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Jugendliche outen sich viel früher als noch vor einigen Jahren. Schon Elfjährige suchen in schwul-lesbischen Jugendzentren Rat.

Von Dennis Klein

"Du hast die Bepanthen-Creme mitgenommen, wo ist sie?", fragt der 52-jährige Richard Spätling entnervt. "Ich hab sie nicht, such doch selbst", bafft Teenager S. zurück. Auf den ersten Blick Familienalltag. Doch S. ist nicht Richards Sohn - auch nicht sein Adoptivsohn. Richard ist seit rund 30 Jahren als Sozialpädagoge in der Jugendarbeit tätig. S. ist seit über einem Jahr sein Ziehsohn, weil er Probleme mit seinen Eltern hatte.

S. kommt aus einer Kleinstadt eine knappe Autostunde von Köln entfernt. Sein Vater arbeitet bei der Bundeswehr und wollte eigentlich immer einen guten deutschen Soldaten aus seinem Sohn machen. Doch der schminkte sich seit der Grundschulzeit lieber und machte Freundinnen die Haare anstatt sie anzugrapschen. "Mit vier wusste ich bereits, dass ich schwul bin. Mit zwölf habe ich mich bei allen während einer Kirmes geoutet." Danach war das Verhältnis mit dem Vater kaputt: "Mit 15 hat er mich dann gegen einen Stromkasten geschmissen." Das Jugendamt schaltete sich ein - dann kam er zu Richard nach Köln.

Der schmächtige S. will nur als Drag Queen mit wehenden Haaren und Make-Up bis zum Abwinken abgelichtet werden. In der Kleinstadt habe er diese Maske gebraucht, denkt Richard. S. selbst gibt sich betont selbstbewusst und kühl: "Die anderen in der Schule konnten nicht so weit denken wie ich. Es gab nur eine Disko, die haben alle nur übers Poppen gesprochen. Da hatte ich schon Beziehungen." An markanten Sprüchen mangelt es ihm nicht: "Ich wurde hier in Köln zur Mode-Ikone - naja, eigentlich in ganz NRW", sagt er ohne einen Hauch von Ironie.

Mehr Vorbilder im Fernsehen

Durch Vorbilder in den Medien outen sich Schwule heute weitaus früher. Noch vor 15 Jahren löste der Kuss zwischen zwei Männern in der Serie "Lindenstraße" einen Sturm der Entrüstung aus. Etwas später wurden dann in den Nachmittags-Talkshows zur besten Afterschool-Sendezeit alle Formen der Sexualität durchgequatscht, auch die bei Kindern besonders beliebte Trivial-Soaps thematisieren die Homo-Liebe. In Primetime-Serien wie "SK Kölsch" oder "Mit Herz und Handschellen" haben Schwule sogar die Macho-Domäne des Kommissars erobert. Schwulsein wird als normal und akzeptiert dargestellt. Und junge Schwule denken, so problemlos könne auch ihr Coming-out vonstatten gehen. Allzu oft ist das ein Trugschluss. "Die Naivität des frühen Outing wird oft bestraft. Sie erfahren Ablehnung von Mitschülern, Lehrern und Eltern", berichtet Richard. Er weiß von einigen Haar sträubenden Geschichten: So erzählt er von einem Fall, als einem geouteten Schüler von Lehrerseite verboten wurde, sich beim Sportunterricht mit den anderen umzuziehen.

Auch der jetzt 17-jährige Kai aus Mülheim an der Ruhr machte so einige Erfahrungen in seiner Klasse. Mit 14 wurde er in seiner Gesamtschule von seinem besten Freund geoutet, den er kurz zuvor ins Vertrauen gezogen hatte. "Der hat wohl große Angst gehabt, dass ich ihn anmache", erinnert er sich heute. Andere Schüler haben ihm daraufhin das Leben zur Hölle gemacht. Jeden Tag wurde er beschimpft, bis er sich eines Tages nicht mehr traute, in die Schule zu gehen. Sechs Wochen hing er statt zu lernen in Internetcafés herum. Von seiner Klassenlehrerin konnte er keine Hilfe erwarten: Sie behandelte ihn nach dem Outing wie Luft – es wurde ihm auch verboten, über sein Schwulsein in der Schülerzeitung zu schreiben.

