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Literatur

Pulitzer-Preis für ein unglaublich entspannt schwules Buch

Andrew Sean Greers "Mister Weniger" ist ein wunderbarer, sehr queerer Roman über das Älterwerden und die Natur der Liebe. Dafür hat der Autor jetzt den wichtigsten Literaturpreis der USA bekommen.


Andrew Sean Greer lebt zwischen San Francisco und der Toskana, wo er die Santa Maddalena Writer's Residency leitet (Bild: Kaliel Roberts)

Der Pulitzer-Preis wird jedes Jahr an Journalisten und Autoren verliehen, die Außergewöhnliches in ihrem jeweiligen Fach geleistet haben. Er gilt vielen als Karrierehöhepunkt derjenigen, die ihn erhalten. Als Anfang der Woche die Empfänger der Preise 2018 in New York bekanntgegeben wurden, lief es gut für schwule Männer. Der Journalist Ronan Farrow bekam, wie viele erwartet hatten, einen der Preise für sein langes Porträt über Harvey Weinstein im "New York Magazine", das den Skandal um den Filmproduzenten – und mit ihm die #MeToo-Debatte – im Herbst 2017 losgetreten hatte. Farrow hatte erst vor wenigen Wochen sein öffentliches Coming-out.

Die große Überraschung war allerdings der andere schwule Preisträger: der Schriftsteller Andrew Sean Greer, der für sein neues Buch "Mister Weniger" (Originaltitel: "Less") die Auszeichnung für den besten Roman des Jahres bekam. Damit hatte so gut wie niemand gerechnet, denn die Jury der Pulitzer-Preise veröffentlicht keine Short- oder Longlist, auf der sie ihre Kandidaten schon mal vorwarnt. Greer, der sich gerade auf Lesereise in seiner Wahlheimat Italien befindet, reagierte auf Twitter und Facebook auch selbst etwas verdattert: "Es scheint, ich habe einen Preis bekommen", schrieb er mit einem zwinkernden Smiley und verlinkte zur offiziellen Pulitzer-Seite, sonst nichts.

Die allgemeine Reaktion war etwas freudiger, Kollegen gratulierten, Fans waren begeistert, Hans-Jürgen Balmes, der Leiter des Fischer-Verlages, in dem Greers Gesamtwerk in Deutschland erschienen ist, gab dem Deutschlandfunk ein Interview, indem er zwar sein großes Entzücken über den Preis aufblitzen ließ, und sagte, er würde sich für den 47-jährigen Greer "wie einen Sohn" freuen. Dabei vergaß er allerdings die Sexualität des literarischen Ziehkindes nur mit einem Wort zu erwähnen. Was blöd ist, weil Greer so unglaublich entspannt offen schwul ist und "Mister Weniger" ein unglaublich entspannt schwules Buch.

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Ein schwuler Schriftsteller, Ende vierzig und ohne Eriolg


Andrew Sean Greers Roman ist im März auf Deutsch bei S. Fischer erschienen

Das liegt schon daran, dass Arthur Weniger, die Hauptfigur von "Mister Weniger", wie Greer ein schwuler Schriftsteller ist, der auf die 50 zugeht. Das war's dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten, auch wenn das Buch voller autobiografischer Echos ist. Denn im Gegensatz zu Greer ist Weniger der ganz große Erfolg immer versagt geblieben. Und zwar in jedem Lebensbereich.

Als er jünger war, war er mit einem viel älteren und wirklich genialen Autor zusammen, als dessen Anhängsel er jetzt den Rest seines Lebens betrachtet werden wird ("Wie ist es eigentlich, mit einem echten Genie zu leben", wollen Fans immer wieder wissen). Sein Verlag hat gerade sein letztes Manuskript abgelehnt, und auch in der Liebe läuft es für Weniger nicht ganz so gut: Freddy, ein jüngerer Mann, mit dem er jahrelang ein loses, aber sehr liebevolles Verhältnis hatte, hat unserem Helden gerade eine Einladung zu seiner Hochzeit geschickt. Er heiratet den Sohn von Wenigers Erzrivalen. Zu dieser Veranstaltung möchte Arthur auf keinen Fall.

