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Substanzgebrauch in der Community

Wieso Berlin bei der Aufklärung über Chemsex versagt

Bei einer Konferenz kamen am Wochenende Gesundheits-Experten aus ganz Europa zusammen. Sie warnen: In der Hauptstadt wird das Risiko vieler Chems unterschätzt.


Standbild aus der Dokumentation "Chemsex" aus dem Jahr 2015 (Bild: Pro-Fun Media)


Martin Viehweger (Bild: Praxis Dr. Cordes)

"Natürlich gibt es Leute, die beim Chemsex einfach nur Spaß haben", sagt Martin Viehweger. "Aber es gibt eben auch Menschen, die daran sterben." Der Facharzt für Allgemeinmedizin ist einer der führenden Experten in Berlin für Chemsex. Er will, dass über die Risiken aufgeklärt wird, die Sex auf Drogen mit sich bringen. Deshalb war er am Wochenende auf dem zweitägigen Chemsex-Forum, das erstmals in Berlin stattfand. Rund 100 Experten aus ganz Europa, die für die LGBTI-Community zu gesundheitlichen Risiken beraten, aufklären und behandeln, kamen zusammen. Sie alle sind sich sicher: Ärzte, Beratungsstellen und Psychotherapeuten müssen endlich mehr für die Gefahren von Chemsex sensibilisiert werden.

Dass Sex auf Drogen zahlreiche Nebenwirkungen haben kann, ist bekannt. So ist das Risiko einer Infektion mit HIV, Hepatitis und anderen sexuell übertragbare Krankheiten höher. Es besteht außerdem die Gefahr einer Überdosierung der Substanzen, aber auch Depressionen, Vergewaltigungen und Tod sind möglich. "Ich weiß von 20 Leuten aus Berlin, die im letzten Jahr am Drogenkonsum gestorben sind", sagt Arnd Bächler, Teamleiter Beratung und Therapie der Berliner Schwulenberatung. Es bestehe viel Bedarf an Beratungsangeboten: "Die Leute rennen uns die Tür ein, wir sind total überlastet."

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Gefahren von Drogenkonsum würden unterschätzt

"Der Drogenkonsum in Berlin ist verheerend", sagt Bächler. Im weltweit bekannten Club Berghain könne man jede beliebige Droge kaufen, Chemsex-Parties seien selbstverständlich. Viele Substanzen seien verführerisch, viele machten abhängig. "Bei all dem darf man nicht vergessen, wie gefährlich das sein kann", sagt er. "Viele Aktivisten wollen das nicht sehen und hören einfach weg, wenn ich davon erzähle."

Tatsächlich ist Sex auf Drogen zu einer festen Größe in der LGBTI-Community geworden. In schwulen Dating-Apps weisen Nutzer auf ihren Profilen mit Codes darauf hin, dass sie Drogen-Sex wollen: "T" für Tina, ein Synonym für Crystal Meth, aber auch "party and play" oder "chem-friendly" sind die am häufigsten benutzten Hinweise. Unter den vielen beliebten Substanzen ist neben Crystal Meth auch GBL/GHB beim Chemsex am gefährlichsten. GBL, auch "Liquid Ecstasy" genannt, fördert die Sexlust, kann aber schnell überdosiert werden und zum Atemstillstand führen.

"Ich will keine Angst schüren", sagt Bächler. Er fordert aber, dass sich die Berliner Landespolitik endlich bewegt. "Es braucht jemandem im Senat, der sich für das Thema zuständig fühlt", sagt er. Denn es müssten mehr Stellen für Beratungsangebote gefördert werden. Ebenso sei ein stationäres Angebot für Chemsex-Therapien in einer Klinik nötig, da der Entzug bei harten Drogen wie Crystal Meth ambulant nicht mehr möglich sei. Beratungsstellen müssten, wenn sie Patienten auf sexuell übertragbare Krankheiten testen, selbstverständlich auch erfragen, welche Substanzen derjenige konsumiert – natürlich vorurteilsfrei und auf Augenhöhe.

