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US-Autor Kirk Read über seinen Teenager-Roman "Er hat’s raus", der jetzt auch auf Deutsch vorliegt.

Von Carsten Weidemann

Dein Buch ist keine gewöhnliche Coming-out-Story. Du spielst mit Vorurteilen und erzählst eine Menge unorthodoxe und witzige Geschichten. Da "Er hat’s raus" autobiografisch ist: Wie bist du so ein selbstbewusster Individualist geworden?

Meine Eltern und meine Familie haben mich tief beeinflusst. Meine Mutter ist eine starke und unabhängige Frau, die mich stets ermutigt hat, kreativ und energisch zu sein. Mein Vater starb als ich 18 war. Er war Colonel bei der Army und außerdem sehr religiös, hatte aber gleichzeitig eine menschliche und liebevolle Art. Jeden Tag entdecke ich an mir neue Züge, die ich von meinen Eltern habe. Ich bin in einer großen verrückten Familie in den Südstaaten aufgewachsen, die mir endlos viel Material zum Schreiben lieferte. Man kann seine Familie entweder als Fluch oder als Geschenk betrachten. Der kreative Prozess besteht darin, sich die Kindheitserfahrungen zu Nutze zu machen und aus ihnen Kraft zu schöpfen.

Du erzählst die Geschichte von Jesse, einem tollen Michael Jackson-Imitator an deiner Schule und berichtest gleichzeitig über die Reaktionen der anderen Schüler auf einen Schwulen. Warum ist es dir wichtig, die brutalen Seiten des Schwulseins nicht zu verschweigen?

Jesse Fowler war ein Schwuler und drei Jahre älter als ich. Ich habe mitbekommen, wie er in der Schule für seine lebhafte und offen schwule Persönlichkeit schrecklich behandelt wurde. Sein Mut hat mich regelrecht inspiriert. Oft ist die Schule ein Ort des Terrors für homosexuelle Kids. Die Einzigartigkeit einer individuellen Persönlichkeit wird geradezu rausgeprügelt. Man kann nicht ernsthaft darüber reden, wie es ist als Schwuler aufzuwachsen, ohne auch über Brutalität zu reden. Nur wenn man es schafft, das zu überwinden und trotzdem man selbst zu bleiben, beginnt der fantastische Teil des Lebens.

Ab welchem Punkt rätst du zur Gegenwehr oder sogar körperlicher Gewalt, wie du es in der Geschichte "Bootcamp” beschreibst?

Ich bin fasziniert von der Idee, dass schwule Kids zurückschlagen wenn sie drangsaliert oder misshandelt werden. In meiner Kindheit habe ich manchmal die Erfahrung gemacht, dass ich gekämpft und gewonnen habe. Die Geschichten von schwulen Jungs, die immer nur die Opfer sind, langweilen mich. Wir brauchen mehr Bilder von homosexuellen jungen Leuten, die den Menschen den Mist aus ihren Köpfen rausprügeln! Schluss mit verdrießlichen, depressiven Vorbildern! Wenn wir der Jugend wirklich etwas Sinnvolles mitgeben wollen, dann wie man ordentlich zuschlägt. Mein Vater hat mir beigebracht zu boxen als ich drei Jahre alt war und das half mir die Schulzeit zu überstehen. Ich bin in einer Militär-Familie aufgewachsen. Wenn du mich schlägst, schlag ich zurück!

Wie hat deine Familie auf dein Buch reagiert?

Mein erster Herausgeber hat meiner Familie Exemplare des Buches zum Signieren geschickt. Einige wollten danach nicht mehr mit mir reden. Fünf Familienmitglieder wollten nichts mehr mit mir zu tun haben, da sie nicht mochten, wie ich sie in meinem Buch dargestellt hatte. Wenn man Schriftsteller ist, kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich von der Idee verabschieden muss, dass deine Familie alles lieben wird, was du tust. Aber einige von ihnen haben mich auch unterstützt. Wenn ich auf Tour bin, kommen sie, um mich zu sehen. Heutzutage erzähle ich Geschichten, die man eigentlich nicht vor der Familie vorträgt, da es um Sex und Drogen geht. Irgendwann wird eine meiner Nichten bei einer Show auftauchen und ich werde denken: "Oh mein Gott. Diesem Mädchen habe ich das Laufen beigebracht und nun weiß sie alles über mein Sexleben." Aber man kann Menschen nicht vorm Leben beschützen.

