Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?30104

Antrittsbesuch in Russland

Conchita Wurst reist nach St. Petersburg

Die Drag Queen und Eurovision-Gewinnerin wird Stargast des queeren Filmfestivals "Side by Side".


Mit diesem Video kündigte Conchita Wurst am Donnerstag ihre Reise nach St. Petersburg an

Zum zehnten Jubiläum ist dem LGBTI-Filmfestival "Side by Side" ("Bok o bok") aus St. Petersburg eine große Überraschung gelungen: Diesjähriger Stargast wird die frühere Eurovision-Siegerin Conchita Wurst.

Das gaben die Organisatoren des Festivals am Donnerstag bei der Eröffnung der zehntägigen Veranstaltungsreihe aus Vorführungen und Debatten bekannt. Die Drag Queen wird demnach am Samstag, den 25. Oktober, bei der Preisverleihung zum Abschluss des Festivals auftreten.

In einem Video-Gruß auf Englisch mit russischen Untertiteln meinte Wurst in den sozialen Netzwerken Facebook und VK, sie wünsche dem Festival alles Gute zum Geburtstag: "Zehn Jahre (…), das ist toll. Ich kann es nicht abwarten, euch zu sehen."

Zwischen Begeisterung und Abscheu

Wurst hatte in den letzten Jahren mehrfach betont, gerne einmal zu ihren Fans nach Russland fahren zu wollen. Als sie 2014 den ESC in Kopenhagen gewann, hatte sie immerhin den dritten Platz beim russischen Zuschauervoting geholt und nach der Show den ersten Platz in den i-Tunes-Charts des Landes belegt.

Das offizielle Russland war ein Jahr nach Verabschiedung des landesweiten Gesetzes gegen Homo-"Propaganda" allerdings weniger amüsiert. So sprach der Sprecher des orthodoxen Moskauer Patriarchates, Wladimir Legoida, angesichts ihres Sieges von einer "Absage an die christliche Identität der europäischen Kultur". Die Anerkennung von Dingen, die die Bibel als "abscheulich" brandmarke, sei Teil einer "kulturellen Legitimierung von Lastern in der modernen Welt" (queer.de berichtete).

Vizeregierungschef Dmitri Rogosin meinte auf Twitter, der Sieg von Conchita Wurst habe "Anhängern einer europäischen Integration ihre Euro-Perspektive gezeigt: ein bärtiges Mädchen". Von einem "Ende Europas" sprach der nationalistische (und mehrfach als schwul geoutete) Abgeordnete Wladimir Schirinowski. Conchita Wurst sei ein "Symbol des Untergangs, der Apokalypse und der Einsamkeit". Außerdem meinte er: "Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler. Wir hätten dort bleiben sollen."


Die Ankündigung des Stargasts am Donnerstag bei der Eröffnung des Filmfestivals in St. Petersburg

Präsident Wladimir Putin betonte einige Tage später, er sei "sehr liberal", kritisierte aber ein "aggressives" Zurschaustellen der Sexualität durch Wurst. "Die Bibel spricht von zwei Geschlechtern, und der Hauptzweck ihrer Verbindung ist es, Nachwuchs zu produzieren", sagte er weiter. "Es ist wichtig für uns, die traditionellen Werte aufrechtzuerhalten."

Der damalige St. Petersburger Stadtrat Vitali Milonow, lautester Homo-Hasser des Landes und inzwischen Duma-Abgeordneter, forderte ein Einreiseverbot für die "Kreatur" Conchita Wurst. Er hatte jahrelang nicht nur vergebens gegen Auftritte von Stars wie Elton John oder Lady Gaga gekämpft, sondern auch gegen die Szene St. Petersburgs und das Filmfestival, das nun Conchita Wurst besuchen wird.

