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Kinostart

Die Zeit, als wir Schwulen im Krieg waren

Ab Donnerstag im Kino: Der französische Spielfilm "120 BPM" ist ein authentisches, herausragendes und tief bewegendes Denkmal für die Aids-Aktivisten von ACT UP.


"120 BPM" wurde bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes mit dem Großen Preis der Jury, dem FIPRESCI-Preis sowie der Queer Palm ausgezeichnet (Bild: Edition Salzgeber)

Vielleicht hätte ich diesen Film nicht allein schauen sollen. Noch'n Aids-Drama, hatte ich gedacht. Ich war nicht vorbereitet auf diese Zeitreise zum Beginn der Neunzigerjahre. Auf dieses Wechselbad der Gefühle. Auf das Wachrufen längst verdrängter Erinnerungen an unser Leben und Sterben im Krieg.

"120 BPM" handelt von einer schwulen Liebe bei ACT UP Paris, der AIDS Coalition to Unleash Power. "Aids, das ist Krieg! ACT UP, und siegt!" Die 1987 gegründete Bewegung war besonders stark in den USA und Frankreich. Während Rita Süssmuths vernünftige Politik eine vergleichbare Radikalisierung in Deutschland verhinderte, versagte die linke Regierung unseres Nachbarlands auf dem Höhepunkt der Aids-Krise. "Mitterrand! Mörderbrut! An deinen Händen, da klebt Blut!"

Junge Menschen, die einfach leben wollten


Poster zum Film: "120 BPM" startet am 30. November in deutschen Kinos

ACT UP, das waren Helden und Vorbilder, Ausgestoßene und Todgeweihte. Menschen, die nichts zu verlieren hatten, und deshalb um so mehr erreichten. Medizin-Experten im Selbststudium. Aktivisten aus der Not. Polit-Clowns zum Knuddeln. Fake-Leichen, Podiums-Stürmer und Theaterblut-Schmeißer. Kompromisslose Fundis, die das Reden satt hatten. Mahner und Visionäre. Junge Menschen, die einfach leben wollten.

"Wir betrachten Aids wie einen Krieg. Ein für andere unsichtbarer Krieg. Unsere Freunde sterben. Wir wollen nicht sterben. In jedem Krieg gibt es Verräter. Bei Aids ist das auch so. Viele betrachten die Epidemie als Gelegenheit, um Schwule, Junkies, Prostituierte und Gefangene umzubringen in der allgemeinen Gleichgültigkeit. Viele nutzen sie, um Hass und Diskriminierung aufleben zu lassen."

Die Wut. Die Angst. Die Trauer. Die Hilflosigkeit. Die Hoffnung. Der Mut. Die Kraft in der Gemeinschaft. Die Enttäuschung über die ignoranten Schwulen in der Community, die an Aids nicht erinnert werden wollen. Der Spielfilm "120 BPM" zeigt und weckt all diese Gefühle authentischer als es eine Dokumentation je könnte.

Eine Liebe ohne Aussicht auf ein Happy-End

Das liegt zum einen daran, dass Regisseur Robin Campillo Anfang der Neunzigerjahre selbst bei ACT UP Paris dabei war. Sein 144 Minuten langer Film übertreibt an keiner Stelle. Die teils nervigen und ermüdenden Diskussionen, die kontroversen Aktionen, die heute unvorstellbare Ausgrenzung, die persönlichen Dramen – ja, genauso war es!

Doch vor allem mit der Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean packt Campillo die Zuschauer. Mit einer Liebe auf Zeit, ohne Zukunft und ohne jede Aussicht auf ein Happy-End. Nathan ist HIV-negativ, Sean an Aids erkrankt. Sie lassen sich trotzdem darauf ein. (Spoiler folgt:) Die letzten 20 Minuten sind die härtesten des Films, doch am Ende fasst man doch wieder neuen Mut. Weil mit Seans Asche weiter gekämpft wird…

"120 BPM" ist ein herausragendes, wirklich tief bewegendes Denkmal für ACT UP! Die überfällige Erinnerung an die wichtigste Schlacht in unserem Krieg gegen ein heimtückisches Virus, gegen ignorante Politiker und profitgeile Pharmabosse, der viel zu viele Opfer forderte. Aber auch der weise Rat mit einem Vierteljahrhundert Abstand, selbst in scheinbar aussichtlosen Situationen niemals den Mut zu verlieren oder seine Utopien aufzugeben.

"Wir bekämpfen die Epidemie seit 1989 durch unsere unermüdliche Präsenz an allen Fronten. Wir vereinen unsere Kräfte, um der Epidemie zu trotzen und den durch sie verursachten Tragödien und sozialen Problemen. Zusammen können wir eine Gemeinschaft aufbauen, die der Krankheit positiv und kampfbereit gegenübertritt. ACT UP Paris betrachtet Aids als eine Herausforderung! Nehmt sie zusammen mit uns an!"

