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Warum die Entscheidung Liverpools, ein eigenes Homo-Viertel einzurichten, konsequente Minderheitenpolitik ist.

Von Micha Schulze

Die Nachricht sorgte in Deutschland, auch unter Schwulen, für Kopfschütteln: Der Stadtrat in Liverpool hat letzte Woche beschlossen, ein schwules Viertel zu errichten. An einem noch zu findenden Ort in der Innenstadt soll eine neue Szene mit Clubs, Kneipen, Kleidungsgeschäften und Frisören entstehen. Liverpool, das bisher über keinen CSD und eine eher bescheidene Szene verfügt, will damit an den Erfolg des "Gay Village" in der Nachbarstadt Manchester anknüpfen.

Das "staatlich verordnete Ghetto", wie Kritiker polemisieren, ist das Ergebnis einer konsequent zu Ende gedachten Minderheitenpolitik, mit der man sich in Deutschland noch sehr schwer tut. So gehört es zum Lieblingsvokabular von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), dass es hierzulande keine "Ghettos" geben dürfe: "Am Schluss stünden dann zweisprachige Ortsschilder herum. Das kann ich nicht gutheißen." Nicht nur beim Innenminister ist er noch spürbar, der alte deutsche Traum von einer monokulturellen Volksgemeinschaft. Politiker quer durch alle Parteien wollen das Land regieren wie eine Grünanlage, in der spontaner Wildwuchs stets sorgfältig und akkurat auf dieselbe Heckenhöhe beschnitten wird, jegliches Unkraut von vornherein keine Chance hat. Im Klartext heißt das: Türken in Deutschland sind okay, solange sie kein Kopftuch tragen und nicht im Tiergarten grillen. Schwule in Deutschland sind kein Problem, solange sie nicht in Lederklamotten auf der Straße feiern.

Es ist die gesellschaftliche Gruppe, nicht das einzelne Individuum, das kulturelles Kapital hervorbringt

In einer Rede auf einem Verbandstag des Lesben- und Schwulenverbands hat Michel Friedman einmal das "Recht auf Anderssein" proklamiert. In der Minderheitenpolitik hört man diese Forderung selten, dabei wäre sie gerade hier angebracht. Denn wer mit "Integration" das Andere und Fremde einfach verschwinden lassen will, grenzt aus. Ziel einer vernünftigen Minderheitenpolitik muss daher die Anerkennung jeder Differenz sein – erst dies führt letztlich zur Integration in eine sich wandelnde Gesellschaft. Doch von einer solchen Politik ist Deutschland meilenweit entfernt.

Dass sich Otto Schily bislang nur abschätzend über das türkische "Ghetto" in Berlin-Kreuzberg geäußert hat, nicht aber über das schwul-lesbische "Ghetto" rund um die Motzstraße, zeigt nur die stärkere Akzeptanz, die die Homo-Szene mittlerweile in der Gesellschaft errungen hat. Vom Grundgedanken her müsste der "Homo-Kiez" dem Bundesinnenminister ebenso wenig gefallen: In der Motzstraße fühlt sich die Hausfrau aus Pfaffenhofen schließlich genauso fremd wie in der Kreuzberger Oranienstraße. Auch hier werden heterosexuelle Deutsche zur Minderheit, es wird eine eigene Kultur gepflegt bis hin zu Kleidung, Frisur und Slang. Nicht alle Bars und Kneipen sind hier für jedermann zugänglich.

Auch wenn selbst in der Szene manchmal gegen die eigenen "Ghettos" und ihre Normen polemisiert wird: Viertel und Straßen wie der Motzstraßen-Kiez, die Kettengasse in Köln oder die Lange Reihe in Hamburg sind wichtige schwul-lesbische Freiräume. Man hat dort nicht nur die Chance, "Gleichgesinnte" kennen zu lernen, sie bieten für jeden und jede die Möglichkeit, sich einmal nicht verstellen zu müssen, einmal selbst in der Mehrheit zu sein. Das sind der Grund und auch der Reiz, warum sich diese Viertel in allen größeren Städten etabliert haben und auch weiter wachsen werden. Für Schwule und Lesben besteht kein Zwang, dort hin zu gehen oder gar zu leben. Einfacher als Menschen mit anderer Hautfarbe können sie zwischen den unterschiedlichsten Milieus pendeln.

Denkt man Otto Schilys Politik konsequent zu Ende, würden diese Freiräume verschwinden: Um "Ghetto"-Bildung zu verhindern, würde ein Großteil der Motzstraßen-Bars in Außenbezirke mit wenig Homo-Infrastruktur umgesidelt: "Tom’s Bar" kommt nach Marzahn, das Jaxx eröffnet neu in Lichtenrade...

Es ist die gesellschaftliche Gruppe, nicht das einzelne Individuum, das kulturelles Kapital hervorbringt. Wem schadet es denn, wenn die Mehrheit in diesem Lande tagtäglich und offen sichtbar mit anderen Traditionen konfrontiert wird? Jede Minderheit bereichert Deutschland kulturell und politisch. Dies sollte nicht nur respektiert, es sollte wie in Liverpool sogar gefördert werden.

