Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?30840

Sachbuch

Warum wir uns für die Abschaffung des §175 nicht bedanken müssen

In seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" fordert Johannes Kram mehr Ungeduld der queeren Community und beklagt mangelnden Verlass auf linksliberale Milieus.


Johannes Kram lebt als Autor, Textdichter, Blogger und Marketingstratege in Berlin. Seit 2008 betreibt er das Nollendorfblog, 2013 initierte er den "Waldschlösschen-Appell" gegen Homophobie in den Medien (Bild: Markus Lücke)

Johannes Kram betreibt seit 2008 das Nollendorfblog – zu Beginn "weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit", so der 1967 geborene Autor und Marketingstratege. Benannt ist das Blog nach dem Schöneberger Nollendorfplatz. Kram wohnt mitten im queeren Kiez von Berlin, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts Zentrum der weltweit ersten Homosexuellenbewegung war und heute Magnet für den queeren globalen Easyjet-Tourismus ist.

Johannes Krams Blog nervt, Queers ebenso wie Heteros. Er schreibt über Homophobie in all ihren Facetten. 2016 erhielt er eine Nominierung für den Grimme Online Award.

In sein neues Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber…" über die "schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft" montiert er zwar einzelne Blogbeiträge, doch es handelt sich keineswegs um ein Best-of-Nollendorfblog. Johannes Kram erzählt uns eine Geschichte der widersprüchlichen Entwicklung zwischen queerem Erfolg und gesellschaftlichen Vorurteilen. Die kurzen Ausschnitte aus verschiedenen Blogbeiträgen dienen vor allem der Illustration – und zugleich lassen sie uns nachspüren, was sich alles verändert hat.

Der deutsche "Sonderweg" der Homophobie


Das Buch von Johannes Kram ist seit Anfang des Monats im Handel erhältlich

Kram beginnt mit dem Stand der Dinge. Die Ehe für alle wurde erstritten. Damit sei Deutschland "dabei, ein zivilisierteres Land zu werden". Doch bleibe noch viel zu tun, um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen. Nicht zuletzt müssten wir uns auch an die eigene Nase fassen, so der Autor, denn "wir brauchen auch ein differenzierteres und klügeres Agieren der Verbände und Institutionen".

Die Ehe-Öffnung, erinnert Kram, kam in der Bundesrepublik im Vergleich zu vielen anderen westlichen Staaten sehr spät. Er schlägt einen Bogen zur immer noch kaum wahrgenommenen Schwulenverfolgung der Nachkriegszeit. Der von den Nazis verschärfte Paragraf 175 galt bis 1969 in der Bundesrepublik und kriminalisierte grundsätzlich schwule Sexualität. Sowohl die schlimme Verfolgung als auch die späte Ehe für alle bezeichnet Kram in seinem Buch überspitzt als deutschen "Sonderweg". Kram appelliert an unsere Ungeduld und zitiert aus seinem Blog von 2015: "Wer sich mit Toleranz zufriedengibt, bedankt sich dafür, nicht verfolgt zu werden."

Johannes Kram bricht eine Lanze für Volker Beck. Er stritt lange als LSVD-Bundesvorstand und grüner Bundestagsabgeordneter für LGBTI-Rechte. Ein minimaler Drogenfund brachte ihn in die Kritik. Die Medien schossen sich auf ihn ein, und seine eigene Partei schasste ihn. Kram zeichnet minutiös die Medienberichterstattung nach. Beck wurde nahezu durchgängig als "Moralist" tituliert, dabei trat er nur konsequent für gleiche Rechte ein. Krams Medienfazit: "Der Fall Volker Beck ist ein Symptom dafür, wie wenig wir uns auf große Teile des linksliberalen Milieus verlassen können."

Nicht bunter als die Mehrheitsgesellschaft erlaubt

Der Berliner Autor zieht auch eine Parallele zum Rassismus. Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss schilderte 2006 auf dem Integrationsgipfel im Kanzleramt, wie er immer wieder auf seine Hautfarbe reduziert wird und Klischees und Ressentiments das Filmgeschäft bestimmen. Kram folgert, dass die Minderheiten Deutschland gern bunt machen dürfen, aber nur nach den Normen die vorher von der Mehrheitsgesellschaft gesetzt wurden. Daran habe sich bis heute nicht viel geändert.

Streitbar ist Krams zu Beginn des Buches aufgestellte These, ob wir es mit einem neuen Phänomen der Homosexuellenfeindlichkeit zu tun haben, das "auf Homofreundlichkeit beharrt". Die aufgeführten Beispiele sind allerdings belastend. Von Harald Martenstein über Bully Herbig, Jürgen von der Lippe bis zu Dieter Nuhr – ihnen allen ist Homophobie nur allzu selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen. Sie wissen es nicht, aber sie äußern sich entsprechend. Dies belegt Johannes Kram.

Seine Geschichte der widersprüchlichen Emanzipation nervt. Sie muss nerven, denn Fortschritt ist revidierbar. Das kapitellose Buch liest sich rasant. Es ist eine kurzweilige, aber nachschwingende Lektüre. Ein starkes Buch.