Aufklärung an Schulen nötig

Torsten Schrodt kennt die Probleme. Der 27-Jährige betreut Kai und andere Jugendliche in der Gruppe Enterpride. "Wir versuchen, in der Schule Aufklärungsarbeit zu machen", berichtet er. "Das ist nicht einfach, oft werden unsere Teams nicht einmal aufs Gelände gelassen." Immerhin gibt es schon erste Erfolge: So werden dieses Jahr in allen Mülheimer Schülerzeitungen Artikel über das Schwulsein erscheinen. "In Szenemagazinen erreichen wir die Jungs nicht, da müssen wir direkt in die Schulen", so Torsten.

Neben der Schule haben junge Schwule vor allem ein Problem: Ihre Eltern. Ein Coming-out mag Probleme ergeben für 20-Jährige. Die sind aber zum großen Teil bereits im Studium oder in der Ausbildung und haben ihre eigene Bude. Ein 13-Jähriger muss jedoch unter dem Dach seiner Eltern wohnen; dem Minderjährigen können Mutter und Vater das Leben schwer machen. Auch Kai, der mit seiner Mutter gut ausgekommen ist, hatte Probleme mit seinem Vater. Der konnte nicht ertragen, dass er einen schwulen Sohn gezeugt hat. "Der hat mich immer wieder angeschrien, hat mir immer wieder plötzlich ohne Vorwarnung eine geknallt. Dann hat er gesagt, dass ich nicht mehr sein Sohn bin."

Eltern drohen mit dem Anwalt

Kai geht mit seinem Kumpel Michael regelmäßig zur Enterpride-Gruppe direkt in der Mülheimer Innenstadt. Leiter Torsten weiß einige Geschichten über die Reaktionen der Eltern zu erzählen: "Einmal hat uns ein Anwalt geschrieben, dass ein Vater seinem Sohn den Umgang mit uns verboten hat. Der 14-Jährige kam damals oft mit blauen Flecken oder einem blauen Auge in die Gruppe". Seit kurzem gibt es auch eine Elterngruppe, zu der bereits einige Mütter erschienen sind. Väter haben sich dort aber noch nicht blicken lassen.

"Das Coming-out wird wegen der verschärften Alterssituation oft als grauenhaft erlebt. Da helfen alle gesellschaftlichen Errungenschaften nichts", argumentiert Richard Spätling. Doch wie kann jungen Schwulen das Leben einfacher gemacht werden? Richard schlägt vor, dass in der Schule nur ein Erlass von oben hilft. Lehrern muss erklärt werden, wie sie auf das Coming-out eines Schülers zu reagieren haben. Sonst sind sie entweder völlig hilflos oder bringen ihre eigenen Vorurteile mit.

Er hofft darauf, dass die Gesellschaft weiter toleranter wird: "Wenn ein 14-Jähriger zu seinem Vater kommt und sagt: ‚Ich hab eine aufgerissen’, klopft er ihm auf die Schulter. Wenn er aber vom Sex mit einem Jungen erzählt, sieht die Reaktion ganz anders aus." Solange sich das nicht ändert, bleibt das Coming-out für viele eine Tortur.

