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Porträt

Pierre Sanoussi-Bliss und die Kaulquappe, die nicht Frosch, sondern Nixe werden will

Der Berliner Schauspieler und Autor erzählt Geschichten vom Anderssein. Sein Kinderbuch "Der Nix" ist ein Geschenk – nicht nur für queere Kids.


Pierre Sanoussi-Bliss spielte von 1997 bis 2015 in der ZDF-Krimiserie "Der Alte" den Assistenten Axel Richter (Bild: Detlef Eden)

Er ist einer der großen bekannten Unbekannten. Einer, den jeder kennt, aber nicht so genau weiß woher. Hat der nicht, war der nicht? Ja, hat er, ja war er. In 160 Folgen 18 Jahre lang im ZDF-Krimi "Der Alte" mitgespielt. Dass Pierre Sanoussi-Bliss wie wenig andere schwule Schauspieler, Autoren und Regisseure in seinen Arbeiten offen und engagiert für die Sichtbarkeit ganz unterschiedlicher Aspekte queeren Lebens bemüht, ist dabei vielen nicht bewusst.

Im legendären (und einzigen) DDR-Homofilm "Coming Out" (1989) spielt er eine Rolle, die in den Credits "Araber" genannt wird. Es ist ein Kurzauftritt, in der er als Opfer rassistischer U-Bahn-Schläger kein einziges Wort zu sagen hat. In "Keiner liebt mich" (1994) von Doris Dörrie ist er Orfeo de Altamar, ein aidskranker Vodoo- und Wunderheilermann – eine Rolle, die noch stärker ist als der Film. Das Bild, wie er im Dunkeln in einem Skelett-Kostüm auf Edith Piafs "Je ne regrette rien" tanzt, in den Händen ein Kuchen mit leuchtenden Kerzen, bekommt man nicht so leicht aus dem Kopf.

Keine Angst vor schwulen Geschichten


Pierre Sanoussi-Bliss in "Der Alte" (Bild: ZDF)

Während andere schwule Schauspieler nach prägnanten schwulen Rollen in erfolgreichen Filmen vor allem Angst davor haben, auf diese festgelegt zu werden, nahm sich Sanoussi-Bliss den Orfeo in einem eigenem Film noch einmal vor. In "Zurück auf Los!" (2000) erzählt er wieder die Geschichte des Todgeweihten, doch diesmal zelebriert er statt der Todes- die Lebenssehnsucht, schafft es, reale und doch märchenhafte schwule Liebe und Lieben zu erzählen.

In seiner neuesten Kinoproduktion "Weiber! Schwestern teilen. Alles." (2016), einem herrlich absurden Kriminalspektakel, steht keine schwule Geschichte im Mittelpunkt, aber es vergehen keine 20 Minuten, ohne dass irgendwie Schwules passiert. Und doch wirkt es nicht aufgesetzt, sondern so wie es ist und sein muss: Dass es einfach zum Leben dazu gehört.

Ein schwuler Schauspieler, der markante schwule Rollen in markanten schwulen Filmen spielt und doch ohne Probleme fast zwei Jahrzehnte als heteronormativer Kommissar in einem deutschen Familienkrimi durchgeht: Machen sich junge schwule Schauspieler womöglich umsonst in die Hose, die ein Coming-out scheuen, weil sie Angst haben, auf bestimmte Rollen festgelegt zu werden oder weniger Jobs zu bekommen? Pierre Sanoussi-Bliss behauptet, darüber nie nachgedacht zu haben: "In meinem Fall ist es eher die Hautfarbe, die Castern und Besetzern im Weg steht. Die ist sichtbar."

Kampf für seine Identitäten


Sanoussi-Bliss' Kinderbuch "Der Nix" ist im Inselkinder Verlag erschienen

Ossi, schwarz, schwul. In seinen Filmen kämpft er für seine Identitäten und dafür, dass sie keine Rolle spielen. Dafür, dass sie eine Rolle spielen. Es geht eben nicht um das Ob, sondern um das Wie und das Warum, das entscheidet, ob ein Unterschied benannt werden soll, darf oder muss. Ja, ob ein Unterschied überhaupt ein Unterschied ist oder nicht.

Sanoussi-Bliss gelingt dabei eine Leichtigkeit, gerade wenn es schwer wird. Er hat keine Angst vor Klischees, er scheint sie fast zu suchen, um sie dann als das stehen zu lassen, was sie sind. Er hat eben ein Gespür dafür, wann etwas lustig ist oder nur lächerlich. Es ist erstaunlich, dass jemand, der so geübt ist in dieser Kunst, so wenig präsent in den sogenannten "Mainstream-Medien" ist. Aber auch in der queeren Community.

Um so mehr ist es ihm, aber auch der Community zu wünschen, dass eines seiner neuesten Projekte eine große Aufmerksamkeit bekommt: Im Juli erschien die neue gebundene Ausgabe seines Kinderbuches "Der Nix". Es ist die Coming-of-Age-Geschichte einer queeren Kaulquappe, die kein Frosch werden möchte, sondern davon träumt, eine aus Schaumkronen geborene Nixe zu sein. Doch so schrill sich das anhört: Die Stärke des Buches liegt vor allem in seiner Unaufgeregtheit, in seinem liebe- und phantasievollen Staunen über das Großwerden. "Der Nix" gibt es als illustrierten Band oder als Hörbuch. Es ist auch ein Vorlesebuch für lesbische Tanten und schwule Onkels. Pierre Sanoussi-Bliss hat damit bisher über 40 öffentliche Lesungen vor kleinen und großen Kindern absolviert. Keines davon soll an Genderwahn zugrunde gegangen sein.

Die nächste Lesung aus "Der Nix" findet am Sonntag, den 10. Dezember um 16 Uhr im Theater Adlershof in Berlin statt. Mehr Infos hier.

Infos zum Buch

Pierre Sanoussi-Bliss: Der Nix. Kinderbuch. 72 Seiten. Inselkinder Verlag. Sellin 2017. 12,99 €. ISBN 978-3981721744