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

120 BPM. Drama. Frankreich 2017. Regie: Robin Campillo. Darsteller: Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, Antoine Reinartz, Félix Maritaud, Ariel Borenstein, Aloïse Sauvage, Simon Bourgade, Médhi Touré, Simon Guélat, Coralie Russier, Catherine Vinatier, Théophile Ray, Jérôme Clément-Wilz, Jean-François Auguste, Saadia Bentaieb. Laufzeit: 144 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 30. November 2017
Galerie:
120 BPM
10 Bilder


#1 EisenhowerProfil
  • 29.11.2017, 09:58hMarseille
  • Danke für diese exzellente Filmvorstellung.

    Es gab und gibt durchaus schwule Helden, abseits von Anpassung und Klamauk.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Ulli_2mecsProfil
  • 29.11.2017, 09:59hHamburg
  • Ein Film, den auch ich sehr bewegend und sehenswert fand - anschauen empfohlen!

    Wobei mir wichtig scheint (nach mehreren Diskussionen über den Film), im Hinterkopf zu behalten, dass dies keine Dokumentation ist, und auch kein Dokudrama - sondern Fiktion, ein Spielfilm.
    Nicht alles im Film entspricht der Realiität von ACT UP, nicht alles was bei ACT UP Paris war, entspricht auch dem Aktivismus der damaligen ACT UP Gruppen in Deutschland oder den USA (z.B. Frage der Gewaltfreiheit / 'Blutbombe'-Szene zu Beginn des Films).

    Wer sich für ACT UP interessiert: es gab bisher nahezu nichts Publiziertes zu ACT UP in Deutschland - deswegen habe ich (damals selbst ACT UP Aktivist) über ACT UP in Deutschland geschrieben, Infos hier:
    www.2mecs.de/wp/2017/07/schweigen-tod-aktion-leben-act-up-in
    -deutschland-1989-bis-1993/


    Das Buch ist als print und als Ebook erschienen, als Ebook anläßlich der Deutschland-Premiere des Films zum Sonderpreis von 99 Cent !
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#3 FelixAnonym
#4 AmurPrideProfil
  • 29.11.2017, 11:47hKöln
  • Wir haben "120 bpm" schon vor kurzem als Eröffnungsfilm des diesjährigen queeren Filmfestivals von HOMOCHROM in Köln gesehen.

    Und obwohl wir beide uns natürlich bzgl. potentiellen Infektionen mit HIV immer auf dem neusten Stand halten und auch schon durch andere Filme, z. B "holding the man", und durch Besuche von IWWIT in Begleitung von Zeitzeugen in unserem queeren Jugendzentrum mit der damaligen HIVpositiv = AIDS = Tod - Situation in Berührung gekommen sind, muss ich zugeben, dass mich "120 bpm" so schwer beeindruckt hat, wie nichts in diesem Zusammenhang zuvor.

    Vielleicht war es ja genau die Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean, die ja nur "etwas" älter sind als wir beide, die mir diesen einzigartigen Zugang zur ihrer Geschichte und der damaligen Zeit ermöglichte.

    Und obwohl mir als Zuschauer ja vom ersten Moment an klar war, das ihre Liebe nur eine Liebe auf Zeit sein kann, ohne jede Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft und ohne jede Aussicht auf ein Happy-End, also fundamental anderes als unsere, so fühlte ich mich dennoch auch direkt mit ihnen verbunden. Der Austausch erster Blicke, das vorsichtige Kennenlernen, erste Berührungen, gemeinsames Feiern, erster Sex, wie der Andere langsam zum Mittelpunkt des eigenen Lebens wird, für einander da zu sein, wenn's gar nicht gut läuft... in all dem konnte ich uns wiederfinden.

    Und deshalb war der Film wohl in der Lage mir die Wut, die Angst, die Trauer, die Hilflosigkeit, die Hoffnung, den Mut und die Kraft in der Gemeinschaft so authentisch zu vermitteln wie nichts bislang zuvor.
    Die letzten 20 Minuten des Films habe ich nur noch geheult!

    Und besonders seitdem ich diesen Film gesehen habe, regen mich die boys unter uns mächtig auf, die als HIV-Negative ganz bewusst mit dem Vorsatz auf barback-Parties gehen, um "sich endlich den Virus zu holen". Damit sie sich "nicht länger mit dieser Thematik herumschlagen müssen". "Nehme ich halt täglich eine Pille!"
    Wie unfassbar dämlich kann man eigentlich sein?
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#5 willieAnonym
#6 willieAnonym
#7 Ulli_2mecsProfil
#8 FinnAnonym
  • 29.11.2017, 17:26h
  • "Die Zeit, als wir Schwulen im Krieg waren"

    Die Bezeichnung "Krieg" ist vielleicht etwas martialisch, aber im Kampf befinden wir uns immer noch:

    Ein Kampf, den rechte Politiker, religiöse Fanatiker und andere ewiggestrige Faschisten uns aufzwingen.

    Dabei wollen wir nicht mehr als gleiche Rechte wie alle anderen auch - was eigentlich selbstverständlich sein sollte.
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#9 hugo1970Profil