Infos zum Buch

Johannes Kram: Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber… Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft. Taschenbuch. 160 Seiten. Querverlag. Berlin 2018. 14,90 €. ISBN 978-3-89656-260-9. Am 11. April findet im Berliner Tipi am Kanzleramt eine Buchpremiere mit zahlreichen Prominenten statt.


#1 BEARAnonym
  • 18.03.2018, 14:06h
  • Danke, Johannes, für dieses wichtige Buch, das genau zur richtigen Zeit gekommen ist!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Patroklos
#3 BEARAnonym
#4 ReyMAnonym
#5 von_hinten_genommenAnonym
#6 BEARAnonym
  • 18.03.2018, 15:15h
  • Antwort auf #4 von ReyM
  • Schlimm, oder? Es gibt offenbar andere Ansichten als Deine. Manche schreiben sogar Bücher darüber, bei denen gleich die Erstauflage wegen der großen Nachfrage verdoppelt werden musste.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 Tommy0607Profil
  • 18.03.2018, 16:08hEtzbach
  • Menschen müssen endlich mal verstehen lernen , dass es ganz egal ist ; welche Religion, Herkunft oder Sexualität man hat. Diskriminierungen gibt es noch genug . Solche Paragraphen sind wieso unmenschlich : Darum gibt es auch nichts zu danken für die Abschaffung. Die Menschheit ist so modern , aber oft benehmen sich Menschen noch : Als wären sie in der Steinzeit!
  • Antworten » | Direktlink »
#8 TheDadProfil
  • 18.03.2018, 17:31hHannover
  • Antwort auf #7 von Tommy0607
  • Deine irgendwie ""leidenschaftslose"" Interpunktion ist mindestens obskur..

    Beschäftige Dich mal bitte mit der Tastatur Deines Gerätes, ich nehme hier mal zu Deinen Gunsten an, irgendein Phone mit Android und US-Amerikanischem Zeichensatz..

    Das kann man ändern..

    Inhaltlich jedoch will ich Dir hier ausdrücklich zustimmen, denn es bedarf niemals eines "Dankes" dafür nicht verfolgt zu werden..

    Insofern ist es dann auch irgendwie "Spookie" (wie Dame Edna es nennen würde) wenn hier dann ausgerechnet "Patroklos" das Buch rühmt, und es als "kommt 20 Jahre zu spät" bezeichnet, während er andere User noch unlängst dazu aufgefordert hat der SPD gegenüber doch gefälligst Dankbarer für die Ehe-Öffnung zu sein..

    Ob hier dann Arschkriecherei die Mutter des Gedanken ist, oder einfach nur die "Tagesform" über die Inhalte der eigenen Kommentare entscheiden ?
  • Antworten » | Direktlink »
#9 von_hinten_genommenAnonym
  • 18.03.2018, 17:36h
  • Antwort auf #7 von Tommy0607
  • Nein, sie tun es, weil sie wissen, dass es möglich ist, sich so zu verhalten und sich so zu äußern. Sie wissen, dass sie noch von zu vielen geschützt, gedeckt, und indirekt unterstützt werden. Und sie fühlen sich als ein Teil der Mehrheit, und es ist ihnen bewusst, dass sie nur schwer verurteilt werden können, wenn sie entsprechende "Methoden" verwenden.
    Ich bin immer noch der Überzeugung, dass Diskriminierung strafbar werden muss und das nicht nur in Einzelfällen und nicht nur unter bestimmten Voraussetzungen. Das AGG ist viel zu unkonkret und ist zu wirkungslos in Bezug auf das GG.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 RobinAnonym
  • 18.03.2018, 17:36h
  • "[...] fordert Johannes Kram mehr Ungeduld der queeren Community"

    Da kann ich mich ihm nur anschließen.

    Auch nach der Eheöffnung gibt es noch genug zu tun:

    - Aufnahme der geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung in Art. 3 GG (ersteres bezieht sich auf Trans- und Intersexualität, letzteres auf Homo- und Bisexualität
    - Reform des AGG, so dass das AGG nicht mehr Sonderregeln für Kirchen erlaubt
    - Reform des Transsexuellenrechts
    - Verbot von Zwangs-OPs an Intersexuellen
    - Reform des Abstammungsrechts, so dass die durch die Eheöffnung entstandene Diskriminierung von Lesben mit Kindern endlich beendet wird
    - Verbot sog. "Konversionstherapien", die schwerste psychische Schäden verursachen und bis zum Selbstmord führen können
    - generelles Asylrecht für verfolgte LGBTI
    - nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie
    - mehr Aufklärung und Förderung von Vielfalt an Schulen
    - etc. etc. etc.

    Das alles ist enorm wichtig. Und auch wenn rechtliche Gleichstellung noch nicht automatisch gesellschaftliche Akzeptanz bringt, so ist es doch Vorraussetzung dafür.

    Deswegen verstehe ich auch nicht, dass viele immer noch die SPD in Schutz nehmen, obwohl die alle LGBTI-Versprechen in den Koalitionsverhandlungen aufgegeben haben. Das bedeutet weitere 4 Jahre Stillstand obwohl es noch so viel zu tun gäbe, wofür man jetzt den Schwung der Eheöffnung hätte nutzen können.
  • Antworten » | Direktlink »