Deswegen tut er etwas eher Ungewöhnliches: er nimmt jede berufliche Einladung, die ihn in den letzten Monaten erreicht hat, an und begibt sich so auf eine mehrmonatige Reise rund um die Welt, von Berlin über Mexiko-Stadt, New York und Kyoto. Immer auf der Flucht vor der Liebe und sich selbst. Beides klappt natürlich nicht, weil man davor halt nicht wegrennen kann.
Was geht, ist aus diesem Konzept eines der zärtlichsten und lustigsten Bücher zu machen, die in den letzten zehn Jahren veröffentlicht worden sind. Was Greer getan hat. Und zwar auf einem sprachlichen Niveau, das viele Kollegen nur neidvoll betrachten können, erreichen werden sie es nie.

In Greers Werk spielt Queerness eine große Rolle

Viele der amerikanischen Kritiken waren berauschend, das Buch wurde in den USA ein großer Kritiker- und mittlerer Publikumserfolg. Hierzulande waren die Reaktionen bislang viel verhaltener, nachdem "Mister Weniger" im März auf Deutsch erschien. Das dürfte sich jetzt ändern, und das ist gut so. Denn es führt, neben dem großen Lesevergnügen an "Mister Weniger", vielleicht auch dazu, dass mehr Leser den Rest von Sean Greers Werk (wieder)entdecken. Das lohnt sich gerade für LGBTI.

Von "Die Nacht des Lichts", seinem Debütroman, über "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli" (einer der Vorlagen für den Brad-Pitt-Film "Benjamin Button") und "Ein unmögliches Leben" (den Madonna verfilmen wird) bis zu seinem bisherigen Meisterwerk "Die Geschichte einer Ehe" – Greer ist einer der wenigen Schriftsteller weltweit, in dessen Werk Queerness immer eine Rolle spielt. Egal ob er über New York in den Dreißigerjahren, Philadelphia in den Fünfzigern oder Rom in der Gegenwart schreibt, er tut das immer entspannt durch seine ganz eigene schwule Brille und setzt genau die mindestens einer Hauptfigur auch auf. Dabei bleibt er immer entspannt und wird nie missionarisch.

Dass es ein schwuler Mann ist, der da in "Mister Weniger" mit dem Älterwerden hadert, sich aufführt oder an der Liebe verzweifelt, ist nicht egal, aber nebensächlich, denn die Probleme, die Weniger hat, haben alle Menschen auf der Welt. Das erkannte auch die Pulitzer-Jury: "Mister Weniger ist ein Geschenk von einem Buch. Musikalische Prosa trifft auf eine ausladende Struktur und eine große Spannweite. Hier geht es auch ums Älterwerden, aber vor allem um die grundlegende Natur der Liebe." Und all das ist, wie gesagt, auch noch saukomisch.

Dass Greer jetzt, wo er einen Pulitzer gewonnen hat, neben solchen literarischen Größen wie Donna Tartt, Richard Ford, Philip Roth oder Toni Morrison steht, klingt vielleicht erstmal merkwürdig. Man sollte sich aber schnell daran gewöhnen, denn er gehört da einfach hin.

