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"Auf anderer Frequenz"

Heinrich von Handzahm, höchst charmant

Für den deutschen Liedermacher ist Musik eine Art Selbsttherapie – jetzt ist sein neues Album "Auf anderer Frequenz" erschienen.


Fast parallel zur Arbeit an seinem neuen Album hat Heinrich von Handzahm ein neues Geschäftsfeld betreten – er bringt medizinisches Cannabis nach Deutschland
  • 6. Juli 2018, 07:43h, noch kein Kommentar

Er sitzt da ganz entspannt am Tisch vor seinem Friesen-Tee und lächelt höchst charmant wie einer, dem niemand mehr am Zeug flicken kann. Und damit hat er wohl auch Recht. Heinrich von Handzahm nennt er sich als Sänger und Liedermacher, aber das ist nur eine Profession unter ziemlich vielen, die er schon ausgeübt hat. Zum Beispiel die des Industrieschauspielers, wie er es nennt. Aus seiner Sicht ein Mensch ohne besonderes Fachtalent. Oder vielleicht vielmehr ein anderes Talent?

Von Handzahm lächelt schon wieder, "ja, guter Punkt. Er braucht soziales Talent." Er hat für sich erkannt, dass seine Stärke darin liegt, sich schnell in Menschen und Situationen hineinzudenken. Dieser Mann so etwa Mitte Vierzig ist nicht leicht zu greifen, nicht leicht zu verstehen und noch schwerer zu beschreiben. Er nennt sein Leben "unterhaltsam", dabei ist seine Biografie in Wahrheit filmreif. "Ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass man ab einem bestimmten Alter nicht mehr im Sandkasten spielen darf", sagt von Handzahm.

"Man trifft ja auch später im Beruf neue Spielkollegen, wenn das Büro zum Sandkasten geworden ist. Da gibt es auch wieder den Bösen, der immer die Burg zerstört und den Netten, mit dem zusammen man was Schönes bauen kann. Mich hat auf meinen Spielplätzen immer interessiert, Grenzen zu entdecken. Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, da bleibt Reibung nicht aus." Er versuche auch gern, Menschen bei dem, was sie machen, zu hinterfragen. Einen moralischen Ansatz habe er dabei nie, "ich will niemanden bekehren, lieber unterhalten oder im besten Fall zum Nachdenken bringen." Daher seien die beiden Songs "Wem gehörst du" und "Keine Geheimnisse mehr", die auf seinem neuen Album "Auf anderer Frequenz" erscheinen, keinesfalls moralisierend gedacht, sondern er betrachte sie mehr als Denkanstoß.

So viel vorab, von Handzahm wäre ohne Introduktion nicht erklärbar, denn der Sänger selben Namens ist schlicht eine andere Person, die freilich wiederum ohne die gerade kurz vorgestellte nicht existieren könnte. In seinem bewegten Geschäftsleben zwischen Rechtsanwalt, Jobs als CEO für ein Portal für horizontales Entertainment, Medienmacher bei "Dschungelcamp" und "DSDS", Sportwetten-Veranstalter bei RTL, Pro7 Pokershow-Erfinder bei bwin und Produzent von Online Games mit Lady Gaga und Robbie Williams spielte immer auch die Musik eine Rolle. "Die Musik", sagt von Handzahm, "war immer eine Zuflucht und ein Wohlfühlraum für mich, wenn mir die andere Welt zu absurd wurde. Eine Art von Auffangnetz, in das ich mich mit Themen zurückziehen konnte."

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Musik als eine Art Selbsttherapie


Das neue Album "Auf anderer Frequenz" von Heinrich von Handzahm ist am 6. Juli 2018 erschienen

Er habe da immer viel Kraft draus gezogen und es auch toll gefunden, "dass mir bei meiner eigenen Musik niemand reinquatscht", wie er es beim Song "Ich bin am Zug" gesungen hat. "Manchmal fast eine Art Selbsttherapie." Allzu therapeutisch aber klingt "Auf anderer Frequenz" nun glücklicherweise nicht, hier dürfte sich eher jener Hörer wohlfühlen, der sich noch an die Chansons und Liedermacher erinnern mag und mit den Songs der NDW erste Liebestaumel beschallt hat. In seinem Song "Dein Freund, wenn es regnet" spielt er bewusst mit den Sounds dieser Zeit. "Wir hatten bei der Produktion riesig Spaß, die NDW E-Drums und Synthie Sounds auferstehen zu lassen" schmunzelt er vergnügt. So demonstriert Handzahms Musik die Lust an ihr selbst und die Freude an verspielten und sinnversteckten Texten. Handzahm fühlt sich in der Musik und der Geschäftswelt wohl.

