Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?30849

Nach Flucht vor "Islam-Faschismus"

So schwer ist das Leben für türkische LGBTI in Deutschland

Eine neue queere Migrationsbewegung führt viele türkische LGBTI-Aktivisten ins deutsche Exil. Im Bundestag berichteten sie nun erstmals von ihrer Lage. Sie trauen weder der Bundesregierung noch der Botschaft.


Aktivistin Burçin Tetik: "Viele junge LGBTi-Aktivisten wollen raus aus der Türkei" (Bild: Markus Kowalski)

Es war ein Schock, als im November letzten Jahres "LGBTI-Nichtregierungs-Organisationen" komplett verboten wurde, kulturelle Veranstaltungen durchzuführen (queer.de berichtete). Denn dies betraf auch die Vorführung von queeren Filmen in der deutschen Botschaft in Ankara (queer.de berichtete). Der türkische Staat will queeres Leben verbieten. Wie soll die deutsche Politik darauf reagieren?


Die Aktivisten im Deutschen Bundestag, von links: Nazli Çabadag, Abgeordneter Sven Lehmann, Evren E. Çakmak, Barbaros Şansal, Landtagsabgeordnete Berivan Aymaz, Sinem Deniz sowie Burçin Tetik (Bild: Markus Kowalski)

Um diese Frage zu klären, hatten Sven Lehmann, queerpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, und Berivan Aymaz, Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen, zum Gespräch geladen. Am Montag anwesend waren fünf LGBTI-Aktivisten aus der Türkei, die jetzt in Deutschland leben. Im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages berichteten sie von ihrer Lebenssituation hier. Denn: Seitdem sich die Lage für queere Menschen in der Türkei dramatisch verschlechtert hat, gibt es eine neue queere Migrationsbewegung aus der Türkei nach Deutschland.

- w - Video (51s) - Feiere Pride mit Levi's®

Türkei ist ein Polizeistaat geworden

Zwar habe es nie eine Zeit gegeben, in der LGBTI in der Türkei nicht unter Repression gelitten haben, berichten die Aktivisten. So seien in den liberalen Siebzigejahren schwule Pärchen auf der Straße toleriert, aber trotzdem belächelt worden. Doch was die Türkei unter dem Erdogan-Regime erlebt, sei verheerend. Jetzt schlage homo- und transsexuellen Menschen offener Hass entgegen.

"Wir sind Zielscheibe der nationalistischen Propaganda", sagt Barbaros Şansal. Der 61-jährige bekannte Mode-Designer hat vor 24 Jahren den ersten Pride in der Türkei organisiert. Seitdem wurde er immer wieder auf Demonstrationen verhaftet und musste Genitaluntersuchungen über sich ergehen lassen. Zuletzt wurde er im Januar 2017 von einem homophoben Lynchmob am Flughafen in Istanbul brutal zusammengeschlagen (queer.de berichtete). Anschließend saß er unter anderem in Silivri im Gefängnis. Bei seiner Freilassung "übergab" er seine Zelle am selben Tag an den Journalisten Deniz Yücel, der 367 Tage in Haft sitzen sollte.

Hass auf offener Straße

Der CSD und der Trans-Pride in Istanbul selbst wurden zuletzt mehrfach verboten und Aktivisten festgenommen (queer.de berichtete). "Der türkische Staat ist ein Polizeistaat, der auf Willkür basiert", sagt Evren Çakmak. Trans Menschen würden auf offener Straße nahezu stündlich von Polizisten kontrolliert und müssten dann ihre geschlechtliche Identität erklären. Sie seien dieser staatlichen Willkür schutzlos ausgesetzt.

Çakmak selbst ist seit vier Monaten in Deutschland. Derzeit hofft er, dass sein Asylantrag bewilligt wird. In der Türkei war er Aktivist der LGBTI-Organisation KaosGL, die Workshop-Programme für queere Menschen in allen Provinzen organisiert. "Weil ich dort politisch gearbeitet habe, kann ich jetzt nicht mehr in der Türkei leben", erzählt Çakmak weiter. Andere Nichtregierungsorganisationen, mit denen sich KaosGL früher verbündet hatte, gebe es praktisch nicht mehr.


