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  • 05. Mai 2007, noch kein Kommentar

Eine poetische Gossenstory: Helmut Kraussers neuer Roman "Kartongeschichte"

Von Udo Höppner

Kennen Sie die "Hagen Trinker Trilogie", die Krausser der jungen deutschen Literatur mit "Könige über dem Ozean" (1989), "Fette Welt" (1992) und "Schweine und Elefanten" (1999) vermachte? Sein Personal waren Trinker, Huren, Stricher und Berber, bis zum Hals im Schlamassel steckend - oder mit nur einem Bein darin, durfte es doch auch an schönen, verrückten und schutzbedürftigen Mädchen und dem Erzähler Hagen nicht fehlen. Ebenso unbarmherzig wie romantisch schillern diese Gossenstorys in klarer und poetischer Sprache. Lesen Sie auf jeden Fall das, eine aufregende Ausnahmeerscheinung der deutschen Literatur.

Mit dem Horrorfilm - Psychodrama "Lederfresse" (1992) schrieb Krausser noch dazu eines der packendsten und erfolgreichsten deutschen Kammerspiele über Subkultur im tödlichen Sinne.

Meiden Sie dagegen möglichst einen Theaterbesuch von "Afrika", seinem jüngst am Theater Oberhausen uraufgeführten Stück. Was wie eine realistische Satire auf den modernen Kunstbetrieb daherkommen will, ist endloses Gelaber über eine Szene, die eh keinen interessiert. Selbstdarstellungssüchtige Talente werden durch gescheiterte Künstler vermarktet, die Dialoge sind überfrachtet und nur selten komisch oder gar pointiert. Regisseurin und Ensemble fällt dazu nur hilfloses Chargieren und Gezappel ein, so dass die Aufführung noch weit hinter dem dünnen Stück zurückbleibt. Sorry, doch auch für mich war dieser Uraufführungsabend unerfreulich, enttäuschend, traurig.

Nun aber endlich zum Gegenstand der Besprechung: Die "Kartongeschichte" ist sowohl als Road-Movie, als auch als kaputte Liebesgeschichte mit Genuss lesbar, knapp und schnörkellos erzählt und voller tragischer Komik. Die Figuren sind wieder Außenseiter unserer Gesellschaft, weniger sozial betrachtet, sondern psychologisch. Will sagen: So recht hat keiner von denen alle Tassen im Schrank. Eri, 22, putzt im Pornokino, lebt aber vor allem von der Rente ihres längs verstorbenen Vaters. Es entspinnt sich eine lesbische Romanze mit Liz, die in der Fußgängerzone als "Silberfräulein" zu glänzen pflegt. Liz meint, Eri müsse in ihrem Leben mal so richtig aufräumen. Angefangen mit der mumifizierten Leiche ihres Vaters im Nebenraum, der schließlich im titelspendenden Karton landet, um am Meer begraben zu werden. Dafür müssen natürlich auch echte Kerle mit ordentlich Muskelkraft und VW-Bus an den Start. Ein androgyner süchtiger Stricher, Angelo (!) und das schwule, schwarze und musikalische Mannsbild Jonas sind mit von der Partie. Das ist verquer, verrückt, homosexuell und scheitert natürlich - weil die Welt und das Personal um jene Hauptfiguren auch nicht sauberer ticken und weil diese "Fette Welt" einfach aus den Fugen ist.

Wer das auch so sieht und seinen Spaß an sympathischen Verlierern hat, die auch im grandiosen Scheitern ihre Würde nicht verlieren, wird Kraussers Kartongeschichte lieben. Und für diejenigen, die endlose Landschaftsbeschreibungen und biografische Abhandlungen über literarische Figuren a là Lenz oder Grass nie wirklich mochten, ist Krausser eine Offenbarung: Seine sehr kurze, doch scharfe und präzise Einführung seiner Haupfigur Eri, beschließt er mit den lakonischen Worten: ... , "das alles ließe sich liebevoller erzählen". Immer wieder schaltet sich der Autor auf diese Weise ein und gibt uns ironische Einblicke in sein Handwerk. Aber ich muss ihm widersprechen: Ich kenne keinen deutschen Autor, der sich liebevoller und mit weniger Eitelkeit menschlichen Abgründen und den Verlierern unserer Win-Win-Gesellschaft widmet.

Lieber Helmut, beantworte mir doch bitte folgende Frage: Hast Du diese Geschichte tief aus 'ner Schublade geholt und an diesen merkwürdigen Verlag "marebibliothek" verscheuert - oder bist Du einfach immer noch für diese kleinen, dreckigen Geschichten gut? Jedenfalls hast Du mich mit der Kartongeschichte eindruckvoll daran erinnert, dass Du zu meinen deutschsprachigen Lieblingsautoren gehörst!

Helmut Krausser: Kartongeschichte, Roman, 139 Seiten, Marebuchverlag, 18 €

5. Mai 2007