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  • 17. Dezember 2006, noch kein Kommentar

Gibt es eine schwule Hauptstadt auf diesem Planeten? Aber sicher doch!

Von Roberto La Pietra

Meine Tour startet im Norden der Stadt, an der Fisherman’s Wharf. Die Gegend ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man eine einst runter gekommene Hafen-Gegend in einen attraktiven Touristen-Magnet verwandeln kann. Die Betonung liegt allerdings auf Tourist, somit kann man die Gegend mit ihren vielen Geschäften und Restaurants abgesehen von dem leckeren Seafood relativ schnell abhandeln. Was allerdings lohnt, ist ein Spaziergang über die Pier des Aquatic Park, wo man morgens Chinesen beim Fischen beobachten kann und putzige Seelöwen unter dem Steg durchtauchen und gelegentlich laut schnauben, wenn sie zum Luft holen an die Wasseroberfläche kommen. Der Blick von hier auf die Golden Gate Bridge und Alcatraz ist unbezahlbar.

Mit der Linie F, die abwechselnd von alten Trambahnen aus Mailand und Baltimore befahren wird, geht es in Richtung schwules Mekka Castro Street. Auf dem Weg passiere ich San Franciscos Hauptverkehrsache Market Street mit Kaufhäusern und eilig vorbeilaufenden Geschäftsleuten. Wo die Linie F nach rund 20 Minuten schließlich endet, befindet sich der Anfang der legendären Castro Street. Wohl kaum irgendwo sonst auf der Welt gibt es neben zahlreichen Szene-Läden sogar schwule Souvenir-Shops für Touristen. Genau das macht das Viertel aber auch ein wenig zweischneidig. Denn Castro scheint selbst bei Heteros Kult zu sein.

Nichtsdestotrotz macht es Spaß, an den vielen Cafés – in einem sitzt doch tatsächlich Thomas Herrmanns – vorbei zu schlendern. Die bunten viktorianischen Häuschen sind zudem ein absoluter Wohntraum für jeden, der hier durch die hügeligen Straßen spaziert und man grübelt, wie viel Geld man wohl sparen muss, um hier ein süßes Häuschen zu erwerben. Ich kann mir diese Gegend jedenfalls nur temporär erlauben und springe somit wieder auf die Straßenbahn auf, um der Gegend nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal einen Besuch abzustatten.

Mit Liedern von den Mamas und Papas sowie Songs aus dem Musical HAIR im Ohr, begebe ich mich allerdings zunächst einmal nach Haight Ashbury. Das Viertel stellt für die Hippie-Bewegung nämlich das dar, was Castro für die schwule Revolution war. Vom Geist der Sechziger sind die bunten Shops und Cafés geblieben. Von Hippies sehe ich allerdings weit und breit keine Spur und an einer Haltestelle lassen mich genervte Fahrgäste wegen Überfüllung beinahe nicht in den Bus. Wo bleibt die viel gerühmte Nächstenliebe?

Die kalifornische Gelassenheit entdecke ich schließlich in Sunset, einem ungekünstelten, authentischen Wohnviertel südlich des Golden Gate Parks, das direkt an den Ozean-Strand am Pazifik grenzt. Schon rund ein Dutzend Blocks vor der End-Haltestelle der Trambahn, die sich direkt am Meer befindet, spüre ich, wie sich das Licht verändert und der Ozean näher rückt. An der Endhaltestelle der Linie N befindet sich mit der Java Bar ein relaxtes Café, in dem ich mich mit einem Vanille-Shake für den Strand eindecke. Auf den Sofas sitzen lässige Kalifornier mit Notebook auf dem Schoß. Ich vermute hinter ihnen lauter Home-Office-Worker, die ihre Arbeit von zuhause ins nahe Café verlegt haben, um in Gesellschaft anderer ein wenig an ihren Excel-Tabellen zu werkeln. Am Strand setze ich mich schließlich auf die höchste Düne, schalte meinen MP3-Player ein und lasse den Blick über den Pazifik schweifen. Die Sonne versinkt wie auf einer Postkarte im Meer und hinter mir liegen die Dächer San Franciscos sowie die grüne Lunge der Stadt, der Golden Gate Park.

Erst als es dunkel wird, trete ich die Rückfahrt nach Castro an, um das Viertel auch bei Nacht zu erleben. Kneipen und Cafés gibt's genug. Nicht nur auf der Castro selbst, sondern auch in den angrenzenden Straßen. Glücklicher Weise geht das Nachtleben in den USA ja schon etwas früher los und man muss nicht bis kurz vor Mitternacht warten, um die Gegend unsicher zu machen. Das "Badlands" beispielsweise ist ein eine Bar, mit der man anfangen kann. Hier fühlt sich eigentlich jeder wohl – ebenso wie im "Men’s Room." Etwas für diejenigen, die eher auf Jeans und Leder stehen, ist dagegen "The Edge". Wer nach seiner Tour durch die Kneipen Hunger bekommt, kann sich noch einen Burger im "Coming Home Diner" gönnen. Der Name allein ist ja schon sehr einladend. Wer es figur-bewusster mag, kriegt aber in den vielen Cafés an der Castro Street auch ein leichtes Gericht nach europäischem Geschmack. Schließlich geben sich in Kalifornien nicht nur die Schwulen sehr gesundheitsbewusst: Quiches, Crepes und frische Salate treten jedem Vorurteil entgegen, in Amerika gäbe es nur Burger, Steaks und Fritten. In San Francisco entsprechen sogar Latte Macchiato und Milch-Shake in aller Regel der Kategorie "Organic Food".

Was lerne ich daraus? Kalifornien liegt eben nur geographisch in Amerika…

18. Dezember 2006