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  • 18. Dezember 2003, noch kein Kommentar

Von Dennis Klein

Salam Pax ist ein 29-jähriger schwuler Architekt aus Bagdad. Während des Irak-Krieges berichtete er in seinem Online-Tagebuch (einem so genannten Web-Log oder Blog) über die Angriffe der Amerikaner – und wurde dadurch weltweit bekannt. Von keiner Seite ließ er sich kaufen, kritisierte (unter Lebensgefahr) sowohl Saddam als auch die Invasoren. Inzwischen schreibt er Kolumnen für die britische Zeitung "The Guardian", dreht ein "TV-Tagebuch" Bagdads für die BBC und veröffentlichte sein Buch "Let's get bombed" - eine Zusammenfassung seines Online-Tagebuches. Trotz des Erfolges wahrt Salam bis heute seine Anonymität. Mit queer.de sprach er über schwules Leben in Bagdad.

Wie trifft man andere Schwule in Bagdad?
Es ist schwer. Man entwickelt mit der Zeit gewissen ungeschriebene Codes. Man sieht sich etwas länger als normal an, man kommt ins Gespräch, man macht Andeutungen. Dann kennt man jemanden und über ihn lernt man andere Leute kennen.

Und wie war es bei Dir?
Ich lebte offen schwul, als ich in Wien zur Schule gegangen bin. Nach meiner Rückkehr bin ich vor ein paar Jahren in einer von Bagdads Haupteinkaufstraße angesprochen worden – ich war zunächst vorsichtig. Aber dann haben wir uns unterhalten und er hat sich einfach etwas schwul verhalten. Er hat mich seinen Freunden vorgestellt und so bin ich in diese Clique gekommen. Sie ist wie eine große Familie, man passt aufeinander auf. Diese Nähe gefällt mir.

Hast Du im Irak jemandem außerhalb der Clique erzählt, dass Du schwul bist?
Das ist dort wirklich schwierig. Raid, mein Freund in Jordanien, weiß es. Er war zu Besuch, als ich einen Riesenstreit mit meinem Ex hatte. Für ihn war das ein sehr komisches Gespräch zwischen mir und einem anderen Mann, aber er steht hinter mir. Ansonsten leben wir eine große Lüge.

Wie gefährlich ist Bagdad für Schwule?
Sehr. Man wird sehr schnell erpressbar. Und die Polizei ist nicht gerade zimperlich: Die haben vor kurzem auf dem Tahrir-Platz, einer Art Cruisingpark, zwei Jungs als Abschreckung einfach so erschossen.

Wird die Situation nun besser?
Es wird wohl nie so sein wie im Westen. Im Moment sind die religiösen Fanatiker stark wie nie. Auch im Westen hat es ja sehr lange gedauert, bis Homosexualität akzeptiert war. Hier gibt es auch noch eine unglaubliche Heuchelei – zum Beispiel ist es in Ordnung, wenn Du aktiver Sexpartner bist, nicht aber, wenn Du passiv bist.

Wie hast Du denn Deinen Eltern erklärt, dass man andauernd mit demselben Typen rumhängst?
Das hatte teilweise komische Züge. Über meinen Ex-Freund hab ich gesagt, er sei ein neuer Arbeitskollege. Man muss so viele Sachen erfinden – beispielsweise einen Betriebsausflug, damit man mal zwei Tage ungestört zusammen sein kann.

In den Tagebüchern schreibst Du, dass Du eine arabische Identität hast und gerne in Bagdad bleiben würdest. Warum?
Das ist einfach mein Land, meine ganzen Freunde leben im Irak und dort fühle ich mich trotz alledem am wohlsten. Es ist natürlich schwierig, dass ich verheimlichen muss, wer ich wirklich bin. Ich gehe aus mit meinen Freunden und komme dann zurück zu meinen Eltern und spiele den guten Jungen. Aber meine Familie bedeutet mir eben sehr viel.

18. Dezember 2003, 12:55 Uhr

Salams Online-Tagebuch (Englisch)

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