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Interview

"Heute werde ich für mein Schwulsein nicht mehr verprügelt"

Der australische Sänger Scott Matthew hat ein neues Album herausgebracht. Markus Kowalski traf den Musiker in Berlin und sprach mit ihm über Homophobie, Heimat und Herzschmerz.


Scott Matthew hat zum ersten Mal ein Album veröffentlicht, in dem es nicht um die Liebe im romantischen Sinne geht (Bild: Michael Mann)

Scott, für dein neues Album hast du dich entschieden, nicht mehr über Alleinsein und Heimweh zu singen. Deine letzten Alben waren von traurigen Themen bestimmt. Warum der Sinneswandel?

Weil ich nicht mehr traurig bin! Einer der Songs "Cease and desist" ist ein Lied darüber, dass ich nicht mehr über meinen Schmerz singen möchte – und auch nicht mehr darüber, dass mich jemand verletzt hat. Und das ist gerade so verblüffend in meinem Leben. Ich werde älter, und all diese Dinge berühren mich nicht mehr so wie früher. Ich wollte ausprobieren, für ein Album gar keine romantisch motivierten Lieder zu schreiben. Natürlich sind das jetzt noch Liebeslieder, aber sie drehen sich nicht mehr um romantische Liebe.

Also bist du nicht mehr verliebt?

Nein… (lacht) Nein, bin ich nicht, und das ist in Ordnung so.


Scott Matthews neues Album "Ode to Others" ist am Freitag erschienen

Das Album heißt "Ode to Others". Wer sind die anderen Personen in deinem Leben, die du besingst?

Es gibt einen Song über meinen Vater. Den habe ich zu seinem Geburtstag geschrieben. Und es gibt ein Lied über einen guten Freund, Michael, der in New York lebt. Er ist ein hoffnungsloser Romantiker. Er war in einer Beziehung, und das hat mich so glücklich gemacht. Zum einjährigen Jubiläum habe ich ihm das Lied "Not just another year" geschrieben. Blöderweise ist die Beziehung danach auseinander gegangen. (lacht) Ich versuche aber auch über Orte zu schreiben – wie meine Heimat Australien.

Wie hat sich denn dein Leben gewandelt, seitdem du in den USA lebst?

Puh, also ich wohne ja nun schon seit 20 Jahren in New York. Damals war der Umzug ein irrer Wechsel. Ich wollte einfach nur weg aus Australien. Ich hatte nie das Gefühl, dort hinzugehören.

Wieso das denn?

Ich habe einfach nicht in die australische Kultur gepasst. Aber jetzt hat sich das Land gewandelt, und ich habe mich gewandelt. Vor ein paar Jahren habe ich nach langer Zeit wieder Australien besucht, und es war fantastisch!

Was hat sich im Land verändert?

Als ich noch dort wohnte, war Australien sehr intolerant. Ich fühlte mich nicht sicher. Das war irgendwie komisch, weil ich dachte, dass es in einer Stadt wie New York sicherer wäre. Aber jetzt fühlte ich mich sicher und beschützt.

Sicher vor wem?

Vor Männern. Harten, wütenden Männern. Ich wurde in Australien oft verprügelt und ständig erniedrigt. Meine Zeit in der Schule war schrecklich, ich wurde ständig gemobbt. Und dann jetzt mit diesem Rucksack an Erinnerungen zurück zu kommen und das nicht mehr erleben zu müssen, war so eine Befreiung.

Kamen die Beleidigungen aus Homophobie?

Auch, aber nicht nur. Als ich beim letzten Besuch in Brisbane war, bin ich mit Freunden in eine Bar gegangen. Ich ging raus, eine Zigarette rauchen, und da war diese Gruppe von harten Jungs, die um mich herum standen und Witze erzählten. Hauptsächlich Schwulenwitze, ziemlich entsetzliches Zeug. Und ich dachte mir: Ich will hier meine Zigarette rauchen und mir das nicht anhören müssen. Also sagte ich zu ihnen: 'Dudes, ich bin schwul und das, was ihr sagt, finde ich beleidigend.' Alle machten ein erstauntes 'Oh'. Einer fragte mich: 'Dann verrate uns, wer der heißeste Typ aus der Runde ist! Mit wem würdest du schlafen?' (lacht) Ich dachte nur, wie witzig! Das hat mir gezeigt: Wenn ich wieder in Australien leben würde, würde ich für mein Schwulsein nicht mehr verprügelt werden.


Scott Matthew lebt seit über 15 Jahren in New York City (Bild: Michael Mann)

Es gibt da noch den Song "The Wish" über das Massaker in Orlando. Du hast den direkt nach dem Attentat geschrieben. Wie hast du dich da gefühlt?

Ich war am Boden zerstört, so wie jeder, der ein Herz hat. Das war ein Moment der Kälte, und mein Song darüber ist eine Hingabe an diejenigen, die ihre Leben dort verloren. Und ein bisschen ein Protest-Song.

Du beschreibst in "End of Days" auch die Stimmung des Widerstands, die du seit der Trump-Administration in New York erlebst.

