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Nach Coming-out im Magazin "Time"

Tschetschenien: Fernsehen führt nach Deutschland geflohenen Schwulen vor

Mowsar E. hatte in Interviews eine Verfolgung wegen seiner Homosexualität beklagt. Nun entschuldigte er sich dafür öffentlich beim tschetschenischen Präsidenten.


Ein vom tschetschenischen Sender in sozialen Netzwerken veröffentlichter Ausschnitt aus dem Bericht mit dem Flüchtling, der von ihm nicht unkenntlich gemacht und mit vollem Namen genannt wurde

Der tschetschenische Staatssender "Grosny TV" hat am Montag eine "investigative" Reportage angekündigt, in der sich ein Flüchtling dafür entschuldigt, "Schande" auf das tschetschenische Volk gebracht zu haben.

Mowsar E. hatte im September dem amerikanischen Magazin "Time" für ein Porträt ein ausführliches Interview gegeben und wurde so nach Einschätzungen einiger Medien der erste Tschetschene, der öffentlich über seine Homosexualität berichtete. E. schilderte dem Magazin, er sei nach Deutschland geflohen und habe im Sommer 2013 einen ersten Asylantrag gestellt, im letzten Herbst einen zweiten.

In der Heimat sei er 2011 von der Polizei zu einem vermeintlichen Date mit einem Mann gelockt, dann von einer Gruppe entführt, zu einem Video-"Geständnis" seiner Homosexualität gezwungen und zur Zahlung von Geld erpresst worden. Nachdem er das Geld nicht aufbringen konnte, wurde das Video veröffentlicht. Nach einer Flucht nach Moskau sei er später zur Pflege seiner Adoptivmutter nach Tschetschenien zurückgekehrt, sei von Beamten festgenommen, zu seiner Homosexualität befragt, körperlich und sexuell misshandelt und dann den Verwandten übergeben worden mit dem Hinweis, sich um das Problem zu kümmern. Aus Angst um sein Leben flüchtete er letztlich über Osteuropa nach Deutschland.

Der "Time"-Bericht vermerkt, dass das Magazin die Geschichte mangels Kooperation der tschetschenischen Behörden und der Verwandten von E. nicht weiter bestätigen konnte. Von ähnlichen Erfahrungen hatten in den letzten Monaten allerdings einige Männer berichtet – aus einem Zeitraum, bevor im Frühjahr eine systematischere Verfolgung und Verschleppung schwuler Männer in Tschetschenien begann.

Ein Leben in Angst – mitten in Deutschland

Trotz der geschilderten Erlebnisse von E. wurde sein erster Asylantrag im letzten Jahr abgelehnt. Gegenüber "Time" berichtete er, wie er im letzten November in einem Flüchtlingsheim attackiert wurde, nachdem er auf einen entfernt verwandten Jungen gestoßen war. Drei Verwandte des Jungen bedrohten ihn mit einem Messer, bis aus Afrika stammende Flüchtlinge eingreifen konnten. Die zuständige Polizei hatte die Schilderungen gegenüber "Time" bestätigt.

Das Magazin machte dazu nähere räumliche Angaben, auch zu Mowsars neuen Unterkunft in Deutschland nach einer Verlegung aus Sicherheitsgründen – obwohl "Time" vermerkte, dass Berichte über eine "Moralpolizei" der tschetschenischen Diaspora in Deutschland aus dem Sommer zwar übertrieben seien, eine Gefahr für Abtrünnige des Regimes aber durchaus existiere. E. habe laut dem Bericht etliche Online-Beschimpfungen und Drohungen durch andere Tschetschenen erhalten, viele von anderen Flüchtlingen in Deutschland, einige davon anerkannt.


