Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?4808

Die Bibliothek rosa Winkel erinnert an den Schriftsteller und "überkultivierten Lebemann" Jacques Fersen

Von Micha Schulze

Das nennt man geschicktes Marketing: Im vergangenen Jahr machte uns die Bibliothek rosa Winkel im MännerschwarmSkript Verlag mit einer Biographie neugierig auf den fast vergessenen Schriftsteller und Dandy Jacques d‘Adelswärd (1880-1923) – kürzlich folgte nun die Übersetzung seines Romans "Lord Lyllian". Das Original veröffentlichte der Pariser Autor, der sich selbst nach einem entfernten Ahnen lieber Jacques Fersen nannte, 1905 im Alter von 25 Jahren.

Auch gut hundert Jahre später gewährt das "stark gepfefferte, geistreichelnde und mit blasiert-weltmännischer Philosophisterei gewürzte Buch (…) interessante Einblicke in die Psychologie dekadenter, überkultivierter Lebemänner", wie eine zeitgenössische Rezension anmerkte. Erzählt wird die Begegnung des jungen Lord Lyllian, Spross eines schottischen Adelsgeschlechts, mit dem schwulen Schriftsteller Harold Skilde, "der schon in London und Paris durch sein Talent, seinen Geschmack und seinen gewagten Lebenswandel aufgefallen war". So hält Oscar Wilde unter dem Namen Skilde Einzug in die Literatur - als großer Verführer, der schließlich den Reizen des jungen Lyllian erliegt.

Kenner der Literatur der Decadence stellen Fersens Lord in eine Reihe mit anderen "literarischen Dandys" wie Oscar Wildes Dorian Gray. Aber auch der Autor selbst war eine bekannte Szenegröße, erst in Paris, später in der "homosexuellen Kolonie" auf Capri, und diente als literarische Vorlage für andere Autoren wie Compton Mackenzie.

Der von Wolfgang Setz herausgegebene Band "Dandy und Poet" versammelt Beiträge, die sich aus unterschiedlicher Perspektive Leben und Werk des fast vergessenen Schriftstellers nähern. Seine Bücher und seine Zeitschrift "Akademos", mit der 1909 eine Lanze für die "Andere Liebe" brechen wollte, sind heute in kaum einer Bibliothek zu finden.

Wie Oscar Wilde geriet auch Jacques Fernsen in Konflikt mit der Justiz: 1903 wurde er wegen "Verleitung von Minderjährigen zu Ausschweifungen" zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Von ihm inszenierte "lebende Bilder" waren in der Presse als "Schwarze Messen" skandalisiert geworden. Im Roman "Lord Lyllian" schildert er die vermeintliche satanistische Veranstaltung parodistisch aus der Schlüssellochperspektive.

Wolfram Setz (Hg.): Jacques d‘Adelswärd-Fersen. Dandy und Poet , 320 Seiten, MännerschwarmSkript Verlag, Bibliothek rosa Winkel Bd. 38, 20 €

Jacques d‘Adelswärd-Fersen: Lord Lyllian, 220 Seiten, MännerschwarmSkript Verlag, Bibliothek rosa Winkel, Bd. 39, 18,50 €


12. Mai 2006