Warum reden Schwule so gern über Sex?

Schwule lieben es, ständig über Sex zu reden, weil Sex für viele von uns eine Möglichkeit für Entdeckungen und Veränderungen ist. Wir haben Zugang zu anderen gesellschaftlichen Welten einfach nur, weil wir Fremde so leicht küssen können. Das ist ein riesiges Geschenk, es hat Tradition und man sollte es am Leben halten. So sehr ich mir auch die gleichen Rechte für die Homo-Ehe wünsche, will ich nicht, dass die Schwulen mit Monogamie, Kinder und Kirche in die gleichen Fallen tappen wie die Heteros. Wir sollten uns unsere gefährlichen Eigenschaften bewahren!

Sind deine Geschichten über die Beziehung, die du als 14-Jähriger zu einem älteren Mann hattest, eine Art Geständnis?

Es herrscht eine regelrechte Paranoia über den Sex von Jugendlichen. Ich hatte sehr positive sexuelle Erfahrungen als Teenager. Meine Beziehungen zu älteren Männern halfen mir, mich zum Erwachsenen zu entwickeln. Besonders in Amerika ist die Vorstellung, dass ein älterer Mann und ein Teenager Sex haben, so erschreckend wie der Antichrist persönlich. Es ist geradezu radikal zu sagen, dass man durch diese Beziehung nicht geschädigt wurde. Als Ketzerei wird die Behauptung angesehen, dass sie heilend wirken könnte. Als ich 10 und 12 war, hatte ich Sex mit Jungs in meinem Alter. Es war miserabel! In der Pubertät wollte ich einen erfahrenen Mann, der mir zeigte, wie es geht. Ich denke, wenn die Verständigung stimmt und alles auf beiderseitigem Einverständnis beruht, sollte jeder tun können, was er will.

Kirk Read: Er hat’s raus, Roman, Bruno Gmünder Verlag, 256 Seiten, 14,95€

14. September 2007



19 Kommentare

#1 ThommenAnonym
  • 14.09.2007, 09:08h
  • Die Theorie wäre so schön! Aber

    1. Sind es meistens 1 homosexuelles Kid und mehrere heterosexuelle Kids.. und
    2. Können Vorurteile nicht mit Fäusten abgebaut werden - das wissen wir doch alle! Sie verstärken diese nur! (Siehe bei den Rechtsradikalen und den Antifa's!)
    3. Können nur Kids, die schon sehr "heterosexuell sozialisiert" worden sind, diesen Spagat allenfalls machen!
    4. Womit ich Sex haben möchte, das kann ich nicht prügeln. Denn ein gutes Körpergefühl beim Sex baut Aggressionen ab!
    5. Stellt sich die Frage: Warum prügeln soviele Heteros ihre Frauen, die sie angeblich lieben und mit denen sie Sex haben wollen....?
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#2 SvenAnonym
  • 14.09.2007, 12:34h
  • Sehr guter Kommentar @1
    Kann ich nur zustimmen.
    Man muss sich zwar verteidigen können, notfalls auch mit Gewalt, aber Gewalt ist keine Lösung!

    Zu Deiner Frage mit den ehefrauenprügelnden Heteros:
    Viele bauen ihre Aggressionen eben nicht friedlich ab. Zudem fühlen sie sich sehr schwach und wollen sich selbst und der Frau so zeigen, dass sie doch stark sind.
    Es gibt auch Männer, die ihre Frauen schlagen, weil sie sauer auf ihre Frauen sind, dass diese sich das gefallen lassen. Klingt ziemlich dämlich, aber diese Männer würden gern mal schwach sein dürfen und wollen jemand starkes, der sie beschützt! Sie haben immer Angst, das stärker ihnen nur böses wollen.
    Das sieht man bei unendlich vielen Schlägern, die glauben nicht, dass ein stärkerer seine Überlegenheit nicht ausnutzen wird.
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#3 maciicxProfil
  • 14.09.2007, 15:22hpnkw
  • "1. Sind es meistens 1 homosexuelles Kid und mehrere heterosexuelle Kids.."
    jo, ist wohl so. zumal hässliche gruppendynamische geschichten wohl dafür sorgen werden, dass man nicht allzuviel beistand bekommt.

