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anyway-Talk

Man ist nie zu jung für einen Fetisch

Im Kölner Jugendzentrum anyway diskutierten der ehemalige Mr. Fetish NRW Markus Hecker, Stephan Claasen vom Cruisingclub "Station2B" und Marcel von "Kuntergrau" über Leder, Fesseln und Sportswear.


Diskutierten im queeren Kölner Jugendzentrum anyway über ein Tabuthema in der Szene (v.l.n.r.): Marcel, Stephan Claasen, Markus Hecker und Moderator Benjamin Scholz (Bild: anyway Köln)

"Irgendwie", beginnt Moderator Benjamin Schulz den anyway-Talk, "finden viele Menschen Fetische merkwürdig oder komisch." Dabei habe doch jeder Mensch irgendwelche Fetische oder Vorlieben – und die Vielfalt werde immer größer. Füße, Frauenkleidung, Sadomaso, Luftballons, Leder, Rubber, Sneaker. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Grund darüber zu reden.

Stephan Claasen kennt sich besonders gut mit der Vielfalt der Fetische aus. Seit über elf Jahren betreibt er in Köln die "Station2B", einen "ganz normalen gastronomischen Betrieb mit Tanzfläche zum Kennenlernen und Keller zum näher Kennenlernen", wie er den Club selbst beschreibt. In der "Station2B" gibt es Motto-Tage. Mittwochs werde etwa das Thema Sportswear vorgegeben. Stephan Claasen betont jedoch: "Das ist kein Dresscode. Bei uns ist jeder immer willkommen."

"Wir zeigen, dass wir Teil der Community sind"

Sportswear sei aktuell ein sehr beliebter Fetisch, den auch viele junge schwule Männer hätten. Dafür hat Stephan Claasen verschiedene Erklärungen: Einerseits seien Sportklamotten sehr günstig zu haben. Andererseits fallen Sporthosen oder Trikots auch im Alltag nicht auf. Und sie sei nicht so sehr mit Homosexualität verbunden wie etwa Leder.

Wer gerade erst seinen Fetisch entdeckt oder ausprobieren möchte, der beginnt die Entdeckungstour jedoch meist nicht in einem Club wie der "Station2B". Viele fangen im Internet an, sich zu informieren. Das hat auch Markus Hecker erlebt. Er war 2015 Mr. Fetish NRW und ist Vorstand von RheinFetisch. Auf Internet-Portalen wurde er häufig von Interessierten angeschrieben. "Das ist die Aufgabe des Mr. Fetish: Zu zeigen, dass wir Teil der Community sind."


Mr. Fetish NRW 2015 Markus Hecker und Moderator Benjamin Scholz (Bild: anyway Köln)

"Ich dachte, der Fetisch sei unnormal"

Dass Fetische nicht selten negative Reaktionen hervorrufen, erklärt Markus Hecker sich so: "Neues und Fremdes macht den Leuten immer Angst. Was sich nicht schickt und anders ist, wird abgelehnt. Dabei nehmen wir doch niemandem etwas weg." Er selbst gibt vor allem Leder und Puppy-Play als Fetische an. Puppy-Play, also dass sich ein Partner als Hund verkleidet, eigne sich besonders als "Einstiegsfetisch": "Da kann man auf spielerische Art mit Dominanz und Unterwürfigkeit umgehen."

Dem stimmt auch Marcel zu. In der Webserie "Kuntergrau" hat er den braven Leopold gespielt. "Bist du denn nicht eigentlich zu jung für einen Fetisch?", fragt Moderator Benjamin Scholz. Da kann der 23-Jährige nur lachen. "Ich glaube, wir Jüngeren sind einfach nicht so präsent." Er selbst habe schon sehr früh gemerkt, dass er eine Vorliebe für Machtgefälle hat. "Aber ich habe davon keinem erzählt. Ich dachte, das ist unnormal." Genau wie seine Homosexualität musste er lernen und akzeptieren, dass auch der Fetisch zu ihm gehört.

So paradox es klingt: Gefesselt zu sein, bedeute für ihn eine große Freiheit. "Da muss ich für keine Dinge die Verantwortung übernehmen." Das erfordere jedoch eine besonders intensive und vertrauenswürdige Beziehung. Deshalb sollte es auch immer sogenannte Safe Words geben: Wörter, die der Partner sagt, wenn es ihm zu viel oder unangenehm wird. Markus Hecker stellt das Ampelprinzip vor: Sagt der Partner "gelb", heißt das, dass es gerade noch so geht. "Rot" heißt jedoch, dass eine Grenze überschritten wurde. "Dann wird die Situation aufgelöst. Niemand wird zu irgendetwas gezwungen."


