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Eine Unterrichtshilfe für Lehrer zum Thema Homosexualität soll unter Schwarz-Gelb nicht mehr eingesetzt werden.

Von Norbert Blech

Eine Hamburger Boulevardzeitung berichtet über ein Handbuch für Lehrer in NRW, das angeblich zu einem "Riesen-Ärger" in der neuen Landesregierung geführt haben soll. Gemeint ist offenbar das Handbuch "Mit Vielfalt umgehen: Sexuelle Orientierung und Diversity in Erziehung und Beratung", das von dem europäischen Projekt TRIANGLE (Transfer of Information to Combat Discrimination Against Gays and Lesbians in Europe) erstellt wurde. An dem Projekt in fünf Ländern, das auch online verfügbar ist, haben Mitarbeiter des damaligen NRW-Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie mitgearbeitet, von dem Ministerium wurde die deutsche Ausgabe auch im Frühjahr 2004 herausgegeben.

Nach Angaben der Boulevardzeitung, die über das sensible Handbuch im Stile eines Skandals berichtet, habe ein Sprecher des Bildungsministeriums angekündigt, das Buch zurückzuziehen. "Wir dürfen unseren Kindern nicht das Gefühl geben, dass schwul oder lesbisch zu sein bald Pflicht wird", zitiert die Zeitung den Sprecher anonym. Die Pressestelle der Behörde unter der neuen Ministerin Barbara Sommer (CDU, verheiratet, fünf Kinder) sah sich zuerst stundenlang nicht in der Lage, eine Anfrage von queer.de zu beantworten. Die Mitarbeiter des NRW-Homoreferats waren telefonisch nicht zu erreichen.

Keine "Werbung" für Schwule

Gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur KNA bestätigte Oliver Mohr, Sprecher des Bildungsministeriums in NRW, jedoch den Bericht. "Die Broschüre soll nicht mehr unreflektiert verwendet werden", sagte Sprecher Oliver Mohr am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Düsseldorf. "Wir tolerieren jegliche Lebensformen, wollen aber keine Werbung für bestimmte sexuelle Ausrichtungen machen", begründete er die Entscheidung.

Man wolle die Broschüren aber "nicht einfach in den Papierkorb werfen", so Mohr, das EU-Projekt habe schließlich 435.000 Euro gekostet. Was mit den 2.000 verbliebenen Exemplaren des Handbuchs geschehen soll, überprüft nach Angaben des Sprechers das "Generationenministerium", was jetzt für Generationen, Familie, Frauen und Integration zuständig ist. Das Vorgängerministerium hatte die Broschüre zusammen mit vier anderen Ländern erstellt. Das Thema Homosexualität werde weiter an den Schulen behandelt. Es sei Thema in der Sexualerziehung genauso wie im Geschichts- oder Politikunterricht, so Mohr.

"Erblast" von Vorgängerregierung

Als Mohr um 19.30 Uhr die queer.de-Redaktion anruft, wiederholt er erneut, dass man niemanden diskriminieren wolle, jegliche Lebensformen toleriere. Eigentlich bleibe "alles beim Alten", nach dem Bericht der Zeitung habe aber das Telefon nicht mehr still gestanden und man habe klarstellen müssen, dass die Broschüre nicht "unreflektiert verwendet" würde. Darunter versteht Mohr beispielsweise, dass "die Lehrer einfach die Zettel verteilen".

Die "Erblast" der Vorgängerregierung solle auch nicht als "Werbung für bestimmte Lebensformen" benutzt werden, wiederholt Mohr weiter. Auf dem Einwand, dass dann Aufklärung über Ehe, Familienplanung, Kinder kriegen usw. auch eine Werbung darstelle, speziell für die heterosexuelle Lebensform, sagte Mohr: "Das können sie so sehen". Das sei aber alles eine Frage der Richtlinien.

Zu der Frage, ob denn ein Lehrer, der sich reflektiert mit dem Handbuch auseinandersetze, es im Unterreicht einsetzen dürfe, sagte Mohr nur, dass müsse nun das Generationsministerium prüfen. Man setze aber auf die Eigenverantwortung der Lehrer. Komme es in der Klasse zu Diskriminierung, beispielsweise von Schwulen, solle das Thema nicht nur aufgegriffen werden, man erwarte es sogar von den Lehrern.

