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Schwule und lesbische Künstler aus 60s und 70s. Rare Songs, die homosexuelles Musikschaffen dokumentieren: "Queer Noises".

Von Jan Gebauer

Erinnert sich noch jemand an Jobriath, Polly Perkins oder Teddy & Darrel? Nein? Die Compilation "Queer Noises 1961-78: From the Closet to the Charts" widmet sich der Geschichte schwuler Popmusik und bringt verschollen geglaubte Songs und Interpreten zurück ins Rampenlicht. Aber auch der eine oder bekanntere Name wurde auf "Queer Noises" verewigt: Klassiker von Sylvester, den Kinks, The Miracles und den Ramones stehen Seite an Seite mit unbekannten Aufnahmen von längst vergessenen Interpreten wie Chris Robison, Michael Cohen oder Curt Boettcher. Herausgegeben vom Autor Jon Savage (u. a. "Englands Dreaming") beginnt die Compilation 1961 mit schwulen Scheiben von winzigen Labels, streift Pop der 60er-Jahre, Soul- und Songwriter-Stücke der frühen Siebziger, Glamrock und Punk und endet mit Sylvesters "You Make Me Feel (Mighty Real)", das 1978 zum ersten internationalen Hit eines bekennenden homosexuellen Künstlers wurde. Elton John war seinerzeit wohl noch etwas unschlüssig, hatte er sich 1976 in einem Interview mit dem "Rolling Stone" vorerst nur als bisexuell geoutet.

Mit Jobriath enthält "Queer Noises" nicht nur den ersten offen schwulen Mainstream-Rockstar, sondern zugleich auch eine der tragischsten Geschichten in der populären Musikgeschichte: 1973 wurde der sensible Musiker von dem bekannten Manager Jerry Brandt als amerikanische Antwort auf David Bowie gnadenlos als neuer Glamrock-Star vermarktet. Eine enorm aufwendige und vor allen Dingen enorm teuere Werbekampagne nahm ihren Lauf. Auf deren Höhepunkt zierten riesige Werbeflächen mit dem androgyn anzusehenden Jobriath den New Yorker Times Square: Als brüchige, nackte Marmorstatur mit herausgestrecktem Hinterteil nahm er quasi den weiteren Verlauf seiner Karriere voraus.

Seine beiden Alben erreichten nicht die Charts, Jobriath (alias Bruce Campbell) wurde von Plattenfirma und Manager eiskalt fallen gelassen und in der Branche galt er fortan als Inbegriff für den gescheiterten Versuch mit einem Riesenpromotionwirbel einen homosexuellen Star zu platzieren. Dabei kann es sein "I'maman" (im Original bewusst zusammengeschrieben – in der CD seltsamerweise auseinander) locker mit Glam-Klassikern von Bowie bis Roxy Music aufnehmen. Nach dem Ende seiner kurzen Karriere im Showgeschäft trat Jobriath als Musicalkünstler auf und sang unter dem Pseudonym "Cole Berlin" in Bars. Er wohnte außerdem in einer Glaspyramide auf dem Dach des Chelsea Hotels in New York. Dort starb er vereinsamt 1983 an AIDS.

Mit umfangreichen, spannenden Linernotes und schwarz-weißen Abdrucken der Original-Cover dokumentiert "Queer Noises" auf faszinierende Art und Weise wie schwule Musik vom Untergrund in die Charts aufstieg. Spannend ist vor allen Dingen die große Spannweite musikalischen Genres. Ein Zeichen, dass homosexuelle Künstler mit ihren unterschiedlichen Facetten in allen Musikrichtungen zu Hause sind. Ob Country, Punk, Disco, Soul, Pop…

2. Juni 2006



#1 martinAnonym