Ja, und das erste, was ich selbst getan habe, war, das Wahlrecht zu erlangen. Ich wollte eine Stimme haben. Ich hatte das Gefühl, die Pflicht zu haben, im Oktober in den Mid-Term-Wahlen dabei zu sein.

Und du singst: "We ain't going away", wir gehen hier nicht weg. Was bedeutet das für dich?

Diese Administration von, ich will seinen Namen nicht sagen, will gern alle Minderheiten loswerden, alle Schwulen und Schwarzen. Die meinen es wirklich ernst. Die wollen einen weißen Staat. Aber das wird nicht passieren. Es ist einfach unmöglich, uns loszuwerden.

Im Mai wirst du wieder in Deutschland sein für eine Reihe von Konzerten. Du scheinst jetzt öfter hier zu sein?

Ja, ich komme in den letzten Jahren immer wieder hier her. Die Leute in Deutschland und Europa mögen meine Musik. Ich weiß auch nicht wieso, aber seit ich vor zehn Jahren mein erstes Album veröffentlichte, mögen es die Menschen in Europa am meisten.

Wie kommt's?

Ich weiß nicht, wahrscheinlich haben sie einen guten Geschmack! (lacht)

Aber du wirst nicht nach Europa ziehen?

Ich weiß nicht. Ich fühle mich zwar nicht wohl in Amerika. Aber deswegen jetzt von dort wegzurennen, wäre falsch.

Direktlink | Offizielles Video zum Song "End of Days"

Tourdaten

09.05.18 KÖLN – Kulturkirche
10.05.18 DRESDEN – Societaetstheater
11.05.18 MANNHEIM – Alte Feuerwache
12.05.18 HAMBURG – Gruenspan
13.05.18 BERLIN – Heimathafen
15.05.18 LEIPZIG – UT Connewitz
16.05.18 MÜNSTER – Pumpenhaus
17.05.18 FRANKFURT – Mousonturm
18.05.18 SCHORNDORF – Manufaktur
19.05.18 BEVERUNGEN – Orange Blossom Special
21.05.18 MÜNCHEN – Theatron Festival
22.05.18 SALZBURG – Arge
23.05.18 DORNBIRN – Spielboden
24.05.18 LINZ – Posthof
25.05.18 GRAZ – Orpheum Extra
26.05.18 WIEN – Theater Akzent


#1 Carsten ACAnonym
  • 21.04.2018, 20:14h
  • "Ich wurde in Australien oft verprügelt und ständig erniedrigt. Meine Zeit in der Schule war schrecklich, ich wurde ständig gemobbt."

    Das findet man überall auf der Welt. Auch im Deutschland des Hier und Jetzt.

    Umso unverständlicher, dass man immer noch darum kämpfen muss, dass es an Schulen mehr Aufklärung und Förderung von Vielfalt gibt.

    Man kann ja zu Themen wie rechtlicher Gleichstellung stehen wie man will, aber spätestens wenn es ums Kindeswohl geht, sollte das doch wohl außer Frage stehen.

    Jeder Mensch sollte doch ein Interesse daran haben, dass Schule ein sicherer Ort ist, wie Kinder gerne hingehen und angstfrei lernen können. Und nicht ein Ort wo man (wie z.B. ich in meiner Jugend) mit Angst hingeht und Torturen erleben muss.

    Dass das überhaupt noch diskutiert werden muss, ist schon ein Skandal.

    Übrigens:
    hier geht es nicht nur um das Wohl von Menschen, sondern auch um die Volkswirtschaft. Dass ich heute so dick bin und die Krankenkasse viel Geld koste, hat auch damit zu tun, dass ich damals aus Frust alles in mich reingestopft habe und das Gewicht nie mehr losgeworden bin (auch wenn ich noch hoffe).
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#2 BEARAnonym
  • 22.04.2018, 05:24h
  • Antwort auf #1 von Carsten AC
  • "Man kann ja zu Themen wie rechtlicher Gleichstellung stehen wie man will, aber spätestens wenn es ums Kindeswohl geht"...

    ...sollte man kein extra Fass aufmachen.
    Menschenrechte sind Menschenrechte, und Gleichstellung ist Gleichstellung. Das darf nicht altersabhängig sein.

    Man kann natürlich einwenden, dass Kinder eines besonderen Schutzes bedürfen. Aber das tun auch andere gesellschaftliche Gruppen. Aus unterschiedlichen Gründen.

    Es hat sich in letzter Zeit eingebürgert, immer wieder vom Kindeswohl zu sprechen - wobei dieser Begriff noch viel häufiger gegen uns als für uns eingesetzt wird. Mir ist und bleibt allerdings schleierhaft, weshalb etwas, das für Kinder schlimm ist, plötzlich für Jugendliche oder Erwachsene weniger schlimm sein soll.

    Im Grundgesetz heißt es "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Mit "Mensch" ist JEDER Mensch gemeint, ohne irgendeine Einschränkung.

    Deshalb kann man aus meiner Sicht keinesfalls "zu Themen wie rechtlicher Gleichstellung stehen wie man will". Rechtliche Gleichstellung hat für alle Menschen zu gelten. Generell.

    "Injustice anywhere is a threat to justice everywhere."
    Martin Luther King
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