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Der erste schwule Bauwagen-Roman: "total perfekt alles" von Thomas Weins geht unter die Haut.

Von Micha Schulze

Du braucht nicht viel für diesen Trip: vielleicht "Ton Steine Scherben" auf dem Plattenteller, eine Tüte Landwein von Aldi, schwarze Klamotten, na klar, ne Flasche Goldgeist forte, auf jeden Fall mehr als einen Joint. Thomas Weins nimmt Dich mit auf eine Reise in die Vergangenheit: Walter Momper und die nie, nie, niemals verziehene Räumung der Mainzer Straße, laute Nächte im Café Anal und der Rattenbar, die Kreuzfeld-Jakob-Sisters, natürlich das Tuntenhaus, auch das Café Victoria im AVK. Stationen im wilden, wiedervereinigten Berlin, Anfang der Neunziger.

Martin lebt in einer Bauwagen-Siedlung an der Spree, zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, als die beiden Bezirke noch zwei waren. Seine Sozialhilfe geht komplett für Joints drauf, was zu futtern lässt sich im Container hinterm Supermarkt finden oder bringen die Engel der "Berliner Tafel" vorbei. Martins Alltag: den Ofen heizen, kiffen, Essen organisieren, kiffen, Kohlen klauen, kiffen, in die dreckige Spree pinkeln, kiffen, Plenum am Lagerfeuer, kiffen – und natürlich jeden Tag darüber spekulieren, wann der Scheiß-Senat den Platz räumen lässt.

Thomas Weins Roman "total perfekt alles" ist eine Abenteuerreise, aber beileibe keine auf einem Traumschiff. Für Sentimentalitäten, naive Schwärmerei und Verklärung der autonomen Aussteiger-Szene ist auf den 285 Seiten kein Platz. Lakonisch, ohne Schnörkel, fast akribisch wie ein Buchhalter skizziert Weins die selbsternannten Helden der Wagenburgen, die nicht weniger schrullig, verklemmt, liebenswürdig und kaputt sind als ihre Eltern im Reihenhaus.

Peer, der junge Punk, muss immer würgen, wenn er mit Martin fickt. Reden können die beiden nicht darüber. Mit Klaus von der Wagenburg auf der anderen Seite der Spree scheint Martin eine gemeinsame Sprache zu finden, allerdings erst kurz vor dessen Tod: Klaus hat Aids im Endstadium, seine PML ist unheilbar, nach und nach sterben die weißen Gehirnzellen ab. Martin pflegt ihn erst im Krankenhaus, dann bis zu seinem Tod im Hospiz.

Die wochenlange Sterbebegleitung – künstliche Ernährung, Wasser in der Lunge und aussetzende Atemzüge inklusive – wird von Weins ebenso nüchtern beschrieben wie die brutale Räumung der Punker-Wagenburg an der Eastside. Doch sie berührt ungemein mehr als jedes Großaufgebot von 800 Bullen. "total perfekt alles" ist nicht nur der allererste schwule Bauwagenroman, sondern auch eine herausragende schwule Geschichte über Liebe, Freundschaft und Loslassenkönnen.

Thomas Weins: total perfekt alles, 285 S., MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3935596758, 18 Euro

11. Oktober 2005



#1 cloilionerAnonym
  • 19.10.2005, 14:14h
  • Wenn man den kleinen Text über Aids wieder liest, schlimm.
    Ich habe jetzt gehört, dass von denen die sich 2004 mit Aids angesteckt haben 60% Schwule sind. Irgendwie eine sehr traurige Bilanz. Von einem Gaykumpel habe ich auch noch gehört, dass manche in der Szene Wettbewerbe machen, wer wie viele an einem Abend mit Aids angesteckt hat.
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#2 ssj3 vegotenksAnonym
  • 23.07.2006, 21:28h
  • [quote]
    Von einem Gaykumpel habe ich auch noch gehört, dass manche in der Szene Wettbewerbe machen, wer wie viele an einem Abend mit Aids angesteckt hat.
    [/quote]

    sowas gehört erschossen -.-

    cya v3g0
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