"Im schlimmsten Fall bleiben wir für immer hier" (Bild: Markus Kowalski)

Stattdessen sieht er das Land vom "Islam-Faschismus" bedroht, bei dem Präsident Erdogan den Staat autokratisch umbaue – begründet mit angeblich islamischen moralischen Werten. Auch Şansal ist sich sicher: "Salafismus, Wahabismus [eine traditionalistische Richtung des Islam; d. Red.] und Islamismus hatten einen starken Effekt auf unsere Situation dort."

"Botschaft will verhindern, dass wir nach Deutschland kommen"

Von der deutschen Außenpolitik sind die Aktivisten enttäuscht. Sie trauen der deutschen Bundesregierung kein Stück über den Weg. "Wir haben die Koalitionsverhandlungen genau verfolgt", sagt Çakmak, "und gesehen, dass es wieder Annäherungsversuche an die Türkei gibt." Für ihn steht fest: "Die Bundesregierung heißt uns hier nicht willkommen." Auf der Ausländerbehörde, so erlebe er es selbst, müsse man mühsam um seine grundlegenden Menschenrechte kämpfen. So habe es zwei Monate gedauert, bis er eine Gesundheitskarte erhalten habe, mit der er die für ihn notwendigen Medikamente habe kaufen können.

"Viele junge LGBTI-Aktivisten wollen raus aus der Türkei", sagt Burçin Tetik. "Sie waren geoutet und dort für LGBTI-Themen auf der Straße. Und deswegen kommen sie jetzt nicht mehr raus." Die deutschen Konsulate und die deutsche Botschaft sind Anlaufstellen, um Visa für ein Studium oder einen längeren Aufenthalt zu beantragen. Doch nun würden sie als Gate-Keeper agieren. Tetik kritisiert, dass die Mitarbeiter der Botschaft den Visa-Bewerbern in schmalen Kabinen intime Fragen stellen würden, beispielsweise zur sexuellen Orientierung und Religiosität. Würde man erzählen, dass man LGBTI-Aktivist sei, würde es unwahrscheinlicher, ein Visum zu bekommen, vermutet sie: "Die deutschen Behörden unternehmen alles, um zu verhindern, dass wir nach Deutschland kommen."


Ulle Schauws (r.) und Sven Lehmann (l.) waren "schockiert" von den Berichten (Bild: Markus Kowalski)

Ulle Schauws und Sven Lehmann waren über die Berichte "schockiert". Insbesondere zur Situation queerer Geflüchteter waren sie pessimistisch: "Für diese Asyl-Verfahrensfragen wird ein Innenminister Seehofer das Gegenteil von hilfreich sein", sagt Ulle Schauws. Trotzdem habe sie eine vorsichtige Hoffnung auf eine bessere Außenpolitik unter Minister Heiko Maas (SPD). Unter Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte die Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage keine konkreten Schritte angekündigt, um auf das Verbot des deutschen LGBTI-Filmfestivals zu reagieren (queer.de berichtete).

Die Aktivisten fordern, dass es mehr Sponsoren für LGBTI-Organisationen in der Türkei geben müsse, so wie es viele große Unternehmen gebe, die CSDs finanziell unterstützen. Wenn der LGBTI-Aktivismus am Bosporus nicht wieder stark werde, könne sich in ihrem Land nichts ändern. "Im schlimmsten Fall", sagt eine, "bleiben wir für immer hier".

Ein Wort in eigener Sache
Hinter gutem Journalismus stecken viel Zeit und harte Arbeit – doch allein aus den Werbeeinnahmen lässt sich ein Onlineportal wie queer.de nicht finanzieren. Mit einer Spende, u.a. per Paypal oder Überweisung, kannst Du unsere wichtige Arbeit für die LGBTI-Community sichern und stärken. Abonnenten bieten wir ein werbefreies Angebot. Jetzt queer.de unterstützen!