Den Fetisch akzeptieren ist wie ein zweites Coming-out: Marcel und Stephan Claasen (Bild: anyway Köln)

"Wenn du Sex als Hobby hast, musst du die Spielregeln kennen"

Achtsamkeit gilt auch beim Thema Safer Sex. Gerade Fetischsex wird von vielen Menschen als ominös und schmuddelig und damit potenziell gefährlicher wahrgenommen, was die Ansteckung mit HIV und Geschlechtskrankheiten betrifft. Stephan Claasen widerspricht diesem Bild. "Safer Sex ist keine Frage des Fetisch", sagt er und verweist auf eine verschiedene Schutzmöglichkeiten wie Kondom, Schutz durch Therapie und die PrEP (Pille gegen HIV-Ansteckung). Zu letzterer bietet er monatlich in der Station2B einen Informationsstammtisch an.

Markus Hecker sieht den Safer-Sex-Begriff noch umfassender: "Wenn du Sex als Hobby hast, musst du das Spielzeug und die Spielregeln kennen." Das gilt nicht nur für die Ansteckungen mit Krankheiten, sondern auch für die körperliche und psychische Gesundheit.

Drei Gäste, drei Wünsche

In einer Partnerschaft kann ein Fetisch zum Problem werden, wenn der andere Partner ihn nicht teilt. "Da sollte man seinem Partner gegenüber ehrlich sein, aber vor allem auch sich selbst", rät Markus Hecker. "Da muss man sich fragen: Ist das nur eine Laune oder wirklich wichtig?" Für viele Paare ist in so einer Situation auch eine offene Beziehung eine Lösung. Außerdem verändern sich Fetische auch über die Zeit, weiß Stephan Claasen aus eigener Erfahrung. "Ein Fetisch ist lebendig. Ich hatte viele in meinem Leben, aber ich lebe sie nicht alle aus."

Zum Abschluss des anyway-Talks, der in Kooperation mit der Präventionskampagne Herzenslust und unter Förderung der Aidshilfe NRW stattfand, bittet Benjamin Scholz seine Gäste, Wünsche zu formulieren. Markus Hecker wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für Fetische. Dass sie etwa beim CSD mitlaufen, sollte nicht in Frage gestellt werden. "Ja, die müssen dabei sein. Ihnen ist der CSD zu verdanken." Immerhin übernahm die Fetisch- und insbesondere Lederszene eine Vorreiterrolle im Kampf gegen HIV und Aids.

Stephan Claasen hat jedoch auch einen Wunsch an seine eigene Szene: "Ich wünsche mir eine offenere Haltung, aber nicht nur innerhalb der Community, sondern auch innerhalb der Fetischszene. Überall gibt es mehr Ausgrenzung." Marcel ergänzt, dass er sich mehr Aufklärung von offizieller Seite wünsche: "Wer nach Fetischen suche, lande häufig auf ominösen oder pornografischen Seiten. Wieso informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nicht darüber?" (cw)

Direktlink | Den kompletten Talk kann man sich auch auf Youtube anschauen



#1 Homonklin44Profil
  • 26.11.2017, 07:30hTauroa Point
  • Schwieriges Thema.Nicht wegen des Alters. Fetisch kann schon ganz früh anfangen, auch wenn er noch nicht bewusst sexuell verknüpft ist. Das kommt dann ab der Pubertät noch oben drauf. Schwierig, weil man damit von so vielen leuten einfach nur Ablehnung erfährt, auch auf den Gay-Portalen und in Chats.
    Leider ist Fetischismus auch in den Diagnose-Manualen immer noch unter "Störung der sexuellen Präferenz" bzw.Paraphilie eingeordnet, und gilt damit als Art Verhaltensstörung.

    Etwas schade ist auch, dass Fetisch immer wieder in gewisse Stereotype geordnet scheint. Wenn man zumn Beispiel auf Leder steht, gibt es einen umfassenden Bereich für BDSM relevante Konzepte und Kontakte, aber man findet nichts wirklich in Richtung Leder + Romantik, oder für Leute, auf die BDSM nicht zutrifft.
    Wenn man auf Skateboarder abfährt, aber so gar nichts mit Schuhen anfangen kann, fällt man wieder zwischen zwei Stühle.
    Neoprenfetisch ohne im Tauchclub zu sein? Schwierig.
    Jaaa und Shiny Trackies an schlanken jungen Typs sind Hammer geil! Bloß als nicht ganz schlanker Ü40 und Nicht-Daddytyp bleibste außen vor.

    Das Problem mit dem Fetisch ist seine individuell spezifische Ausprägung. 50 Lederfetischisten mögen Leder dann in genau 50 Varianten, keiner wie der andere. Und wennst einen findst, der genausogern in Motorrad-Gear kuschelt, isser nicht dein Typ *LOL* oder du nicht seiner.
    Die gesamte Partner-Idee ist dabei noch 10 Ebenen schwieriger als eh schon. Wenn man ohne Fetisch nicht kann, hat man die Arschkarte sicher.