Experten fordern bessere Zusammenarbeit der Ärzte

Ebenso sollten die Menschen über die Risiken aufgeklärt werden, beispielsweise mit einer Plakatkampagne, schlägt Bächler vor. Martin Viehweger sieht insbesondere die Ärzte in der Pflicht: "Die arbeiten noch nicht eng genug zusammen", es sei viel mehr Austausch von Wissen und Erfahrungen nötig. Außerdem gehe es bei Chemsex nicht nur die Behandlung der sexuell übertragbaren Krankheiten, sondern um die ganze Lebenssituation, die Ärzte im Blick haben müssten.


Standbild aus der Dokumentation "Chemsex" (Bild: Pro-Fun Media)

"Menschen wollen mit Substanzen ihre Grenzen austesten und überschreiten, um aus der Normalität und Abgestumpftheit des Alltags auszubrechen", sagt Viehweger. Viele wollten Intimität, Nähe und Vertrauen mit anderen Menschen herstellen oder ihre Scham überwinden. Dafür seien entaktogen wirkende Drogen besonders geeignet, da sie die eigenen Emotionen intensiver wahrnehmen lassen und die Risikobereitschaft erhöhen.

"Klar ist es dann leichter, sich endlich zu trauen, den heißen Typen an der Bar anzusprechen", so Viehweger. Schwierig werde es nur, wenn man beim Sex die Kontrolle verliere und so zum Beispiel den Schutz durch Kondom oder PrEP vergesse. Zumindest ein erster Schritt hin zu einer besseren Aufklärung und Vernetzung ist schon gemacht. Im "Chemsex Netzwerk Berlin" organisieren sich jetzt erstmals Ärzte, Suchtkliniken und Beratungsstellen. Ihr erstes Ziel wird es sein, Fortbildungen für ihre Kollegen zu organisieren.

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#1 seb1983
  • 25.03.2018, 11:27h
  • Immerhin auf den Sonntag noch was gelernt.
    Da ist man schon schwul, nur wenn mich jemand gefragt hätte was "Chemsex" ist wäre ich völlig ahnungslos gewesen.
    Mal wieder blickt man als Landei neidisch in die große Stadt womit sich die Brüder dort die Gehirnzellen wegballern...
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#2 PeerAnonym
  • 25.03.2018, 11:51h
  • Ich weiß echt nicht, wieso manche meinen, sie bräuchten irgendwelche gefährlichen Chemikalien, um einen Kick zu erleben...

    Was gibt es geileres als hemmungslosen, guten Sex. Das will man sich doch nicht durch andere Gefühle kaputt machen.

    Ich habe das Gefühl, manche empfinden gar nichts bei Sex oder hatten noch nie richtig guten. Und brauchen dann Chemikalien zur Befriedigung. Nicht nur gefährlich, sondern auch traurig und bemitleidenswert.
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#3 LasmirandaAnonym
  • 25.03.2018, 12:42h
  • Antwort auf #2 von Peer
  • Was geiler ist als hemungsloser Sex? Na eben guter hemmungsloser Sex auf irgend welchen bewustseinsverändernden Substanzen.
    Es ist einfach eine Frage des Geschmacks.
    Natürlich ist so eine schöne "gesunde" Nummer auch was Feines. Aber wenn ich das ganze für mich mit irgendwelchen Substanzen aufpeppe, erreiche ich Bewustseinszustände von denen ich vorher nicht mal zu träumen gewagt hätte.
    So individuell die Erfahrungen sind, so individuell dürften auch die Gründe sein. Es muss nicht immer um den Kick gehen, oder darum sich ins Wahnwitzige zu steigern.
    Viele dieser Substanzen seien es natürliche oder rein chemische, öffnen Kanäle im Körper die abhängig von Set und setting den Eindruck von Telepathie erwecken können. Das kann man schon sagen , ist äusserst interessant, wenn man sich beim sex, ohne ein Wort zu sagen miteinander unterhält, dies jedoch auf einer föllig anderen Ebene als der Geschlechtsverkehr.
    Manchmal sogar, an einem anderen Ort, aber zur gleichen Zeit.
    Will man sowas jedoch erleben und genießen, sollte man schon sehr geerdet sein, um nicht in einer dieser Welten zu stranden.
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#4 Ralph
  • 25.03.2018, 12:58h
  • Ich konnte schon mit dem stinkenden Poppers nie was anfangen. Soll ich mir jetzt eine Spritze setzen lassen? Bloß gut, dass mich schon bei der jährlichen Grippeimpfung und bei der ärztlichen Blutabnahme das Grauen packt. Da kann ich nie in Versuchung kommen, mich womit auch immer vollzudröhnen.
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#5 BerghainAnonym
  • 25.03.2018, 13:07h
  • Sowas geht eher in die richtige Richtung, als der gegenwärtig viel diskutierte anklagende SPIEGEL-Artikel von dem preisgekrönten Edeljournalisten Alexander Osang uber eine Drogentote im Berghain. Der Profi mit der flüssigen Schreibe schreibt über das Berghain und meint den Mythos ohne jemals in der Realität bei einer Party gewesen zu sein.
    Das ist für mich ganz schlechter tendenziöser Journalismus.

