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Hermes Phettberg wird am 5. Oktober 53 Jahre alt. Im queer.de-Interview spricht er über Verzweiflung, Kirche, Sex - und Hartz IV als Ende des Feudalismus.

Von Dennis Klein

"Publizist und Elender aus Wien", so bezeichnet sich Hermes Phettberg selbst. Berühmt wurde der 53-Jährige 1995 mit seiner TV-Talkshow "Phettbergs Nette Leit Show", in der er insbesondere seine Probleme und sexuellen Fantasien um "Jeansboys" und seinen chronischen Geldmangel schonungslos zelebrierte.

Du hast dich in den 90er Jahren als größter Fan der Lindenstraße geoutet. Bist du das immer noch?
Das hat sich relativiert. Ich schau sie nur noch an, wenn ich grad daheim bin. Früher hab ich noch den Videorekorder programmiert und hatte alle Folge auf Kassette. Das hat sich verflüchtigt. Nicht, weil die Lindenstraße schlechter geworden ist, sondern weil ich verzweifelter geworden bin. Gott sei Dank hab ich mich von dem Zwang befreit.

Die Lindenstraße war ein Zwang?
16 Jahre hab ich jeden Sonntag auf 18:40 Uhr gewartet. Das ist ein Zwang.

Und jetzt?
(wird lauter) Jetzt isses noch ärger: Jetzt schau ich mir jeden Tag im ZDF "Bianca – Wege zum Glück" an.

Was interessiert dich an so einer Telenovela?
Dass die die Welt so geordnet ist. Und dass es zwei Bösewichte gibt. Die sind wirklich unbeschreiblich radikal böse, wie bei "Hänsel und Gretel" die Hexe. Da bin ich ganz in einem Glücksrausch. Diese beiden Bösewichte begehen jeden Tag eine ungeheure Bösewichterei und sie werden nie erwischt.

Warum fasziniert das Böse dich so?
Weil es - wie alles im ZDF - so geordnet und übersichtlich ist und so philosophisch verbrämt. Ich mag das. Natürlich Schande über mich, aber ich schau "Bianca" trotzdem.

Du sagtest, du bist verzweifelter geworden. Warum?
Ich habe keine Existenzgrundlage, ich bin steinalt und schwer suchtkrank. Ich fress’ ohne Ende. Ich bin nicht glücklich.

Aber viele Leute wollen doch deine Shows sehen. Macht dich das nicht stolz?
Diese Phase habe ich überwunden. Alle diese Höhepunkte haben in der Summe mein Leben nicht bereichert. Sie führen zu einem noch größeren Absturz. Zum Beispiel der heurige Höhepunkt war, als mein Buch "Hundert Hennen" erschienen ist, ein Abend im Burgtheater. Größer geht's nicht. Aber danach hab ich das Buch geradezu verloren. Ich kann's seitdem nicht mehr leiden. Weißt du, wenn du solide alt bist und es zeigt sich immer noch keine Existenzgrundlage, wenn du nicht weißt, wovon du die Monatsmiete zahlst. Mit 25 denkt man sich, naja. Aber mit 53 versteinerst du im Herz. Diese Versteinerung ist so groß, dass nichts mehr hilft.

Auch nicht die Kunst?
Ich hab kein Verhältnis zur Kunst. Ich kann ja nichts. Ein Handwerker kann was, aber ich nicht.

Was müsste sich für dich ändern?
Es liegt alles am Geld. Wenn ich Geld habe, bin ich psychisch gesund und wenn nicht, bin ich zerquetscht. Früher in meiner Kindheit wurden die Tiger in zu kleinen Käfigen gehalten und die haben sich wund gescheuert. Weil sie sich nicht verzeihen konnten, nicht im weiten Satz einen Bogen zu springen. Sie konnten das nicht begreifen, obwohl sie von Geburt an springen konnten. Ein Tigerbaby springt einfach los. Und plötzlich ist es im Käfig und kann es sich nicht verzeihen. So ähnlich ist es bei mir: Ich lerne nicht mehr zu verzeihen, dass dieser alltägliche Schmerz dazugehört. Ein Beispiel: Ich hab mir seit zehn Jahren keine Kleidung gekauft. Wegen meiner Fresssucht hab ich mir gesagt, so lange ich so dick, so monströs bin, kaufe ich mir auch kein Gewand. Aber der Satz ist sowieso nicht mehr gültig, weil ich eh kein Geld habe. Es war in den letzten zehn Jahren nie genug Geld dafür da. Ich war in den letzten zwölf Monaten nie außerhalb meiner Wohnung aus Genussgründen. Ich bin immer nur daheim und warte, bis Geld kommt.