"Time" hatte in sozialen Netzwerken auch kurze Videos mit E. veröffentlicht – hier zeigte er Drohungen, die er in sozialen Netzwerken erhalten hatte

E. selbst ist noch nicht anerkannt, entgegen dem "Time"-Bericht, der von einer erneuten Ablehnung des Asylantrags berichtete, ist das Verfahren nach queer.de-Informationen aber noch nicht abgeschlossen. Die Drohungen ließen ihn in Angst leben, so E. gegenüber "Time", er habe bereits resigniert an Selbstmord gedacht. "Für schwule Tschetschenen ist es egal, wohin wir gehen. Wir können auf den Mars flüchten. Wenn es dort andere Tschetschenen gibt, werden sie uns nie in Ruhe lassen."

Eine öffentliche Entschuldigung an das Kadyrow-Regime

Nun wurde E. offenbar aufgespürt. Am Montag veröffentlichte "Grosny TV" Teile eines Berichts des Berlin-Korrespondenten des Senders, Beslan Dadaew: Der Flüchtling wird als "psychisch Kranker" vorgestellt, der eine von westlichen Medien "hastig aufgeblasene" Geschichte "erfunden" habe. "Wer profitiert davon, ihn in einem schlechten Licht darzustellen, seine Ehre zu verunglimpfen und die Ehre des gesamten tschetschenischen Volkes?", fragt Dadaew.

"Sie haben mich vor dem tschetschenischen Volk und dem tschetschenischen Herrscher entehrt, ich wurde benutzt", sagte E. dem Sender über westliche Medien laut einer Zusammenfassung des russischen Dienstes der BBC. "Dafür bitte ich um Vergebung von den Menschen Tschetscheniens, von der tschetschenischen Führung und den Tschetschenen, die im Nordkaukasus und in Europa leben." In dem Video gibt E. an, er habe die Journalisten um Hilfe gebeten und diese ein Versprochen gebrochen, ihm bei dem Asylantrag zu helfen. Auch habe er unter dem Einfluss von Medikamenten gegen Epilepsie gestanden – nun sei er auf dem Weg der Besserung.


Der Bericht von "Grosny TV" erzielte in sozialen Netzwerken große Aufmerksamkeit

Die BBC berichtet, bereits Anfang November habe "Grosny TV" eine Reportage über die Familie von E. aus seiner Heimat gezeigt. Seine Schwester habe erklärt, dass man ihn nicht sehen wolle. Zur Pflegemutter sagte der Bericht aus, diese sei angeblich so beschämt gewesen, dass sie dem Reporter nicht in die Augen habe sehen können. Anhand von Videobildern analysierte ein Psychologe E. aus der Ferne: "Er ist wahrscheinlich ein Psychopath."

"Time" hatte im September auch ein Video mit E. für soziale Netzwerke veröffentlicht, in dem er kämpferisch betonte: "Ich möchte nicht mein Gesicht verstecken, lasst die ganze Welt mein Gesicht sehen." Queer.de steht nicht in Kontakt mit ihm. Nach Rücksprache mit einem Bekannten des Mannes hat sich die Redaktion entschlossen, ihn derzeit zu anonymisieren und Berichte über ihn nicht direkt zu verlinken – obwohl er im laufenden Asylverfahren Öffentlichkeit gebrauchen könnte. Nach dem "Time"-Artikel und dem Bericht von "Grosny TV" über seine Verwandten hätten Drohungen massiv zugenommen, heißt es. Zusammen mit seiner ungewissen Zukunft habe das seine psychische Lage deutlich verschlechtert.

Ein Grauen ohne Ende

Wie Anfang April erstmals die Zeitung "Novaya Gazeta" und inzwischen mehrere Nichtregierungsorganisationen in ausführlichen Berichten dokumentiert hatten, sollen im Frühjahr in Tschetschenien mehrere hundert Männer wegen vermeintlicher Homosexualität verschleppt und in Lagern außergesetzlich festgehalten und gefoltert worden sein, an der Seite von ebenfalls inhaftierten Drogensüchtigen oder vermeintlichen Terrorverdächtigen (queer.de berichtete). Mehrere Männer starben bei der Prozedur, andere wurden an Verwandte mit einer indirekten Tötungsaufforderung übergeben.


