Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?3818
  • 14. November 2005, noch kein Kommentar

KT Tunstall ist Englands große Singer/Songwriter-Hoffnung. Mit dem Album "Eye To The Telescope" hat die schottische Sängerin fast unfreiwillig viele homosexuelle Fans gesammelt, da sie auf dem Cover mit Regenbogen-Hosenträgern zu sehen ist. Die englische Presse diskutiert deshalb eifrig, ob sie eine Lesbe ist oder nicht. Mit Jan Gebauer von queer.de sprach Tunstall über Schwule und ihre kleinen Hündchen, die Konkurrenz wie Katie Melua oder Joss Stone und den Wirbel um ihre sexuelle Orientierung.

Du bist eine ernsthafte Singer/Songwriterin, aber Deine erste gekaufte Platte ist eher kultig.

Oh mein Gott, das ist eher peinlich. (lacht) "Neverending Story" von Limahl! Wie schwul ist das? Ich habe den ganzen Soundtrack gekauft. In Ost-London gibt es eine Menge zu-hippe-Leute, die alle die gleiche Frisur wie der verdammte Limahl tragen. Das war damals schon scheiße, warum sollte es heute hip sein?

Die englische Presse rätselt derzeit, ob Du lesbisch bist oder nicht. Besonders als ihr auffiel, dass du auf dem Cover Deiner CD Hosenträger in Regenbogenfarben trägst.

Ja, eine lustige Geschichte. Wir hatten nur drei Tage Zeit, um das Artwork zu gestalten und ursprünglich wollte mich die Plattenfirma nett und freundlich ablichten. Eine Art 80s-Enya-New-Age-Revival-Look. Ich fand aber, das passt überhaupt nicht zum Album oder zu mir. Panisch habe ich dann um einen anderen Look gekämpft. Letztendlich haben wir aber nicht daran gedacht, dass wir total "homosexuelle Hosenträger" für das Cover nutzten. Erst als ich die CD einer lesbischen Freundin nach San Francisco schickte, hörte ich von ihr: "Oh KT, all meine Freundinnen lieben Deine Hosenträger". Aber ich finde das super und witzig!

Und dann ging es in den Fan-Foren plötzlich darum, ob Du womöglich selber lesbisch bist?

Ja, meine vielen lesbischen Fans fingen an zu spekulieren und versuchten, obwohl ich einen festen Freund habe, zu entschlüsseln, ob ich nicht doch ihre Neigung teile. Außerdem meinen sowieso viele, dass eine Singer/Songwriterin, die eine starke Persönlichkeit hat und eine toughe Art aufzutreten, lesbisch sein muss. Besonders wenn man sich nicht im klassischen Sinne feminin ablichten lässt oder darauf verzichtet, sich halbnackt auf der Bühne zu zeigen. Und wenn man dann nicht offen über seinen Partner redet, weil es nicht die Musik überschatten soll, fangen die Leute an zu rätseln. Tja, letztendlich hab ich wohl einige homosexuelle Fans enttäuscht. (lacht)

Ich habe auch über ein paar ausgeflippte Lesben bei einem Konzert gelesen.

Ja, das war in Dublin. Da stand bei einem Auftritt plötzlich ganz vorne eine Lady, die augenscheinlich lesbisch war und brüllte "KT, Du bist eine Lesbe!" Ich war total verblüfft und verwirrt, weil ich damit nicht gerechnet hatte. (lacht) Ich wollte auch nicht nein sagen, weil ich es mag, die Leute über etwas im Unklaren zu lassen. Überhaupt will ich bei einem Auftritt nicht darüber sprechen. Aber das Mädel gab keine Ruhe und schickte noch einen Papierflieger auf die Bühne. Ich hab es ignoriert, weil ich nicht wusste, was mich darauf erwartet. Viele lesbische Fans kommen ohnehin sehr aufgedreht und betrunken zu meinen Konzerten – stehen in der ersten Reihe und gehen voll ab.

Gibt es denn bestimmte Textpassagen, die sie als Hinweis nehmen?

Ja, klar, weil meine Art zu schreiben allgemeingültig ist. Ich halte eine Balance zwischen männlichen und weiblichen Musen, die mich bei den Texten beeinflussen. "Heal Over" ist zum Beispiel ein Liebeslied für eine Freundin von mir. Aber nicht "Liebe" in dem Sinne, dass wir eine sexuelle Beziehung haben, sondern eine freundschaftliche. Aber dieses Lied wird natürlich besonders von Lesben geliebt – viele schreiben mir, dass sie es ihrer Freundin geschenkt haben. Allerdings will ich nie zu viel über einen Song preisgeben, damit jeder sich noch eine eigene Geschichte dazu denken kann.

Mich wundert, dass Lesben weniger auf sehr weibliche, feminine Stars abfahren – Jennifer Lopez und Kylie Minogue stehen weniger hoch im Kurs als k. d. lang oder Melissa Etheridge.