Beck, LSVD üben Kritik

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, griff die Entscheidung am Mittwoch an: "Zensur findet also doch statt. Wenige Wochen nach dem Machtantritt der schwarz-gelben Koalition in Nordrhein-Westfalen hat die CDU-Schulministerin nichts Wichtigeres zu tun, als eine Handreichung zum Umgang mit dem Thema Homosexualität aus dem Verkehr zu ziehen", so Beck in einer Pressemitteilung, nachdem ihn die KNA-Meldung erreichte. Hinweise für eine vorurteilsfreie Behandlung des Themas Homosexualität im Unterricht würden nun als "Werbung für bestimmte sexuelle Ausrichtungen" denunziert. "Das atmet den Geist der 50er Jahre. Schulministerin Barbara Sommer sollte ihre kleinkarierte Entscheidung schnellstens zurücknehmen", so Beck.

Auch der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) kritisierte die Entscheidung. "Nur wenn Schülerinnen und Schüler frühzeitig lernen, dass es ganz normal ist, schwul oder lesbisch zu sein, kehrt langfristig auch Normalität ein. Noch immer gehört aber 'schwule Sau' zum häufigsten Schimpfwort auf dem Schulhof", beschreibt der Sprecher des LSVD NRW, Arnulf Sensenbrenner, die Lage in deutschen Schulen. Daher habe man die Ministerin aufgefordert, die Broschüre nicht zurückzuziehen. "Das Thema muss in den Lehrplänen verankert und fächerübergreifend behandelt werden. Homosexualität ist eine Facette der menschlichen Sexualität", so Sensenbrenner, der auch den "reißerischen Artikel" in der Boulevardzeitung kritisierte.

Mittwoch, 27. Juli 2005, 20.15h

Redaktionskommentar

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27 Kommentare

#1 dragonwarriorAnonym
  • 27.07.2005, 21:04h
  • na das ist doch endlich mal wieder eine meldung die deutlicher ist, als jede wahlkampfparole...

    wem das nicht die frage beantwortet, wen wir als schwule und lesben lieber nicht wählen sollten, dem ist nicht zu helfen...

    die broschüre kenne ich seit längerer zeit, sie ist einfach klasse geschrieben.

    *kopfschüttel*
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#2 WernerAnonym
  • 27.07.2005, 21:06h
  • Wer hat je anderes erwartet?

    Bereits beider letzten Bundestagswahl hat der schöne Eddy erklärt, dass man das Lebenspartnerschaftsgesetz auf den Prüfstand stellen wolle, was de facto bedeutet hätte, dass man so viel Hürden wie möglich eingebaut hätte. Diese Herrschaften wollen die Zeichen der Zeit nicht sehen, und das ist ihr größtes Problem. Die Abschaffung des § 175 StGB war schon schlimm genug, aber dass "die" jetzt auch noch heiraten wollen???

    Machen wir uns nichts vor. Diese Handlungsweise ist erst ein Vorbote von dem, was uns erwartet, wenn es am 18. September schwarz gelb heisst. Es ist traurig, dass Parteien straffrei diskriminieren dürfen. Mit Meinungsfreiheit hat das jedenfalls nichts zu tun.
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#3 Sauberkeit und AnstandAnonym
  • 27.07.2005, 21:58h
  • Bravo, CDU, endlich sagt es mal einer: Nur wenige Minuten noch, dann wird Homosexualität Pflicht - igittigitt. Die Linksfrontregierung, vor der die Schwesterwelle schon dringend gewarnt hat, wird Deutschland nicht nur in einen Gulag verwandeln, sondern fraglos auch Zentren einrichten, in denen jeder Bürger seiner von der perversen Regierung auferlegten Pflicht zu homosexuellen Handlungen nachzukommen hat. Natürlich unter Aufsicht und Anleitung. Dafür wird dann auch der Staatshaushalt geplündert. Angesichts dessen steht meine Wahlentscheidung fest: Am 18. September CDU, CSU oder FDP, die zwar niemanden diskriminieren wollen und es eventuell auch tolerieren können, daß SO WELCHE ihre Schweinereien irgendwo im Verborgenen treiben, aber doch wie jeder gesund empfindende Volksgenosse wissen, daß es so doch nun wirklich nicht geht. - Jaja, schwule Schwarzgelb-Anhänger sind fast so lustig wie schwule Katholiken (also, nicht im Priesterstand befindliche) oder schwule US-Republikaner.
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#4 SabineAnonym
  • 27.07.2005, 22:05h
  • Und als nächstes erkären die die Evolutionslehre für unreflektiert... Unfassbar.
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#5 dnlnAnonym
  • 27.07.2005, 22:06h
  • Ach du meine Güte. Viel mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich sollte mir das Buch mal ansehen, was denn da so schlimm dran soll.