Dass selbst "Ghettos" wirtschaftlichen Interessen nicht entgegenstehen, zeigt ein Blick nach Kanada: Die Metropole Toronto in Ontario etwa vermarktet ihre Minderheiten-Quartiere als Touristenattraktion. In den offiziellen Broschüren wird nicht nur der Besuch von "Chinatown" und "Little Italy" empfohlen, auch "Rainbow Village", das schwul-lesbische Viertel der Stadt, gilt dort als Aushängeschild.

12. September 2005



12 Kommentare

#1 rudolfAnonym
  • 12.09.2005, 21:53h
  • Davon halte ich gar nichts.

    Ich will mich und meinen Gatten überall und in jeder Situation der Mehrheitsgesellschaft zumuten. Und ich meine, daß ich auch was von Menschen mit anderen Lebensentwürfen (z. B. auch von Heteros mit vier Kindern) lernen kann.

    Wo kommt denn der Begriff Ghetto her? Er war das Gefängnis, aus dem unsere Juden im Zeitalter der Aufklärung ausbrachen, um in die Mitte der Gesellschaft vorzustoßen und volle Gleichberechtigung einzufordern. Bei diesem Prozeß, der auch ein Assimilationsprozeß war, mag einiges an Foklore verloren gegangen sein, aber er war m. E. notwendig. Was ist Euch lieber: gemütliches Schmoren im eigenen Saft oder das Zusammenleben mit nichtschwulen Mitbürgern, das zwar Konflikte mir sich bringt, aber eben auch viele Überraschungen und Herausforderungen?
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#2 wolfAnonym
  • 13.09.2005, 10:22h
  • mich stört der begriff ghetto, in dem von mir ungeliebten amiland, hat jede grössere stadt ihr chinatown oder ähnliches, da spricht kein mensch von ghetto.
    ich bin der meinung solche bezirke werden erst zum ghetto, wenn sie sich aussenstehenden verschliessen.
    z.b. ist es mir in den letzten 35 jahren in berlin nie passiert, dass ich heterofreunde, also männlein / weiblein, oder nur weiblein, nicht mit in schwule läden hätte bringen können, ganz im gegenteil.
    insiderbezirke (statt ghetto) bringen auch sehr viele vorteile, sind meistens sehr kreativ, durch die ansammlung ähnlicher interessen. sie bieten menschen, die ihre interessen schwerer vertreten können auch schutzraum und schaden der allgemeinheit überhaupt nicht.
    solche " ecken zum zurückziehen ", mal unter überwiegend gleichgesinnten sein, halte ich für sehr positiv, zu zeiten des § 175, vor 1969, war der zusammenhalt in der szene einfach toll.
    man muss ja da nicht leben, aber man hat die möglichkeiten hinzugehen.
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#3 MarstophProfil
  • 13.09.2005, 10:37hBerlin
  • Ist ja allererste Sahne... - Das erinnert ein wenig an Gauweilers AIDS-Ghetto-Vorstoß Anfang der Achtziger.

    Erstens kann ich mich Rudolfs Argumenten nur 100%ig anschließen. Ich habe meinen mann nicht geheiratet, damit wir uns öffentlich in schwul-lesbischen Schutzräumen bewegen dürfen.

    Zweitens habe ich gerade im Wahlkampf ein sehr schönes Beispiel: Wir stehen regelmäßig an einem Punkt in der Frankfurter Szene, an dem allabendlich viele Schwule vorbeikommen, weil die Ecke "mittendrin" liegt. Nicht im Ghetto, sondern in der City, unweit der Zeil.
    Hierbei haben wir sehr nette Gespräche mit Lesben, Schwulen UND (schau an) der ganz normalen Heterobevölkerung, die wir auf diesem Wege sogar an unseren politischen Sorgen teilhaben lassen und umgekehrt. DAS fördert gegenseitiges Vesrtändnis.
    Unsere besten Freunde sind hetero, sollte ich sie irgendwohin nicht mitnehmen können, dann verzichte ich eben drauf, dazu benötige ich kein wohlwollendes Ghetto. Umgekehrt wird das genauso gesehen.
    Ich dachte, die Briten wären da weiter, aber die Gefolgschaft zum großen Bruder scheint doch stärker zu sein. Für die amerikanische Gesellschaft mögen das ja lebbare Muster sein, damit nicht brave christliche Familienpapis mit ihren Kindern öffentlich die bösen Schwulen anschauen müssen.
    In Deutschland wäre das ein Grund auszuwandern oder die schwul-lesbische Szene zu meiden.
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#4 mezzoAnonym
  • 13.09.2005, 11:54h
  • Ich frag mich ja nur woher die ganzen Homosexuellen herkommen sollen, die das neue Gayviertel in Liverpool mit Leben erfüllen sollen? Bei uns in München gibt es zum Beispiel auch kein Chinatown, weil uns einfach die Chinesen dafür fehlen, selbst wenn der Stadtrat nun beschliessen würde ein solches Viertel aus dem Boden zu stampfen.
    Ebenso könnte der Stadtrat von Augsburg (immerhin drittgrösste Stadt Bayerns) beschliessen ein Schwulenviertel zu fördern. Augsburg ist jedoch nur 50 Kilometer von München weg und die Augsburger fahren, wenn Sie was erleben wollen nach München, denn Augsburg könnte nie die Vielfalt bieten, die München bietet. Es fehlt dafür einfach an der Masse schwuler Augsburger. Schwule fallen ja auch nicht einfach so vom Himmel, oder gibt es in Liverpool so viele Schwule, die bisher nur noch nicht aus Ihren Löchern rausgekommen sind, weil Ihnen das Angebot fehlte? Das kann ich mir zumindest nicht vorstellen. Die werden schön immer nach Manchester gefahren sein.
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#5 wolfAnonym
  • 13.09.2005, 12:01h
  • dummerweise war mit der szene in ffm in den 60zigern mehr los, seit jahren werden mitten "aus" ffm die obdachlosen deportiert und der rest ist mehr als piefig, das "ist" ghetto !
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#6 GeneAnonym
  • 13.09.2005, 15:28h
  • @wolff