Infos zum Buch

Andrew Sean Greer: Mister Weniger. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schnettler. 336 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2018. Hardcover: 22 € (ISBN: 978-3-10-397328-0). Ebook: 18,99 €
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#1 BEARAnonym
  • 22.04.2018, 02:25h
  • Das englischsprachige Original erscheint übrigens am 22. Mai in einer neuen Taschenbuchausgabe für 9,99 Euro.
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#2 ImmerweiterlesenAnonym
  • 22.04.2018, 08:53h
  • Schönes Buch!
    Allerdings heiratet Freddie nicht den Sohn von Arthur Wenigers Erzrivalen, er ist der Sohn des Erzrivalen.
    @Bear: du musst schon auch angeben, wo du auf diesen Preis gestoßen bist, nämlich bei Amazon. Für englische Bücher besteht keine Preisbindung in Deutschland und du kannst davon ausgehen, dass das Buch woanders teurer sein wird, als bei Amazon. Ach so, die anderen zahlen Mieten in Geschäftslage und außerdem noch Steuer? Scheiss drauf, ne...?
    Und noch ein Gruß an den Fischer Verlag: auf den Klappentext Eine erfrischend andere Liebeskomödie zu schreiben, ohne das Wort schwul in den Mund zu nehmen, ist so dermaßen bieder und bigott, dass man schon vor zwanzig Jahren nur den Kopf drüber schütteln wollte.
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#3 BEARAnonym
  • 22.04.2018, 10:29h
  • Antwort auf #2 von Immerweiterlesen
  • Ich muss hier gar nichts.

    Ich bin es langsam extrem leid, hier für Dinge angegriffen zu werden, für die Andere NICHT angegriffen werden. Schreibe ich etwas, ist es scheiße. Schreibe ich es nicht, ist es auch scheiße.

    Ich "liebe" diese Community hier.

    Wer ständig in mir das Übel sieht, weil ich Dinge anspreche oder nicht anspreche, sieht nicht dahin, wo das Übel wirklich sitzt.

    Aber es ist ja auch immer leichter, Leute persönlich anzugreifen, gell.

    Schönen Sonntag noch.
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#4 seb1983
#5 AuswandererAnonym
  • 23.04.2018, 05:53h
  • "Dabei vergaß er allerdings die Sexualität des literarischen Ziehkindes nur mit einem Wort zu erwähnen. "

    Es gibt Menschen, für die Sexuelle Orientierung so unwichtig ist, dass sie sich nicht weiter erwähnen müssen. Die Zeiten von "Hallo, ich bin Manfred und schwul" sind vorbei, auch wenn das einige immer noch nicht gemerkt haben.
    Gott sei dank gibt es über das "Ziehkind" tausend andere schöne Dinge zu sagen, als dass man sich an seiner Sexualität hochziehen müsste.
    Bedauerlich ist nur, dass es immer noch Leute gibt die genau das erwarten.
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#6 HeteronormativAnonym
  • 23.04.2018, 07:28h
  • Total heteronormativer Abklatsch typischer Stereotypen. Heirat, Glücklichsein... man hat nur eine Frsu gegen einen Mann vertauscht.
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#7 schwarzerkater
#8 GriseldisAnonym
  • 23.04.2018, 08:59h
  • Erfreulich, dass ein offen schwuler Roman dem Autor einen so rennommierten Preis einbringt.

    Inhaltlich liest sich das hier Dargestellte allerdings wie ultraseichte Urlaubslektüre à la Hedwig Courths-Mahler in für Klischeeschwule stereotyp glamourösen Locations rund um den Erdball. Klingt für mich erst mal herzlich uninterssant. Für das Geld kauf ich mir lieber drei Eis.
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#9 Homonklin44Profil
  • 23.04.2018, 09:50hTauroa Point
  • "" Dabei vergaß er allerdings die Sexualität des literarischen Ziehkindes nur mit einem Wort zu erwähnen.""

    Die Schuhgröße, sein Lieblings-Essen und die Form seiner Darmzotten blieben offenbar auch nicht erwähnt, oder ob er schon mal in Burkinafaso war.
    Da gäbe es also noch was zu entdecken.

    Ansonsten ist zwar der Preis eine beachtliche Größe für enorme Leistungen, das Werk scheint allerdings nicht besonders interessant, oder wird nicht so beschrieben, dass es besondere Leselust weckt.

    Das ging mir aber schon mal so, mit einem Buch von Scholem Alejchem. (Rabinowitsch, sein Pseudonym) Und dann war es trotzdem sehr vergnügtes und nachdenlich machendes Lesen. Man soll ein Buch nicht nach der Beschreibung vorbewerten.
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