Du hast dich als ehemaliger Pastoralassistent von der Kirche entfernt. Kann Glaube keinen Halt geben?
Die Kirche hat mich von sich entfernt. Ich wurde rausgeschmissen. Ich war angestellt. Da wirst du innerhalb von sechs Wochen gekündigt.

Du glaubst nicht mehr an Gott?
Ich glaube seit meiner Kindheit nicht mehr an Gott. Als ich zur Welt kam, war alles ganz logisch: Das sind die Tiere, das sind die Pferde. Und dann wurde weiter behauptet, das seien meine Eltern, das ist der Bürgermeister, das der Pfarrer. Und über dem Pfarrer gibt’s den Bischof, dann den Papst und darüber Gott. Das nimmst du alles Kind alles hin.

Warum später nicht mehr?
Das kommt mit der Erfahrung. Wenn ich das Megafon hier nehme (er hebt das Aufnahmegerät), dann weiß ich, es fällt herunter. Mit diesem Erfahrungshintergrund machst du die ganze Wirklichkeit fest. Im Leben gibt es dann Enttäuschung um Enttäuschung: Der Nikolaus nicht wahr, der Osterhase nicht wahr, der Storch nicht wahr, alles ist nicht wahr. Dass es Gott gebe, ist die reinste Behauptung. Ich war überhaupt misstrauisch meinen Eltern gegenüber. Natürlich wollte ich Pfarrer werden, weil ich Bedeutung erlangen wollte. Aber was nicht mit der Erfahrung wie bei der Schwerkraft ausgestattet ist, das bleibt komisch. In meiner Jugend und Pubertät hat mir der holländische Katechismus sehr geholfen. Da gab's den Satz: "Glauben wollen heißt bereits glauben". Das hat mich zehn Jahre meines Lebens begleitet. Es wäre mir eigentlich heute noch recht zu glauben. Wenn jetzt die Tür aufgeht und meine Mama kommt rein und sagt: "Schöne Grüße von Jesus, es ist alles wahr", würde ich mich freuen. Endlich Jeansboys zum freiwilligen Arschlecken. Endlich gefüllte Eier ohne Ende. Da wird der Eidotter mit viel Senf zu einer pikanten Soße gerührt. Das hab ich gerne gegessen.

Jeansboys und gefüllte Eier – wie passt das zusammen?
Jeansboys sind auch gefüllte Eier, das ist Genuss. Ein richtiger Jeansboy, der von sich weiß.

Was meinst du damit?
Mein Traum ist die Begegnung mit einem Menschen, mit einem Jeansboy, der aktiv obszön ist. Das ist ein absoluter Luxus, weil jeder Mensch sich bis aufs Äußerste am Zahnfleisch bewegt. Niemand kann wirklich feudal sein. Es ist vielleicht der Nachteil, dass der Feudalismus verloren gegangen ist. Wo soll ein obszöner Jeansboy die Kraft hernehmen von Schröder, Merkel und so weiter. Wo kann man in der heutigen Zeit von Hartz IV noch aktiv obszön sein? Wenn du um 40 Euro zuviel Miete zahlst, musst du umziehen in eine kleinere Wohnung, um Arbeitslosengeld zu kriegen. Das ist Hartz IV, das Ende des Feudalismus. Das ist eine dermaßen rigide Regelung. Es muss in jeder Freiheit Wildheit möglich sein. Du musst, wenn du obszön sein willst, irgendwo den Mut herkriegen. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wo junge Menschen die Wildheit erleben. Dadurch, dass die Sexualität kein Thema ist, ist es auch nicht wichtig, wild zu sein.

Wie bitte? Die Sexualität ist kein Thema?
Sie ist quasi genauso frei wie alles andere engherzig ist. Wenn ich von einer Feudal-Obszönität träume, ist das kein wirkliches Thema vom heutigen Menschen – da erlebe ich mich erst recht als hinfällig. Der andere denkt wahrscheinlich: "Wovon quatscht der, ich hab doch ganz andere Probleme." Mein Treiben auf der Bühne ist eigentlich überflüssig wie ein Kropf, das ist quasi eine Großzügigkeit, eine Verschwendung.

Du hast dich als stolzer Maso bezeichnet. Was heißt das?
Dass ein Sado fehlt, der feudal sich verschwendet und nicht Klischees von früher wiederholt. Ich meine, nur grausam zu sein oder unangenehm, das kann nicht der evaluierte Sadist sein.

In deinen Shows kultivierst du dieses Maso-Sein.
Der eigentliche Grund, warum ich auftrete, ist eine sexuelle Hoffnung. Ich würde viel lieber in Ketten am Plafond hängen mit gespreizten Beinen und mit verbundenen Augen den Abend zu verbringen als Objekt der Besucher. Das wäre eigentlich das, was ich gern tue.

5. Oktober 2005



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