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Ein offener Brief des 18-jährigen queer.de-Users Raki an die "heimlichen" Schwulen.

Lieber Unbekannter,

oder sollte ich stattdessen lieber "Unerkannter" schreiben? Genau dies ist das Attribut, welches sich unfreiwillig als Schatten deiner selbst hinter dir her zieht - von dem Zeitpunkt an, als du wusstest, irgendwie anders zu sein, aber dich niemandem anvertrauen wolltest.

Sobald du auch nur in die Nähe deiner Mitmenschen gerätst, legt sich ein Schalter um, der dir befiehlt, nicht du selbst zu sein. Dein Alltag ist eine Fassade. Du spielst eine Rolle, die nicht zu dir passen will, eine Rolle, für die es weder Buhrufe noch Beifall geben wird – du bist homosexuell, aber niemand darf es wissen, weil... ja, genau, warum eigentlich nicht? Weil dann noch mehr Menschen über dich reden würden, weil du Lästerstoff diverser Cafébesuche und Gegenstand im tagesaktuellen Klatsch und Tratsch deiner Nachbarinnen wärst? Weil du vielleicht das Gefühl hast, dich in der Öffentlichkeit auszuziehen, die Blicke auf der Straße nicht erträgst, die Aggressionen schwulenhassender Neonazis nicht auf dich ziehen möchtest? Weil dir die Meinung völlig fremder Menschen wichtiger ist als ein Leben ohne Lügen? Oder hast du nur Angst, dass Familie und Freunde sich von dir abwenden würden, sobald sie "es" erführen?

Aber was für eine Familie wäre das dann, die ihr Mitglied nicht so akzeptiert, wie es ist? Was für Freunde hättest du wohl, die aufgrund deiner Sexualität eure Freundschaft annullieren würden? Eine intolerante Familie und falsche Freunde – auf beides jedoch, wie du sicher selbst weißt, kannst du gerne verzichten!

Es geht nicht darum, dass du Ängste hast, die du nicht offenbaren möchtest, sondern darum, dass du Angst davor hast, dich selbst zu offenbaren. Dein Verhalten gleicht einer Verleugnung, und du scheinst nicht zu bemerken, dass du den jahrzehntelangen, steinigen Kampf der schwul-lesbischen Bewegung damit in Frage stellst. Und obwohl du mich nicht kennen kannst und mich nie in deinem Leben persönlich getroffen hast, stellst du somit auch die Beziehung in Frage, die ich seit über einem Jahr mit meinem Partner habe.

Wir sind zusammengekommen, als wir beide 17 Jahre alt waren, wohnen in einer Kleinstadt, deren eines Stadtviertel ich gerne "Hochburg der Neonazis" nenne und leben unsere Homosexualität dennoch offen aus. Verblüffend selbstverständlich haben unsere gemeinsamen Freunde es aufgenommen, sämtliche Klassenkameraden und eingeweihte Angehörige beider Familien. Du wirst in unserer Kursstufe kaum jemanden finden, der nur auch noch auf die Idee kommen würde, einen ernsthaft abfälligen Kommentar über Homosexualität abzugeben, ungeachtet dessen, wie gut wir mit ihnen zurechtkommen. Erst kürzlich sind mein Freund und ich mit einem gemeinsamen Foto in den jugendlichen "Trendteil" einer Wochenzeitung geraten, ohne groß darüber nachgedacht zu haben, wer alles uns darin sehen, möglicherweise bewundern oder verachten könnte.

Abwertungen und Beleidigungen von dogmatischen und intoleranten Personen haben wir beide zur Genüge gehört! Wir sind wir. Nur haben wir keine Lust dazu, das "schwule Vorzeigepärchen" für dich zu spielen, nur weil du selbst ein Problem mit deinem Selbstwertgefühl hast!

Die Statistik besagt, dass jeder fünfte bis zehnte Deutsche homosexuelle Neigungen besitzt, statistisch gesehen ist demnach mindestens ein weiterer deiner Klassenkameraden schwul, bi oder lesbisch, statistisch gesehen je ein Spieler einer Fußballmannschaft, fünf bis zehn Polizisten in einer dem Namen nach vollständigen Hundertschaft, bis zu zwanzig Grundwehrdienstleistende einer Kompanie, der Fahrzeugführer jedes zehnten bis zwanzigsten Autos in einem Stau auf der A2 und einhundertsechzig- bis dreihundertzwanzigtausend Zuschauer von Günther Jauch.

Nun ist unsere schwule Generation weder Zeitzeuge des Mittelalters noch des Nationalsozialismus, sondern eine, die es nicht nötig hat, sich länger vor der Gesellschaft verstecken zu müssen, aus Angst davor, von ihr bestraft zu werden. Und schon allein aus dem Respekt gegenüber all denjenigen Generationen, die ihre Sexualität weniger offen ausleben konnten, als es heute möglich ist, fordere ich dich eben dazu auf: Komm raus, komm raus, wo immer du bist!

Und lass mal wieder was von dir hören.

