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  • 14. Dezember 2006, noch kein Kommentar

Schöne Worte, wahre Liebe und verstörende Gewalt: Eric Jourdans Roman "Schlimme Engel".

Von Christian Scheuß

Wer sich auf den Autoren Jean Genet einlässt, der wird mit einer unglaublichen Schönheit der Sprache belohnt, in der er seine Romane und Gedichte verfasst hat. Nur wenige Autoren verfügen über diese Gabe. Eric Jourdan ist ein weiterer dieser Künstler, die es schaffen, mit den Worten zu spielen und lyrischen Hochgenuss zu Papier zu bringen. Es kann mit dem Französischen zu tun haben, das beide als ihre Muttersprache benutzten. Sie verführt einfach zu einer poetischen Wortwahl.

Eric Jourdan, ein Adoptivsohn von Julien Green, wird das Debütwerk vom Jean Genet gekannt haben. "Notre-Dame-des-Fleurs", Genets autobiographisches Werk über Homosexualität und das Leben in der Unterwelt, erschien in Frankreich im Jahre 1944. Jourdans Roman "Les Mauvais Anges" (deutscher Titel: Schlimme Engel) kam im Jahre 1955 heraus. Da war der Autor gerade mal zarte 17 Jahre alt. Und sorgte gleich für einen handfesten Skandal. Denn das französische Pendant zur "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" untersagte jede Werbemaßnahme oder öffentliche Präsentation des Werkes. Damit war es zwar nicht offiziell verboten, doch ein Werbeverbot kommt dem faktisch schon sehr nahe. Es sollte 30 Jahre dauern, bis der Roman wieder auf den Markt kam.

1955, das ist die Zeit der jungen Rebellen. James Dean hadert in "Jenseits von Eden" mit seinem konservativen Vater. Elvis Presley erotisiert von Memphis aus mit seinem Hüftschwung und schockt die Eltern mit Rock’n’Roll. In Frankreich wird aus dem philosophischen Existentialismus, der die Säkularisierung der Gesellschaft vorantreibt, eine Popkultur der schwarz gekleideten Studenten. Es brodelt also allerorten in der jungen Nachkriegsgeneration. Das Erstaunliche an Jourdans Roman ist: Man merkt von all diesen Zeitströmungen nur sehr wenig. Seine Geschichte über die Liebe der beiden Jungen Pierre und Gérard spielt zwar in der Gegenwart – die beiden fahren mit Motorrollern durch die Gegend, doch das Szenario in landschaftlicher Idylle, das der Autor entwirft, wirkt wie ein Bild aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Wer "Maurice" von E.M. Foster gelesen hat, wird dies besonders spüren.

Die beiden Cousins verbringen einen Sommer lang auf dem Lande und genießen heimlich ihre Liebe, von der sie wissen, dass sie von außen bedroht ist. Die Teenager sind füreinander entflammt in einer Art und Heftigkeit, wie sie der Jugend und der ersten Liebe zu Eigen ist. Ihre Zuneigung ist aber nicht unproblematisch. Die romantischen Schäferstündchen müssen heimlich am See, in der Scheune und zu Zeiten stattfinden, wo die Väter nicht im Hause sind.

Zugleich sind die 17-jährigen von der Intensität ihrer Gefühle erschreckt und überfordert. Ein Wechsel aus Anziehung und Abstoßung bestimmt ihre gemeinsamen Wochen und kratzt an dem Bild der reinen wahren Liebe, die sie für ihre Freundschaft definiert haben. Der unschuldige Genuss der Lust weicht schließlich einem zunehmend grausamen sado-masochistischen Spiel mit Folterungen und Sex. Dem drohenden Ende ihrer Beziehung, das die Väter vorbereiten, entfliehen sie durch Mord und Selbstmord. Eine Variation von Romeo und Julia für "Halbstarke".

Trotz aller Lyrik im Text, die von J.J. Schlegel hervorragend ins Deutsche übertragen wurde, nimmt Eric Jourdan bei den Liebes-, Folter- und Sexszenen kein Blatt vor den Mund. Die Wiederentdeckung des fast vergessenen Romans ist nicht nur wegen der Schönheit der Worte lohnenswert. Die Liebesgeschichte rührt ebenso an wie die Gewalt darin verstört. Das Schicksal von Pierre und Gérard lässt niemanden kalt.

Eric Jourdan: Schlimme Engel, Roman, 192 Seiten, Männerschwarm, 18 Euro

25. Dezember 2006