x-beliebigen Buchhandlung schwule Titel zu bestellen und in Empfang zu nehmen. Zumindest geht es mir so. In jüngeren Jahren hab ich mich vor verdutzten Blicken und peinlichen Nachfragen gescheut. Die gibt es heute nicht mehr. Heute guck ich sogar ab und an in den Erlkönig-Onlineshop - und bestell dann, was mir zusagt, in der hiesigen "Heten-Buchhandlung". Ich bin ein Arsch... In den nächsten Tagen schau ich mal wieder in den Onlineshop und bestelle dort.
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#5 AnonymAnonym
  • 02.10.2017, 16:39h
  • Ich hatte selbst einen kleinen Laden, den ich mit sehr viel Herzblut geführt habe. Alle fanden ihn toll. Nur war kaum jemand dazu bereit, das mit entsprechenden Einkäufen zu honorieren.

    Nach gewisser Zeit war all mein Erspartes, das ich investiert hatte, weg, und ich musste schließen. Alle fanden es total schade und haben sich darüber beklagt, teilweise sogar darüber beschwert.

    Jetzt lebe ich von Sozialhilfe. Das sind 409 Euro zuzüglich zur Miete. So gern ich es würde, kann ich damit leider kein Projekt besonders unterstützen. Es reicht gerade so zum Lebensunterhalt, wenn man sich stark einschränkt und jeden Euro dreimal umdreht.

    Der Paritätische Wohlfahrtsverband hält übrigens 529 Euro für angemessen. Unser Staat hält sich lieber ein großes, wachsendes Prekariat.

    www.der-paritaetische.de/fachinfos/hartz-iv-paritaetischer-f
    ordert-regelsatz-von-529-euro/


    Hätte ich etwas mehr Geld, würde ich alles versuchen, um Euch zu unterstützen. So kann ich nur von Herzen alles Gute wünschen. Und an alle appellieren, die es können, Euch nach Kräften zu unterstützen.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 g_kreis_adventProfil
  • 02.10.2017, 16:48hBerlin-Prenzlauer Berg
  • Antwort auf #3 von g_kreis_advent
  • Antwort auf die Anm. der Redaktion:

    Die schwulen Buchhändler nagen am Hungertuch und Ihr wollt eine Provision? Keine Solidarität? Nehmt Euch nicht die Siegessäule.de zum Vorbild!!!

    Zur eigenen Unterstützung macht zum Jahresende eine Spenden- Solidaritätsaktion für Euch. Ich bin dann dabei und mache auch Werbung in unseren Gesprächskreis.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 SebiAnonym
  • 02.10.2017, 16:52h
  • Antwort auf #5 von Anonym
  • Das interessante ist ja, dass bei kleinen Läden nicht nur Beratung und Service deutlich besser sind (es gibt natürlich auch Ausnahmen und um die tut es mir dann auch nicht leid), sondern die müssen auch preislich gar nicht mal teurer sein.

    Bei Büchern, Zeitschriften und Zeitungen gilt ja glücklicherweise eh die Buchpreisbindung, was ein Garant für kulturelle Vielfalt ist. Aber auch anderswo müssen kleine Läden nicht teurer sein als große Ketten.

    Ein Beispiel:
    Ich habe mehrere kleine Kinder in meiner Verwandtschaft und festgestellt, dass der kleine Spielwaren-Einzelhändler bei uns in der Stadt nicht teurer als die US-Kette Toys'R'Us bei uns im Gewerbegebiet ist. Oft sogar preiswerter. Viele fahren extra ins Gewerbegebiet, weil sie denken, dass die Kette automatisch preiswerter sein muss, was keineswegs der Fall ist.

    Oder ich muss auch immer lachen, wenn Leute online vielleicht mal 10 Euro sparen und sich dafür jede Menge Ärger einhandeln, weil sie doch irgendwelche gebrauchten Geräte erwerben, Probleme im Garantierfall haben, etc.

    Und abgesehen davon:
    wenn es irgendwann nur noch Amazon & Co gibt und keinerlei Konkurrenz mehr, werden die nochmal richtig die Preise anziehen. Wer erst mal die Konkurrenz und klassische Vertriebsstrukturen kaputt gemacht hat, kann danach die Bedingungen selbst diktieren.
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#8 LinusAnonym
  • 02.10.2017, 16:58h
  • LGBTI-Buchläden sind nicht nur Geschäfte. Sie sind ein Stück Kultur, sie sind Treffpunkt und sie sind ein Teil der LGBTI-Bewegung und LGBTI-Geschichte, die nicht zu Geschichte werden dürfen...
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#9 TechnikerAnonym
  • 02.10.2017, 18:10h
  • Die schwulen Buchläden werden wohl ein Opfer des liberalen Klimas - also sozusagen ihres eigenen Erfolgs...

    "Warmes" Repertoire ist auch in anderen Buchhandlungen gängig - wenn auch sicher nicht so gut sortiert wie in den schwulen. Kommerzielle wie ehrenamtliche Portale helfen jungen Schwulen beim Coming Out - es muß nicht "Schwul - na und?" sein... Oft genug wird Homosexualität als was völlig Normales wahrgenommen. Erotisches Material in allen Spielarten findet sich kostenlos wie -pflichtig im Internet zuhauf - das hat ja schon viele Homo-Magazine gekillt.

    Und dann gibt's ja noch die Blödis, die grundsätzlich alles bei Amazon bestellen, obwohl Bücher überall denselben Preis haben...

    In Schuttgart kommt noch dazu, daß seit rund einem Jahr flächendeckend alle kostenlosen Parkmöglichkeiten abgeschaft wurden und die Öffis unverschämt teuer sind - wer aus den Nachbargemeinden ins Elend im Talkessel mit der Bahn fährt, zahlt noch 8,20 für die Fahrt, ab November 8,40 . Das lädt nicht gerade zu einem EInkaufsbummel ein...

    Ehrlich, Herr Ott: Wenn schon der Punkt erreicht ist, wo sie den Spargroschen aufbrauchen, gebietet es der Eigenschutz, den Stecker zu ziehen - vielleicht können Sie sich mit Anderen zusammentun, um dem Internetshop die nötige Kundenzahl zu verschaffen. Aber es dankt Ihnen leider niemand - schon gar nicht eine überaus diffuse, hedonistische "gay community" -, wenn Sie Ihre wirtschaftliche Existenz aufs Spiel setzen.

    Ich weiß, es klingt herzlos - aber wenn das Pferd tot ist, sollte man absteigen.
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#10 SebiAnonym
  • 02.10.2017, 18:20h
  • Antwort auf #9 von Techniker
  • "
    Ich weiß, es klingt herzlos - aber wenn das Pferd tot ist, sollte man absteigen."

    Aber wenn das Pferd nicht tot ist, sondern nur schwer krank und wenn man sein Pferd liebt, tut man alles, um es zu retten. Und wenn man mit so viel Herzblut für die Rettung des Pferdes kämpft, kann das durchaus gelingen.

    Und selbst wenn das Pferd dann stirbt, hat man zumindest alles versucht und braucht sich keine Vorwürfe zu machen, nicht alles versucht zu haben...
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