    Wenn der Artikel vor dem Hintergrund dieser Tagung eine breite Öffentlichkeit und Vor allem die Politik wach rüttelt, dann hätte er vielleicht einen guten Effekt gehabt.
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#6 seb1983
  • 25.03.2018, 13:20h
  • Antwort auf #3 von Lasmiranda
  • Ich bin inzwischen in einem Alter angekommen in dem Gesundheit und Sicherheit eine der Top Prioritäten ist.
    Im Beruf läuft es soweit, die Altersvorsorge ist angelaufen, Absicherung gegen Berufsunfähigkeit etc.
    Vermutlich alles total heteronormativ...

    Ab und an mal ein Tütchen rauchen, Nase pudern oder die Flasche Vodka mit Freunden etc. ist doch nicht das Problem.

    Hier werden aber ganz andere Sachen eingeworfen, andauernd, es ist offen und normal eben drauf zu sein und geht schon nicht mehr ohne.
    Im Grunde könnte man darüber auch froh sein, wer früh stirbt entlastet die Rentenkasse, und AfD und Co. wirds auch freuen, aber irgendwo auch traurig wenn "community" nur über Pillen und Co. funktioniert und immer mehr Schwule eigentlich doch einsam und alleine vor sich hin vegetieren wenn man seinen Schwanz wieder eingepackt hat und der Trip vorbei ist.

    Das soll dann wohl die lifestyle Alternative zum pösen überkommenen Familienmodell sein?
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#7 herve64Profil
  • 25.03.2018, 13:26hMünchen
  • Antwort auf #4 von Ralph
  • Schön, dass ich nicht der Einzige bin, der mit Poppers nichts anfangen kann. Allein bei dem Geruch wird mir übel, und außerdem hat das Zeug Wechselwirkungen mit den Betablockern, die ich nehmen muss. Insofern werde ich verdammt wütend, wenn Vollpfosten meinen, sie müssten mich mit diesem Schei*zeug "zwangsbeglücken" und mir ungebeten ein Fläschchen unter die Nase halten.

    Dass dann andere chemische Substanzen für mich erst Recht indiskutabel sind, brauche ich wohl nicht extra zu betonen. Im Übrigen halte ich Leute, die so etwas benötigen, um sexuell stimuliert zu werden, für armselige Würstchen.
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#8 Gay_in_the_HayAnonym
  • 25.03.2018, 13:50h
  • Berlin versagt nicht nur bei der Aufklärung über dat Chemsex, sondern auch was die Bekämpfung der homophoben Kriminalität betrifft!
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#9 Jens SpahnAnonym
  • 25.03.2018, 14:24h
  • Vielen Dank für den guten Artikel. Noch mehr Aufklärung scheint sehr notwendig zu sein und nicht der moralische Zeigefinger oder moralische Appelle, wie hier einige Kommentatoren meinen. Übrigens ist niemanden damit geholfen, wenn Drogenkonsumenten mitgeteilt wird, wie toll das eigene Sexualleben ohne Drogen doch ist und was für arme Würstchen das doch sind, die Drogen nehmen! Die Überheblichkeit ist einfach nur widerlich! Erinnert mich sehr an Jens Spahn Gleichgültigkeit gegenüber Hartz 4 Empfängern.
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#10 herve64Profil