#1 TheMumProfil
  • 20.03.2018, 11:46hHannover
  • Und wieder einmal ist es Zeit für meine Forderung nach einem UNEINGESCHRÄNKTEN Asylrecht für LGBTTIQ*!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 RobinAnonym
  • 20.03.2018, 12:06h
  • "Sie trauen weder der neuen Bundesregierung noch der deutschen Botschaft."

    Und für beides haben Sie auch jeden Grund.

    Die schwarz-rote Bundesregierung definiert einfach mal angeblich "sichere Herkunftsstaaten", die für Heteros vielleicht wirklich sicher sind, aber ganz gewiss nicht für LGBTI.

    Aber auch LGBTI werden in diese Staaten abgeschoben, damit Union und SPD ihre Flüchtlings-Bilanz schönrechnen können.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 goddamn liberalAnonym
  • 20.03.2018, 12:08h
  • Vor gar nicht allzu langer Zeit war Zeki Müren in der Türkei noch eine Art Nationalkünstler.

    de.wikipedia.org/wiki/Zeki_M%C3%BCren

    Der Mann war politisch hellwach:

    "Der damalige Staatspräsident Süleyman Demirel verkündete Er war mein Freund[13] und Generalstabschef Hakki Karadayi ließ ausrichten Zeki Müren hat sein Vaterland geliebt.[14][15]

    Einen großen Teil seines Erbes vermachte Müren der Stiftung der türkischen Armee und der staatlichen Bildungsstiftung."

    Trotz gelegentlicher homophober Repressionen wusste er genau, dass nur der Kemalismus, die säkulare Staatsidee Atatürks, unsereinem in der Türkei das Überleben garantierte.

    Auch durch die Doofheit Westeuropas ist es Erdogan gelungen, die türkische Armee aus ihrem politischen Wächteramt zu verdrängen und umzubauen.

    In Afrin und anderswo können wir heute die Resultate bewundern.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 felix-cgnAnonym
  • 20.03.2018, 12:10h
  • Dank an Sven Lehmann und die Ulle Schauws! Ich bin gespannt, wie die Politik der anderen Parteien reagiert, z.B. die FDP, die sich derzeit mehr für LGBT zu engagieren scheint.

    Es wird zudem das Verhältnis zum NATO-Bündnispartner und Ursprungsland der meisten Menschen berührt, deren Familien keine Wurzeln in Deutschland haben. Und dann noch schwierige Themen wie Religion, Umgang mit Autokraten und patriarchale Strukturen.

    Zudem wird die braune AfD sofort auf den Plan gerufen, die in dem Thema ein vermeintliches Werben für Zuwanderung sieht und für die jeder berechtige Asylbewerber ein Nicht-Biodeutscher zu viel ist in einem weißen, sauberen, christlichen, vermeintlich Kriminalitäts-freien Deutschland.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 Julian SAnonym
  • 20.03.2018, 12:27h
  • Und allzu oft geht hier in Deutschland die Verfolgung weiter.

    Es ist z.B. ein Skandal, dass es in Flüchtlings-Unterkünften regelmäßig zu Übergriffen auf LGBTI kommt. Aber statt dass die Täter sanktioniert werden (oder in extremen Fällen sogar ausgewiesen werden), werden die Opfer sanktioniert und in eine andere Einrichtung gesteckt.

    So zeigt man denen, dass sie sich auch hier weiterhin verstecken müssen und vor Fanatikern flüchten müssen, während die Fanatiker keinerlei Repression zu fürchten haben.

    Das sind die völlig falschen Signale, sowohl an die Menschen, die hier Schutz suchen, als auch an die Täter, die hier gewalttätig werden.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 Julian SAnonym
  • 20.03.2018, 12:33h
  • Antwort auf #4 von felix-cgn
  • Wo engagiert die FDP sich denn für LGBT?

    Ja, die reden viel davon, aber ihr Handeln ist ein komplett anderes.

    So ist die FDP nach wie vor gegen eine Änderung des AGG, weil das angeblich der deutschen Wirtschaft schade. Warum die deutsche Wirtschaft nur funktionieren kann, wenn sie diskriminieren dürfen, konnte die FDP bis heute nicht erklären. Und warum diese Dinge in anderen Staaten nicht eingetreten sind, ebenfalls nicht. Und wie es mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vereinbar ist, dass die Kirche über dem Gesetz steht und sich ihre eigenen arbeitsrechtlichen Regeln (inkl. Parallel-Justiz) machen kann, kann die FDP auch nicht erklären.

