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Neu bei Männerschwarm

Der junge Gott der Fußgängerzone

Paul Russels Roman "Brackwasser" erzählt von drei Mittzwanzigern, die in den Achtzigerjahren in einer US-Kleinstadt in den Bann eines 18-Jährigen geraten.


Paul Russell, Jahrgang 1956, ist Professor am Vassar College in Poughkeepsie. "Brackwasser" (1990) ist sein erster von inzwischen sieben Romanen. Bei Männerschwarm erschien im Frühjahr bereits "Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow" (Bild: Eric Brown)
  • Von Frank Hebenstreit
    18. November 2017, 06:53h, 2 Kommentare

Back to the Eighties, oder besser nicht? Nun, diese Frage stellt sich bei Paul Russells Roman "Brackwasser" aus dem Männerschwarm Verlag nicht wirklich. Die Geschichte spielt nämlich in den Achtzigerjahren in Poughkeepsie, einem kleinen Städtchen im nördlichen Speckgürtel von New York City. Und diese Kleinstadt ist genau das, was man von ihr erwartet. Sie ist langsam, leicht verschlafen und ruhig, also ganz genau das Gegenteil des brummenden und auch damals schon vor Geschwindigkeit vibrierenden Big Apple.

Anatole arbeitet im örtlichen Frisörsalon, der natürlich nicht Frisör heißt, sondern "Reflexion". So ein angesagter Name muss ja sein. Lydia verdient sich ihre Brötchen genau gegenüber in der Boutique "Elegance". Während Anatole mit seinem Laden bei den Damen des Ortes immer wieder für Aufmerksamkeit sorgt, kann sich Lydia nicht wirklich über stressige Tage beklagen.

Beide Anfang zwanzig, haben sie doch ganz unterschiedliche Lebenswege gewählt und fragen sich heute noch, ob nicht genau der andere Weg besser gewesen wäre. Während Anatole schon immer in Poughkeepsie lebt und arbeitet, fragt er sich doch, wie es wäre, wenn er eben nicht in dieser Kleinstadt versauern würde. Lydia hingegen wagte einst den Schritt und zog in die große Stadt, scheitere dort aber kläglich und kehrte wieder zurück in den Schoß der Kleinstadt.

Dritter im Bunde ist Chris, der den örtlichen Plattenladen "Über den Wolken" betreibt. Er kommt von außen, war eines Tages einfach da. Ihn umweht von Anfang an der Ruch einer tragischen Liebesgeschichte. Mit einem Mann? Mit einer Frau? Wer weiß.

Die drei Stars, die keine sind


"Brackwasser" ist in deutscher Übersetzung im Hamburger Männerschwarm Verlag erschienen

Während sich für Anatole und Lydia alles nur um den Spaß im Leben zu drehen scheint, gibt sich der zugezogene Chris bedeutend ruhiger. Und doch trifft man sich regelmäßig im "Berties" zum gemeinsamen Vernichten von Alkohol. Und davon passt eine Menge in die drei.

All diese festgemauerten Strukturen geraten ins Wanken, als der junge Leigh in der Fußgängerzone von Poughkeepsie auftaucht. Jugendlich, frisch und begehrenswert sitzt er plötzlich mitten zwischen dem "Reflexion" und dem "Elegance" auf der Main Street an einem trockenen Brunnen und lutscht einen Riegel gefrorener Schokolade. Bei über 30 Grad im Schatten. Lydia und Anatole stehen beide an den Fenstern des jeweiligen Ladens und lassen sich diesen Anblick auf der Zunge zergehen.

Straßenköterblond, 18 Jahre alt, schlank, in Jeans und T-Shirt könnte er einer von vielen sein, ist es aber eben nicht. Bei den Freunden gibt es kein anderes Thema mehr als diesen göttlichen jungen Mann. Es stellt sich raus, dass er Leigh heißt, und ziemlich schnell verlegt er seinen Wohnort in Anatoles Wohnung.

Während sowohl Anatole als auch Lydia diesem jungen Gott hinterherlechzen, stellt Chris irgendwann fest, dass er nicht mehr das Zentrum der Universen der beiden ist. Klammheimlich still und leise ist er abgelöst worden von dem jungen, unbekannten und unbedarft scheinenden Leigh.

Nur zu gern lässt Anatole den Eindruck aufkommen, dass da was zwischen ihm und dem neuen jungen Mann in seiner Wohnung läuft, aber auch Lydia streckt nicht ganz erfolglos ihre Fühler aus. Den größten Erfolg könnte aber wohl Chris bei Leigh erzielen, denn er wirkt eher uninteressiert, was den göttlichen jungen Mann zu einem ganz und gar irdischen Angebot verleitet.

So ganz und gar Achtziger

Nicht nur die Charaktere in "Brackwasser", auch die Umgebung und die geschilderten Abläufe sind mal sowas von Achtziger, dass selbst der eingefleischteste Fan zugeben muss, dass es sich um Klischees handelt. Da Autor Paul Russell diese aber nicht wahllos aneinander geklatscht hat, nimmt der Kenner direkt ab der ersten Seite wahr, dass sich alles an eine hintergründige Choreografie hält. Diese erscheint zwar auf Anhieb unbekannt, wirkt aber, je weiter sie sich entwickelt, immer vertrauter. Mit dem Eintreffen des unbekannten jungen Mannes dreht sich die ursprüngliche Dreiecksgeschichte und entwickelt sich neu.

Großes Lob für dieses extrem lesenswerte Buch aus dem Männerschwarm Verlag geht aber nicht nur an den Autor. Auch Joachim Bartholomae hat sich mit dieser Übersetzung aus dem Amerikanischen wieder einmal als Schaffer von etwas Besonderem empfohlen. "Brackwasser" wurde schon 1990 geschrieben, klingt aber in seiner deutschen Übersetzung keineswegs verstaubt.

Der "Spirit" der damals aufwachsenden Generationen wirkt zum Anfassen frisch und lebt in jeder Zeile. Auf diese Weise ins Hier und Jetzt übertragen wirken sogar die Massen an Alkohol, psychischen Verwirrungen und Selbstmordtendenzen wie Bestandteile eines ganz geordneten Lebens. Auch dem Männerschwarm Verlag sollte man an dieser Stelle einen aufrichtigen Dank aussprechen. Solche außergewöhnlichen Bücher geben der queeren Literatur eine ganz besondere Facette.

Infos zum Buch

Paul Russel: Brackwasser. Roman. Deutsche Übersetzung von Joachim Bartholomae. 256 Seiten. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2017. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-86300-234-3). Ebook: 16,99 € (978-3-86300-238-1)


#1 g_kreis_adventProfil
  • 19.11.2017, 09:50hBerlin-Prenzlauer Berg
  • Das eBook lese ich bereits. Anders als die Kaufempfehlung hier, natürlich bei der schwulen Buchhandlung Prinz Eisenherz gekauft. - Amazon ist reich genug. - Mehr Solidarität mit den schwulen Buchhändlern!!!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 hugo1970Profil