12. Juli 2005



41 Kommentare

#1 queeryAnonym
  • 12.07.2005, 15:52h
  • warum auch nicht? ich persönlich weiss es von mir selbst seit ich 13 bin. das ist also kein neues phänomen. daher verstehe ich auch nicht so ganz, das (für schwulen sex)jugendschutzgrenzen erst ab 16 wegfallen, und bei heten schon mit 14! also, mir wäre es recht, wenn auch 14jährige schon dürften!! denn was bringen dann noch "verbote"? garnix.
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#2 JanAnonym
  • 12.07.2005, 16:27h
  • Ich war mir mit 14 sicher schwul zu sein hatte mit 16 meinen ersten schwulen Sex und erst mit 22 mein Comming out weil ich Angst vor meinen Eltern hatte. Gott sei Dank stellte sich die als vollkommen unbegründet herraus das einzige was meine Eltern mir sagten war : " Du bist und bleibst unser Sohn und die Hauptsache ist das du glücklich bist" Meine Mum hat es relativ schnell akzeptiert mein Vater hat wesentlich länger gebraucht und für beide ist es heute die normalste Sache der Welt einen schwulen Sohn zu haben.
    Im Bekanntenkreis meiner Eltern outete sich kürzlich ein 17 jähriger als schwul und sein Vater drehte total am Rad was ich absolut nicht verstehen konnte, denn mein Freund und ich waren dort öfter zu Gast und anfänglich drängte man fast drauf das wir gemeinsam kamen. Nach dem Motto ist doch nix schlimmes dafür brauchst du dich doch nicht zu schämen
    Daraufhin habe ich mit meinem Dad lange und intensiv über dieses Thema gesprochen und die Crux aus diesem Gesspräch war das mein Dad mir sagte das er den Vater verstehen kann und er noch nicht mal glaubt das er aus gekränktem Machostolz oder ähnl. so am Rad drehen würde. Sondern eher aus der Sorge herraus was aus seinem Kind wird. Die meisten Eltern wollen für ihre Kinder nur das beste und die Vorstellung das der Sohn irgendwann mit 60 oder 70 zum Lustgreis wird und Jünglingen hinterher steigt. Er am Ende total vereinsamt und alleine ist bringt bricht vielen Eltern das Herz. Mein Vater sagte mir das meine Mum und er auch diese Befürchtungen hatten und die sich wirklich erst gelegt hat nachdem er meinen Freundeskreis kennengelernt hat. .
    Im Grunde werden wir alle hetrosexuell erzogen und das Idealbild ist die glückliche Familie im Reihenhäuschen wo Mutti Sonntags backt und Vati mit Sohnemann Samstags zum Fußball geht. Plötzlich wird dieses Bild zerstört weil tief im inneren doch noch Klischees verwurzelt sind die sich auch nicht abstellen lassen. Selbst meine Eltern fragen schon mal nach wenn ich erzähle das ich mich ohne meinen Freund mit anderen Männern getroffen habe ob da mehr im Spiel ist. Ich amüsiere mich dann meist köstlich drüber und entgegne meist Ach wie gut das ihr nicht an Klischees glaubt.
    Der CSD ist auch keine Wirkliche Hilfe für das Comming out denn viele Eltern treibt es schier in den Wahnsinn wenn sie sich vorstellen das ihre Kinder wild knutschend und halbnackt durch die Gegend rennen und das gilt für homo und hetrosexuelle Kinder. Aber Homosexualität als normal zu zeigen wie es Wowereit, von Beust oder Westerwelle machen ist das was den Menschen am besten zeigt Homos sind keine kleinen Buben verführenden Monster sondern Menschen wie du und ich nur das die halt morgens nicht neben Mutti sondern neben Vati aufwachen. Wenn die Leute das im Hirn haben das schwul sein was völlig normales ist und nicht aus schrillem rumgegröhle und wild durch die Gegend p.ppen besteht. Haben es auch die Schwulen von morgen wesentlich leichter ihr C.O. durchzuziehen
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#3 PhilippAnonym
#4 madridEUAnonym
  • 12.07.2005, 18:06h
  • jan@ Erheitert hat mich die Sorge um die Lustgreise, die den Knaben hinterhersteigen. Im gayroyal wimmelt es nur so von "Greisen", die Ihresgleichen oder nur etwas Jüngere vorziehen und sich gleichzeitig gegen Kontakte junger Burschen verwahren. Ausserdem können Hetero-Greise ebenso geifernd hinter jungen Mädchen herrennen. Aber das gilt ja als "normaler".
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#5 egalAnonym
  • 12.07.2005, 19:25h
  • @queery
    § 180 & 182 gelten sowohl für homo- und heterosexuelle Handlungen, es wird kein Unterschied mehr gemacht, siehe auch
    www.gaystation.info/law/?/law/europa.html