    Ich glaube das Bildungsproblem in NRW wird sich nicht mit der nicht-Verwendung bzw. Verwendung dieses Buches lösen lassen. Das ist wahrlich "Das neue NRW".

    "Die Mitarbeiter des Familien- und Gesundheitsministeriums waren telefonisch nicht zu erreichen."
    Das könnte natürlich daran liegen, dass das Ministerium nicht mehr existiert.
    Für Familienpolitik ist das "Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration" zuständig und für Gesundheit das "Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales."

    Anm. der Redaktion: Danke für den Hinweis. Auch schon vor dem Machtwechsel haben sich die Ministerienzuschnitte andauernd verschoben, was, zusammen mit einer Kürzungsabsicht, gewisse Ungenauigkeiten erklärt. Beim entsprechenden Anruf ging es aber um spezielle Mitarbeiter, die samt Telefonnummer noch existieren. Der Text wird aber noch entsprechend geändert.
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#6 blumen-freundAnonym
  • 27.07.2005, 22:12h
  • was sagt eigentlich die NRW-F.D.P dazu? die sind scheinbar ganz genauso eingestellt wie die CDU. ich glaube, guidos homopolitik kann sich in der F.D.P nur auf bundesebene durchsetzen.
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#7 SabineAnonym
  • 27.07.2005, 22:20h
  • @Blumenfreund: Wage zu bezweifeln, dass die FDP auf Bundesebene sich in Homothemen gegen die CDU durchsetzt. Übrigens haben die schon lange keine Punkte mehr
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#8 SvenAnonym
#9 dnlnAnonym
  • 27.07.2005, 23:11h
  • @blumen-freund
    Die Herren von der FDP-NRW (Landesebene) werden so lange schweigen, bis ihnen einer mal wo hintritt.

    Die FDP-NRW ist nicht mehr das was sie vor 2002 war - bei der Wahl wurde die Fraktion deutlich bereinigt von Liberalen.

    Wenn die JuLis NRW davon erfahren könnte es gut sein, das sie sich dazu äußern.

    Westerwelle und die Bundesebene haben damit nichts zu tun.
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#10 rudolfAnonym
  • 28.07.2005, 05:56h
  • Aufschlußreich ist, daß die Äußerungen vor der kath. KNA und nicht gegenüber der dpa oder einer ähnlichen weltanschaulich neutralen Nachrichtenagentur gemacht wurden.

    Die NRW-CDU ist seit jeher der verlängerte Arm des kath. Klerus. Und dessen Medienmacht sollte man wiederum nicht unterschätzen. Nicht nur die Bild-Redaktion, auch die FAZ ist mittlerweile von kath. Fundis (Volker Zastrow, Daniel Deckers, Heinz-Joachim Fischer) unterwandert, die die kath. Kirche in den Himmel jubeln und genau bebachten, was wir und unsere Lobby so treiben (letztens erschien ein langer Bericht über die besagte Schulbroschüre) und uns vehement bekämpfen. Schließlich sind wir ja für nichts mehr und nichts weniger verantwortlich wie für die Auflösung von Ehe und Familie. Wie.... das wußtet Ihr noch nicht?
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