"Zwei Welten mit sehr unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten, die mich auch ganz unterschiedlich berühren. Ich vergleiche das gern mit der Kritik, die man für seine Arbeit bekommt", sagt der Hamburger. "Wenn ich eine Business-Präsentation halte und die Leute damit nicht überzeugen kann, dann gehe ich da raus und denke, okay, die haben das nicht verstanden." Wenn er aber einen Song schreibe und ihn jemandem vorspiele "und der findet ihn blöd, dann trifft mich das ganz anders. Da ist meine Schutzschicht dünner, weil ich was ganz Persönliches von mir rausgebe."

Fast parallel zur Arbeit an seinem neuen Album, das wieder Franz Plasa produzierte und auch als Musiker und Backgroundsänger bereicherte, hat Heinrich von Handzahm ein neues Geschäftsfeld betreten. Er bringt nun medizinisches Cannabis nach Deutschland. Wieder so ein ausgefallenes Thema. "Mich interessierte neben der unternehmerischen Herausforderung aber auch, dass ich mit dieser Arbeit tatsächlich Menschen helfen kann, die bisher keinen Zugang zu medizinischem Cannabis hatten." Viel Energie steckt er in diese Arbeit, sogar so viel, dass er es auf die Titelseiten deutscher Zeitungen schaffte. Dieser Mann ist immer in Bewegung. Aber wann schreibt er seine lakonischen Texte mitten aus dem Leben?

Direktlink | Offizielles Video zu "Die Zeiten" aus dem neuen Album "Auf anderer Frequenz" von Heinrich von Handzahm

"Es gibt durchaus so etwas wie den Biorhythmus des Kreativen", meint von Handzahm, selbstredend milde lächelnd. Der sei aber ambivalent. "Ich habe mir auch eine Zeitlang gewünscht, abends mit der Whiskyflasche an der Schreibmaschine zu sitzen, habe dann aber bemerkt, dass die Texte mit zunehmender Betrunkenheit immer schlechter wurden." Inzwischen arbeite er gern im Flugzeug oder in der Bahn, "wenn Landschaften an mir vorbeiziehen und es dieses Stimmengemurmel gibt. Ich brauche Menschen oder einen Geräuschteppich um mich herum, das stille Kämmerlein ist nicht meine Klause."

Und fürs besagte Kämmerlein ist seine Musik auch nicht gemacht. Exemplarisch sei hierfür der Song "Durchschnitt" genannt. Ein Kabinettstückchen mit der Kernzeile "Lieber Durchschnitt, nimm mich bitte raus und zähl mich nicht mit". Ein Lebensmotto? "Ja, dieser Song hat mich besonders fasziniert", von Handzahm lächelt jetzt noch etwas breiter. Er habe sich da ganze Werke durchgeschaut von Menschen, die nach dem durchschnittlichen Deutschen gefahndet haben. "Und ich musste leider feststellen, dass ich selbst in einigen Belangen ein wirklich sehr durchschnittlicher Deutscher bin. Zum Glück wich ich zumindest teilweise davon ab. Wir leben ja in einer Epoche des ICH-Syndroms, wo jeder hofft und auch glaubt, etwas Besonderes zu sein." Was das angeht, könnte man Heinrich von Handzahm, nachdem man ihn zu seinen humoristischen Zwischentönen beglückwünscht hat, in seiner Hoffnung wie auch in seinem Glauben bestärken. Weshalb bloß meint man zu wissen, dass er dies irgendwie schon geahnt hat? (cw/pm)