    Fazit -- Fetisch ist was für Eremiten. Je nachdem, wie viele Fetische und/oder Vorlieben mit einander kombiniert sind. Macht es auch nicht leichter. Als Gear- und Bekleidungsfetischist der Ecke maskulin Bear4Twink holt man sich am besten ne Anzieh-Puppe oder wurstelt einige Overalls in einander, setzt n Snowboardhelm druff. So nahe kommt man an die Idee Kuscheln mit Shiny Trackie slim fit cute Dude gerade mal.

    Drauf hoffen, dass die Japaner entweder mit dem ersten Holodeck raus kommen, oder Escort-Roboter as your own personal Knuddel-Dude verticken, bleibt für den Dörp-Fetischisten eine Fantasie.
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#2 YannisCGNAnonym
  • 26.11.2017, 09:12h
  • Da krieg ich zu viel. Als ich vor zwei Jahren nachm Abi udn fürs Studium nach Köln zog, hab ich an einer Szeneführung teilgenommen. Ich wollte die Kölner Szene kennenlernen und sicherlich halfs mir auch zum ende meines Coming Outs.

    Leider muss ich sagen, dass mir Läden wie Phönix oder Station2b das Gefühl gaben, als 20-jähriger Frischfleisch-Lieferant für die Generation Rückenhaar zu sein.

    Kommerzielle Betreiber wie die Station2b ins Anyway einzuladen, was für mich ein Schutzraum für Jugendliche/junge Erwachsene ist, geht absolut gar nicht. Hätte man ja auch im Rubicon veranstalten können, aber man will ja an die Jungs ran, klar. Und bei Spacey empört #metoo schreien.
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#3 made my dayAnonym
#4 BottomAnonym
  • 26.11.2017, 09:28h
  • "Niemand wird zu irgendetwas gezwungen."

    Das habe ich allerdings auch schon anders erlebt. Mehrfach. Ich nenne das dann Vergewaltigung.

    Problem ist leider, dass manche Tops total durchgeknallt sind und sowas wie Allmachtphantasien haben. Wer an solche Kerle gerät, ist gut beraten, zu versuchen, möglichst ruhig Blut zu bewahren. Denn wenn solche Kerle merken, wie sehr man während der Vergewaltigung in Panik gerät, turnt sie das meistens noch an, und sie legen noch einen Zahn zu.

    Also Vorsicht bei der Sexpartnerwahl... und selbst wenn man vorsichtig ist, kann einem das noch passieren. "Niemand wird zu irgendetwas gezwungen" stimmt jedenfalls in der Realität nicht.
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#5 BodyshamingAnonym
#6 YannisCGNAnonym
  • 26.11.2017, 10:35h
  • Antwort auf #5 von Bodyshaming
  • Reduzier meinen Kommentar ruhig auf dieses zugespitzte Schlagwort. Das machts einfacher mit der Selbstreflexion.

    Es geht hier nicht um Rückenhaar, nicht um Bauch, nicht um schütteres Haar, sondern um eine Generation, die zeigt, dass sie sich schon lange nicht mehr respektiert und ihr Gegenüber sowieso nicht.

    (Und ja: Es gibt auch die Gegenseite, die im Einklang mit sich und respektvoll gegenüber anderen ist. Aber die findet man woanders in der Szene.)
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#7 anywayAnonym
  • 26.11.2017, 10:35h
  • Antwort auf #2 von YannisCGN
  • Gerade weil Fetisch auch junge Menschen betrifft (Marcel schildert das eindrucksvoll), muss die Diskussion auch mit jenen stattfinden, die Angebote auf dem Fetischmarkt machen. Da gehört die Station2B als größter Anbieter in Köln dazu. Zumal sie ja auch spezielle Angebote machen, die sich an jüngere richten (z. B. Skaterboysparty) und hier vor allem eines wichtig ist: zu wissen, was Einen erwartet. Denn Safer Sex kann nur dann gelingen, wenn junge Schwule und Bisexuelle wissen, was sie in der Community erwartet und sie selbstbewusst und aufgeklärt Dinge ausprobieren, die für sie von Interesse sind. Wichtig zu sagen: Das soll nicht deiner individuellen Erfahrung wiedersprechen oder diese negieren.
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#8 HairyAnonym
  • 26.11.2017, 10:41h
  • Wie sieht es denn eigentlich mit Furry aus, was ja bei vielen das Gleiche wie Zoophilie ist?
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#9 BodyshamingAnonym
  • 26.11.2017, 10:43h
  • Antwort auf #6 von YannisCGN
  • "Es geht hier nicht um Rückenhaar, nicht um Bauch, nicht um schütteres Haar, sondern um eine Generation, die zeigt, dass sie sich schon lange nicht mehr respektiert und ihr Gegenüber sowieso nicht."

    Im Pauschalisieren bist du wirklich nicht schlecht. Es gibt also eine ganze Generation, die so drauf ist?

    Irgendwann wird jemand über dich so reden. Mal sehen, ob du das dann immer noch lustig findest.
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#10 BEARAnonym