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  • 30. Oktober 2006, noch kein Kommentar

Die Abenteuer der Faker und Sexsüchtigen: "Junge_von_nebenan" von Lutz Büge.

Von Micha Schulze

Nichts ist langweiliger, als Protokolle von Internet-Chats zu lesen – es sei denn, man stößt zufällig auf den aufgezeichneten Dialog zwischen dem Gatten und seinem heimlichen Lover. Doch gerade in den offenen Foren des schwulen World Wide Web dominiert eine qualvolle Mischung aus armseligster Grammatik und Themen, die sich zu 99 Prozent ums Ficken und zu einem Prozent um Kochrezepte, Stammtischparolen und Selbstmordankündigungen drehen.

Mit "junge_von_nebenan" hat sich Lutz Büge dennoch an den allerersten schwulen Chatter-Roman gewagt. Seine Idee ist genial: Der Frankfurter Autor verfolgt eine lange Nacht lang eine Handvoll Mitglieder eines einschlägigen Online-Portals: Gelangweilte und Sexsüchtige, Coming-out'ler und Faker, Fetisch-Freaks und psychisch Gestörte. Nicht Gayromeo, Deutschlands "schwules Einwohnermeldeamt", hat Büge dabei als Ort der Handlung gewählt, sondern mit chat4gays eine fiktive, kleine Datingplattform seiner Heimatstadt. So können Büges Online-Helden nicht nur zu zweit im "privaten Chat" sowie quer durcheinander im "offenen Chat" plaudern. Zu vorgerückter Stunde, wenn der Rechner erstmals ausgeschaltet ist, begegnen sie sich auch im realen Leben – in der Darkroom-Bar "Ranch".

"Das eine ist der Chat, wo nichts, aber auch gar nichts Bedeutung hat, und das andere ist das Ranch. Hier hat alles Bedeutung, denn hier gibt es harte Schwänze und Bier zum halben Preis", sinniert Harald, eine graue Maus, die nachts ihr wahres Gesicht zeigt und sich tagsüber mit mehreren Fake-Profilen die Zeit vertreibt. Er weiß, dass Realität und Phantasie im schwulen Chat untrennbar vermischt sind, und freut sich, wenn andere darauf reinfallen. Die Möglichkeiten des anonymen Gesprächs im Netz sind unendlich, doch nur die wenigsten können sie beherrschen.

Mit "junge_von_nebenan" (dahinter verbirgt sich übrigens einer von Haralds "Nicknames") hält Lutz Büge der Gay-Online-Dating-Generation einen Spiegel vor. Dass auf den Datingplattformen viel gelogen wird, ist allgemein bekannt. Wie langweilig Chatprotokolle sind, hingegen weniger. Wer den Roman gelesen hat, wird vieles wieder erkennen – und im Windows Messenger die Funktion "Unterhaltungsaufzeichnung" sofort deaktivieren…

Lutz Büge: junge_von_nebenan, Roman, 250 Seiten, Männerschwarm, 18 Euro

30. Oktober 2006