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  • 11. November 2006, noch kein Kommentar

Beziehungsstress: Gerade die Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht mögen, treiben uns bei unserem Partner in den Wahnsinn.

Von Eric Hegmann/gay-PARSHIP

Smalltalk: Bis eben noch war der Abend mit den Freunden noch harmonisch. "Kannst du mich bitte mal ausreden lassen?", faucht Kai, als ihn sein Freund Mark bei der Erzählung über den gemeinsamen Urlaub unterbricht. Mark kontert: "Das sagst ausgerechnet du? Merkst du eigentlich, dass du seit einer halben Stunde niemanden zu Wort kommen lässt?" Diese Situation beschreibt ein häufiges Projektionsproblem in Beziehungen. Projektion ist hier eine Tendenz, im anderen eine Eigenschaft zu erkennen, die wir an uns selbst nicht mögen. Allerdings: Da wir sie nicht mögen, übersehen wir sie bei uns und erkennen sie zunächst ausschließlich am anderen.

Warum nervt mich das so?

Oder noch konkreter: Wann immer wir auf Verhaltensweisen unseres Partners besonders intensiv reagieren, sollten wir kurz innehalten und uns überlegen, woran uns unser Partner in diesem Moment erinnert: Vielleicht an uns selbst - und zwar an den Teil von uns, den wir überhaupt nicht leiden können. Ganz häufig sind nämlich die Urteile, die wir über andere haben, genau die Urteile, die wir über uns selbst fällen würden, wenn wir denn erkennen würden, wie ähnlich wir reagieren. Wenn wir also unsere Projektionen erkennen lernen, lernen wir ebenso, die eigenen Fehler leichter zu akzeptieren - und vielleicht sogar an ihnen zu arbeiten. Etwas mehr Geduld im Umgang mit dem Partner und weniger schnelle Urteile über andere sind die positive Folge.

Den Kreislauf durchbrechen

Im Wechselspiel von Nähe und Distanz kommt Projektion besonders häufig vor. Ein Bespiel: Kai würde sich selbst als distanziert und freiheitsliebend charakterisieren. Mark hingegen erlebt er klammernd und häufig als "Klette". Weil er sich über die für ihn bedrängende Distanzlosigkeit seines Partners ärgert, vergisst und unterdrückt Kai das eigene Bedürfnis nach Nähe. Im Gegensatz hierzu empfindet Mark seinen Freund als sehr distanziert und fühlt sich von ihm häufig regelrecht verstoßen. Da Mark seine Aufgabe in der Beziehung nun darin sieht, diese Distanz zu mindern, und deshalb immer wieder auf Kai zugeht, unterdrückt er sein ebenfalls existentes Bedürfnis nach Distanz. Dieses ist in Wahrheit erheblich ausgeprägter, als es im Kreislauf der Projektionen - Paartherapeuten sprechen von projizierter Identifikation - scheinen mag. Wenn Mark und Kai es nicht schaffen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, werden sie sich nicht nur permanent über ihren Partner ärgern, sie werden auch permanent gegen die eigenen Bedürfnisse agieren.

Was tun?

Wie lässt sich nun mit Projektionen umgehen? Zunächst ist das Ziel, Projektionen zu identifizieren. Ein wichtiger erster Schritt: die Möglichkeit bedenken, ob man nicht gerade projiziert, wenn man sich wieder über seinen Partner ärgert. Vielleicht handelt es sich ja um eine Verhaltensweise, die man bei sich selbst ablehnt. Als zweiten Schritt sollten die Partner darüber nachdenken, inwieweit sie gegenseitig ihre Verhaltensweisen erst hervorrufen. Beim Beispiel Nähe/Distanz ist das der Fall, wenn Mark immer wieder versucht, Kai näher zu kommen - worauf dieser mit Flucht reagiert. Wenn Mark sich daraufhin noch energischer um seinen Freund bemüht, werden auch dessen Fluchtversuche immer energischer ausfallen. Dies geschieht weitgehend automatisch, kann jedoch bereits dadurch abgeschwächt und häufig sogar beendet werden, indem sich die Partner einer solchen Dynamik bewusst werden.

Du musst meine Erwartungen nicht erfüllen

Leider neigen wir meist dazu, erst die Schuld beim Partner zu suchen. Die Folge davon ist häufig, dass wir einen eigentlich passenden Partner für unpassend halten und uns auf die Suche nach einem neuen begeben. Wenn es jedoch um Erwartungshaltung geht, darfst Du nie vergessen, dass es niemandes Job ist, Deine Erwartungen zu erfüllen. Umgekehrt würdest Du es Dir genauso verbitten, als Projektionsfläche unerfüllter Wünsche Deines Partners herhalten zu müssen. Bevor Du also fragst "Sollte ich vielleicht in einen anderen Partner investieren?", bedenke: "Beim nächsten Partner wird alles anders" bedeutet nicht unbedingt: "Beim nächsten Partner wird alles besser!", denn Deine eigenen Verhaltensweisen nimmst Du in die nächste Beziehung mit.

11. November 2006