Vor wenigen Wochen hatten Menschenrechtsorganisationen in Moskau ihre neuesten Informationen zur Schwulenverfolgung in Tschetschenien vorgestellt – und mit Maxim Punow erstmals einen Augenzeugen

Das Regime hatte die Verfolgungen immer abgestritten, oft mit dem Hinweis, dass es in Grosny keine Homosexuellen gebe und entsprechende Berichte die Ehre des Volkes angreifen würden. Präsident Ramsan Kadyrow sagte im Juli dem amerikanischen Sender HBO: "Wir haben keine Schwulen. Wenn es welche gibt, bringt sie nach Kanada. (…) Um unser Blut zu reinigen: Wenn es hier irgendwelche gibt, nehmt sie" (queer.de berichtete).

Anfang Oktober hatte das russische LGBT Network bei einer Pressekonferenz erstmals einen jungen Mann vorgestellt, der unter Verzicht auf seine Anonymität davon berichtete, Opfer der Verfolgungswelle geworden zu sein (queer.de berichtete). Zugleich hatte der Verband vor einer erneuten Verfolgungswelle gewarnt und das Verschwinden eines jungen tschetschenischen Sängers, der in Moskau Karriere machen wollte, mit der Welle in Verbindung gebracht. Entgegen manchen Gerüchten englischsprachiger Medien über seinen Tod gilt sein Schicksal weiter als ungeklärt. Für Verwirrung hatte auch ein nach seinem Verschwinden im August veröffentlichtes, vermutlich gestelltes Video gesorgt, das ihn angeblich in Deutschland zeigen sollte.


Der Sänger Selimchan Bakajew, englisch Zelimkhan Bakaev, wird weiter vermisst

Das LGBT Network hatte, auch dank Spenden aus dem Ausland, dutzenden Homosexuellen und ihren Angehörigen bei ihrer Flucht aus der Region geholfen und versucht, diese ins Ausland weiter zu vermitteln, weil sie in Moskau oder anderen Städten Russlands nicht sicher seien – mehrere Staaten, darunter Deutschland, nahmen einige Flüchtlinge mit einem humanitärem Visum auf. Kürzlich ermahnte das Network Partnerorganisationen aus aller Welt, bei Berichten über die Aufnahme der Flüchtlinge nicht zu viele Angaben zu machen, da dies ihre Sicherheit gefährde. Zuvor war in Toronto einer der geflohenen Männer körperlich bedroht worden.

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#1 Gerlinde24Profil
  • 15.11.2017, 15:26hBerlin
  • Ein junger Mann wird wegen seiner Homosexualität in seiner Heimat verfolgt, und bekommt kein Asyl, obwohl jeder Dorftrottel weiß, wie es in dem Land für Minderheiten aussieht! Schande über die deutsche Regierung!
    Es dürfte wohl klar sein, dass der junge Mann zu seinem "Geständnis" gezwungen wurde. Vermutlich hat man ihn damit unter Druck gesetzt, dass seiner Familie was passiert, oder ihm, wenn er abgeschoben wird.
    Verbrecherbande!
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#2 Thomas LAnonym
  • 15.11.2017, 15:52h
  • ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    in der sich ein Flüchtling dafür entschuldigt, "Schande" auf das tschetschenische Volk gebracht zu haben.
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Dazu wurde er wohl gezwungen.

    Aber das zeigt auch, wie krank diese Homohasser sind, dass sie wirklich glauben, ein einzelner Mensch könne "Schande" über ein Volk bringen.

    Die einzigen, die Schande über dieses Drecksvolk bringen sind diese Homohasser selbst.
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#3 PiotrAnonym
  • 15.11.2017, 16:19h
  • Das ist nichts anderes als die Judenverfolgung im Dritten Reich.