    Ein anderes Beispiel:
    in mehreren Bundesländern hetzt die FDP massiv gegen mehr Aufklärung an Schulen und gegen die Förderung von Vielfalt an Schulen. Angeblich sind die Projekte, Lehrpläne und Lehrmaterialien "nicht geeignet". Aber was daran nicht geeignet ist und warum fachfremde Politiker das besser beurteilen können als Pädagogen, Didaktiker und Entwicklungspsychologen kann die FDP nicht erklären.

    Ja, die FDP redet bei LGBTI viel von LGBTI-Rechten. Genauso erklärt die FDP aber bei anderen Wählergruppen, dass man da nicht zu weit gehen solle und handelt in der Realität auch danach.

    Die FDP war halt immer schon eine Partei, die ihr Fähnlein gerne nach dem Wind dreht und das macht, was gerade opportun ist.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 Alexander_FAnonym
  • 20.03.2018, 12:52h
  • "Würde man erzählen, dass man LGBTI-Aktivist sei, würde es unwahrscheinlicher, ein Visum zu bekommen, vermutet sie: "Die deutschen Behörden unternehmen alles, um zu verhindern, dass wir nach Deutschland kommen." "

    Tja, in unserem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben, ist jetzt halt wieder business as usual angesagt.
    Die Freundliches-Gesichtswochen inklusive Selfie mit Merkel sind eben vorbei, außerdem hat Mutti ja oft genug klargemacht, was sie von unsereinem hält. Wenn die Kameras wieder weg sind, kann man dann getrost wieder sein wahres Gesicht zeigen.

    Wem da die Absurdität merkeldeutscher Einwanderungspolitik noch nicht klar geworden ist, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Es ist wirklich eine Schande, dass bei Leib und Leben Bedrohten nicht geholfen wird, während die Bundesregierung mit dem Erdogan-Regime und seinen fünften Kolonnen, den Ditib-Gemeinden, offen zusammenarbeitet.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 Gerlinde24Profil
  • 20.03.2018, 13:10hBerlin
  • Ich frage mich, warum türkische LGBTIMenschen um ihre Anerkennung als Flüchtling kämpfen müssen (das war schon so 2005, als mir die ersten Fälle bekannt wurden), türkische Militärs hingegen diese sofort bekommen? Wird wieder mal mit zweierlei Maß gemessen?
  • Antworten » | Direktlink »
#9 TimonAnonym
  • 20.03.2018, 13:13h
  • Antwort auf #5 von Julian S
  • Ich möchte gar nicht wissen, was in verfolgten GLBTI vorgehen muss, die nach vielen Strapazen, Entbehrungen und Ängsten endlich in Deutschland sind und die hoffen, endlich ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu führen. Und dann werden sie hier weiterhin verfolgt, bekommen keinen Schutz und müssen auch noch ansehen, wie ihre Peiniger straffrei leben und sie sich weiterhin vor denen verstecken müssen....

    Und ich will auch gar nicht wissen, wie es in 10 oder 15 Jahren auch für uns alle hier aussieht, wenn wir homo- und transphobe Fanatiker hier bleiben lassen und ihnen auch noch signalisieren, dass ihr Verhalten mindestens geduldet wird oder sogar akzeptiert ist und ihnen außer vielleicht ein paar mahnenden Worten (worüber die sich kaputt lachen) keinerlei Konsequenzen drohen.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 Alexander_FAnonym
  • 20.03.2018, 13:27h
  • Antwort auf #8 von Gerlinde24
  • So zweierlei ist das gar nicht. Die Bundesregierung steht auf der Seite Erdogans, und die Verfolgten, um die es hier geht, sind gegen ihn. Das Verhalten der Bundesregierung definitiv schäbig, aber durchaus konsequent.
  • Antworten » | Direktlink »