19. Dezember 2005



62 Kommentare

#1 LinkerCacheAnonym
  • 19.12.2005, 13:45h
  • Super! Mehr kann ich dazu nicht sagen!

    Zu den Filmcovers: Der beste Film aller Zeiten ist "Beautiful Thing", direkt gefolgt von "coming Out" & "sommersturm"

    Habe sie alle in meiner Sammlung. Bei BF gefällt mir am besten die Englische Originalversion, zumal dabei so richtig schön der East-London-Slang & der Knochentrockene Britische Humor rüberkommt.
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#2 cora s.Anonym
  • 19.12.2005, 15:19h
  • guter brief, den ich auch unterschreiben würde.
    und wenn die umstände noch so kompliziert sind und ein coming out aus beruflichen gründen nicht möglich ist und es in dem dorf in dem man lebt nicht akzeptiert wird...von nix kommt nix!
    homosexualität ist nicht privatsache.
    es hat niemanden zu interessieren was andere im bett machen, aber jeder sollte wissen, wer und wie man homosexuell lebt und vor allem, dass man auch liebt.
    es ist grotesk zu behaupten: „normalität ist nur gegeben, wenn nicht mehr darüber geredet wird“, wenn nie wirklich darüber geredet wurde.
    auch mehr prominente sollten zu ihrer homosexualität stehen. sie haben eine plattform.
    nur aus einer eigenen, festen position heraus ist es möglich, homosexuelle in anderen ländern zu unterstützen.
    mein senf dazu! in diesem sinne...
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#3 AndyAnonym
  • 19.12.2005, 15:22h
  • Ein Hammertext !!

    Und fast genau einem Jahr nach
    meinem eigenen Coming-Out kann
    ich sagen,dass es vielleicht nicht
    wirklich einfach ist - aber es ist
    soo befreiend.Gerade wenn man in einem
    kleinen Kuhdorf lebt und nicht
    "flüchten" kann ist die Angst das
    Dorfgespräch Nr 1 zu werden,sehr groß.
    Aber so war es nie.Ich habe zu mindestens
    80% nur gute Erfahrungen gehabt.Und
    die Spinner,die doch mal einen Spruch
    raushauen nimmt man irgendwann gar
    nicht mehr wahr.
    Außerdem - sich zu verlieben ist die
    schönste Sache der Welt.Doch die
    Liebe auch ausleben zu können ist doch
    NOCH viel schöner.
    Wobei ich die Angst vor einem Outing
    dennoch bei jedem Schwulen verstehen
    kann.
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#4 MarcAnonym
  • 19.12.2005, 15:37h
  • na toll, nach dem ich den Brief gelesen habe fühle ich mich noch schlechter als zuvor...
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#5 Rolf GindorfAnonym
#6 Rolf GindorfAnonym
#7 Gernot BackAnonym
  • 19.12.2005, 17:34h
  • @Marc
    "na toll, nach dem ich den Brief gelesen habe fühle ich mich noch schlechter als zuvor..."

    Wenn du nicht gerade bei der katholischen Kirche arbeitest, bei der du dich als Schwuler ohnehin schlecht fühlen musst (verlass den Verein, der tut dir nicht gut!) kann ich das nicht nachvollziehen.

    @Rolf Gindorf
    "Schöner Brief - aber wäre dein Name darunter nicht noch schöner gewesen?"

    Das wird der Autor bestimmt nachholen, wenn er nicht gerade einen Job bei der katholischen Kirche anstrebt, dem einzigen Arbeitgeber, der hierzulande noch dem intoleranten Denken des letzten Jahrtausends verhaftet ist.

    Gernot Back
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#8 SvenAnonym
  • 19.12.2005, 19:15h
  • Sehr guter Brief, nur hier vielleicht an der falschen Stelle. In den gängigen Tageszeitungen wäre er besser aufgehoben, um wirklich die jenigen zu erreichen, die gemeint sind.
    Der Name des Autors ist nicht wichtig. Wenn er lebt, wie er schreibt, ist das genau das, was nötig ist.
    Wir brauchen keine Helden, zu denen wir aufsehen. Wir müssen offen und frei leben!
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#9 HyronimoAnonym
  • 19.12.2005, 19:17h
  • Tja, nicht schlecht dieser offene Brief, nur steht er hier völlig verkehrt, hier liest kaum ein Jugendlicher, der nicht ohnehin schon geoutet ist.

    Setzt das Teil dahin wo sich die Massen der Jugendlichen aufhalten!
    Und setzt ihn so rein das man ihn nicht ignorieren kann.

    Nichts gegen diese Seite, aber hier erreicht der Brief nicht die Leser an die er gerichtet ist.
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#10 LinkerCacheAnonym
  • 19.12.2005, 22:54h
  • @gernot: es gibt ganz sicher noch viele andere arbeitgeber, die mit ihrem denken 200 jahre zurück sind.

    zu dem brief ein kleiner nachtrag: es gibt in erfurt seit einem monat ein projekt für homosexuelle jugendliche. wer dieses unterstützen möchte, geht bitte auf die website:

    www.mit-dir-projekt.de
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