    Auf LGBTI warten Internierung, Zwangsarbeit, Folter, Tod.

    LGBTI sollen systematisch ausgelöscht werden.

    Und wieder mal schaut die Welt tatenlos zu. Oder sie schauen weg.
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#4 RicahrdAnonym
  • 15.11.2017, 16:23h
  • Ist eigentlich für Putins Pudel, Gerhard Schröder, Wladimir Putin immer noch ein "lupenreiner Demokrat"?

    Achja, wenn man dem Genosse der Bosse Gerhard Schröder einen lukrativen, gutbezahlten Job anbietet, sieht der ja über alles hinweg.

    Dass die SPD den immer noch in ihren Reihen duldet und sogar auf seine Meinung Wert legt, sagt auch sehr viel über den Zustand der SPD aus... Mit echter Sozialdemokratie hat das nichts mehr zu tun.
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#5 RobinAnonym
  • 15.11.2017, 18:02h
  • "Ein Leben in Angst mitten in Deutschland
    [...]
    wurde sein erster Asylantrag im letzten Jahr abgelehnt
    [...]
    er im letzten November in einem Flüchtlingsheim attackiert wurde
    [...]
    er habe bereits resigniert an Selbstmord gedacht
    "

    Es ist eine Schande für Deutschland, dass Menschen, die in Deutschland nichts anderes als Sicherheit und Freiheit suchen, hier weiterhin in Angst leben müssen und Deutschland sie nicht schätzt.

    Selbst bei Gewalt in Flüchtlingsheimen sehen Politik, Justiz und Behörden weg.

    Und dann werden auch noch Asylanträge abgelehnt.

    Es wird höchste Zeit, dass Verfolgung aufgrund der geschlechtlichen Identität oder der sexuellen Orientierung auch endlich als genereller Asylgrund anerkannt wird.
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#6 LaurentProfil
  • 15.11.2017, 18:48hMetropolregion Rhein-Neckar
  • Antwort auf #5 von Robin
  • >>Selbst bei Gewalt in Flüchtlingsheimen sehen Politik, Justiz und Behörden hinweg.<<

    Angenommen, dem wäre tatsächlich so, sollte man Ursache und Wirkung für weiterhin in Angst leben müssende Menschen nicht außer Acht lassen.
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#7 JasperAnonym
  • 15.11.2017, 19:05h
  • "Für schwule Tschetschenen ist es egal, wohin wir gehen. Wir können auf den Mars flüchten. Wenn es dort andere Tschetschenen gibt, werden sie uns nie in Ruhe lassen."

    Es ist skandalös, dass auch hier in Deutschland Asylsuchende von Tschetschenen verfolgt werden.

    Das muss endlich mit ganzer Macht bekämpft werden. Und Tschetschenen, die meinen, hierzulande die Regeln ihrer Heimat erzwingen zu müssen, sollten ausgewiesen werden.

    Geflohene GLBT müssen hier sicher und ohne Angst leben können.
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#8 JasperAnonym
  • 15.11.2017, 19:12h
  • Antwort auf #6 von Laurent
  • Dem "wäre" nicht so, sondern dem IST so.

    Wie queer.de und andere Medien schon mehrfach berichtet haben, kommt sowas regelmäßig vor. Und es müssen niemals die Täter gehen, sondern immer nur die Opfer.

    Damit zeigt man nicht nur den Opfern, dass sie auch hierzulande weiterhin verfolgt werden und weiterhin nicht sicher sind, sondern man zeigt auch den Tätern, dass ihre Drohungen und Gewalt auch in Deutschland toleriert werden.
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#9 tommmAnonym
#10 hugo1970Profil
  • 15.11.2017, 21:01hPyrbaum
  • Solange scheiß Nazis in den Behörden sind, wird auch Angst in unserm Leben bleiben!!!!!!!
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