    @jan
    Es gibt Untersuchungen, in denen herausgekommen ist, daß Menschen mit Familie mittlerweile eher einsam im Alter sind als diejenigen, die ihren Freundeskreis zeitlebens gepflegt haben! Familie heißt nicht mehr automatisch, daß sich dieJungen um die Alten kümmern, von daher müssen Homos im Alter nicht einsamer sein als Heteros. Außerdem heißt hetero auch nicht mehr automatisch, daß man eine Familie gründet. Aber bis das in den Köpfen angekommen ist, muß noch viel Wasser die Spree herunterfließen.
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#6 madridEUAnonym
  • 12.07.2005, 19:38h
  • @egal:Wie so oft, baut sich hier wieder eine Diskussion auf, die am Ende nichts mehr mit dem Thema zu tun hat. Aber ich kann Dir nur beipflichten ! Die Altenheime sind voll von Eltern, deren Kinder entweder überhaupt nicht oder nur zum Kassieren der Rente kommen.Bin sicher, dass es unter Euch Pfleger gibt, die das bestätigen können ?
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#7 egalAnonym
  • 12.07.2005, 19:58h
  • @madridEU
    Doch, es hat mit dem Thema was zu tun, das sind nämlich die Ängste der Eltern, daß die Kinder im Alter einsam sind und damit einer der Gründe, warum Eltern die Homosexualität ihrer Kinder ablehnen. Z.B. hat es mich auch einige Überredungskünste gekostet, meinem Vater klarzumachen, daß mein Nichtkinderwunsch nichts mit meiner Sexualität zu tun hat und ich als Hetero auch keins bekommen wollen würde. Heute heißt Hetero nicht mehr, daß man eine Familie gründet und Homosein aber auch nicht, daß man es nicht macht. Nur die Klichees sind halt noch in den Köpfen drin, die Realtität sieht mittlerweile eben anders aus.
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#8 JanAnonym
  • 12.07.2005, 20:09h
  • Man hat letztlich keinerlei Garantie auf einen gesicherten Lebensabend mit Familie oder Freunden. Aber die Wahrscheinlichkeit mit Kindern nicht zu vereinsamen ist relativ hoch zumind. hat man jemanden der sich um einen kümmert oder bzw. kümmern muß.
    Aber @ egal du hast schon Recht Freunde kann man sich aussuchen Familie nicht allerdings bin ich in der glücklichen Lage eine intakte Familie zu haben bzw. 2 und einen intakten Freundeskreis viele haben nichtmal das eines davon.
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#9 garten-freundAnonym
  • 12.07.2005, 20:19h
  • also nur mal zur information:
    bei mir ist mein vater derjenige gewesen, der "cool geblieben" ist, meine mutter ist eher die verklemmte.
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#10 ZockwockAnonym
  • 12.07.2005, 21:17h
  • Klar wollen (hoffentlich zumindest die meisten) Eltern für Ihre Kinder nur das Beste. Und was das Beste ist, schätzen sie natürlich in erster Linie anhand ihrer eigenen Erlebniswelt ab. Manche Eltern sind da sehr offen und tolerant, viele aber leider nicht.
    Wenn ein junger Mensch für sich klar hat, daß er schwul oder lesbisch ist, braucht er auf jeden Fall Rückhalt und Unterstützung. Und ich denke, je eher ein Mensch weiß, was mit ihm los ist, umso gelöster und ausgeglichener kann er mit seinem Leben umgehen. Davon abgesehen: Wir leben immer noch im Zeitalter von tödlichen sexuell übertragbaren Krankheiten. Je eher ein Mensch über sich bescheid weiß, desto eher kann man auch mit gezielter Aufklärungsarbeit Prävention betreiben.

    Auf der anderen Seite finde ich es grundsätzlich scheiße, wenn ein Mensch (und gerade in der Pubertät sucht man nach Orientierungshilfen und Vorbildern) zur PERSÖNLICHKEITSFORMUNG in ein Verhaltensmuster gequetscht wird. Wenn sich ein Jugendlicher also in der Pubertät für das eigene Geschlecht interessiert, sollte man ihn meiner Meinung nach nicht darauf festnageln. Aber man sollte ihm zeigen: Wenn Du schwul oder lesbisch bist ist das genau so normal und gut, als wenn Du hetero bist. Und wenn den Jugendlichen eine Anlaufstelle im privaten Umfeld (Freunde, Familie) fehlt, sollten Istitutionen (AIDS-Hilfe, Jugendamt, Sozialamt, was-weiß-denn-ich...) zur Stelle sein.

    Aber generell finde ich, um auf die Überschrift dieses Threads zurückzukommen, daß es für ein Coming-Out kein "zu jung" gibt. Im Gegenteil. Ich habe in meinem Freundeskreis den Fall des vermeintlichen "zu alt" fürs Coming-Out. Und das ist etwas, was es nun wirklich zu vermeiden gilt.
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