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Literatur

Die Heimat eines schwulen Kosmopoliten

In seinem Buch "Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen" schildert Daniel Schreiber seine Flucht vor dem Selbst über London und New York, mit Sex und Drogen.


Daniel Schreiber, Jahrgang 1977, ist als Kunstkritiker für verschiedene internationale Zeitungen und Magazine tätig (Bild: Thomas Dozol)

Daniel Schreiber hat ein intimes Buch verfasst. Der Kunstkritiker und Essayist sinniert in "Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen" über sein Leben und macht sich Gedanken über den Ort, der gerade in jüngster Zeit gerne in rosigen Farben geschildert wird. Die sogenannte Heimat.

Wir erfahren viel über den Autor. Er verfasst sein Buch im Moment einer Selbstverständigung über seine aktuelle Affäre, seinen festen Freund und darüber hinaus über sein Leben. Schreiber ist Kosmopolit, er lebte in London und New York, derzeit wohnt er in Berlin. Nicht ganz uneitel berichtet er über seine (spät-)jugendlichen Exzesse, seinen Kokainkonsum, die hohe Anzahl an Sexualpartnern und sein Äußeres, welches dazu führte, dass ihn Menschen auf den Straße ansprachen und fragten, ob er ein Model sei.

Doch glücklich scheint ihn dies nur bedingt gemacht zu haben, denn sein Leben war zugleich durch Alkoholmissbrauch gekennzeichnet. Nun ist er trocken. Doch trotz zehn Jahre Psychoanalyse steckt Schreiber nun in der Midlife-Crisis, ohne dies offen auszusprechen.

Eine traumatische Kindheit in der DDR


"Zuhause" ist im Frühjahr 2017 im Verlag Hanser Berlin erschienen

Nach vielen durchaus klugen Gedanken über Heimat und Zuhause, kommen wir nach der Hälfte des Buchs zu seinem Kindheitstrauma. Er wuchs in Mecklenburg-Vorpommern zu Zeiten der DDR auf. Hier wurde ihm auf übelste Art mitgespielt. Die Lehrerin, die sich später als Mitarbeiterin der Stasi entpuppte, sonderte ihn aus, um die Gruppe zu bestätigen. Der Junge, dem so langsam klar wurde, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, hatte eine abgesonderte Bank in der Klasse

"Gewalt gegen Kinder war in der DDR-Kultur verankert", schreibt Schreiber. "Jede Form der Andersartigkeit war eine Bedrohung für das System." Oder: "Kinder waren im Allgemeinen Opfer einer staatlichen Planung, die festlegte, wie sie zu sein hatten." Bis heute bleibt ihm Ostalgie nicht nur fremd, sie führt ganz direkt zu einem Würgereiz bei ihm.

Ohne Zweifel ist ihm Schreckliches widerfahren. Doch dafür, dass er zuvor mit vielen spannenden philosophischen Zitaten auf diesen entscheidendem Punkt in seiner Biografie zusteuerte, bleibt dieser Abschnitt kurz und schablonenhaft. Was machte ihn konkret zum Außenseiter? Zehn Jahre therapeutische Aufarbeitung, und doch bleibt der Punkt seltsam blass. Es ist zu vermuten, dass die Verletzungen so tief sind, dass er nicht näher darauf eingehen möchte, aber dies schreibt er nicht, obwohl er uns doch zuvor sehr intime Einblicke gewährte.

Gentrifizierung als Steigerung der eigenen Lebensqualität

Dieses Trauma führte dazu, dass Daniel Schreiber seiner Kindheit in der DDR nicht Positives abgewinnt. London, New York, Sex, Drogen waren die Flucht vor dem Selbst. Indirekt erfahren wir, dass er frei von materiellen Nöten ist. Selbst in depressiven Krisen, die ihn zur Untätigkeit zwingen, kann er von seinem Ersparten leben. Auch seinem Umfeld scheint es gut zu gehen, sie überlegen einen Wohnungskauf in Berlin.

Gentrifizierung bedeutet für ihn zunächst eine Steigerung an Lebensqualität. Nach den vielen rastlosen Jahren und der Unruhe hat er sein Zuhause in Berlin-Neukölln gefunden. Dies wird ihm nun klar. Mit Begriffen wie Heimat und reaktionär-nationalistischen Gelüsten kann er nichts anfangen. Wohnen und die neue Wohnung sind ihm nun sein Zuhause, und er bemerkt, dass er die Zimmer nie richtig einrichtete. Nun will er dort ankommen.

Schreiber hat "Frieden geschlossen mit einigen Beschädigungen und Unsicherheiten", die er mit sich herumtrug. Zugleich ist ihm klar, dass "neue politische Kräfte, die mir Angst machen" auf dem Vormarsch sind und ihn und andere Minderheiten bedrohen.

Daniel Schreiber dekonstruiert Heimat und Nation. Zugleich ist sein Buch ein sehr spezieller Blick eines reflektierten wie saturierten Kosmopoliten. Den Weg zu seinem Zuhause konnte eben er auch nur so gehen. Ein nachdenkliches, ein privates und zu einigen Teilen spannendes Werk.

Direktlink | Daniel Schreiber liest aus "Zuhause"

Infos zum Buch

Daniel Schreiber: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen. 144 Seiten. Hanser Verlag. Berlin 2017. Fester Einband: 18 € (ISBN 978-3-446-25474-9). Ebook: 13,99 € (ISBN 978-3-446-25634-7)


#1 EisenhowerProfil
  • 12.11.2017, 14:30hMarseille
  • Danke für den Literatur-Tipp! Ich werde gleich mal nachschauen, wenn ich in der kommenden Woche wieder mal in einer Buchhandlung bin.
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#2 schwarzerkater
  • 12.11.2017, 14:54h
  • Der Artikel hat mich auf das Buch neugierig gemacht. Der Videoclip des lesenden Autors bewirkte genau das Gegenteil.
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#3 Joseph FortinAnonym
  • 12.11.2017, 17:04h
  • Antwort auf #2 von schwarzerkater
  • Das ist ja vielleicht auch der Grund, weshalb sich der Autor als Künstler schriftlich beträtigt, und nicht als, sagen wir mal, Nachrichtensprecher.

    Mir haben die treffenden Forulierungen, die ausgewogene Sprache und das Aufleuchten des Genius in seinen Schilderungen sehr gut gefallen.

    Gibt es denn eine Leseprobe? PDF oder ePub?
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#4 goddamn liberalAnonym
#5 AntiBergerAnonym
  • 14.11.2017, 00:27h
  • Während sein Würgreiz beim Thema Nostalgie einsetzt, setzt meiner bei Aussagen wie "Gentrifizierung bedeutet für ihn zunächst eine Steigerung an Lebensqualität" ein.

    Wäre er kein schwuler Schreiber, man hätte ihn als selbstsüchtigen Egomanen in der Luft zerrissen.
    Aber so darf er seine Eigentumswohnung in Neukölln haben - Lasst ihn durch, er ist schwul! Peinlich!
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#6 goddamn liberalAnonym