Ja, das mag sein. Aber ich glaube es hat es was mit Persönlichkeiten zu tun, mit denen sie sich besser identifizieren können. Und außerdem, ich liebe ja auch Angelina Jolie, weil sie einfach außergewöhnlich ist.

In England gibt es bald die Möglichkeit, eine eingetragene Partnerschaft zu bekommen. Unterstützt Du das?

Es war ein langer Kampf und es musste viel dafür getan werden. Ich finde es immer wieder unglaublich, dass wir so rückständig sind und Menschen, die sich wirklich lieben, die Möglichkeit verwehren, einander zu heiraten. Als wenn Schwule dann sagen würden: "Huch, wenn wir nicht heiraten dürfen, dann sollten wir wohl doch hetero werden." So ein Schwachsinn! Lasst die Menschen einfach das tun, was sie wollen.

Viele Menschen sagen "ja" zur Homo-Ehe, aber "nein" zur Adoption.

Also ich würde das nicht sagen! Ich würde es vorziehen, dass ein liebendes Homo-Paar ein Kind adoptiert, als wenn umgekehrt ein Hetero-Paar nicht miteinander klar kommt. Ich bin selber von wunderbaren Eltern adoptiert worden, und kann nur sagen, dass jedes Kind darüber glücklich ist, wenn es von liebevollen Menschen aufgezogen wird – egal ob Heteros oder Homos. Und machen wir uns nichts vor: Wer glaubt, man könnte seine Kinder vor Homosexualität "schützen", der hat gar nichts verstanden, denn sie ist überall. Somit ist auch diese ganze Vorbild-Geschichte albern. Das Wichtigste ist Liebe, weibliche und männliche Vorbilder bekommt das Kind auch durch seinen Alltag präsentiert.

Gibt es Klischees über Schwule, von denen Du behaupten würdest, dass sie wahr sind?

Ich hatte kürzlich eine sehr lustige Unterredung mit meinem schwulen Friseur Bradley. Er behauptet von sich, dass er auf keinen Fall ein typischer, stereotyper Schwuler ist. Ich habe ihn dann aufgezogen mit allen möglichen Dingen, vor allen Dingen mit seinem Hund. Er hat sich nämlich nach all den Jahren den schwulsten Hund gekauft, den ich mir vorstellen kann: einen Cavalier-King-Charles-Spaniel (in der Serie "Sex and the City" hat Charlotte York ebenfalls solch einen Hund mit Namen Elisabeth Taylor). Zudem hat er ihn Dijon-Mustard (Dijon-Senf) genannt. Ich habe mich total kaputt gelacht!

Was haben schwule Typen nur mit kleinen Hunden?

Ich habe keine Ahnung! (lacht) Es gibt eine ganze Menge Schwuler, die sind einfach "camp", und ich das finde total witzig! Natürlich habe ich auch Hetero-Typen getroffen, die total "camp" sind und habe zuerst geglaubt, sie wären schwul, nur weil sie so schrill rüberkamen. Allerdings gibt es Schwule, die haben keine anderen Themen drauf außer Szene und Sex. Das ist dann doch etwas wenig. Aber das ist bei Heteros ebenso langweilig.

Du wirst nicht gerne mit Sängerinnen Deiner Generation in einen Topf geworfen. Ich nenne ein paar Namen: Katie Melua, Joss Stone und Norah Jones…

Die Sache ist, ich würde niemals etwas Schlechtes über sie sagen, nur weil das die Medien gerne hätten. Alle drei Künstlerinnen, die Du nennst, machen die Platten, hinter denen sie voll und ganz stehen! Als Musikerin respektiere ich das, da es ungemein schwierig ist, mit dem was man mag, auch Geld zu verdienen. Joss Stone ist eine gute Freundin von mir und ich war auch mit ihr auf Tour. Sie ist eine liebenswürdige Person. Wir machen aber komplett unterschiedliche Musik: Sie ist eine Soulsängerin und ihr erstes Album bestand nur aus Cover-Versionen. Norah Jones ist an der Spitze einer ganz eigenen Richtung. Sie geht ihren Weg, schreibt eigene Songs und zieht ihr Ding auf ganz eigene Weise durch. Katie Melua: Nun, genauso wie Joss Stone, bin ich ein ganzes Jahrzehnt älter. Ich schreibe meine eigenen Songs und suche meine Musiker selber aus. An diesem Punkt sind die Ladys noch nicht. Vielleicht kommt das noch. Grundsätzlich ist es aber ein großer Unterschied, ob ich auf die Bühne trete, meine selbst geschriebenen Lieder singe oder ob ich ein Lied adaptiere und es "nur" präsentiere.

KT Tunstall - "Eye To The Telescope", das Album mit den Hits "Other Side Of The World" und "Black Horse And The Cherry Tree", Virgin Music

14. November 2005