    "2. Können Vorurteile nicht mit Fäusten abgebaut werden - das wissen wir doch alle! Sie verstärken diese nur!"

    naja, a) das vorurteil, schwule würden nicht zurückschlagen, wäre ja schon mal widerlegt. b) geht es nicht allein darum, vorurteile auszuprügeln, sondern sich in einer gewalttätigen situation zu wehren, und darüberhinaus nicht um jugendliche schwule, die vourteile rausprügeln sondern um bilder von jugendlichen schwulen, die vorurteile rausrpügeln. was der wahrnehmung schwuler als leichte opfer entgegenwirken würde. und c) gab's da ja mal stonewall...

    "3. Können nur Kids, die schon sehr "heterosexuell sozialisiert" worden sind, diesen Spagat allenfalls machen!"

    hmm, mir scheint du bist selbst dem vorurteil aus 2a) erlegen...
    im übrigen haben in unserer gesellschaft kids quasi als default-wert eine heterosexuelle sozialisation. (darin liegt ja auch das problem...)

    "4. Womit ich Sex haben möchte, das kann ich nicht prügeln. Denn ein gutes Körpergefühl beim Sex baut Aggressionen ab!"

    du hast irgendwie was falsch verstanden. geht nicht um potentielle bettgefährten sondern um feinde. außerdem schließt sex haben wollen nicht guten sex haben mit ein...
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#4 mvsAnonym
#5 andreasAnonym
  • 14.09.2007, 18:08h
  • Also ich bin hetro und ich kann nur meinen schwulen Steuerberater zitieren: "Lass Dich nicht verarschen und vor allem nicht schlagen. Egal was und wen du fickst. Und Sex unter 16jährigen finde ich eklig und Gummis sind wichtig." Ich kann dem nur zustimmen. Es kommt immer auf die Person an. Also an alle Homos, wenn ich das mal sagen darf: "ich finde diese drei Grundsätze sehr gut und alles andere macht nach Eurem Gusto. Man muss kein Mauerblümchen sein, um sich dauernd schubsen oder schlagen zu lassen. Wehrt Euch.
    Ich denke, dass die homosexuellen natürlicher leben, als die heteros. Die Tierwelt lebt zu 80% homosexuell und trifft sich nur in der Paarungszeit zur Bestandserhaltung. Ich könnte halt nicht mit einem Typen ficken und ihn total lieben. geht halt nicht. Aber das macht ja nichts oder?
    Also habt weiter Spass und lasst euch nicht unterdrücken..
    Mit einer höflichen Verbeugung,
    Andreas
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#6 redforceAnonym
  • 14.09.2007, 18:27h
  • Super!!!

    Viele Schwule sind durch Erziehung, Umfeld usw in eine Opferrolle hineingedrängt worden, aus der man sehr schwer wieder herauskommt. (Weiß ich aus eigener Erfahrung.) Dazu Mut zu machen finde ich super.

    Und von denjenigen, die keine Opfer sind, kann ich nur hoffen, dass sie soviel Selbstbewusstsein haben, nicht als Täter auftreten zu müssen. (Möcht nicht wissen wieviele von denen die Schwulen zusammenschlagen selber gern mit nem Burschen was hätten)
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#7 furzAnonym
#8 KaysiAnonym
  • 16.09.2007, 11:36h
  • Also ich finde es hoch interesannt was er geschrieben bzw. gesagt hat allerdings denke ich das es vollkomener schwachsinn ist. Man muss nicht alles über sich ergehen lassen aber immer wenn man faster zurückschlägt schlägt der andere auch zurück
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#9 stromboliProfil
  • 04.12.2007, 13:28hberlin
  • ich finde den versuch der reflektion über gewalt auch im umkehrungssinne , nähmlich die von uns aus gehen kann ,als wichtigen beitrag zur selbstfindung!