Zehn bewegte Jahre

Als "Side by Side" 2008 startete, war es die erste größere queere Kultur- und Veranstaltungsreihe Russlands. Mehrere Veranstaltungsorte sagten ab, einen Tag vor Eröffnung dann auch das gebuchte Kino wegen angeblicher Feuer-Inspektionen. Letztlich fand das Festival in gestraffter Form an einem geheimen Ort statt.

Mit Unterstützung einiger Botschaften und Prominenter konnte das Festival in den Folgejahren in der Regel wie geplant stattfinden, am Rande kam es aber immer wieder zu Gegenprotesten von orthodoxen oder nationalistischen Aktivisten, dem vereinzelten Wurf von Stinkbomben oder provokanten Besuchen des Abgeordneten Milonows mitsamt Jugendlichen im Versuch, einen Verstoß gegen das Gesetz gegen Homo-"Propaganda" zu erzielen. Ähnliche Probleme begleiteten auch eine später gestartete "Side by Side"-Reihe in Moskau.

Direktlink | Glückwünsche von Sir Ian McKellen

2013 musste die Eröffnung von "Side by Side" in St. Petersburg wegen einer Bombendrohung evakuiert werden. Im selben Jahr konnte sich das Festival zusammen mit der Organisation "Coming Out" erfolgreich gegen eine Einstufung als "ausländischer Agent" wehren (queer.de berichtete). Wegen Entscheidungen in den Vorinstanzen hatte das Festival zwischenzeitlich seine Arbeit einstellen müssen.

Letztlich konnte sich "Side by Side" aber in das Leben St. Petersburgs integrieren. Neben einer zunehmenden Zahl inländischer Unterstützer hatten dem Festival im Laufe der Jahre zahlreiche internationale Prominente Unterstützung gezeigt, durch Video-Botschaften oder Besuche, darunter Stephen Fry, Ian McKellen, Pedro Almodóvar, Gus Van Sant, Ken Loach, John Cameron Mitchell, Dustin Lance Black, Marc Almond oder Greg Louganis – und nun Conchita Wurst.


2014 hatte der "Kurier" die Drag Queen gefragt: "Wie wäre es mit einem Auftritt in Russland, um ein Zeichen zu setzen?" Ihre Antwort: "Das möchte ich absolut. Ich habe auch viele Fans in Russland. Das ist wahnsinnig schön, weil es mir zeigt, dass viele Russen mit den Entscheidungen ihrer Regentschaft nicht einverstanden sind. Aber auch ein Treffen mit Putin würde ich nicht ablehnen." Mit diesem wolle sie am liebsten eine Woche verbringen, um ihn zu verstehen. "Damit entschuldige ich nicht seine diskriminierenden Gesetze. Aber durch dieses Verständnis würde ich ihm gerne sagen: 'Du weißt schon, dass es anders besser wäre.'" (cw)



#1 hugo1970Profil
  • 16.11.2017, 22:46hPyrbaum
  • "er sei "sehr liberal",

    Die unzähligen Disidenten und Toten zeigen putins und orthodoxische verbrecherische liberalität!!!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 hugo1970Profil
  • 16.11.2017, 22:49hPyrbaum
  • "am Rande kam es aber immer wieder zu Gegenprotesten von orthodoxen oder nationalistischen Aktivisten, dem vereinzelten Wurf von Stinkbomben"

    Das zeigt, das die kirchen schädlich sind.
    Wenn jemand meint glauben zu müßen, dann kann er das in seinen vier Wänden tun und vor allem es kostet nichts!!!!
  • Antworten » | Direktlink »
#3 kuesschen11Profil
  • 17.11.2017, 12:16hDarmstadt
  • Wünsche Conchita einen gelungenen Auftritt und alles Gute als Stargast im Festival. Sie ist Vorbild und Befreiung von Angst für LGBT's in Russland.

    Russlands Homophobie ist politisch und religiös-orthodox geprägt. Die Menschenverachtung wird politisch gesteuert und die anti-liberale Haltung lauert überall.
  • Antworten » | Direktlink »