    du schreibst, seit jahren würden die obdachlosen aus ffm deportiert - nun, ich bin sicher kein anhänger der lokalen stadtregierung - aber das sie obdachlose wohinauchimmer deportierte, dass ist mir neu.

    könntest du das bitte belegen?

    ansonsten schliesse ich mich all denjenigen an, die die idee eines "ghettos" ablehnen.

    für mich ist eine interessante gesellschaft diejenige, in der sich die unterschiedlichsten entwürfe von lebensgestaltungen inneinander verschränken und verzahnen.

    paralellgesellschaften funktionieren nirgends, fördern nur die abgrenzung und sind höchst konfliktträchtig...
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#7 martinAnonym
  • 15.09.2005, 09:53h
  • in meiner badewanne bin ich kapitän.
    traurig, wenn sich jemand heutzutage nur in solchen naturschutzgehegen frei bewegen kann. das machts zu zeiten des coming outs bestimmt leichter, aber irgendwann sollte man doch auch in der wirklichen welt sein leben leben können.
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#8 ChristianAnonym
  • 05.11.2005, 16:15h
  • Unglaublich! Der nächste Schritt ist wohl, das Tragen von rosa Winkeln anzuordnen. Ich bin ganz fassungslos. Nichts gegen die Vermarktung von "rainbow village" anderswo, aber hier wurde das bislang ja von Freiwilligkeit bestimmt und "Zoobesucher" in der Kettengasse, Lange Reihe etc. belebten das Geschäft und unsere Aufklärungsmöglichkeiten....
    :-) Christian
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#9 FranzAnonym
  • 11.11.2005, 04:46h
  • Das einzige Ghetto für Arschficker und Schwanzbläser sollte ein Uranbergwerk sein, in dem die schwulen Säue 18 Stunden pro Tag malochen müssen, daß die Schwarte kracht.
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#10 VickyAnonym
  • 13.11.2005, 11:41h
  • Nun ja, in einem Ghetto GEGEN seinen Willen eingesperrt zu werden, ist sicherlich NICHT schön, aber davon ist doch wohl auch nicht die Rede, oder?

    Der Beriff "Ghetto" ist schon seit längerem im Wandeln (weltweit), wobei man darunter zunehmend "Szeneviertel, eine geschützte Umgebung" versteht, in der sonst benachteiligte Bevölkerungsgruppen sich in relativer Sicherheit bewegen können. Viele, die sich für "normal" halten, haben scheinbar vergessen, wie es hier vor nicht einmal 15 Jahren aussah oder wie es jetzt in weiten Teilen der Welt aussieht. Um sich zu erinnern, rate ich, händchenhaltend abends durch Brühl (bei Köln) spazieren zu gehen oder mal einen Abstecher nach Portugal oder Polen zu machen - euch werden die Vorteile eines Szeneviertels schmerzlich bewußt, glaubt es mir ruhig.

    So sehr die positive Entwicklung in Deutschland und einigen anderen Ländern zu begrüßen ist, sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass dies jetzt "für immer" und "überall" so ist. Die Situation kann sich in relativ kurzer Zeit wieder zum Schlechteren wenden (siehe USA und die deutsche Geschichte), dann finden wir uns womöglich in GANZ ANDEREN Ghettos wieder.

    Diese Diskussion (um kulturelle Argumente angereichert) hat schon das eine oder andere Mal den Ruf nach einem "Schwulen-Staat" laut werden lassen, siehe z.B.:

    www.gaykingdom.org oder
    www.gayhomeland.org

    Klaro, nicht die Idealvorstellung für einen gutverdienenden, voll "integrierten" Vorzeigeschwulen, aber es gibt auch andere auf dieser Welt - die, die in unserer "Grünen Zone" zu gerne vergessen werden.
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