    Sich gegen die angewendete gewalt nicht zu wehren, bedeutet den gewalttätigen den raum zu überlassen. Gewalttätigkeit setzt die erwartung der durchsetzungsfähigkeit eben dieser voraus: schlag ich als erster zu, schlägt der andere sicher nicht zurück....
    Die koinfliktunterdrückungsstrategie geht von dem ausweichen , vermeidendem aus ; berücksichtigt aber nicht die zwanghaftigkeit der täter und deren ursachen.:
    In der regel handelt es sich um ebenfalls sozial ausgegrenzte , sprachlich reduzierte und sozial inaktive. Ihre sprachlosigkeit sich ihrem umfeld darzustellen und die unterschiedlichkeiten als eine gegebenheit zu akzeptieren lässt ihren "körper " als einzig verständliches instrument der komunikation zu !
    Insoweit verstehen sie auch nicht das "intelligente" abtauchen in wort und deeskalation. Im gegenteil , es steigert die wut nicht "verstanden zu werden ".

    An diesem punkt angekommen hilft nur noch die klare trennungslinie , die auch den körperlichen einsatz fordert!
    Ich zitire mal @dragonwarrior aus einem anderen beitrag:
    homophobie in schulen (übrigens, auch die ist ein zeichen von schwäche: homophobie ist nichts weiter als die aus angst vor dem anderssein des homosexuellen gegenübers erzeugte entstehende abneigung.)
    so arbeite ich auch mit den jungs, wenn ich in schulen unterrichte: ich leg die wurzel dieser reaktion offen, wenn sie mir begegnet... und das durchaus im offenen konflikt mit dem schüler, den es betrifft...
    "schwule sau"... die jungs fangen damit schon in der grundschule an... (und ich muss sascha, der oft zu diesem thema postet, recht geben, dass da noch viel getan werden muss) ohne zu wissen, was das wort bedeutet... irgendwann wird es aber zur formel für "schlecht, blöd, dreckig und eben homosexuell"
    und da geh ich heftig gegen an, wenn ein schüler einen anderen so angeht. ich hatte die situation neulich: meine reaktion war folgende: "hab ich hier eben "schwule sau" gehört?" ich schau ihn direkt an... er lügt "ich hab's nicht gesagt..." ich schau meinen kollegen an, der die unterrichtseinheit zum thema HIV mitgestaltet hat, der nickt... "mein kollege hat's auch gehört... (pause) du kannst von glück sagen, dass das hier ein pädagogischer kontext ist und ich an und für sich gute laune habe... wär dir das in der u-bahn passiert und ich hätte einen schlechten tag hättest du ein fettes problem."
    Hier ist jeder satz zu unterstreichen!
    Es bedarf, und das will auch erst mal gelernt sein von uns , einer klaren position auch unter einbeziehung körperlichen einsatzes.
    Interessanterweise einer der phänomene im tuntenstreit:
    Tunten sind der schwulen sache schädlich , weil sie die vorurteile der restbevölkerung über uns nur im negativen sinne bestätigen...
    Das es eben diese sind , die täglich mit verve und mut ,ihre identität NICHT westerwellisiert haben , dem schwiegersohnidelal sich verweigern, wird dabei übersehen.
    Stonewall ohne die tunten hätte es so nicht gegeben !
    Eben diese "aggressivität" gegen den heteroentwurf der männlichkeit sollten wir respekt abgewinnen . Mehr noch , wir könnten , im spielerischen umgang mit den geschlechterdefinitionen, die lächerlichkeit der heteromännlichkeiten aufdecken.... inklusive handkreiflichkeiten.
    Zumindest haben wir das in den 70-80zigern schon mal mit erfolg durchexerziert.

    Aber wo finden wir dann den heteronormativen traumprinzen .........lach
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#10 GuckerAnonym
  • 13.01.2008, 09:33h
  • Wer denkt, ein Roman - und das ist dieses Buch wohl - muss mit der Realität ident sein, irrt.

    Ob sich der Autor tatsächlich mit Faustschlägen die Anerkennung als Schwuler "erobert" hat, darf bezweifelt werden. Es sei denn, er wäre auch als Hetero zur Gewalttätigkeit bereit.

    Insofern bestünde kein Unterschied hinsichtlich der sexuellen Neigung zu anderen Schlägertypen.

    Allerdings gibt es auch Kampfsportarten, in denen
    Schwule den Körperkontakt genießen - aber dann ist es ja "Sport" *g*.

    Gewalt löst niemals Probleme, sie schafft bloß welche.
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